„Das bleibt gültig“

Auf der Rückreise von Schweden bekräftigt der Papst, dass die Priesterweihe Männern vorbehalten bleibt – 1. November 2017

Der Papst warnte während der Pressekonferenz vor lauen Christen und einer Kultur der Selbstüberschätzung, in der sich der Mensch für Gott hält. Foto: dpa
Der Papst warnte während der Pressekonferenz vor lauen Christen und einer Kultur der Selbstüberschätzung, in der sich de... Foto: dpa
Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Nochmals herzlich willkommen. Sie sprechen im Bezug auf die verschiedenen Religionen oft vom „miteinander gehen“. Auch wir haben eine gewisse Wegstrecke zusammen zurückgelegt, einige zum ersten Mal: Wir haben einen schwedischen Journalisten hier – ich glaube, es ist eine Weile her, dass ein schwedischer Journalist an Bord war. Beginnen wir bei ihnen. Elin Swedenmark von der schwedischen Presseagentur „TT“.

Papst Franziskus: Zunächst möchte ich Euch alle begrüßen und Euch für die geleistete Arbeit danken sowie dafür, dass Ihr die Kälte ertragen habt… Aber, wir sind noch rechtzeitig gefahren, denn heute Abend sollen die Temperaturen um weitere fünf Grad fallen. Wir sind rechtzeitig gefahren. Vielen Dank. Danke für die Gesellschaft und für Eure Arbeit.

Elin Swedenmark: Danke. Guten Tag. Heiliger Vater, Sie haben von der Revolution der Zärtlichkeit gesprochen. Gleichzeitig sehen wir, dass immer mehr Menschen aus Ländern wie Syrien oder dem Irak in europäischen Ländern Zuflucht suchen. Doch einige reagieren mit Angst, und es gibt sogar Menschen, die denken, dass die Ankunft dieser Flüchtlinge die christliche Kultur in Europa bedrohen kann. Wie lautet Ihre Botschaft an die Leute, die eine solche Entwicklung der Situation befürchten, und wie lautet Ihre Botschaft an Schweden, das nach einer langen Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen jetzt anfängt, seine Grenzen zu schließen?

Papst Franziskus: Zunächst möchte ich als Argentinier und Südamerikaner Schweden für seine Aufnahmebereitschaft danken, denn viele Argentinier, Chilenen und Uruguayer sind in der Zeit der Militärdiktaturen in Schweden aufgenommen worden. Schweden hat eine lange Tradition der Aufnahmebereitschaft, doch sie nehmen nicht nur auf, sie integrieren die Menschen, suchen ihnen sofort eine Wohnung, eine Schule, eine Arbeit… in ein Volk integrieren. Man hat mir die Statistik gezeigt – vielleicht irre ich mich, ich bin mir nicht ganz sicher – aber woran ich mich erinnere – aber ich kann mich irren – wie viele Einwohner hat Schweden? Neun Millionen? Von diesen neun Millionen – hat man mir gesagt – sollen achthundertfünfzigtausend „neue Schweden“ sein, das heißt Migranten oder Flüchtlinge oder ihre Kinder. Das ist das erste. Zweitens: Man muss zwischen einem Migranten und einem Flüchtling unterscheiden, nicht wahr?

„Dass Christus ständig in seinen schwächsten

Brüdern und Schwestern gekreuzigt wird, hat mich immer bewegt“

Der Migrant muss nach gewissen Regeln behandelt werden, denn Migration ist ein Recht, aber es ist ein genau geregeltes Recht. Doch die Flüchtlinge kommen aus einem Gebiet, in dem Krieg, Angst und Hunger herrschen, einer schrecklichen Situation, und der Flüchtlingsstatus erfordert mehr Sorge und Arbeit. Auch hier war Schweden immer ein Vorbild darin, die Dinge zu regeln, die Sprache, die Kultur erlernen zu lassen und auch in die Kultur zu integrieren. Was die Integration der Kulturen anbelangt, brauchen wir keine Angst zu haben, denn Europa ist durch eine ständige Integration der Kulturen, vieler Kulturen entstanden… Ich glaube – das soll jetzt nicht verletzend sein, nein, nein, sondern eine Besonderheit –, die Tatsache, dass heute auf Island der Isländer seine Klassiker von vor tausend Jahren problemlos im heutigen Isländisch lesen kann, bedeutet, dass es ein Land mit wenigen Migrationen oder wenigen „Wellen“ ist, wie sie Europa etwa erlebt hat. Europa ist durch Migrationen entstanden…

