Das erste Jahrtausend als Wegweiser zur Einheit

Der Konsens der katholisch-orthodoxen Theologenkommission zu Synodalität und Primat war ein Erfolg, aber die Stolpersteine kommen noch. Von Guido Horst

Das Pontifikat von Papst Franziskus ist ein Motor für die Ökumene. Die Aufnahme zeigt ihn mit Bartholomaios I. und Erzbischof Hieronymus II. von Athen. Foto: dpa
Das Pontifikat von Papst Franziskus ist ein Motor für die Ökumene. Die Aufnahme zeigt ihn mit Bartholomaios I. und Erzbi... Foto: dpa

Rom (DT) Bei vielen ökumenischen Konsenspapieren ist nicht nur der Inhalt bedeutsam, sondern die Tatsache, dass sie überhaupt zustande gekommen sind. Das gilt auch für das Dokument „Synodalität und Primat im ersten Jahrtausend. Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis im Dienst an der Einheit der Kirche“, das die katholisch-orthodoxe Dialogkommission bei ihrer jüngsten Zusammenkunft in Francavilla al Mare in der mittelitalienischen Erzdiözese Chieti-Vasto vor einer Woche verabschiedet hat. Es war die vierzehnte Vollversammlung der Kommission, die sich aus der katholischen Delegation unter Leitung des Präsidenten des vatikanischen Einheitsrats, Kardinal Kurt Koch, und der orthodoxen Seite zusammensetzt, die aus je zwei Vertretern der insgesamt sieben autokephalen orthodoxen Kirchen besteht.

Kardinal Koch wertete das Dokument als wichtigen Schritt im Dialog der katholischen Kirche mit der Orthodoxie, erstmals seit zehn Jahren sei es wieder möglich gewesen, einen gemeinsamen Text zu formulieren. Dies sei ein Zeichen dafür, dass beide Seiten wollten, dass der Dialog weitergehe. Zugleich nehme die Mehrheit der Orthodoxen damit Stellung gegen die ökumenefeindlichen Stimmen in einzelnen Kirchen. Die Kommission, so Koch, habe an der Überzeugung der alten Kirche festgehalten, dass es auf allen kirchlichen Ebenen – lokal, regional und universal – einen „Protos“, einen „Ersten“ geben müsse, der allerdings nicht allein entscheiden könne, sondern rückgebunden sei an die jeweiligen Synoden.

Der Weg bis zu den Unterschriften unter dem Text war tatsächlich lang. Erst im dritten Anlauf ist es jetzt gelungen, sich auf ein Konsenspapier zu einigen – auch wenn die georgisch-orthodoxe Delegation den Text nicht unterzeichnet und in einer eigenen Stellungnahme ihre abweichende Meinung zu einzelnen Abschnitten des Dokuments zum Ausdruck gebracht hat. Im Jahr 2000 war der katholisch-orthodoxe Dialog praktisch zum Erliegen gekommen – wegen der leidigen Unierten-Frage. Als man sich dann 2006 in Belgrad wieder zusammensetzte, damals noch unter der Leitung von Kardinal Walter Kasper und Metropolit Ioannis Zizioulas von Pergamon, hatte man das Thema der Dialog-Treffen neu formuliert: „Ekklesiologische und kanonische Konsequenzen der sakramentalen Natur der Kirche: Konziliarität und Autorität“. Das Ergebnis war dann ein Dokument, das – wie das jetzt verabschiedete – eine historische Perspektive wählte. Dieses Ravenna-Dokument genannte Papier aus dem Jahr 2007 wurde allerdings aus protokollarischen Gründen vom Moskauer Patriarchat verworfen.

Seither hat sich die Kommission – die übrigens den vollständigen Namen „Gemeinsame internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch-katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche“ trägt – auf das Verhältnis von Synodalität und Primat im ersten Jahrtausend konzentriert. Es folgte zunächst ein Textentwurf, der eine eher theologisch-systematische Annäherung an das Thema wählte, der aber ebenfalls keinen Konsens fand. Der Durchbruch erfolgte dann im jordanischen Amman, wo man sich 2014 auf einen Basisentwurf einigte, dem dann ein Koordinationskomitee 2015 im Vatikan einmütig zustimmte, nachdem dieses Komitee unter dem Vorsitz von Kardinal Koch und inzwischen Alt-Metropolit Zizioulas einige Verbesserungen vorgenommen hatte, die auf orthodoxer Seite die Zustimmung sowohl von Konstantinopel als auch von Moskau fanden.

