Das Kreuz, der neue Friedensbogen

Während seiner Ansprache bei der Generalaudienz am 26. Oktober 2011 fordert der Heilige Vater die Gläubigen auf, ein Reich des Friedens zu errichten

„Ein Zeichen, dass die Liebe stärker ist als jede Gewalt und jede Unterdrückung, stärker als der Tod.“ Foto: dpa
„Ein Zeichen, dass die Liebe stärker ist als jede Gewalt und jede Unterdrückung, stärker als der Tod.“ Foto: dpa

Der Wortgottesdienst zur Vorbereitung des Gebetstreffens in Assisi, der im Rahmen der Mittwochskatechese stattfand, war wegen des schlechten Wetters vom Petersplatz in die Audienzhalle verlegt worden. Die Pilger, die wegen des großen Andrangs keinen Platz in der Audienzhalle gefunden hatten, wurden vom Papst vor Beginn der Veranstaltung in der Aula im Petersdom begrüßt. In deutscher Sprache sagte er:

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, Euch in der Basilika Sankt Peter zu begrüßen, und heiße Euch alle herzlich willkommen. Ich hoffe, dass ihr trotz des Regens einen schönen Tag verbringen könnt. Und wenn auch leider die große Audienz geteilt werden musste, sollen doch der Segen und die Freude Gottes mit euch gehen. Bezeugt dem Herrn eure Dankbarkeit, euren Glauben. Tragt den Glauben und die Freude des Glaubens in die Welt hinaus und in den Alltag hinein. In diesem Sinne erteile ich am Schluss allen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

Bei der Predigt in der Audienzhalle

sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute nimmt der gewohnte Termin der Generalaudienz einen besonderen Charakter an, da morgen der „Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt“ in Assisi stattfinden wird – fünfundzwanzig Jahre nach der ersten historischen Begegnung, die vom seligen Johannes Paul II. einberufen worden war. Ich wollte diesem Tag die Bezeichnung „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ geben, um zum Ausdruck zu bringen, dass wir gemeinsam mit den Mitgliedern verschiedener Religionen sowie auch mit Menschen, die nicht gläubig sind, aber ernsthaft nach der Wahrheit suchen, unsere Verpflichtung, das wahre Wohl der Menschheit zu fördern und zum Aufbau des Friedens beizutragen, feierlich erneuern wollen. Wie ich bereits sagen durfte: „Wer unterwegs zu Gott ist, kann nicht umhin, den Frieden zu vermitteln, wer den Frieden aufbaut, kann nicht umhin, sich Gott zu nähern“.

Als Christen sind wir überzeugt, dass der wertvollste Beitrag, den wir für den Frieden leisten können, das Gebet ist. Aus diesem Grund finden wir uns heute als Kirche von Rom gemeinsam mit den in der heiligen Stadt anwesenden Pilgern im Hören des Wortes Gottes zusammen, um glaubend das Geschenk des Friedens zu erbitten. Der Herr kann unseren Geist und unser Herz erleuchten und uns dazu führen, in unserem Alltag und in der Welt Gerechtigkeit und Versöhnung zu schaffen.

Im Abschnitt des Propheten Sacharja, den wir gerade gehört haben, ist eine Verkündigung voller Hoffnung und Licht erklungen (vgl. Sach 9, 9). Gott verheißt das Heil, lädt dazu ein, „laut zu jubeln“, da dieses Heil sich bald verwirklichen wird. Es ist von einem König die Rede: „Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft“ (V. 9), doch derjenige, der angekündigt wird, ist kein König, der sich mit menschlicher Macht, der sich mit Waffengewalt zeigt; er ist kein König, der mit politischer und militärischer Macht herrscht; er ist ein guter König, der mit Milde und Demut vor Gott und vor den Menschen regiert, ein König, der anders ist, als die großen Herrscher der Welt: „Er reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin“ (ebd.), sagt der Prophet. Er offenbart sich, indem er auf einem Tier der einfachen Leute, einem Tier der Armen reitet, im Gegensatz zu den Mächtigen der Erde, denen die Streitwagen der Heere zur Verfügung stehen. Ja, er ist ein König, der diese Wagen, der die Kriegsbogen vernichten und den Völkern den Frieden verkünden wird (vgl. V. 10).

