Das Konzil in Schwarz-Weiß

Ein Blick in Massimo Faggiolis konfliktfreudige Auseinandersetzung mit dem Zweiten Vatikanum. Von Urs Buhlmann

Ob die nachkonziliare Liturgiereform tatsächlich dem Willen der Konzilsväter (die Aufnahme zeigt den Abschluss der Sessio am 4. Dezember 1963) entsprach, ist eine schier unerschöpfliche Diskussionsquelle. Foto: KNA
Ob die nachkonziliare Liturgiereform tatsächlich dem Willen der Konzilsväter (die Aufnahme zeigt den Abschluss der Sessi... Foto: KNA

Der Untertitel zum Buch wird den in die Irre führen, der hastig liest: Keinen Schlüssel zur Liturgie-Konstitution des letzten Konzils will Massimo Faggioli liefern, sondern nichts weniger als den Beweis, dass Sacrosanctum concilium der Schlüssel zum ganzen Zweiten Vatikanischen Konzil ist.

Der italienische, in den USA lehrende Historiker – also kein Liturgiewissenschaftlicher – kommt aus der Bologneser Schule des Giuseppe Alberigo, in der – so sagen viele – die wahre Auslegung des Zweiten Vatikanums gelehrt wird. Es ist wohl dem in Bologna gelernten Selbstbewusstsein geschuldet (oder der Reaktion des Verlages davor), dass dem Buch mehrere Zitate voranstehen, in dem die Studie als „mutig“ und „bahnbrechend“ gelobt wird. Faggioli beklagt, dass zunehmend die innere Kohärenz der Konzilsdokumente – bekanntlich wurde Sacrosanctum concilium (SC) als erstes und mit sehr großer Mehrheit verabschiedet – verloren gehe und dass eine neue Generation von Historikern und Theologen nichts mehr vom engen Zusammenhang von Liturgiereform, „aggiornamento“ und der Reform der Kirche insgesamt wisse.

Eine bestimmte Lesart soll um jeden Preis gelten

Faggioli hält mit seiner Kernthese nicht lange hinter dem Berg, dass nämlich die Inhalte der Liturgie-Konstitution die Kirchenlehre des Konzils maßgeblich beeinflusst haben, ja, dass das ganze Konzil ohne SC quasi in der Luft hänge. In und durch die Liturgie nämlich sei – und hier zitiert er Pierre-Marie Gy und Cipriano Vagaggini – eine „Bewegung“ geschaffen und der „Geist“ bekräftigt worden, der die künftigen Wege eröffne. Das sind bekannte Vokabeln der Konzilspartei, die den „Geist“ immer gerne anführen, wenn man sich nicht in die Karten schauen lassen und schon gar nicht an die Tradition rückbinden will. Es wird dann recht bald die „winzige Minderheit katholischer Traditionalisten“ erwähnt, die Widerstand gegen die Liturgiereform geleistet haben und noch leisten.

Hier wird der Autor unsachlich: Für ihn ist Opposition gegen die Liturgiereform gleichbedeutend mit Widerstand gegen das Konzil. Damit ist quasi der cantus firmus seines Buches gefunden und Faggioli wiederholt diese Anklage künftig so oft, dass auch ein geduldiger Leser irgendwann aufhört zu zählen. Doch ist es zum einen inkorrekt, die Gegner der Liturgiereform als unbedeutende, zu vernachlässigende Minorität abzuwerten. Denn nicht nur haben die Konservativen in den vergangenen fünf Jahrzehnten ihren Platz in der Kirche behauptet und machen keine Anstalten, abzutreten. Sie stellen sich auch vielgestaltiger dar, als der Autor sie zeichnet: Neben den Anhängern des Erzbischofs Lefebvre, die in der Tat nicht nur die reformierte Liturgie, sondern andere wesentliche Inhalte des Konzils ablehnen, gibt es eine große und wachsende Schar, die letzteres nicht tun und sich aus der Kirche nicht vertreiben lassen wollen, nur weil sie an der vorkonziliaren lateinischen Liturgie festhalten. Für sie hat Faggioli nur Unverständnis und Unwillen übrig – nach der bekannten Vorgehensweise der Liberalen, die äußerst illiberal reagieren, wenn man ihnen nicht folgt.

Es passt, wenn er sich im folgenden die steile These Peter Hünermanns vom absolut rechtsverbindlichen Charakter des letzten Konzils zu eigen macht, dessen Dokumente den Charakter als „Konstitution“ schlechthin, als geradezu grundgesetzartige Texte für Kirche und Christentum, innehätten, denen also eine „wesentlich andere Autorität“ eigne als alles andere, was man sich sonst noch vorstellen könne. Ein Schelm, wer denkt, dass die Angst, eine offenbar immense Angst, hier der Urheber der Gedanken ist. Dass die Beschlüsse des Zweiten Vatikanums, wie die jedes anderen Konzils auch, für alle Kirchenglieder verbindlich sind, wird ja von niemandem – außer von den Gruppen des rechten Randes – bestritten.