Das Thema des Dokuments ist nicht zuletzt deswegen interessant, weil es auch Gegenstand der kommenden Bischofssynode in Rom sein könnte. Bei der jüngsten Synode im Oktober vergangenen Jahres waren Synodalität und Primat das Hauptthema bei der Feier zum fünfzigjährigen Bestehen der römischen Bischofssynode, Papst Franziskus und Kardinal Christoph Schönborn hielten dazu ihre Festansprachen. Jetzt schon kann man Parallelen zwischen der Ansprache des Papstes vom Oktober 2015 und dem Dokument von Chieti feststellen, in dem es einleitend heißt: „Synodalität ist eine grundlegende Qualität der Kirche als ganzer.“ Dazu in direkter Beziehung steht der Primat, die Rolle des Ersten in der Kirche, und zwar auf lokaler, regionaler und universaler Ebene. Im jetzt verabschiedeten katholisch-orthodoxen Konsenspapier liest man dazu: „Die christliche Tradition zeigt klar, dass innerhalb des synodalen Lebens der Kirche auf verschiedenen Ebenen jeweils ein Bischof als der ,Erste‘ anerkannt wurde. Jesus Christus verbindet diese Rolle als ,der Erste? mit dem Dienst (diakonia): ,Wenn jemand der Erste sein will, soll er von allen der Letzte sein und der Diener aller‘ (Mk 9, 35).“ So ähnlich hatte es Franziskus in seiner Ansprache zum Synoden-Jubiläum formuliert.

Was sagt nun das Konsenspapier von Chieti zum Primat auf universaler Ebene, mit anderen Worten zum Bischof von Rom als dem Papst – in der Praxis eines der größten Hindernisse für eine katholisch-orthodoxe Kircheneinheit? Da die gemischte Kommission einen historischen Zugang zu dem Thema gewählt hatte, verweist das Dokument auf die Konzilien des ersten Jahrtausends, die zwei Formen der Sonderstellung des Bischofs von Rom formuliert hatten: die der Mitwirkung des Papstes bei den Konzilien und die des Rechts, beim Papst Appellation einzulegen – auch vom Osten aus. „Obwohl der Bischof von Rom bei all diesen Konzilien nicht persönlich anwesend war, war er in jedem Fall entweder vertreten durch seine Abgesandten oder er stimmte den Konzilsentscheidungen im Nachhinein zu“, heißt es in dem Dokument. So habe das Siebte Ökumenische Konzil von Nizäa 787 die Kriterien für die Rezeption eines ökumenischen Konzils beschrieben: „die Zustimmung (symphonia) der Oberhäupter der Kirche, die Mitwirkung (synergia) des Bischofs von Rom und die Zustimmung der übrigen Patriarchen“.

Schon die Synode von Sardica 343 habe Regeln für den Fall aufgestellt, dass ein abgesetzter Bischof an den Bischof von Rom appelliert. Diese seien vom Konzil in Trullo 692 rezipiert worden. „Appellationen an den Bischof von Rom aus dem Osten brachten die Communio der Kirche zum Ausdruck“, heißt es in dem Dokument, „doch der Bischof von Rom übte keine kanonische Autorität über die Kirchen des Ostens aus.“ Wird es in Zukunft nur bei einem solchen Ehrenprimat des Papstes bleiben? Das ist heute noch offen.

Die Bedeutung des Dokuments über Synodalität und Primat liegt darin, dass ein von Katholiken und Orthodoxen besetztes Theologengremium nach Jahren wieder ein gemeinsames Papier vorlegen konnte. Es legt den Grundstein für die weitere Ökumene – unter Rückgriff auf das, was die lateinische und die östliche Kirche im ersten Jahrtausend verbunden hat. „Dieses gemeinsame Erbe theologischer Prinzipien, kanonischer Regelungen und liturgischer Gebräuche aus dem ersten Jahrtausend“, formuliert das Papier zum Abschluss, „stellt einen notwendigen Bezugspunkt und eine kraftvolle Quelle der Inspiration sowohl für Katholiken als auch für Orthodoxe dar, wenn sie nun zu Beginn des dritten Jahrtausends versuchen, die Wunde ihrer Trennung zu heilen.“

Sollte bei den weiteren katholisch-orthodoxen Dialogen nun das zweite Jahrtausend in den Blick genommen werden, durchaus wieder unter dem Stichwort Synodalität und Primat, ginge es dann auch um die Unierten-Frage, das heißt um das erst nach der formellen Trennung von 1054 entstandene Phänomen der „Unionen“ von Teilen der orthodoxen Kirche mit Rom. Metropolit Hilarion Alfejew vom Außenamt des Moskauer Patriarchats, in Chieti einer der beiden Delegierten der russisch-orthodoxen Kirche, hat unmittelbar nach dem Treffen vor einer Woche – in einer eher kirchenpolitischen als theologischen Sichtweise – den Finger in diese Wunde gelegt und die ukrainische griechisch-katholische Kirche, den klassischen Fall des „Uniatentums“, scharf kritisiert. Die Einigung von Chieti war ein schöner Erfolg. Aber die richtigen Stolpersteine, die kommen noch. Und dass katholische Ukrainer und orthodoxe Russen in absehbarer Zeit nicht unter einen Hut kommen, dafür sorgt allein schon der politische und zurzeit sogar noch kriegerische Konflikt zwischen beiden Ländern.