Wer aber ist dieser König, von dem der Prophet Sacharja spricht? Begeben wir uns für einen Moment nach Bethlehem und hören wir noch einmal, was der Engel zu den Hirten sagt, die Nachtwache bei ihrer Herde halten. Der Engel verkündet eine Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll und an einem Zeichen der Armut erkannt wird: ein Kind, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt (vgl. Lk 2, 8–12). Und die himmlischen Heerscharen singen: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (V. 14), den Menschen guten Willens. Die Geburt dieses Kindes, Jesus, bringt der ganzen Welt eine Verkündigung des Friedens.

Doch begeben wir uns auch zu den letzten Momenten im Leben Christi, als Er, von einer freudigen Menschenmenge empfangen, in Jerusalem einzieht. Die Ankündigung des Propheten Sacharja, ein demütiger und guter König werde kommen, kam den Jüngern Jesu besonders nach den Ereignissen des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung, des Ostergeheimnisses, in den Sinn, als sie mit den Augen des Glaubens an jenen freudigen Einzug des Meisters in die Heilige Stadt zurückdachten. Er reitet auf einer geliehenen Eselin (vgl. Mt 21, 2–7): er sitzt nicht auf einem prächtigen Wagen, reitet nicht auf einem Pferd, wie die Mächtigen. Er zieht nicht in Begleitung eines mächtigen Heeres von Streitwagen und Reitern in Jerusalem ein. Er ist ein armer König, der König derjenigen, die die Armen Gottes sind.

Im griechischen Text erscheint der Ausdruck „praeîs“, der die Guten, die Milden, bedeutet; Jesus ist der König der „anawim“, derer, deren Herz frei von dem Verlangen nach Macht und weltlichem Reichtum, von dem Wunsch und dem Versuch, über andere zu herrschen, ist. Jesus ist der König derer, die jene innere Freiheit besitzen, welche befähigt, die Gier zu überwinden, den Egoismus, der in der Welt herrscht, und die wissen, dass Gott allein ihr Reichtum ist. Jesus ist der arme König unter den Armen, der Sanftmütige unter denen, die sanftmütig sein wollen. Auf diese Weise ist Er der König des Friedens, dank der Macht Gottes, die die Macht des Guten, die Macht der Liebe ist. Er ist ein König, der die Streitwagen und Streitrösser, der die Kriegsbogen vernichten wird; ein König, der den Frieden am Kreuz verwirklicht, der den Himmel und die Erde vereint und eine Brücke der Brüderlichkeit unter allen Menschen schlägt. Das Kreuz ist der neue „Friedensbogen“, Zeichen und Werkzeug der Versöhnung, der Vergebung, des Verständnisses, ein Zeichen, dass die Liebe stärker ist als jede Gewalt und jede Unterdrückung, stärker als der Tod: das Böse wird durch das Gute besiegt, durch die Liebe.

Das ist das neue Reich des Friedens, in dem Christus König ist: und es ist ein Reich, das sich über die ganze Erde erstreckt. Der Prophet Sacharja verkündet, dass dieser gute, friedliche König „von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde“ (Sach 9, 10) herrschen wird. Das Reich, das Christus öffnet, hat allumfassende Dimensionen. Der Horizont dieses sanftmütigen, armen Königs ist kein Gebiet, kein Staat, sondern es sind die Enden der Erde; über jede Schranke der Rasse, der Sprache, der Kultur hinaus schafft Er Gemeinschaft, schafft Er Einheit.

