„Das Ziel der Diktatur war, einen neuen Menschen zu schaffen“: Hintergrund

Papst Franziskus sei mit der Geschichte der Kirchenverfolgung in Albanien vertraut, meint Tiranas Erzbischof Rrok Mirdita im „Tagespost“-Interview. Von Stephan Baier

Dieses Glasfenster der St. Pauls-Kathedrale von Tirana dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte: Mutter Teresa, in Skopje geborene Albanerin, studierte bei ihrem Besuch in Tirana persönlich mit Erzbischof Mirdita die Baupläne für die neue Kathedrale. Foto: Fotos: S. Baier
Dieses Glasfenster der St. Pauls-Kathedrale von Tirana dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte: Mutter Teresa, in Skopje g... Foto: Fotos: S. Baier

Erzbischof Rrok Mirdita entstammt der albanischen Minderheit in Montenegro (Crna Gora) und lebte jahrzehntelang in den USA, wo er als Seelsorger der albanischen Emigranten in New York wirkte. Nach dem Fall der kommunistischen Diktatur und der Auferstehung der albanischen Kirche wurde er 1993 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Tirana-Durres ernannt und im nordalbanischen Shkodra (Skutari) vom Papst selbst zum Bischof geweiht. Im Gespräch mit der „Tagespost“ schildert er die Situation der Kirche in Albanien und die Erwartungen an den Besuch von Papst Franziskus am 21. September.

Wie war es für die Kirche in Albanien möglich, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende, lange Periode des aggressiven Atheismus und der Verfolgung zu überleben?

Die Kirche war praktisch völlig ausgelöscht. Es gab keine Hierarchie und keine Infrastruktur mehr. Es gab keinerlei öffentliche Präsenz des Christentums mehr. Es war in der Tat eine wirklich schreckliche Verfolgung. Auch die anderen religiösen Gemeinschaften waren betroffen, doch die katholische Kirche sollte völlig ausgelöscht werden. Diktator Enver Hoxha sagte 1967 selbst in einer langen Rede, dass ihm die katholische Kirche am meisten Kopfschmerzen bereite. Und er erklärte auch, warum: Die katholischen Priester hätten an den besten Universitäten Westeuropas studiert und die Kirche habe in Rom ihr eigenes Territorium. Aber er werde der Kirche die Schultern brechen und den Kopf abschlagen. Hoxha legte auf die Verfolgung der Katholiken besonderes Augenmerk. Wenn man nur die Zahl der verhafteten und ermordeten katholischen Priester mit der der Würdenträger des Islam und der orthodoxen Kirche vergleicht, so war die Verfolgung der katholischen Kirche eindeutig härter. Die katholische Kirche galt als der größte Feind der Regierung und des Diktators. Zunächst sollten die Priester als Feinde des Volkes verleumdet und eliminiert werden. Nur wenige Priester überlebten die Gefängnisse und Konzentrationslager. Ich erinnere mich gut, als ich 1993 von Shkodra nach meiner Bischofsweihe zurückkehrte, da wusste ich nicht einmal, wo ich als Bischof in Tirana überhaupt wohnen sollte. Alles war konfisziert, zweckentfremdet oder zerstört. Das betraf nicht bloß Tirana, sondern ganz Albanien.

Wurde das kirchliche Eigentum vom Staat mittlerweile restituiert?

Teilweise. Das ist eine sehr komplexe Situation. Das Eigentum, das man der Kirche vor einem halben Jahrhundert raubte, wurde zerstört oder anderen Eigentümern übertragen. Deshalb ist es schwer, Eigentum an die Kirche zurückzugeben. In einigen Fällen wurde 1993 etwas kompensiert. Wir bekamen etwa einen Platz für den Bau der Kathedrale und des Bischofshauses, den sich die Kirche hier im Stadtzentrum von Tirana niemals hätte kaufen können. Ohne die Hilfe von Organisationen wie „Renovabis“ stünden wir heute nicht da, wo wir sind.

Die Kommunisten hatten es aber nicht nur auf die Zerschlagung kirchlicher Strukturen abgesehen, sondern auf eine Vernichtung des Glaubens im Volk.