Tatsächlich geht es bei einem so begründeten erbitterten Festhalten am Konzil nicht um das Zweite Vatikanum, sondern um eine bestimmte Lesart dieser Kirchenversammlung und ihrer Texte, die mit brachialer Gewalt ein für allemal festgeschrieben werden soll. Hier ist das Wirkungsfeld des berühmten „Geistes des Konzils“ , den authentisch zu interpretieren nur bestimmte Theologen in der Lage sind. Ergänzend verwendet Faggioli zwei weitere vielseitig zu deutende Worte, die seiner Meinung nach kennzeichnend für die Texte der Zweiten Vatikanums sind: Ressourcement als Rückbesinnung auf die Väter und Rapprochement als Brückenschlag zur modernen Welt, bestehend in „einer versöhnten und vereinigten Vision der Kirche, des christlichen Lebens, des existenziellen Zustandes der Gläubigen in der Welt“. Stolz weist er darauf hin, dass das Ressourcement in SC seine Spuren in einem Gleichgewicht von Bibelzitaten (23 Fußnoten von 42), Kirchenvätern und Zitaten des Trienter Konzils hinterlassen hat. Verwirrend ist es allerdings, wenn er den Anhängern einer „neuen liturgischen Bewegung“ vorwirft, dass ihnen genau deswegen die Konstitution suspekt sei. Wie soll ein Traditionalist etwas gegen den Rückbezug auf die Tradition haben? Allerdings fiel unter Ressourcement auch ein gelegentlich verfälschender Umgang mit den Quellen, wie das Beispiel des II. Hochgebets belegt, das angeblich auf die Traditio apostolica des Hippolyt vom Rom zurückgehe, wie von einigen aktuellen Internetseiten immer noch, wie zuvor schon von namhaften Forschern, behauptet wird. Tatsächlich ist es eine nachkonziliare „Bastelarbeit“ mit diversen Kürzungen und Hinzufügungen, eine Vorgehensweise, wie sie nach dem Konzil üblich wurde – aber immer unter Berufung auf die Tradition.

Was das Rapprochement angeht, haben für Faggioli außer der Liturgie-Konstitution noch das Ökumenismus-Dekret Unitatis redintegratio, die Erklärung Nostra aetate zu den nicht-christlichen Religionen und die Pastoral-Konstitution Gaudium et spes Brückenschlag-Charakter – sicher zu Recht.

Drei Elemente benennt Faggioli als Kern der Ekklesiologie von Sacrosanctum concilium, wie er ihn im zweiten, vierten und fünften Artikel des Dokuments antrifft. Erstens: Die Kirche habe eine menschliche und eine göttliche Dimension („sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet“). Zweitens: Aus ihrem Mitleben in der Weltgeschichte ergebe sich ihr Verhältnis zu Wandel und Tradition, es gelte nun „gleiches Recht und gleiche Ehre“ für alle liturgischen Riten der katholischen Kirche und drittens: Erstmals werde in Sacrosantum concilium die Kirche selber als Sakrament aufgefasst, wie es aus der Seitenwunde Christi hervorgegangen sei. Die ekklesiologische Konstitution Lumen gentium habe später diesen Gedankengang fortgeführt, wenn auch soziologischer angelegt. Faggioli: „Sacrosanctum concilium nimmt eine prioritäre Stellung in der Hermeneutik des Zweitens Vatikanums ein, nicht weil es das erste Dokument war, das approbiert wurde, sondern weil es in allen Grundlagentexten des Konzils textliche und konzeptionelle Verbindungen zur theologischen Neuausrichtung gibt, die durch die Liturgie-Konstitution betrieben wurde.“

Als Fortschritt und auf die von ihm als Ressourcement bezeichnete Begegnung mit den Kirchenvätern zurückgehend sieht der Autor das Ende der Zentralisierung der liturgischen Gesetzgebung, die nun in SC 22 auch den Bischöfen zukomme, wenn er auch ein „unsicheres Bewusstsein des Konzils“ in Bezug auf die praktischen Folgen beklagt. In der Tat hat diese Klausel die Dinge nicht einfacher gemacht: Immer noch ist es den Bischöfen des deutschsprachigen Raumes nicht möglich gewesen, den im April 2012 geänderten Wandlungstext zum Kelchwort während der Messe („viele“ statt „alle“) zu approbieren. Selbst bei der harmlos erscheinenden Einfügung des heiligen Joseph in den Kanon der Hochgebete II–III, die unter Papst Franziskus im Mai 2013 verfügt wurde, gibt es noch keine einheitliche Regelung, die für andere Sprachen problemlos möglich war – so viel zur neuen Freiheit!