In seinem Leib sind die Menschen vereint

Und wo sehen wir diese Verkündigung heute verwirklicht? Im großen Netz der eucharistischen Gemeinschaften, das sich über die ganze Erde ausbreitet, taucht leuchtend die Prophezeiung des Sacharja wieder auf. Es ist ein großes Mosaik an Gemeinschaften, das Jesu „Reich des Friedens“, von Meer zu Meer bis an die Enden der Erde, darstellt, es ist eine Vielzahl von „Inseln des Friedens“, die Frieden ausstrahlen. Überallhin, in jede Kultur, von den großen Städten mit ihren prächtigen Häusern bis hin zu den kleinen Ortschaften mit ihren einfachen Behausungen, von den mächtigen Kathedralen bis zu den kleinen Kapellen, kommt Er, überall wird Er gegenwärtig; und indem sie in Gemeinschaft mit Ihm eintreten, sind auch die Menschen untereinander in einem einzigen Leib vereint und überwinden Trennungen, Rivalitäten, Ressentiments. Der Herr kommt in der Eucharistie, um uns aus unserem Individualismus herauszuholen, aus unseren Parteilichkeiten, die andere ausschließen, um uns zu einem Leib zu machen, zu einem einzigen Reich des Friedens in einer gespaltenen Welt.

Doch wie können wir dieses Reich des Friedens schaffen, dessen König Christus ist? Das Gebot, das er seinen Aposteln und über sie uns allen hinterlässt, lautet: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern ... Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 19–20). Wie Jesus müssen sich die Friedensboten seines Reiches auf den Weg machen, sie müssen auf Seine Einladung antworten. Sie müssen sich aufmachen, aber nicht mit Macht oder Kriegsgewalt. In dem Abschnitt aus dem Evangelium, den wir gehört haben, sendet Jesus zweiundsiebzig Jünger zur großen Ernte aus, die die Welt darstellt, und fordert sie dazu auf, den Herrn der Ernte zu bitten, dass es bei der Ernte nie an Arbeitern mangeln möge (vgl. Lk 10, 1–3); doch er schickt sie nicht ausgerüstet mit Mitteln der Macht, sondern „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (V. 3), ohne Geldbeutel, Vorratstasche und Schuhe (vgl. V. 4). Der heilige Johannes Chrysostomus kommentiert in einer seiner Predigten: „Solange wir Lämmer sind, werden wir siegen, und auch wenn wir von vielen Wölfen umringt sind, wird es uns gelingen, sie zu bezwingen. Doch wenn wir Wölfe werden, werden wir unterliegen, weil der Hirt uns nicht helfen wird“ (Homilie 33, 1: PG 57, 389). Die Christen dürfen niemals der Versuchung nachgeben, zum Wolf unter Wölfen zu werden; das Friedensreich Christi breitet sich nicht durch Macht, durch Herrschaft, durch Gewalt aus, sondern durch Selbsthingabe, durch Liebe, die bis zum äußersten geht, auch gegenüber den Feinden. Jesus besiegt die Welt nicht mit Waffengewalt, sondern mit der Kraft des Kreuzes, das die wahre Gewährleistung des Sieges darstellt. Und das hat für denjenigen, der ein Jünger des Herrn, der Sein Gesandter sein will, auch die Bereitschaft zum Leiden und zum Martyrium zur Folge, die Bereitschaft, das eigene Leben für Ihn zu verlieren, damit in der Welt das Gute, die Liebe, der Frieden triumphieren. Das ist die Bedingung, um überall sagen zu können: „Friede diesem Haus“ (Lk 10, 5).

Vor dem Petersdom befinden sich zwei große Denkmäler des heiligen Petrus und des heiligen Paulus, die einfach zu erkennen sind: der heilige Petrus hält die Schlüssel in der Hand, der heilige Paulus hingegen hält ein Schwert in Händen. Wer die Geschichte des Letzteren nicht kennt, könnte denken, es handele sich um einen großen Befehlshaber, der mächtige Heere geführt und mit dem Schwert Völker und Nationen unterworfen hat, um durch das Blut Anderer Ruhm und Reichtum zu erwerben.

