"Das Wort ,Zäsur' kennt die Kirche nicht"

Walter Brandmüller zur Amazonas-Synode
Betrachtet das aktuelle Geschehen mit der professionellen Distanz des Kirchenhistorikers: Kurienkardinal Walter Brandmüller. Foto: Wolfgang Radtke (KNA)

Eminenz, zu den Austrittszahlen, die jetzt die katholische Kirche und die EKD in Deutschland veröffentlicht haben: Was sagen diese Zahlen über die Zukunft der Kirche aus?

Diese Austrittszahlen sind ein äußerst alarmierendes Symptom für den geistigen Zustand der katholischen Kirche in Deutschland. Dabei muss man zugleich sagen, dass wir vor dem Horizont der Aussagen unseres Herrn Jesus Christus im Neuen Testament über den Abfall nicht erstaunt sein dürfen. Viele werden in ihrer Liebe erkalten, sagt Jesus im Matthäus-Evangelium, und viel falsche Propheten würden auftreten und viele verführen.

 

Doch wenn es um die wahre Kirche Christi geht, setzt das natürlich voraus, dass sich die Kirche – die Christen und ihre Hirten – nicht als einen frommen Verein betrachtet, der auch mal seine Satzung ändern kann, sondern sich von einer Sendung getragen wissen, die ihnen von ihrem Herrn anvertraut wurde.

Die deutschen Bischöfe wollen mit dem „Synodalen Weg“ der Kirchenkrise begegnet, die durch die Ergebnisse der Missbrauchsstudie vor einem Jahr nochmals verschärft wurde. Stimmen Sie die Wortmeldungen der Bischöfe, die bisher zu diesem Weg zu hören waren, zuversichtlich?

In keiner Weise. Davon abgesehen ist der Ausdruck „synodaler Weg“ eine Tautologie. Man ist zusammen, geht einen Weg, aber das Ganze klingt doch etwas verschwommen. Aber davon abgesehen: Bislang weiß niemand, erstens, wie dieser gemeinsame Weg gegangen werden, und zweitens, wohin er überhaupt führen soll.

"Wenn man die Äußerungen einer Reihe von
Bischöfen betrachtet, dann kann man wohl sagen,
dass dieser ,Synodale Weg' in die Katastrophe führt"

Wenn man die Äußerungen einer Reihe von Bischöfen betrachtet, dann kann man wohl sagen, dass dieser „Synodale Weg“ in die Katastrophe führt. Oder, wenn Rom dann am Ende dafür sorgen muss, dass die Kirche in Deutschland nicht aus der Einheit mit der Weltkirche ausschert, wie es ja in dem Brief des Papstes an das Gottesvolk in Deutschland steht, in eine gewaltige Frustration.

Der Essener Oberhirte Franz-Josef Overbeck, der als Adveniat-Bischof die Vorbereitung der Amazonas-Synode unterstützt hat und auch diversen Vorbereitungstreffen beteiligt war, spricht von einer Zäsur, die die Bischofsversammlung in Rom darstellen würde, überträgt das aber zugleich auf den „Synodalen Weg“. Was könnte das für eine Zäsur sein?

Auf jeden Fall etwas, was nicht mehr die katholische Kirche ist. Denn Zäsur ist eine Kategorie, die im Blick auf einen Organismus, auf eine organische Entwicklung, völlig konträr ist. Eine Zäsur mit dem Ergebnis, dass nachher nichts mehr so ist, wie es vorher war, würde das Ende der Kirche bedeuten.

"Das Wesen der Kirche ist die Überlieferung
des Glaubensguts von den Aposteln
bis zur Wiederkunft des Herrn"

Das Wesen der Kirche ist die Überlieferung des Glaubensguts von den Aposteln bis zur Wiederkunft des Herrn – nicht aber eine fortschreitende Evolution, in der sich das Wesen der Kirche ändert.

Sowohl bei der Vorbereitung der Amazonas-Synode wie auch im Vorfeld des „Synodalen Wegs“ ist von einer Aufwertung der Laien und insbesondere der Frauen die Rede. Läuft das auf das Ende der Klerikerkirche hinaus?

Sagen wir statt Klerikerkirche besser Kirche, in der es von Anfang an das geistliche Weiheamt gibt. So gesehen dürfte das Ende der Klerikerkirche bedeuten, dass das Kirchenbild von Martin Luther, wie er es in seinen Kampfschriften von 1520 gezeichnet hat, realisiert würde. Und das wäre dann nicht mehr die katholische Kirche.

"In der katholischen Kirche handelt der
Priester, der am Altar steht, kraft der
sakramentalen Handauflegung
in der Weihe ,in persona Christi'“

Für Luther waren alle Getauften als solche schon Papst, Bischof und Priester. In der katholischen Kirche handelt dagegen der Priester, der am Altar steht, kraft der sakramentalen Handauflegung in der Weihe „in persona Christi“, weshalb er auch die Lebensform seines Herrn teilt, das heißt die Ehelosigkeit. So viel noch zum Zölibat, der beim „Synodalen Weg“ und auf der Amazonas-Synode wohl auch zur Debatte steht.

Wie würden sich die Ziele der „Reformer“ in Rom und in Deutschland auf das kirchliche Leben auswirken?

Man kann sich ja mit einem Blick auf den Zustand der EKD-Gemeinden vorstellen, wie es dann in den ehemals katholischen Gotteshäusern aussehen würde.

Kardinal Walter Brandmüller wird am 31. Juli im Pilgerhaus des Wallfahrtszentrums von Maria Vesperbild einen öffentlichen Vortrag halten zu dem Thema: „Die Rolle der Kirche für die Zukunft Europas“. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.