„Das depressive Gerede von Kirche satt“

Niemand will beim Untergang der Titanic dabei sein – Anmerkungen zum Kongress „Freude am Glauben“ in Fulda Von Regina Einig und Jürgen Liminski

Fulda (DT) „Die Verfolgung ist dem Christentum eingestiftet“ – ein Wort mitten aus dem Leben. Joachim Kardinal Meisner sagt es mit fester Stimme, die gut 1 500 Teilnehmer des Kongresses „Freude am Glauben“ hören atemlos zu. Das ist Wahrheit pur. Gerade in diesem Jahr hat die Kirche, auch in Deutschland, die Wirklichkeit dieses Wortes erfahren. „Es ist kein Phänomen von gestern.“ Ihr Grundmerkmal ist: Die Kirche „hat nicht den Menschen und der Welt nach dem Mund zu reden, sondern sie hat Gott nach dem Mund zu reden. Die Kirche ist in der Welt, aber nicht von der Welt und das kann ihr die Welt oft nicht verzeihen.“

Natürlich gebe es auch Grund zur Anklage, „wenn wir nur an die fürchterlichen Missbräuche denken, die wir Anfang dieses Jahres zur Kenntnis nehmen mussten. Wenn wir in den letzten Wochen und Monaten mit Verachtung, Spott, Hohn und Anklage überschüttet worden sind, hat das wohl nur wenig mit dem Verfolgungscharakter der Kirche zu tun, sondern das trifft uns zu Recht. Der Heilige Vater hat ausdrücklich gesagt: Die größten Bedrohungen der Kirche kommen von innen heraus und nicht von außen. Aber das ,von außen‘ bleibt auch, weil das Evangelium sich oft querlegt zu den Botschaften dieser Welt.“

Der Kölner Kardinal dekliniert die Formen der modernen Verfolgung heute und weicht dabei nicht selten von seinem Redemanuskript ab. Es bewegt ihn, es treibt ihn um, ja es schmerzt ihn zu sehen, wie diese Welt mit Christus und seiner Kirche umgeht. Das Christentum sei „heute die am stärksten verfolgte und bedrängte Religion. 80 Prozent der Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Weltweit werden etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern wegen ihres Glaubens nicht nur diskriminiert, sondern sogar mit Verfolgung und Todesstrafe bedroht.“

Die nackten Zahlen verbergen viel Leid. Schwester Hatune aus Syrien berichtete in einem Workshop über konkrete Beispiele der Verfolgung der Christen in islamischen Ländern, Beispiele, über die in den großen Medien kaum berichtet wird, obwohl sie die Christen jeden Tag treffen. Vor allem junge Frauen und Mädchen leben im Irak oder auch in Indien in ständiger Gefahr, entführt, vergewaltigt und verstümmelt zu werden – und oft geschieht es auch. Schwester Hatune kümmert sich um sie. Gegenüber diesem Leid um Christi Namen willen verblassen die üble Nachrede, das Mobbing und der verächtliche Blick auf Christen in den lauen Lebenslagen Europas. Es ist die Einheit weltweit, die Gemeinschaft der Heiligen, die das Leid zu ertragen hilft.

In Fulda war diese Einheit zu spüren – weil die Wahrheit ausgesprochen wird. Bischof Heinz-Josef Algermissen verweist im Pontifikalamt zur Eröffnung des Kongresses im vollbesetzten Fuldaer Dom auf die Bedeutung der Gemeinschaft mit dem Nachfolger des heiligen Petrus: Sie sei „die eigentliche Stärke, garantiert die Einheit, bewahrt vor verderblichem Subjektivismus, profilloser Gleichgültigkeit und der Gefahr einer ,Zeitgeist-Kirche‘“. Unter Bezugnahme auf die enge Rombindung des heiligen Bonifatius im achten Jahrhundert und die Ermutigung der deutschen Katholiken durch den Besuch Johannes Pauls II. in Fulda 1980 stellt der Ortsbischof heraus, dass es wichtig sei, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen und sich nicht auf die „hausgemachten Probleme“ zu fixieren, wie dies in Deutschland immer wieder geschehe. Den Teilnehmern des diesjährigen Kongresses „Freude am Glauben“ dankt er für ihre Treue. Noch nie in den letzten Jahrzehnten seien überzeugte und fundierte katholische Christen so wichtig gewesen wie in den letzten Monaten. „Nur wirklich tief Überzeugte können andere überzeugen, können verlorenes Terrain und Vertrauen zurückgewinnen.“