Paulus blieb der Wahrheit bis zum äußersten treu

Doch genau das Gegenteil ist der Fall: das Schwert, das er in Händen hält, ist das Instrument, durch das Paulus gestorben ist, durch das er das Martyrium erlitten und sein eigenes Blut vergossen hat. Sein Kampf war kein gewaltsamer, kein kriegerischer Kampf, sondern der des Martyriums für Christus. Seine einzige Waffe war, „Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2, 2) zu verkünden. Seine Verkündigung gründete nicht „auf Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden“ (V. 4). Er widmete sein Leben der Verbreitung der Frohen Botschaft der Versöhnung und des Friedens und setzte seine ganze Energie dafür ein, sie bis an die Enden der Erde hörbar zu machen. Und das war seine Kraft: er hat kein ruhiges, bequemes Leben fern aller Schwierigkeiten, aller Unannehmlichkeiten, gesucht, sondern er hat sich für das Evangelium aufgerieben, er hat sich selbst vorbehaltlos ganz verschenkt und ist so der große Bote des Friedens und der Versöhnung Christi geworden. Das Schwert, das der heilige Paulus in Händen hält, erinnert auch an die Kraft der Wahrheit, die häufig verletzen, die häufig weh tun kann; der Apostel ist dieser Wahrheit bis zum äußersten treu geblieben, er hat ihr gedient, er hat für sie gelitten, er hat sein Leben für sie hingegeben. Dieselbe Logik gilt auch für uns, wenn wir Boten für das Reich des Friedens und der Versöhnung sein wollen, das der Prophet Sacharja verkündet und Christus verwirklicht hat: Wir müssen bereit sein, persönlich zu bezahlen, an erster Stelle Unverständnis, Ablehnung, Verfolgung zu erleiden. Es ist nicht das Schwert des Eroberers, das den Frieden schafft, sondern das Schwert des Leidenden, dessen, der sein Leben hinzugeben vermag.

Liebe Brüder und Schwestern, als Christen wollen wir Gott um das Geschenk des Friedens bitten, wollen wir ihn bitten, dass er uns in einer Welt, die noch von Hass, von Spaltungen, von Egoismus, von Kriegen zerrissen ist, zu Werkzeugen seines Friedens macht, wollen wir ihn bitten, dass die morgige Begegnung in Assisi den Dialog zwischen den Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit fördere und einen Lichtstrahl bringe, der Herz und Verstand aller Menschen zu erleuchten vermag, auf dass die Feindseligkeit der Vergebung, die Spaltung der Versöhnung, der Hass der Liebe, die Gewalt der Sanftmut Platz mache und in der Welt Friede herrsche. Amen.

Nach der Predigt begrüßte der Papst die deutschsprachigen Pilger:

Liebe Brüder und Schwestern aus den Ländern deutscher Sprache! Danke! Einen herzlichen Gruß richte ich zunächst an die Teilnehmer der Romwallfahrt des Internationalen Kolpingwerks. Seit der Seligsprechung von Adolph Kolping sind zwanzig Jahre vergangen. Wir hoffen alle, dass die Heiligsprechung nahe ist, aber wir brauchen noch Gebet dazu, damit wir das Wunder erhalten, das nötig ist. Aber ich freue mich, dass so viele gekommen sind, und ich sehe darin doch die Kraft des Kolpingwerks, welche eine Kraft des Glaubens in unserem Land ist. Wie ihr wisst und soeben gehört habt, werde ich morgen in Assisi zusammen mit Vertretern verschiedener Religionen einen Tag der Reflexion, des Gesprächs und des Gebets für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt halten. Ich möchte euch einladen, euch im Gebet mit mir zu verbinden und den Herrn um seinen Segen für ein friedliches Miteinander aller Menschen und Völker zu bitten. Der dreifaltige Gott begleite uns bei unserem Reden und Tun und lasse uns stets seiner Nähe gewiss sein. Euch allen wünsche ich einen frohen Aufenthalt in Rom.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller