Das Ideal des christlichen Gentleman

John Henry Newman in einem vielschichtigen Porträt

Was fällt dem Beobachter zunächst auf, wenn er das Zimmer John Henry Newmans (1801–1890) im Birminghamer Oratorium betritt? Wohl die ganz und gar neuzeitliche, nicht wirklich zum übrigen Stil des Raumes passende Gaslampe auf dem Schreibtisch. Niemand anderer als der liberale britische Premierminister Gladstone hatte sie seinem Freund, dem englischen Oratorianer-Kardinal Newman, geschenkt. Und dieser, wiewohl er bisher seine Schriften am Sekretär stehend unter Kerzenlicht abgefasst hatte, umgeben von seiner gewaltigen Bibliothek, in die die Studierstube des Theologen quasi hinein gebaut worden war, machte fortan guten Gebrauch von der damals aufsehenerregenden technischen Neuerung. Nur ein Detail aus dem Leben des Jahrhunderttheologen und modernen Kirchenlehrers – eines von vielen, das uns der gelungene Sammelband über „John Henry Newman – Oratorianer und Kardinal“ mitteilt, den dessen Wiener Confrater Paul Bernhard Wodrazka gemeinsam mit anderen Oratorianern und namhaften Theologen Newman gewidmet hat.

Es ist schon der zweite Band zu den Quellen oratorianischen Lebens, der aus der rührigen Wiener Niederlassung der Priestergemeinschaft hervorgeht, die an St. Rochus im Bezirk Landstraße ihren Sitz hat. Im letzten Jahr stellte Pater Wodrazka uns den Gründer dieser ausdrücklich nicht als Orden konzipierten Gemeinschaft vor, den römischen Stadtheiligen und „Apostel der Freude“, Philipp Neri.

Wegmarke für die Oxfordbewegung

Newman ist bei uns hauptsächlich wegen seiner nach langem inneren Ringen vollzogenen Konversion zur römischen Kirche ein Begriff. Dies war zugleich eine wichtige Wegmarke für die hochkirchlich orientierte Oxfordbewegung, die seit 1833 versuchte, die anglikanische Kirche durch Rückführung auf die „katholischen“ und apostolischen Ursprünge vom theologischen Liberalismus und staatlich verordneten Säkularismus zu entfernen. Nicht in jedem Fall führte dies – wie 1845 bei Newman – zur Aufnahme in die katholische Kirche, doch war das Oxford Movement von entscheidender Bedeutung für den Prozess der schrittweisen Wiederzulassung der katholischen Kirche im Vereinigten Königreich und zur Überwindung der im 19. Jahrhundert immer noch virulenten, ebenso plumpen wie wirkungsmächtigen antikatholischen Vorurteile. Dem Ziel, ein gleichsam aus den gemeinsamen Quellen erneuertes und gereinigtes anglikanisches Christentum als „Via Media“ anzubieten, hatte Newman lange hoffnungsfroh angehangen, war aber nach Gebet und Studium zu der Erkenntnis gelangt, dass dies unmöglich, vielmehr die von ihm verehrte und geforderte „Kirche der Väter“ mit der römischen gleichzusetzen sei.

Böte dieser Lebens- und Glaubensweg nicht allein schon Stoff für aufschlussreiche Detailuntersuchungen zum Theologen Newman und seiner Zeit – im Buch etwa durch Aufsätze von Ratzinger, Fries und Scheffczyk vertreten – so kann der Leser sich zugleich auch von der Aktualität des Briten überzeugen, dessen Lebenszeit fast ein Jahrhundert umspannte. Besonders gut gelingt dies der Dresdener Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die über das Gewissen als Organ der Wahrheitsfindung bei J. H. Newman schreibt und damit ein zentrales Element seiner Theologie aufgreift. Sie macht zunächst darauf aufmerksam, dass Newman als eher unsystematischer oder, positiver formuliert, als biografisch-existenzieller Denker einzuordnen ist. Gerl-Falkovitz weiter: „Newmans revolutionärer Übertritt, der ganz England aufstörte, war die Folge eines immer feiner ausgebildeten Gewissens. Und dieses zwingende Handeln aus dem Gewissen geht bei Newman einher mit einer deutlichen Kritik der Vernunft. Vernunft/reason galt im aufgeklärten England des 19. Jahrhunderts als einziger Maßstab des Handelns – ihm hatte sich auch das Christentum zu beugen. Newman bemerkte später in seinem untergründig humorvollen Stil, dass der Raum der Theologiedozenten an der Universität Oxford nur noch „nach Logik stank“. In des Kardinals eigenen Worten: Der Inbegriff „aller falschen Weisheit ist das Vertrauen in unsere eigene Kraft, religiöse Wahrheiten zu ergründen, statt sie anzunehmen. In der Welt, welche nicht nach Wahrheit, sondern nach Vorteil fragt, wird die Vernunft an die Stelle des Gewissens gesetzt und maßt sich dessen Hoheit an.“

