„Das Thema Kirche steht im Vordergrund“

Ein Gespräch mit Bischof Sergio Alfredo Gualberti in Bolivien zum „Jahr des Glaubens“. Von Anja Kordik

Bischof Sergio Alfredo Gualberti. Foto: Kordik
Bischof Sergio Alfredo Gualberti. Foto: Kordik

Vor genau 33 Jahren kam Bischof Sergio Alfredo Gualberti in Bolivien an: Der gebürtige Italiener arbeitete zunächst als Fidei-Donum-Priester in der Erzdiözese La Paz. Der Name „Fidei-Donum-Priester“ hat seinen Ursprung in der Enzyklika von Pius XII. In ihr fordert der Papst 1957 die Bischöfe der Welt auf, ihrer weltkirchlichen Verantwortung gerecht zu werden und Priester in Bistümer zu schicken, die nur wenige Priester haben. Bischof Gualberti war Beauftragter der Bolivianischen Bischofskonferenz für die Kirchlichen Basisgemeinden. Seit 2011 ist er Koadjutor der Erzdiözese Santa Cruz de la Sierra.

Exzellenz, wie nehmen Sie heute die bolivianische Wirklichkeit wahr?

Ich habe zwanzig Jahre im westlichen Teil, in der Andenregion gelebt, jetzt lebe ich im Osten, in einer mehr tropischen Region. Es sind zwei sehr verschiedene Wirklichkeiten eines Landes, geprägt von der Geografie, von Kultur und Geschichte. Erst seit etwa 70 bis 80 Jahren etwa gibt es überhaupt Verbindungen zwischen dem westlichen und dem östlichen Landesteil, und der Prozess der wechselseitigen Annäherung und Akzeptanz dauert bis heute an. Es ist weiterhin die große Aufgabe der bolivianischen Gesellschaft, die Gegensätze zu überwinden und beide Kulturen des einen Landes mit ihren jeweils positiven Werten in Einklang zu bringen. Denn die Menschen in Bolivien leiden unter der Gegensätzlichkeit.

Welchen Einfluss hat hier die katholische Kirche?

Die bolivianischen Bischöfe sind Gott sei dank sehr einig. Und diese Einheit ist ein Zeugnis, mit dem die Kirche hilft, die regionalen Ansprüche und Gegensätze in unserem Land zu überwinden. Wir wollen zeigen, dass wir trotz aller Gegensätze doch ein Volk in Bolivien sind und gemeinsam an unserer Zukunft bauen. In den Jahren vor der Präsidentschaft von Evo Morales hatten wir als Kirche mehr Möglichkeiten, bei der Lösung von sozialen Konflikten mitzuwirken. Heute ist es anders. Nichtsdestoweniger: Bleiben wir bei unserem Zeugnis und unseren regelmäßigen Aufrufen zur Einheit des Landes.

Was bedeutet der Aufruf des Papstes zum „Jahr des Glaubens“ für die Kirche in Lateinamerika?

Die Menschen in Lateinamerika haben ein starkes religiöses Empfinden, ein Sensorium für die Gegenwart Gottes. Und wenn sie sprechen, bringen sie dieses Gefühl mit großer Intensität zum Ausdruck. Wir als Kirche möchten aber im „Jahr des Glaubens“ erreichen, dass jeder Mensch zu einem vertiefteren Bewusstsein seines Glaubens gelangt, dass er als Christ persönlich Zeugnis ablegt. Das Glaubensjahr kann eine gute Hilfe sein, damit Menschen im Glauben wachsen und reifen können, persönlich und in der Gemeinschaft. So können Christen ein bedeutendes Zeugnis für die gesamte Gesellschaft ablegen.

Wie wird der Aufruf des Papstes in Ihrer Diözese aufgenommen?

Als Kirche von Santa Cruz möchten wir das Glaubensjahr zum Anlass nehmen, die Optionen zu stärken, die wir schon haben. Wir haben zum Beispiel schon einen von unserer Diözesansynode bestätigten Plan zur Ausbildung von Laien-Katecheten auf Ebene der Dekanate mit Kursen über zwei Jahre. In diesen Kursen sollen die Themen „Glauben“ und „Glaubenszeugnis“ weiter vertieft werden. In unserer Diözese sind auch besondere Wochen zur Reflexion aus Anlass des Glaubensjahres geplant. Ein großes Glaubensereignis im gesamten Bistum ist die jährliche Wallfahrt zum Bildnis der Unbefleckten Jungfrau von Cotoca, bei der bis zu 3 000 Pilger aus allen Dekanaten über zwanzig Kilometer und mehr zum Heiligtum der Jungfrau kommen. Diese Wallfahrt ist ein Höhepunkt auf dem Weg unserer Diözese auch im „Jahr des Glaubens“.