Dann, was ich über Länder denke, die ihre Grenzen schließen: Ich glaube, dass man theoretisch sein Herz gegenüber einem Flüchtling nicht verschließen kann, aber es bedarf auch der Umsicht der Regierenden. Sie müssen offen sein, sie aufzunehmen, doch sie müssen auch rechnerische Überlegungen anstellen, wie sie sie unterbringen können, denn ein Flüchtling muss nicht nur aufgenommen, er muss auch integriert werden. Und wenn ein Land eine Kapazität von sagen wir einmal zwanzig hat, die es integrieren kann, dann soll es so viele aufnehmen. Ein anderes Land hat eine größere Kapazität, dann soll es mehr aufnehmen. Doch immer ein offenes Herz: Es ist unmenschlich, die Türen zu verschließen, es ist unmenschlich, das Herz zu verschließen und auf Dauer muss dafür bezahlt werden. Hier wird politisch dafür bezahlt, so wie auch eine Unvorsichtigkeit in der rechnerischen Überlegung politisch bezahlt werden kann, wenn mehr aufgenommen werden als integriert werden können. Denn welche Gefahr besteht, wenn ein Flüchtling oder ein Migrant – das gilt für beide – nicht integriert wird, nicht integriert ist? Er wird – ich erlaube mir, dieses Wort zu benutzen, es ist vielleicht ein Neologismus – „ghettoisiert“, das heißt, er kommt in ein Ghetto. Und wenn eine Kultur sich nicht in der Beziehung mit der anderen Kultur entwickelt, ist das gefährlich. Ich glaube, der schlechteste Ratgeber für die Länder, die dazu neigen, ihre Grenzen zu schließen, ist die Angst, und der beste Ratgeber ist die Umsicht.

Ich habe in diesen Tagen mit einem Beamten der schwedischen Regierung gesprochen, und er hat mir von einigen Schwierigkeiten in diesem Moment berichtet – das bezieht sich auf Deine letzte Frage –, weil so viele kommen und man keine Zeit hat, sie unterzubringen, eine Schule, eine Wohnung, eine Arbeit für sie zu finden und sie die Sprache lernen zu lassen. Die Umsicht gebietet solche rechnerischen Überlegungen. Doch Schweden ist … ich glaube nicht, dass Schweden, wenn es seine Aufnahmekapazität herabsetzt, dies aus Egoismus tut oder weil es diese Kapazität verloren hat; wenn es so etwas gibt, dann aufgrund dessen, was ich gerade gesagt habe: Heute schauen viele auf Schweden, weil sie seine Aufnahmebereitschaft kennen, doch die Zeit reicht nicht, um sofort alle unterzubringen. Ich weiß nicht, ob ich damit Ihre Frage beantwortet habe. Danke.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Jetzt eine Frage vom schwedischen Fernsehen: Anna Cristina Kappelin von „Sveriges TV“:

Anna Cristina Kappelin: Guten Tag. Schweden, das Gastgeber dieser wichtigen ökumenischen Begegnung war, hat eine Frau als Oberhaupt seiner Kirche. Was denken Sie darüber? Ist es realistisch, in den nächsten Jahrzehnten auch in der katholischen Kirche an Frauen als Priester zu denken? Und wenn nicht, warum? Haben die katholischen Priester Angst vor Konkurrenz?

Papst Franziskus: Als ich ein bisschen über die Geschichte der Gegend gelesen habe, in der wir waren, habe ich gesehen, dass es eine Königin gegeben hat, die dreimal Witwe geworden ist… und ich habe gesagt: „Das ist aber ein starke Frau!“ Und man hat mir gesagt: „Die schwedischen Frauen sind sehr stark, sehr mutig, und deswegen suchen sich einige schwedische Männer eine Frau von einer anderen Nationalität“. Ich weiß nicht, ob das stimmt!… Zur Frauenordination in der katholischen Kirche hat der heilige Johannes Paul II. bislang das letzte deutliche Wort gesagt. Und das bleibt gültig. Das bleibt gültig. Was die Frage der Konkurrenz anbelangt, ich weiß nicht…

(Frage von Anna Cristina Kappelin aus dem Hintergrund)

Papst Franziskus: Wenn wir die Erklärung des heiligen Johannes Paul II. genau lesen, geht das in diese Richtung. Ja. Aber die Frauen können vieles tun, auch besser als die Männer. Und auch im Bereich der Dogmatik. Um das ein bisschen klarzustellen und nicht nur auf ein Dokument zu verweisen: In der katholischen Ekklesiologie gibt es zwei Dimensionen: die petrinische Dimension, das ist die der Apostel – Petrus und das Apostelkolleg, die Pastoral der Bischöfe – und die marianische Dimension, die weibliche Dimension der Kirche. Und das habe ich schon mehr als einmal gesagt. Ich frage mich, wer in der Theologie und in der kirchlichen Mystik wichtiger ist: die Apostel oder Maria am Pfingsttag? Es ist Maria! Mehr noch: die Kirche ist weiblich! Es ist „die“ Kirche, nicht „der“ Kirche. Es ist die Kirche. Und die Kirche ist die Braut Jesu Christi. Es ist ein hochzeitliches Geheimnis. Und im Licht dieses Geheimnisses versteht man das Warum dieser beiden Dimensionen: die petrinische Dimension, also die bischöfliche, und die marianische Dimension, mit allem, was die Mütterlichkeit der Kirche ist, aber im tiefsten Sinne. Es gibt die Kirche nicht ohne diese weibliche Dimension, weil sie selbst weiblich ist.

Greg Burke: Danke. Jetzt haben wir eine Frage von Austen Aivereigh, ich weiß nicht, ob er Spanisch oder Porteno [Sprache von Buenos Aires, Anm. d. Übers.] spricht…; und wenn Eva Fernandez näherkommen könnte…

Austin Ivereigh: [auf Spanisch]: Vielen Dank, Heiliger Vater. Dieser Herbst war sehr reich an ökumenischen Begegnungen mit den traditionellen Kirchen: der orthodoxen, der anglikanischen und jetzt der lutherischen; doch der größte Teil der Protestanten in der Welt ist jetzt evangelikaler, pfingstlicher Tradition… Ich habe erfahren, dass nächstes Jahr am Vorabend von Pfingsten ein Ereignis im Circus Maximus stattfinden wird, um den fünfzigsten Jahrestag der Charismatischen Erneuerung zu begehen. 2014 gab es – vielleicht das erste Mal für einen Papst – viele Initiativen mit den evangelikalen Führern. Was ist aus diesen Initiativen geworden, und was erwartet man sich von der Versammlung, der Begegnung im kommenden Jahr? Vielen Dank.

Papst Franziskus [auf Spanisch]: Mit diesen Initiativen… Ich würde sagen, es gab zwei Arten von Initiativen. Eine, als ich in Caserta die Charismatische Kirche besucht habe. Auf derselben Linie lag mein Besuch der waldensischen Kirche in Turin. Eine Initiative der Wiedergutmachung und der Bitte um Vergebung, weil die Katholiken… ein Teil, ein Teil der katholischen Kirche sich nicht christlich, nicht gut ihnen gegenüber verhalten hat. Da galt es, um Vergebung zu bitten und eine Wunde zu heilen.

Die andere Initiative war die des Dialogs, und das schon seit Buenos Aires. In Buenos Aires hatten wir etwa drei Begegnungen im Luna Park von Buenos Aires, der siebentausend Menschen fasst. Drei Begegnungen von evangelikalen und katholischen Gläubigen auf der Linie mit der Charismatischen Erneuerung, aber auch offen. Und Begegnungen, die den ganzen Tag lang dauerten: Es haben ein Pastor und ein evangelischer Bischof gepredigt, und es haben ein katholischer Priester oder ein katholischer Bischof gepredigt; oder jeweils zu zweit, sie haben sich abgewechselt. Bei zweien dieser Begegnungen, wenn nicht bei allen dreien, aber bei zweien sicher, hat Pater Cantalamessa gepredigt, der Prediger des Päpstlichen Hauses.

Ich glaube, dass dies bereits aus den vorhergehenden Pontifikaten herrührt, und von der Zeit, als ich in Buenos Aires war, und das hat uns gutgetan. Wir haben auch mit Pastoren und Priestern gemeinsam geistliche Exerzitien von drei Tagen veranstaltet, wo ebenfalls ein Pastor und ein Priester oder ein Bischof gepredigt haben. Das hat dem Dialog, dem Verständnis, der Annäherung, der Arbeit sehr geholfen… vor allem der Arbeit mit den Bedürftigsten. Gemeinsam. Und es hat Respekt erzeugt, großen Respekt. Das in Bezug auf die Initiativen, die es bereits in Buenos Aires gab … Hier in Rom hatte ich verschiedene Begegnungen mit Pastoren… zwei oder drei bereits. Einige kamen aus den USA und einige von hier, aus Europa.

Was Sie erwähnt haben ist die Feier, die der ICCRS (International Catholic Charismatic Renewal Services) organisiert, die Fünfzigjahrfeier der Charismatischen Erneuerung, die als ökumenische Bewegung entstanden ist, und daher wird es in diesem Sinne eine ökumenische Veranstaltung sein und sie wird im Circus Maximus stattfinden. Ich habe vor – so Gott mich leben lässt – dort zu sprechen. Ich glaube, sie wird zwei Tage dauern, aber es ist noch nichts organisiert. Ich weiß, dass es am Vorabend von Pfingsten stattfinden wird, und ich werde irgendwann sprechen. Was die Charismatische Erneuerung und die Pfingstbewegung anbelangt: Der Begriff „pfingstlich“, die Bezeichnung „pfingstlich“, ist heute etwas zweideutig, weil sie sich auf viele Dinge, viele Vereinigungen, viele christliche Gemeinschaften bezieht, die nicht gleich, sondern einander entgegengesetzt sind. Man muss also präziser sein. Der Begriff hat sich so sehr verbreitet, dass er zweideutig geworden ist. Für Brasilien ist das typisch, wo er ziemlich gebräuchlich ist.

Als die Charismatische Erneuerung entstand, war einer der ersten Gegner in Argentinien meine Wenigkeit, denn ich war zu der Zeit, als das in Argentinien begann, Provinzial der Jesuiten und habe den Jesuiten verboten, etwas mit ihnen zu tun zu haben. Und ich habe öffentlich gesagt, dass bei einer Liturgiefeier ein liturgisches Geschehen gefeiert werden sollte und dass dies keine „Sambaschule“ sei. Das habe ich gesagt. Und heute denke ich das Gegenteil, wenn die Dinge gut gemacht sind.

In Buenos Aires gab es sogar jedes Jahr einmal eine Messe der Bewegung der Charismatischen Erneuerung in der Kathedrale, zu der alle kamen. Das heißt, auch ich habe einen Prozess durchgemacht, in dem ich das Gute erkannt habe, das die Erneuerung der Kirche gegeben hat. Und man darf die große Gestalt von Kardinal Suenens nicht vergessen, der diese prophetische und ökumenische Vision hatte.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Jetzt Eva Fernandez von „Cope“ für das spanische Radio.

Eva Fernandez: (auf Spanisch) Heiliger Vater, ich würde Ihnen diese Frage gerne auf Italienisch stellen, aber ich sehe mich noch nicht dazu in der Lage. Vor kurzer Zeit haben Sie Nicolás Maduro, den Präsidenten von Venezuela, getroffen. Welches Gefühl hat ihnen dieses Treffen vermittelt und was denken Sie in Bezug auf den Beginn der Gespräche? Vielen Dank, Heiliger Vater.

Papst Franziskus: Ja, der Präsident von Venezuela hat um ein Gespräch und ein Treffen gebeten, weil er aus dem Nahen Osten, aus Qatar, aus den anderen Emiraten kam und in Rom aus technischen Gründen zwischengelandet ist. Er hatte vorher um ein Gespräch gebeten. 2013 war er hier, dann hatte er um ein weiteres Treffen gebeten, aber dann ist er krank geworden und konnte nicht kommen, und nun hatte er um dieses gebeten. Wenn ein Präsident bittet, wird er empfangen, außerdem hatte er eine Zwischenlandung in Rom. Ich habe ihm zugehört, das Treffen hat eine halbe Stunde gedauert, ich habe ihm also zugehört, ihm einige Fragen gestellt und mir seine Meinung angehört. Es ist immer gut, alle Meinungen zu hören. Ich habe mir seine Meinung angehört. Zum zweiten Aspekt, dem Dialog: Er ist der einzige Weg für alle Konflikte. Für alle Konflikte! Entweder man führt einen Dialog oder man schreit, aber es gibt keinen anderen Weg.

Mit dem Herzen setze ich ganz auf den Dialog, und ich glaube, dass man diesem Weg folgen muss. Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird, ich weiß es nicht, weil die Sache sehr komplex ist, doch die Menschen, die den Dialog führen, sind Menschen, die politisch wichtig sind. Zapatero, der zweimal spanischer Regierungspräsident gewesen ist, und Restrepo (und alle anderen Parteien) haben den Heiligen Stuhl gebeten, dem Dialog beizuwohnen. Und der Heilige Stuhl hat den Nuntius von Argentinien, Bischof Tscherrig, ernannt, der, so glaube ich, dort am Verhandlungstisch ist. Doch der Dialog, der Verhandlungen fördert, ist der einzige Weg, um die Konflikte zu lösen, es gibt keinen anderen… Wenn der Nahe Osten das getan hätte, wie viele Leben hätten verschont werden können! (Bischof Tscherrig hat beim ersten Treffen Bischof Claudio Maria Celli ersetzt, der zum Begleiter der Verhandlung ernannt worden ist.)

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Jetzt haben wir Mathilde Imberty von „Radio France“.

Mathilde Imberty: Heiliger Vater, wir kommen aus Schweden zurück, wo die Säkularisierung sehr weit fortgeschritten ist, eine Erscheinung, die Europa im allgemeinen betrifft. Sogar in einem Land wie Frankreich schätzt man, dass in den nächsten Jahren eine Mehrheit der Bürger keiner Religion angehören wird. Ist die Säkularisierung Ihrer Meinung nach ein Verhängnis? Wer sind die Verantwortlichen, die weltlichen Regierungen oder die Kirche, die vielleicht zu schüchtern ist? Danke.