Der Akzent, der auf dem Gewissen als nur scheinbar subjektiver Entscheidungsinstanz liegt, stellt eine Brücke vom Denken des viktorianischen Engländers in unsere Zeit dar, die das vordergründig autonom handelnde Subjekt geradezu zum Fetisch erhoben hat. Newman will dem Menschen nicht seine Freiheit nehmen, sie vielmehr durchbilden. Für ihn war nämlich klar – und zwar aus der Beobachtung seiner selbst wie aus der Bibellektüre – dass der erste Impuls, der sich beim Menschen meldet, in der Regel die entscheidende Stimme sei – bei längerem Zuwarten werde diese aber durch fehlgeleitete „Vernunftargumente“ überdeckt: „Oft hört man sagen, die zweiten Gedanken seien die besten. Dies mag von Gegenständen der Überlegung stimmen, aber nicht in Dingen des Gewissens. In Dingen der Pflicht sind in der Regel die ersten Gedanken die besten, in ihnen redet Gott zu uns (...) Gott gibt uns dann und wann Warnungen, aber er wiederholt sie nicht.“

Die Vernunft, so Newman, spiele uns dagegen üble Streiche, weil sie uns Gründe liefere, mit denen sich auch schlechte Handlungen verteidigen ließen. Selbst wenn dabei noch einmal gute Gedanken zurückkämen, sei der Geist mittlerweile so verwirrt, dass er nicht mehr klar zwischen Recht und Unrecht unterscheiden könne. In diesem Denken gibt es ein verbindendes Element zu Benedikt XVI., der seinerseits nicht müde wird, gegen die Verwechslung von Gewissensfreiheit und Eigenwillen zu demonstrieren. Es wird zudem deutlich: Newman war nicht nur ein glänzender Theologe und Denker, sondern auch ein eminenter, ganz praktisch denkender Seelsorger – und darin ein guter Sohn des heiligen Philipp Neri, dem es immer um das Seelenheil derer zu tun war, mit denen er umging. Für Newman, so kann Gerl-Falkovitz dann folgern, war das Gewissen sogar der „erste, ursprüngliche und wichtigste Gottesbeweis“ – eigentlich nicht überraschend bei jemandem, der den bekannten philosophischen Gottesbeweisen eher gleichgültig und unberührt gegenüberstand. Gerl-Falkovitz: „Das Gewissen weiß, dass es (...) mit Jemand, nicht mit Etwas zu tun hat“. Gelingt mit Hilfe des britischen Oratorianers ein Brückenbau zur Moderne, die über dem Subjekt nichts Höheres mehr hinaus anzuerkennen vermag? Jedenfalls wird der bahnbrechende, gar nicht zu unterschätzende Ansatz des auf Abbildungen immer vornehm-zurückhaltend einherschauenden Londoners deutlich.

Gespür für den Nächsten und gediegene Intellektualität

Diesem war es ein Anliegen gewesen, dem 1848 in der Industriestadt Birmingham errichteten ersten britischen Oratorium auch eine landestypische Note zu geben (wenngleich die dort und später in London errichteten Kirchenbauten der Gemeinschaft ein entschieden „italienisches“ Aussehen haben). Dazu Buch-Herausgeber Paul B. Wodrazka: „Newman definierte das Ideal des Oratorianers in einem heiliggemäßen Gentleman, weshalb bis heute eine erwünschte Eigenschaft des Oratorianers die sogenannte ,gentlemanlikeness‘ darstellt. Er versteht darunter ein zartes Taktgefühl, ein herzliches, aber nicht aufdringliches Auftreten, ein feines Gespür für den Nächsten.“ Zugleich wünschte und förderte der Wissenschaftler Newman eine gediegene intellektuelle Ausrichtung und Wirksamkeit der Mitglieder dieses Priesterkreises.

Sehr berührt den Leser des Sammelbandes die Auswahl von Predigten, Gebete und Hymnen, die der große britische Katholik seinem „Lieblingsheiligen“ Philipp Neri gewidmet hat, dem er sich zutiefst verbunden fühlte und an den er sich in einem innigen, vertrauensvollen Ton wandte. Viele dieser Texte sind zum ersten Mal in deutscher Sprache wiedergegeben. Diese und eine 22-seitige Newman-Bibliographie runden das sehr empfehlenswerte Werk ab, das man sozusagen als Vorbereitung auf ein großes Ereignis lesen kann: Die Seligsprechung des am 11. August 1890 im Oratorium von Birmingham verstorbenen Newman rückt näher, nachdem der Papst Anfang Juli das für diesen Akt nötige Wunder anerkannt hat, die 2001 erfolgte Heilung eines Bostoner Ständigen Diakons von einem schweren Rückenleiden und vom Leben im Rollstuhl. Dem Vernehmen nach soll der Kardinal am 2. Mai 2010, dem Fest des von ihm hochverehrten Kirchenlehrers Athanasius, in Birmingham zur Ehre der Altäre erhoben werden.