Natürlich wurde der Glaube irgendwie bewahrt, aber in der Öffentlichkeit waren keine religiösen Symbole oder Handlungen erlaubt. In fast jeder Familie gab es einen Spion, sei es wissentlich und willentlich, sei es aus Naivität. So versuchten die Lehrer über die Kindern herauszufinden, ob beispielsweise der Rosenkranz in der Familie gebetet wird, ob also Religion praktiziert wird. So war es irgendwie selbstverständlich, dass die Glaubenspraxis ausgedünnt wurde oder sogar verloren ging. Das Regime bemühte sich, praktisch jede Familie zu kontrollieren. Die katholischen Familien, etwa jene mit einem Priester, mussten sehr vorsichtig sein. Sogar für gefärbte Eier an Ostern konnte man leiden und im Gefängnis landen. Ich selbst entstamme der albanischen Minderheit in Montenegro. Wenn ich in New York mit meinen dortigen Mitbrüdern sprach und ihnen erzählte, was ich von der Situation in Albanien erfahren hatte, glaubten mir viele nicht. Titos Jugoslawien war auch ein kommunistischer Staat, aber wir hatten doch eine begrenzte Freiheit innerhalb der Kirchen, auch wenn uns öffentliche Aktivitäten nicht erlaubt waren. Wir konnten die Sakramente spenden und Gottesdienste feiern – all das war in Albanien jedoch nicht erlaubt. Das Ziel der Diktatur war, einen neuen Menschen zu schaffen – den neuen kommunistischen Menschen.

Glauben Sie, dass Papst Franziskus die Leidensgeschichte der albanischen Kirche kennt?

Ich bin ganz sicher, dass der Heilige Vater gut informiert ist, insbesondere durch den Nuntius. Albanien ist nicht weit von Italien entfernt. Die Einladung erging seitens der Bischofskonferenz sowie von Seiten der Regierung. Der Papst nahm diese Einladungen gerne an, denn Albanien hat eine sehr interessante Geschichte, die sich stark vom übrigen Europa unterscheidet. Er hat von der Verfolgung in Albanien gelesen. Mehrere Kardinäle und Kurienmitarbeiter sind in den vergangenen Jahren hierher gekommen, so dass man im Vatikan ein klares Bild hat. Der Papst kommt nach Albanien, um uns zu ermutigen. Der Besuch des Heiligen Vaters ist für uns sicher hilfreich, weil Albanien damit in der ganzen Welt sichtbar wird. Das ist für uns sehr wichtig, weil das Image Albaniens leider nicht gut ist.

In Nahost und in Afrika agieren Teile des Islam zunehmend aggressiv und konfrontativ gegenüber den Christen. Könnte der interreligiöse Umgang in Albanien ein Modell sein für andere gemischt-religiöse Länder?

Wir leben hier interreligiöse Harmonie, so dass Albanien in dieser Hinsicht zu einem Modell werden könnte, wie Religionen zusammenleben könnten. Das ist ein Unterschied zu anderen Regionen des Balkan. Beispielsweise gründeten wir hier vor einigen Jahren einen Interreligiösen Rat, in dem die Führer der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zusammenkommen, und wo wir Missverständnisse behandeln können, um präventiv zu wirken gegen öffentliche Eskalationen. Dieses Modell wurde bereits von Papst Johannes Paul II. gewürdigt, und ich denke, dass der Heilige Vater es nun auch betonen wird. Der Papst wird die Führer der Religionsgemeinschaften treffen und diese Atmosphäre auch ermutigen, damit sie immer weiter entwickelt wird und praktisch zur Geltung kommen kann. Wir haben so viel gemeinsam, etwa in der Wertschätzung der Familie.

Wird es Selig- oder Heiligsprechungen im Rahmen des Papstbesuches geben?

Wir haben einen Prozess zur Anerkennung von 40 Märtyrern, die größtenteils durch das kommunistische Regime ermordet wurden. Wir nahmen eine Auswahl vor, denn es geht nicht um alle ermordeten Christen, sondern nur um jene, die um ihres Glaubens willen den Tod fanden. Darunter sind auch einige Laien, die meisten aber sind Kleriker. Wir übergaben die gesamte Dokumentation an die zuständigen Stellen im Vatikan. Das könnte einer der Gründe für den Papst sein, unser Land zu besuchen. Nun wird aber zunächst alles in der Kongregation gründlich untersucht. Ob die Zeremonie der Anerkennung der Märtyrer dann in Rom oder in Albanien erfolgen wird, wissen wir nicht.

Wie steht es um die katholische Kirche in Albanien heute?

Das größte Problem ist der Priestermangel, der natürlich nicht nur für Albanien charakteristisch ist. Aber vielleicht treffen uns die Konsequenzen härter als andere Länder Europas. Nur ganz wenige Priester überlebten in hochbetagtem Alter die Verfolgung. Um diese Lücke zu schließen, die der Kommunismus durch die Vernichtung des Klerus verursacht hat, bedarf es vieler ausländischer Missionare. Gott sei Dank haben wir viele, die kommen! Es gibt mittlerweile zwei Priesterseminare, die auch mit Hilfe von „Renovabis“ begründet wurden. Die Hälfte der Seminaristen ist aus dem Kosovo oder aus Montenegro. Nun wollen wir regionale Seminare errichten. In Albanien – und das wirkt sich heute noch aus – herrschte eine gewaltige Propaganda, während es in Kosovo ein ausgeprägtes religiöses Leben in den Großfamilien gab. So sind bis heute die Berufungen im Kosovo viel mehr als bei uns. Hier war jede religiöse Bildung eliminiert, sogar als Frage der Kultur.

Bekommt die albanische Kirche auch Unterstützung von der riesigen albanischen Emigration?

Direkt für den Klerus nicht. Es leben in Italien einige albanische Priester, die dort ihren Dienst tun oder studieren. Die materielle Infrastruktur der albanischen Kirche war aber nie besser: Es gibt Kirchen, Schulen, Ambulatorien, Sozialstationen, die auch Wertschätzung finden durch die albanische Regierung und die übrigen Religionen. Ein ehemaliger Staatspräsident fragte mich danach, wie das möglich sei. Ich erklärte ihm, dass viele ausländische Missionare mit ihrer Erfahrung hierher kämen. Sie kommen mit nichts; sie geben alles – und sie gehen genauso zurück. Sie kommen, um zu geben, nicht um zu nehmen. Die albanische Kirche hätte nicht in so kurzer Zeit so viel an spiritueller und materieller Infrastruktur aufbauen können, ohne die großzügige Hilfe der Missionare aus anderen Ländern.

Wird der Besuch des Heiligen Vaters etwas in der albanischen Gesellschaft bewegen und verändern?

Ich glaube, dass der Heilige Vater das Bewusstsein vieler berühren wird, um manche Animosität zu überwinden. Das erste Wunder war – scherzhaft gesprochen – bereits, dass der Regierungschef in der Vorbereitung des Papstbesuchs mit dem Bürgermeister von Tirana, der der Opposition angehört, zusammenarbeitet. Noch bevor der Papst albanischen Boden betritt, gibt es also ein besseres gegenseitiges Verstehen. Ich hoffe, dass das eine neue Atmosphäre schafft für bessere Beziehungen. Wichtig ist, wie die Menschen reagieren: 99 Prozent sind – ganz unabhängig davon, welcher Religion sie angehören – sehr enthusiastisch. Sie erwarten vom Papst einen Beitrag zu Frieden, Verständigung, Heilung der Wunden der Vergangenheit. Die Katholiken stellen ja nicht die Mehrheit in der Bevölkerung, aber dieser Enthusiasmus ist allgemein. Das ist sehr wichtig! Alle erwarten, dass dieser Besuch des Papstes ein Segen für Albanien sein wird.

Welche Themen wird der Papst bei seinem kurzen Besuch in Tirana ansprechen?

Die wichtigsten Themen werden sein: die Leiden der Menschen, insbesondere der katholischen Kirche, aber dann Versöhnung, Frieden, Heilung der Wunden der Vergangenheit, Zusammenarbeit der Religionen. Er will uns ermutigen, dazu kommt er – damit wir aus der Geschichte lernen, aber nach vorne blicken. Die katholische Kirche ist ein wichtiger Faktor für eine friedlichere, wohlhabendere, zukunftsreichere Gesellschaft. Wir müssen Geduld haben und ihm gut zuhören.

Als erstes europäisches Land besucht Papst Franziskus am 21. September das politisch weitgehend vergessene Albanien, eines der ärmsten Länder Europas. Als ein Motiv für diese Prioritätensetzung nannte Franziskus die Tatsache, dass Albanien lange „unter den Konsequenzen vergangener Ideologien leiden“ musste. Tatsächlich sind die Wunden, die ein aggressiver Atheismus dem Volk ab 1946 zufügte, bis heute zu spüren. Die katholische Kirche ist noch immer auf ausländische Missionare, aber auch auf finanzielle Solidarität angewiesen. Etwa zehn Prozent der drei Millionen Einwohner Albaniens sind katholisch, rund 20 Prozent orthodox und knapp 70 Prozent Muslime.

Der Papst wird am Sonntag, 21. September, um 9 Uhr auf dem nach Mutter Teresa benannten Flughafen in Tirana von Ministerpräsident Edi Rama empfangen werden. Auf eine Willkommenszeremonie vor dem Präsidentenpalast folgt ein Höflichkeitsbesuch des Papstes beim Präsidenten und die Begegnung mit Repräsentanten der öffentlichen Institutionen. Um 11 Uhr wird der Papst auf dem „Mutter Teresa Platz“ im Zentrum Tiranas die Messe feiern. Nach dem Mittagessen mit den Bischöfen des Landes kommt es zur Begegnung mit Vertretern der anderen Konfessionen und Religionen. Um 17 Uhr betet der Papst mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen die Vesper in der Kathedrale. Vor seinem Rückflug nach Rom wird er das Bethanien-Haus besuchen, wo die Kirche bedürftige Kinder betreut. sb