Papst Franziskus: Ein Verhängnis, nein. Ich glaube nicht an Verhängnisse! Wer sind die Verantwortlichen? Ich wüsste das nicht zu sagen… Du [das heißt jeder] bist verantwortlich. Ich weiß es nicht, es ist ein Prozess… Doch zunächst möchte ich kurz etwas sagen. Papst Benedikt XVI. hat viel und deutlich darüber gesprochen. Wenn der Glaube lau wird, dann deswegen, weil – wie Sie sagen – die Kirche schwach wird… Die am stärksten säkularisierten Zeiten… Denken wir an Frankreich, etwa an die Zeit, in der der Hof mondän wurde, die Zeiten, in denen die Priester Geistliche des Hofes waren, ein klerikaler Funktionalismus… Doch es fehlte die Kraft der Evangelisierung, die Kraft des Evangeliums. Immer, wenn wir es mit der Säkularisierung zu tun haben, können wir sagen, dass eine gewisse Schwäche in der Evangelisierung vorliegt, das ist wahr… Doch es gibt auch einen anderen Prozess, einen kulturellen Prozess, einen Prozess – ich glaube, ich habe schon einmal darüber gesprochen – der zweiten Form der „Wildnis“, wenn der Mensch die Welt von Gott empfängt. Und um sie zu einer Kultur zu machen, um sie wachsen zu lassen, sie zu beherrschen, fühlt sich der Mensch ab einem gewissen Punkt so sehr als Herr jener Kultur – denken wir an den Mythos des Turms von Babel –, ist er so sehr Herr jener Kultur, dass er beginnt, der Schöpfer einer anderen Kultur, aber einer eigenen, zu werden, und den Platz des Schöpfergottes einnimmt. Und ich glaube, dass man bei der Säkularisierung früher oder später dahin gelangt, gegen Gott, den Schöpfer, zu sündigen. Der selbstständige Mensch. Das ist keine Frage der Laizität, denn es bedarf einer gesunden Laizität, der Autonomie der Dinge, der gesunden Autonomie der Dinge, der gesunden Autonomie der Wissenschaft, den Denkens, der Politik, es bedarf einer gesunden Laizität. Nein, etwas anderes, es ist eher ein Laizismus wie der, den uns die Aufklärung als Erbe hinterlassen hat.

Ich glaube, es sind diese beiden Dinge: ein wenig die Selbstständigkeit des Menschen, der eine Kultur schafft, aber über seine Grenzen hinausgeht und sich für Gott hält, und ein wenig auch eine Schwäche in der Evangelisierung, die lau wird, und die Christen lau sein lässt. Hier rettet uns ein wenig, wenn wir in der Entwicklung der Kultur und der Wissenschaft wieder eine gesunde Autonomie aufnehmen, auch mit dem Gefühl der Abhängigkeit, dem Gefühl, ein Geschöpf und nicht Gott zu sein; und wenn wir außerdem die Kraft der Evangelisierung wieder aufnehmen. Ich glaube, dass die Säkularisierung heute in der Kultur und in gewissen Kulturen sehr stark ist. Und auch sehr stark in verschiedenen Formen der Verweltlichung, der spirituellen Verweltlichung. Es ist das Schlimmste, wenn die spirituelle Verweltlichung in die Kirche einzieht. Die Worte, die ich jetzt sage, stammen nicht von mir, sie sind von Kardinal De Lubac, einem der großen Konzilstheologen. Er sagt, wenn in die Kirche die spirituelle Verweltlichung einziehe, das ist eine Weise…, dann sei dies das Schlimmste, was ihr passieren könne, schlimmer noch als das, was ihr in der Zeit der korrupten Päpste widerfahren sei. Und er erwähnt einige Formen der päpstlichen Korruption, ich erinnere mich nicht genau, aber es waren viele. Die Verweltlichung. Für mich ist das gefährlich. Und auf die Gefahr hin, dass dies wie eine Predigt aussieht, werde ich folgendes sagen: Als Jesus beim Letzten Abendmahl für uns alle betet, bittet er den Vater um eines für uns alle: uns nicht aus der Welt zu nehmen, sondern uns vor der Welt, vor der Verweltlichung zu beschützen. Das ist ganz gefährlich, es ist eine Säkularisierung, die ein bisschen maskiert, ein bisschen verkleidet ist, ein bisschen Pret-a-porter im Leben der Kirche. Ich weiß nicht, ob ich damit die Frage beantwortet habe…

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Jetzt Jürgen Erbacher vom ZDF.