Die Nagelprobe einer viele Menschen betreffenden Reform ist der Umgang mit ihren Gegnern. Hier hatte die Kirche zunächst ihre in Jahrhunderten gewachsene pastorale Klugheit vergessen, wenngleich der alte Ritus – wie immer wieder und auch bei Faggioli zu lesen ist – nie komplett aufgehoben war. Wie aber der Autor zu der von Papst Benedikt XVI. erlassenen (Motu proprio Summorum pontificium vom Juli 2007) und von Papst Franziskus jüngst gegenüber italienischen Bischöfen bekräftigten breiteren Öffnung des vorkonziliaren und nun als „außerordentlich“ bekannten Ritus steht, ist nicht überraschend: Er kann, in grotesker Verkennung des Ratzingerschen Ansatzes, dahinter nur den Versuch erkennen, die Lefebvristen wieder ins Boot zu holen. Zudem: „Wenn durch die Wiedereinführung eines bereits aufgehobenen liturgischen Ritus die lex orandi des Zweiten Vatikanums verschwindet, so weicht auch die lex credendi und die Grundform (Gestalt) des Glaubens, wie sie beim II. Vatikanum vom ekklesiologischen Standpunkt aus in der Liturgiekonstitution ausgedrückt (...) wurde (...).“ Daher müssen – hier spürt man eine gewisse Schärfe – „Betriebsgrundsätze“ her, zu denen eben auch „verständliche moderne Sprachen“ gehören. Die Freunde des alten Ritus stehen für den Autor in der Nähe zum Antisemitismus – „welcher einem Großteil der Antikonzilskultur nicht zufällig innewohnt“. Ebenso pauschal erklärt er sie zu Reaktionären, wenn er sagt: „Die revisionistischen Interpretationen des größten religiösen Ereignisses des 20. Jahrhunderts werden von einer neokonservativen ideologischen Ansicht angetrieben, welche die vorkonziliare Kirche als den einzigen Ausweg für die westliche Zivilisation, die in der Krise steckt, ansieht (...).“ Und widerspricht sich gleichzeitig, wenn es an anderer Stelle heißt: „Doch in den vergangenen Jahren und seit einiger Zeit ist es in der katholischen Kirche möglich geworden, eine Ablehnung der Liturgiereform zu befürworten, ohne für eine direkte Ablehnung des Konzils zu sein.“

Hier hätte man gerne mehr erfahren, denn eine nähere Behandlung dieses Ansatzes hätte dem Buch etwas von seiner essigsauren Schärfe und Unversöhnlichkeit genommen. So aber bleibt es beim Schwarz-Weiß-Denken, das am Ende dazu führt, dass Faggioli eben genau den Fehler macht, den er den „Revisionisten“ vorwirft – einen bestimmten Stand des liturgischen Lebens ein für allemal festschreiben und konservieren zu wollen. Tatsächlich ist das einzige Sichere in der Liturgie ihr fortwährender Wandel, dem ständigen Reden der Traditionalisten von der „Messe aller Zeiten“ zum Trotz. Zu einer der wichtigeren Zukunftsfragen, der nach der Gebetsrichtung – die den lateinischen Ritus seit der Reform in einen Gegensatz zu den meisten Ostkirchen und kirchlichen Gemeinschaften der Reformation stellt –, hört man so gut wie nichts von Faggioli. Aber es ist eben auch eine Mär, dass „das Konzil“ die Zelebration versus populum angeordnet habe, dies tut nicht einmal das nachkonziliare Messbuch. Ein Ähnliches trifft für die Nicht-Verwendung des Latein zu. Hier läge der gemeinsame Grund, auf dem sich Anhänger des alten und neuen Ritus treffen und verständigen könnten. Wenn alle Riten der Kirche zu ihrem Recht kommen sollen, wie es das Konzil forderte, warum soll dies nicht für den vorkonziliaren Usus zutreffen?

Allerdings nicht nach Meinung Massimo Faggiolis, der wohl für eine Mehrheit der aktuell wirkenden Liturgiker (der er ja eigentlich nicht ist) steht. Sein Werk ist in seiner polemischen Unbeherrschtheit zugleich ein Zeugnis dafür, wohin man gerät, wenn man sich der von Papst Benedikt empfohlenen „Hermeneutik der Kontinuität“ verschließt. So wird der liturgische Frieden noch auf sich warten lassen; Faggiolis Buch ist in erster Linie das Dokument der enormen Furcht einer liturgischen Nomenklatura, die ahnt, dass die Dinge sich zu ändern beginnen. Das Bollwerk, das dagegen aufzogen wird, ist die Ernennung des letzten Konzils zum „geistgewirkten Ereignis“, das größer sei als die Texte, die dabei verabschiedet wurden. Dieses „Etwas“, dieser „Geist“, dieses „Ereignis“ – der Autor zitiert mehrfach den Jesuiten John O'Malley, der das Konzil ein „Sprachereignis“ nennt – sei daher der Ausgangspunkt für die rechte Interpretation der Konzils-Dokumente. Damit ist eine neue Über-Hermeneutik gefunden, mit der man Lehre und Tradition der Kirche getrost hinter sich lassen kann. Nur so ist zu erklären, dass die Anhänger dieser Lehre offen von der „Kirche des II. Vatikanums“ sprechen können. Doch steht es um die Liturgiereform so schlecht, dass sie derartige Verteidiger nötig hat?

Massimo Faggioli, Sacrosanctum Concilium – Schlüssel zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien, 2015, 240 S., ISBN 978-3-451-31283-0, EUR 29,99