Gibt es auch auf Ebene der Bischofskonferenz Initiativen zum Glaubensjahr?

Das „Jahr des Glaubens“ wurde in Bolivien bereits mit einer großen feierlichen Liturgie in Cochabamba eröffnet. Von dort ausgehend werden nun die Initiativen in den verschiedenen Diözesen weiterentwickelt. Die Bischofskonferenz hat eine Broschüre vorbereitet mit einem sehr schönen Credo Papst Pauls VI. Und es gibt von Seiten der Bischofskonferenz konkrete Anregungen für die Pfarreien und alle Diözesen. So schreiten wir gemeinsam voran in dem Bemühen, Menschen für den Glauben zu sensibilisieren. Es gibt wichtige Gesten bei Gottesdienstfeiern, wenn zum Beispiel Jugendliche in einer Kirche Blätter mit dem Credo verteilen und alle gemeinsam das Glaubensbekenntnis beten. Es sind kleine, unspektakuläre Dinge, die in vielen Gemeinden geschehen – sie haben jedoch große Wirkung.

Welche Bedeutung haben die Basisgemeinden vor dem Hintergrund des Glaubensjahres?

In den Basisgemeinden versammeln sich Menschen im Namen Jesu Christi zur Feier des Glaubens. Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus steht im Mittelpunkt – um nichts anderes geht es. Dabei wird besonders die gemeinschaftliche Dimension des Glaubens sehr betont. Das gemeinsame Leben und Tun macht ja die Stärke dieser kleinen Gemeinschaften aus, bietet dem Einzelnen Möglichkeiten, persönlich zu wachsen. Im Jahr des Glaubens steht wesentlich das Thema „Kirche“ im Vordergrund, denn es geht auch um die Identität von Kirche und Zugehörigkeit zur Kirche. Vielen Menschen in Bolivien fehlt das Bewusstsein davon, dass jeder Getaufte Teil der universalen Kirche ist. Die Basisgemeinden sind ein Ort, an dem Gläubige erkennen können, was es heißt, auch in einer kleinen Gemeinschaft Teil der großen Kirche zu sein. Ein weiterer wesentlicher Aspekt: Der Glaube muss im Leben konkret werden, im persönlichen Leben des Einzelnen und im Leben der Gesellschaft. Der Papst hat ja aus Anlass des Glaubensjahres noch einmal betont: „Der lebendige Glaube zeigt sich in Werken der Nächstenliebe.“ In Lateinamerika wird Nächstenliebe auch als „promoción humana“, als Förderung des Menschen, als Befreiung oder auch soziale Gerechtigkeit bezeichnet. Immer aber geht es um den Menschen, der im Vordergrund stehen muss.

Wie weit bietet das „Jahr des Glaubens“ der Kirche Lateinamerikas auch Gelegenheit, über die sich rasant verändernde Wirklichkeit auf dem Subkontinent zu reflektieren?

Das „Jahr des Glaubens“ fügt sich ein in den Kontext dessen, was wir in Lateinamerika als „ständige Mission“ bezeichnen. Die zunehmenden neuen Probleme – Säkularismus in den Großstädten, der Vormarsch der Sekten – haben unsere Bischöfe schon 2007 bei ihrer Generalversammlung in Aparecida sehr beschäftigt. Es sind Probleme, die kein einzelnes Land, sondern Lateinamerika als Region betreffen. Sie erfordern eine umfassende Antwort, eine ständige Mission. Die Kirche darf also nicht am Rande der Gesellschaft bleiben, nicht abwarten. Sie muss eine wahrhaft missionarische Kirche sein, eine Kirche der Mission und für die Mission. Wir müssen zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi als Mittelpunkt kirchlichen Lebens zurückkehren. Denn wie ich schon gesagt habe: In den Gesellschaften Lateinamerikas gibt es ein starkes religiöses Gefühl. Aber Jesus Christus tritt bisweilen in den Hintergrund. Kehren wir also dahin zurück, das Evangelium Christi und das wesentliche Geheimnis unseres Glaubens mit klaren Worten zu verkünden. Das „Jahr des Glaubens“ hilft, damit wir uns über weitere Schritte auf dem Weg einer kontinentalen Mission klar werden. Denn es genügt nicht, eine „Kirche im Zustand der Mission“ zu sein, sondern es braucht weitere konkrete Schritte. Es braucht konkrete Ziele für die Evangelisierung, und da bedeutet das „Jahr des Glaubens“ eine große Hilfe.