Jürgen Erbacher: Heiliger Vater, vor einigen Tagen haben Sie die „Santa Marta Group“ getroffen, die sich im Kampf gegen moderne Formen von Sklaverei und gegen Menschenhandel einsetzt, Themen, die Ihnen, so glaube ich, sehr am Herzen liegen, denn sie haben sich nicht nur als Papst, sondern schon in Buenos Aires mit diesen Themen befasst. Warum? Hat es eine besondere oder vielleicht auch persönliche Erfahrung gegeben? Und als Deutscher muss ich Sie zu Beginn dieses Gedenkjahres der Reformation dann auch fragen, ob Sie in das Land kommen werden, in dem diese Reformation vor fünfhundert Jahren begonnen hat – vielleicht im Laufe dieses Jahres?

Papst Franziskus: Ich beginne bei der zweiten Frage. Das Reiseprogramm für das nächste Jahr steht noch nicht. Ja, man weiß nur – es ist praktisch sicher –, dass ich nach Indien und Bangladesch fahren werde, aber das Programm steht noch nicht, das ist eine Hypothese.

Zur ersten Frage. Ja, schon seit langem, seit Buenos Aires, seit ich Priester bin, habe ich immer diese Unruhe in Bezug auf den Leib Christi empfunden. Die Tatsache, dass Christus weiter leidet, dass Christus ständig in seinen schwächsten Brüdern und Schwestern gekreuzigt wird, hat mich immer bewegt. Ich war als Priester bei kleinen Projekten mit den Armen tätig, aber nicht nur, ich habe auch mit Studenten gearbeitet… Als Bischof in Buenos Aires haben wir dann auch mit nicht katholischen Gruppen und Ungläubigen Initiativen gegen die Sklavenarbeit gegründet, vor allem der lateinamerikanischen Migranten, die nach Argentinien kamen – und kommen. Sie nehmen ihnen den Pass weg und lassen sie in der Industrie als Sklaven arbeiten, aber sie werden eingeschlossen… Einmal hat es einen Brand gegeben und die Kinder hatten sie auf der Terrasse, alle tot, und auch der ein oder andere, der nicht hatte fliehen können… Wirklich Sklaven, das hat mich sehr ergriffen. Der Menschenhandel. Ich habe auch mit zwei Schwesternkongregationen zusammengearbeitet, die sich um Prostituierte kümmern, Frauen, die als Sklavinnen zur Prostitution gezwungen werden. Ich sage nicht gerne „Prostituierte“: Frauen, die als Sklavinnen zur Prostitution gezwungen werden. Einmal im Jahr dann haben alle diese Sklaven des Systems eine Messe auf der „Plaza Constitución“ gefeiert, dort, wo die Züge ankommen – wie in Termini, stell Dir Termini vor –; und dort wurde mit allen die Messe gefeiert. Zu dieser Messe kamen alle Organisationen, die Schwestern, die in diesem Bereich tätig waren, und auch die Gruppen von Nicht-Gläubigen, die jedoch mit ihnen zusammenarbeiteten.

Und hier wird genauso gearbeitet. Hier in Italien gibt es viele Gruppen von freiwilligen Helfern, die sich gegen jede Form der Sklaverei einsetzen, sei es im Bereich der Arbeit, sei es in dem der Frauen. Vor einigen Monaten habe ich eine dieser Organisationen besucht, und die Menschen… Hier in Italien wird viel im Freiwilligendienst gearbeitet. Ich hätte mir das nie vorgestellt. Das ist etwas sehr Schönes hier in Italien, der Freiwilligendienst. Und das ist den Pfarrern zu verdanken. Die Jugendfreizeitstätten und der Freiwilligendienst sind zwei Dinge, die dank des apostolischen Eifers der italienischen Pfarrer entstanden sind. Aber ich weiß nicht, ob ich die Frage beantwortet habe, oder…

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Es heißt, dass wir gehen müssen, wenn wir etwas zu essen haben wollen.

Papst Franziskus: Ich danke Euch erneut für Eure Fragen, vielen, vielen Dank! Und betet für mich! Gesegnete Mahlzeit!

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller