Das Kreuz und die Liebe

Theologisch und persönlich – zwei Autoren liefern diskursive Zugänge zum Brennpunkt unseres Glaubens. Von Barbara Stühlmeyer

Stiftskirche Sainte-Waudru in Mons
Das „Stehen unter dem Kreuz“ gehört zum Kern christlichen Lebens. Foto: KNA

Es ist ein gewagtes und ein gelungenes Projekt, das neue Kreuzbuch von Klaus Berger und Clemens Bittlinger. In nachdenklichen, tiefgründigen, theologisch durchdachten und erfahren durchlittenen Beiträgen nähern die beiden so unterschiedlichen und zugleich auf vielfältige Weise miteinander verbundenen und deshalb erfolgreich aufeinander zuarbeitenden Autoren sich einem Thema, das heute, wie sie in ihren Vorwort zu Recht feststellen, kaum noch jemand versteht. Denn das Kreuz gehört zu jenen Geheimnissen des Glaubens, die vielfach unvermittelt bleiben, umgangen, sogar ausgeredet werden. Und das erweist sich, wie ein weiser Bischof einmal sagte, als größtes Verlustgeschäft unserer Zeit. Denn nur im Bleiben bei Christus, dem Gekreuzigten werden wir der Wahrheit inne, dass die Liebe stärker ist als der Tod.

Vielseitige Annäherung an ein großes Geheimnis

Am Beginn und am Ende dieses Buches steht deshalb das gesungene Gotteslob. Denn es war ein Lied, das zum zündenden Funken wurde, der das wärmende und wegweisende geistliche Feuer entfachte, das zwischen den beiden Buchdeckeln brennt. „Dieses Kreuz“ ist nämlich nicht nur der Titel des Buches, sondern auch jenes Liedes, das im EKD-Liederwettbewerb „Mein Reformationslied 2017“ als einer jener Gesänge ausgewählt wurde, die das Jubiläumsjahr begleiteten. Die verdichteten Glaubensinhalte des Gedichtes von Bittlinger, das in einer frei zugänglichen Audiofassung auf YouTube nachgehört werden kann, werden in sprachlich, inhaltlich und formal sehr unterschiedlichen Texten entfaltet. Und genau dies macht den Reiz dieses spirituellen Lesebuches aus.

Man kann sich von den Autoren dazu verlocken lassen, sich anhand narrativer, reflektierter, meditierter und grenzüberschreitender Theologie dem Kreuz zu nähern. Ebenso unterschiedlich wie die Stile der Texte sind ihre Längen und ihre Gliederung. Da findet sich eine Betrachtung des Kreuzweges ebenso wie das Nachdenken über das ganz persönliche Stehen unter dem Kreuz in der Liturgie oder eine komprimierte Darstellung der vielen Facetten des Themas Auferstehung in der Heiligen Schrift. Dass beide Autoren eine Neigung zum Blick über die kirchlichen Gartenzäune haben, ist ein weiterer Gewinn, der den Leser bei der Lektüre erwartet. Er betrifft nicht nur die Einbeziehung literarischer Rezeption von Glaubensgeheimnissen wie im Roman „Auferstehung“ von Leo Tolstoi oder dem Rekurs auf die geistliche Grundhaltung des Gehorsams, die sich, ausgehend vom Kreuzweg Jesu, den er nach der Ölbergnacht in Ergebung in den Willen des Vaters bis zum Tod am Kreuz zu gehen vermochte, im Laufe der Kirchengeschichte in ganz unterschiedlicher Weise ausprägt. Er zeigt sich auch in den vielen kleinen und tiefen persönlichen Zeugnissen, die Klaus Berger und Clemens Bittlinger in ihre Texte einfließen lassen.

Was daran deutlich wird ist: Beide haben das weise Bildwort von Haus Urs von Balthasar „das Kreuz ist das Wasserzeichen der Schöpfung“ in ihr Leben und Denken integriert. Deshalb finden sie es, wie die in verschiedenen Schriftarten gestalteten und daher optisch gut unterscheidbaren Texte zeigen, so verinnerlicht, dass ihnen die Gedanken zu diesem wichtigen Thema scheinbar unvermittelt zufallen. In Wirklichkeit aber sind Betrachtungen und Reflexionen, wie sie dem Leser in diesem Buch dargeboten werden, das Ergebnis einer konzentrierten Ausrichtung, die sich im geistlichen Leben als formende Kraft erweist.

Glauben lernen in der Schule von Kreuz und Liebe

Insofern haben Klaus Berger und Clemens Bittlinger mit „Dieses Kreuz. Weil die Liebe stärker ist“ mehr getan, als nur ein Buch zu schreiben. Sie haben einen Raum geschaffen, in dem man dazu verlockt wird, im Leben und im Glauben fortzuschreiten, in der christlichen Lehre auszuharren, in Geduld Anteil an den Leiden Christi zu haben, um so einst sein Reich erben zu dürfen. Diese Schule für den Dienst des Herrn kann man jederzeit betreten und wie im Rahmen jeder wirklich guten Pädagogik dort anfangen zu lernen, wo das Fenster der Seele sich gerade öffnet und der Inhalt deshalb besonders tief einsinken kann. Was das Ergebnis eines solchen geistlichen Lernprozesses ist, zeigen die Autoren in ihrem wundervoll prägnanten, die Heilsbotschaft wie in einem Samenkorn enthaltenen Schlusswort, das einer mittelalterlichen zisterziensischen Regel entnommen ist: „Wer singt wird auferstehen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Klaus Berger, Clemens Bittlinger: Dieses Kreuz. Weil die Liebe stärker ist.
Herder, Freiburg 2018, 153 Seiten, ISBN 978-3-451-37983-3, EUR 18,-