Mosebach: Die Kirche selbst ist ein Missbrauchsopfer

Die Kirche, so Bischof Algermissen, sei geschwächt durch sexuelle Missbrauchsfälle und nicht selten von den Medien vorgeführt und diskreditiert, in Gefahr, sich in eine Nische zurückdrängen zu lassen, wie es manche Politiker seit längerem forderten, weil sie ihre warnende und mahnende Stimme als lästig erfahren. Der Fuldaer Oberhirte zitiert den Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, der die Kirche selbst als ein „Missbrauchsopfer“ bezeichnet hatte, weil einzelne Priester ihr Gelübde gebrochen und die Kirche verraten hätten. Dieser Verrat sei sehr bedrückend und führe bei vielen Priestern, die ihren Dienst authentisch und überzeugend tun, ebenso wie in den Gemeinden zu „lähmender Resignation“. Verstärkt werde dies noch durch einen „rapide wachsenden Verlust an Glauben und Transzendenz sowie durch die Not der Glaubensweitergabe an die jüngere Generation“, zeigt sich Algermissen überzeugt.

Im Kongresszentrum Esperanto verliest Algermissen eine Grußbotschaft des Papstes. Das von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unterzeichnete Schreiben hebt hervor, der Ruf Jesu zur Umkehr sei eine unbequeme Wahrheit, denn alle seien Sünder und hätten es nötig, dies zu erkennen und zu bereuen. „Zugleich erfahren wir in Christus die reinigende und erneuernde Kraft der Wahrheit“, heißt es in dem Schreiben. Gott gebe Vergebung – das sei die Grundlage unserer Erlösung. Diese Wahrheit sei der Kirche anvertraut, damit die Menschen zum wahren Leben und zur echten Gemeinschaft finden.

In einem sprachlich brillanten Vortrag erinnert der Frankfurter Philosoph Jörg Splett an die Menschenkenntnis der Kirche. Diese wisse um die Freiheit wie die Schwäche des Menschen und habe ihn darum jahrhundertelang die Demut gelehrt, sich vor der „Gelegenheit zur Sünde“ zu hüten, weil Hochmut vor dem Fall komme. Sie habe ihn andererseits davor gewarnt, sich so auf die eigene Schwäche hinauszureden, dass von Freiheit, also auch von Umkehr, Reue, Buße und Neubeginn nicht mehr die Rede sein könne. Ausdrücklich erinnert Splett in diesem Zusammenhang an das „Ostergeschenk ihres Herrn, das Beichtsakrament“. Natürlich stehe auch die Kirche in dieser Welt und Zeit. „Täuscht darum mein Eindruck, dass im heute vorherrschenden Verständnis von Ehe, Priestertum und Ordensleben, das freie Selbstsein zu wenig Aufmerksamkeit findet?“, fragt der Philosoph. Mit Verweis auf das Gebet des heiligen Augustinus „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst“ stellt Splett unter Applaus fest: „Das widerspricht natürlich dem Zeitgeist, der vor allem Selbstbestimmung will. Ob nun in Gestalt von Leistung oder von Sich-Gehen-lassen. Also weckt es Aggressionen, Widerspruch. Und mit Häme stürzt man sich auf entdeckte Unmenschlichkeiten, um so unter Einsatz sträflicher Verallgemeinerungen und Pauschalverdächte die lästige Mahnerin mundtot zu machen.“ Der Kirche könnte es jedoch helfen, von neuem ihre Hauptaufgabe zu erkennen: nicht Moral zu predigen; sondern den Gott und Vater Jesu Christi.

Auch der Publizist Andreas Püttmann hebt den Wert des christlichen Widerstehens im Glauben bis hin zum Opfer des Lebens hervor: Dies sei nicht nur eine der edelsten Formen der Gottergebenheit aus Liebe und Gehorsam, sondern stelle auch eine Form des Dienstes am Nächsten und am Gemeinwohl dar, weil es den Blick der Mitmenschen auf die letzte Wahrheit und eine letzte Realität lenke. Bedrängnis, so Püttmann, sei biblisch-historisch nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall christlicher Existenz zu betrachten. Eine Kirche, an der man sich nicht mehr reibt, die in der säkularen Öffentlichkeit nicht mehr anstößig wirkt, muss sich fragen, was sie falsch gemacht hat. Wörtlich sagt er: „Das Idealbild des Bischofs ist nicht der populäre Bürgermeister-Typ, sondern der verpönte Störenfried des bequemen Konsenses und der moralischen Abstumpfung.“

Und ein glaubwürdiges Zeichen zeitgenössischer Wachheit stellt in Fulda etwa eine Resolution zur Solidarität mit verfolgten Christen dar. „Vor allem in Ländern mit muslimischer Mehrheit, in denen das islamische Recht (Scharia) praktiziert wird“, sei das Leben von Christen akut gefährdet. „Besonders schwer von der Verfolgung betroffen sind zurzeit die im Irak lebenden Christen der mit Rom unierten orientalischen Kirchen. Der chaldäische Bischof von Mossul spricht offen von einem Kreuzweg der dort lebenden Christen.“ Staatliche und lokale Behörden bieten keinen Schutz. Solche Sätze sind politisch unkorrekt. In Fulda waren sie zu hören.

Und wir? fragt Kardinal Meisner. „Wird man auch uns festnehmen und verfolgen und uns um Christi Namens willen Gerichten übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen, wie es Christus im Lukasevangelium seinen Jüngern angekündigt hat? Vermutlich nicht!“ Aber hinter der Polemik und den Nachteilen in Beruf und Gesellschaft „wie es die europäische Politik schon demonstriert hat“, sieht der Kardinal „heute nicht nur Gefährdungen unseres Glaubens, sondern einen regelrechten Kampf gegen das Christentum und seine Lebensform“. Trotz aller litaneiartigen Beschwörungen, dass man für die Religionsfreiheit und Toleranz eintrete, „tobt heute – so glaube ich – in der Öffentlichkeit ein erbitterter Kampf gegen Gott, gegen Jesus Christus, gegen die katholische Kirche und ihre Lebensweise, das heißt gegen die christliche Moral“.

Der Kardinal nennt auch – wie es seine Art ist mit offenem Visier – die Gegner und Feinde der Kirche: Die Neodarwinisten vom Schlag eines Richard Dawkins, der alle Gläubigen als Leute darstellen wolle, die einem Wahn verfallen seien; die aufklärerische Philosophie, die keine Geheimnisse (die Jungfräulichkeit Mariens, die Gottheit Jesu, die Eucharistie) akzeptiere, die Personen nicht als Träger von Wahrheiten, sondern nur Dinge und Tatsachen als Wirklichkeiten anerkenne, die nicht wahrhaben wolle, dass Glauben eine Sache von „Kopf und Herz“ sei („Religionslehrer müssen mit Kopf und Herz arbeiten, Physiklehrer brauchen nur ihren Kopf mitbringen“). Und er nennt diejenigen, die um ihrer christlichen Lebensform willen verfolgt werden: Die Priester, die den Zölibat leben und damit Leuchttürme der Liebe Christi seien, die „durch Berufung die Lebensform Christi gewählt haben. Natürlich stellt der Zölibat eine Provokation gegen den Atheismus dar, denn entweder sind die Zölibatäre verrückt oder es gibt Gott, und zwar nicht nur im weiten Himmel, sondern mitten in der Welt, sodass er Menschen derart in seine Nähe mit hineinzieht, dass sie um seinetwillen auf die Lebensform von Ehe und Familie verzichten.“

Die gelungene Regie des Kongresses hat im Anschluss an den Vortrag des Kardinals eine Podiumsdiskussion gesetzt, bei der vier Priester unter dem fragenden Titel „Verheizte Priester, verlassene Gemeinden?“ berichteten, wie sie trotz der Anfechtungen und der Probleme vielfältigster Art versuchten, dem Glauben in der Gemeinde (Seelsorgebereichen) Leben einzuhauchen. Das klang gar nicht nach verheizt und verlassen. Im Gegenteil. Alle vier widersprachen dem Begriff „gesundschrumpfen“. Dechant Wolfgang Picken aus Bad Godesberg kann von der Erfolgsstory des Rheinviertels berichten (zwei Ordensgründungen, drei zusätzliche Kindergärten, Wallfahrten mit tausend Teilnehmern). Man solle doch aufhören, mit säkularen Begründungen die Kirche zu erklären. Man wolle wachsen. „Die Leute sind das depressive Gerede von Kirche satt.“ Niemand wolle beim Untergang der Titanic dabei sein. Die Kirche habe zwei große Stärken zu bieten: Spiritualität und Gemeinschaft. Damit gebe man auch der Gesellschaft Geschmack. Der Regens des Priesterseminars in Fulda, Cornelius Roth, gab einen einfachen Tipp für alle, um diesen Geist des Aufbruchs zu leben: „Schenken Sie oft ein Lächeln. Das kostet nichts, das schmälert auch nicht die Rente.“ Das sei eine konkrete Anwendung der Freude am Glauben.

Zu den Verfolgten und Gemobbten gehören für Kardinal Meisner auch diejenigen, die um den Lebensschutz kämpfen. Ein weites Kapitel im Buch der Tapferkeit. Die Schirmherrin des Kongresses, Gräfin Johanna von Westfalen, weiß davon mehr als ein Lied zu singen. Ihre Stiftung Ja zum Leben steht beispielhaft für viele Initiativen, deren Arbeit im Foyer des Kongresses zu bewundern war.

Mehr Engagement der Bischöfe erwünscht

Mancher Redner und Zeuge auf den Podien und in den Workshops wünschte sich in diesem Zusammenhang auch mehr Engagement der Bischofskonferenz für die Lebensschützer, ähnlich wie es in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Für Kardinal Meisner gilt das nicht. Er gehört mit einer Handvoll Bischöfen zu den Freunden und Förderern der Lebensschutzbewegung. Für ihn ist es ein „gesellschaftlicher Skandal“, dass es wieder „gefährlich ist, für das Leben einzutreten“ und er erinnerte an den Marsch für das Leben vor einem Jahr in Berlin, bei dem die Lebensschützer von den Protagonisten der Kultur des Todes verunglimpft wurden und bei der auch eine Bibel verbrannt wurde – „man verbrennt wieder Bücher in Berlin“.

Diese Zeugnisse christlichen Lebens und auch die Lebensform der christlichen Ehe (Professor Manfred Spieker zeigt gekonnt auf, wie selbst das Bundesverfassungsgericht immer mehr den besonderen Schutz der Ehe einebnet) sowie das Zölibat stuft der Kardinal ein als eine Art „Vorwegnahme. Wir übersteigen diese Zeit und gehen weiter, und so ,ziehen‘ wir uns selbst und unsere Zeit auf die Welt der Auferstehung hin, auf die Neuheit Christi, das neue und wahre Leben zu.“ Vor allem der Zölibat sei eine Vorwegnahme, „die möglich wird durch die Gnade des Herrn, der uns zu sich,zieht‘, zur Welt der Auferstehung hin“. Hier sei man bei einem „großen Problem des Christentums der heutigen Welt“ angelangt. Man denke „nicht mehr an die Zukunft Gottes: die bloße Gegenwart dieser Welt scheint ausreichend zu sein. Wir wollen nur diese Welt haben, nur in dieser Welt leben. So schließen wir die Tür für die wahre Größe unseres Lebens. Der Sinn des Zölibats als Vorwegnahme der Zukunft ist gerade das Öffnen dieser Türen, die Welt größer werden zu lassen, die Wirklichkeit der Zukunft zu zeigen, die von uns schon jetzt als Gegenwart gelebt werden muss. So leben wir im Zeugnis des Glaubens: Wir glauben wirklich, dass es Gott gibt, dass Gott in meinem Leben eine Rolle spielt, dass ich mein Leben auf Christus bauen kann, auf das zukünftige Leben.“

Wunderbar und in griffigen Formulierungen hat der Bischof von Limburg, Franz Peter Tebartz-van Elst, in einem tiefgründigen Vortrag diese Gedanken aufgegriffen und theologisch weiterentwickelt. „Ringen wir mit der Zeit“, zitierte er den heiligen Augustinus, „gestalten wir sie und aus allen Zeiten werden heilige Zeiten“. In diesem Sinn hat dieser Kongress erneut und zum zehnten Mal gezeigt, wie sehr diese Gesellschaft Menschen braucht, die selbstlos Liebe leben und sich in diesem Sinn für Gott und die Welt einsetzen. Von der Politik ist das nicht mehr zu erwarten. Sie ist an der Verfolgung der Christen beteiligt. Doch die Kirche macht den Bedrängten auch heute Mut: Der Präsident der römischen Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Zenon Kardinal Grocholewski spricht am Sonntag in der Abschlussmesse im überfüllten Fuldaer Dom das Schlüsselwort aus: Mut: Der demütige Mensch habe Mut, das Gute zu tun, ohne Angst vor Auswirkungen in der Presse oder in der öffentlichen Meinung. Er fürchte sich dann auch nicht davor, dass sein Handeln ihm Schwierigkeiten und Demütigungen einbringen könnten. Das Leben der Heiligen weist den Weg.