Das Wohl der Kinder steht im Zentrum

Klerus-Präfekt Kardinal Beniamino Stella erläutert die gewandelte Haltung des Vatikan zu Priestern, die Väter geworden sind. Von Guido Horst

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Ein Vater muss für sein Kind da sein – selbst wenn er geweihter Priester ist. Foto: stock.adobe.com
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Ein Vater muss für sein Kind da sein – selbst wenn er geweihter Priester ist. Foto: stock.adobe.com

Früher hat man wenig darüber geredet: Über Priester, die Vater eines Kindes geworden sind – was dann oft zur Folge hatte, dass dieses aufwuchs, ohne den eigenen Erzeuger zu kennen und in einer normalen Familie aufzuwachsen. Wer das ändern wollte, ist der irische Psychotherapeut Vincent Doyle, der nach dem Tod seiner Mutter selber erfahren hatte, einen Priester zum Vater zu haben, und daraufhin die internationale Vereinigung „Coping International“ gründete, die das Ziel hat, die Rechte der Priesterkinder in aller Welt zu verteidigen. Doyle hält Vorträge und gibt Interviews – vor kurzem erst in Rom. Er will die von Priestern gezeugten Kinder aus der Anonymität holen und „die vielen Personen“, die ihre Existenz der Beziehung zwischen einem Priester und einer Frau verdanken, psychologisch betreuen lassen. In einem Interview, das Doyle in jüngerer Zeit gegeben hat, sprach er auch von einem internen Dokument der vatikanischen Kleruskongregation, das er selber 2017 eingesehen haben soll, und das Richtlinien für den beschriebenen Fall gibt. Nachdem Vatikansprecher Alessandro Gisotti die Existenz dieses Papiers bestätigt hat, ging nun auch der Präfekt der Kleruskongregation, Kardinal Beniamino Stella, an die Öffentlichkeit und wählte den Weg eines vergangene Woche erschienenen Interviews mit der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“, um über den Inhalt des Dokuments zu informieren, das von manchen Medien – nicht korrekt – als „Geheimpapier“ bezeichnet worden war.

Zunächst erläuterte Stella, dass sich die Praxis seiner Kongregation vor zehn Jahren geändert habe. Und zwar habe der damalige Präfekt, Kardinal Cláudio Hummes, Papst Benedikt XVI. auf den Fall der unter vierzig Jahre alten Priester-Väter aufmerksam gemacht, die erst dann eine Dispens von ihren priesterlichen Verpflichtungen erhielten, wenn sie, wie es den damaligen geltenden Normen entsprach, die Altersgrenze von vierzig Jahren überschritten hätten. Der Wandel in der Praxis der Kleruskongregation vor zehn Jahren, so erklärte jetzt Kardinal Stella dem „Osservatore Romano“, hatte vor allem das Ziel, „das Wohl des Nachwuchses zu sichern, das heißt das Recht der Kinder, an ihrer Seite einen Vater und eine Mutter zu haben“. Auch Papst Franziskus habe sich in seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires in dieser Hinsicht geäußert und zum Beispiel in seinem Buch mit dem Rabbiner Abraham Skorka entschieden festgestellt, dass die vordringliche Aufmerksamkeit des Priesters dem Nachwuchs gelten müsse. Wie Stella präzisierte, ging es dabei nicht nur um den nötigen wirtschaftlichen Unterhalt: „Was das Aufwachsen eines Kindes begleiten muss, ist vor allem die Zuneigung der Eltern, eine angemessene Ausbildung, das heißt alles das, was eine wirksame und verantwortliche Vaterschaft vor allem in den ersten Jahren des Kindes ausmache.

Auch zu der Natur der Richtlinie seines Hauses äußert sich Stella in dem Interview mit dem „Osservatore Romano“, für den übrigens der neue Editions-Direktor des vatikanischen Mediendikasteriums, Andrea Tornielli, die Fragen stellte. Das Papier trage den Titel „Note hinsichtlich der Praxis der Kongregation für den Klerus hinsichtlich von Klerikern mit Nachwuchs“ und sei ein „technischer“ Text, der den Mitarbeitern seiner Kongregation in den betreffenden Fällen als Richtlinie diene. Darum sei er nicht veröffentlicht worden. Auch Doyle, so der Kardinal, habe das Dokument vor zwei Jahren einsehen können. In der Regel werde der Inhalt der Richtlinie den Bischofskonferenzen und Bischöfen dargestellt und erläutert, die solche Fälle zu entscheiden hätten.

In der Praxis, meinte Stella weiter, sehe das nun so aus, dass auch Priester vor dem Erreichen des Alters von vierzig Jahren so schnell wie möglich ihre Dispens von den priesterlichen Verpflichtungen erhielten. Es handele sich dabei um einige Monate, so dass der betreffende Geistliche sich möglichst schnell an der Seite der Mutter um das Wohl des Kindes kümmern könne. Sollte aus der Beziehung eines Priesters mit einer Frau Nachwuchs hervorgegangen sein, handele es sich um eine „nicht mehr rückgängig zu machende“ Situation, die auch davon nicht berührt werde, dass der Geistliche sich nach wie vor dafür geeignet hält, seinen priesterlichen Dienst auszuüben. Es gebe auch Fälle, dass ein Priester, der Vater geworden ist, nicht um die Dispens bitten wolle, weil die Beziehung zu der Frau gescheitert sein. Manche Bischöfe und Ordensoberen seien leider der Meinung, so Stella weiter, dass der Kleriker in einer solchen Lage seinen priesterlichen Dienst weiterführen könne, wenn der Nachwuchs finanziell versorgt und der Priester versetzt worden sei. Wenn der Geistliche sich dann weigere, um die Dispens zu bitten, würden die Fälle von den Oberen an die Kleruskongregation weitergeleitet, um den Betreffenden vom priesterlichen Dienst zu entbinden.

Ein Kind sei immer ein Geschenk Gottes, egal, wie es gezeugt worden sei. Der Kardinal fügte an, dass man den Betreffenden aus dem Klerikerstand entlasse, weil die elterliche Verantwortung eine Reihe von dauerhaften Verpflichtungen mit sich bringe, die nach der Gesetzeslage innerhalb der lateinischen Kirche mit der Ausübung des Priesteramts nicht zu vereinbaren sind. Ausnahmen seien sehr selten, etwa wenn der Fall so spät bekannt wird, dass die Kinder des Priesters bereits erwachsen sind, so der Präfekt der Kleruskongregation. In solchen Situationen empfehle sein Dikasterium den Bischöfen eine flexible Unterscheidung zwischen der tatsächlichen Praxis und den strengen Regeln der Kongregation.

Abschließend stellt der Präfekt klar, dass die Laisierung von Priestervätern nichts mit der grundsätzlichen Frage des Zölibats zu tun habe. „Die Tatsache“, so Stella, „dass einige Priester Beziehungen gehabt haben und Kinder zur Welt gekommen sind, berührt nicht das Thema des priesterlichen Zölibats, der eine kostbare Gabe für die lateinische Kirche darstellt, deren immer aktuellen Wert die letzten Päpste betont haben, vom heiligen Paul VI. bis Papst Franziskus.“ So wie auch, fährt Stella fort, das Verlassen einer ehelichen Beziehung und der Kinder nicht den immer aktuellen Wert der christlichen Ehe in Frage stelle. „Das Wichtige ist“, sagt Stella, „dass ein Priester in einer solchen Situation versteht, welche Verantwortung er für ein Kind hat: Dessen Wohl und Pflege müssen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Kirche stehen, damit dem Nachwuchs nicht nur das Lebensnotwendige nicht fehlt, sondern vor allem auch nicht die erzieherische Begleitung und die Zuneigung des Vaters.“