Das Gewissen nicht von der Norm trennen

Appell von Philosophen und Moraltheologen zur Änderung des Arbeitspapiers der Synode. Von Guido Horst

Rom (DT) Gegen einen Abschnitt des Arbeitspapiers („Instrumentum laboris“) der am Sonntag beginnenden Bischofssynode zu Ehe und Familie, der die Enzyklika „Humanae vitae“ von Paul VI. behandelt, hat eine Gruppe von sechzig Moraltheologen und Philosophen aus aller Welt energischen Widerspruch eingelegt. In einem Appell, der auf Englisch auf der Internetseite der amerikanischen Zeitschrift „First Things“ erschienen ist, fordern die Unterzeichner die Synodenväter auf, einen Abschnitt des Arbeitspapiers zu ändern, weil er fälschlicherweise einen Widerspruch zwischen dem Gewissen des Einzelnen und der objektiven moralischen Norm konstruiere. Verfasst haben den Aufruf zwei an Päpstlichen Familien-Instituten „Johannes Paul II.“ lehrende Professoren: der deutsche Stephan Kampowski in Rom und der Amerikaner David S. Crawford in Washington. Der Appell spricht von einer „Verzerrung“ der Lehre der Enzyklika von Paul VI. und trägt den Titel: „Die Lehre von Humanae vitae und Veritatis splendor bekräftigen“.

Mit ihrer Kritik beziehen sich die Autoren auf den Abschnitt 137 des „Instrumentum laboris“, der sich mit Eheleuten befasst, die der Kirche zur Empfängnisverhütung nicht folgen wollen oder können. Indem das Arbeitspapier der Synode zwei „Pole“ ausmache, die in einer betroffenen Person im Widerspruch stehen könnten, schaffe es ein falsches Bild von der moralischen Norm wie auch vom Gewissen des Einzelnen und somit einen gefährlichen Gegensatz: „Auf der einen Seite“, so das Synoden-Papier, „die Rolle des Gewissens, das als Stimme Gottes verstanden wird, die im menschlichen Herz widerhallt, das dazu erzogen ist, auf sie zu hören; auf der anderen Seite die objektive moralische Anweisung, welche es verbietet, die Zeugung als etwas zu verstehen, über das willkürlich, unabhängig vom göttlichen Plan zur menschlichen Fortpflanzung, entschieden werden kann.“

Ganz falsch sei es auch, erklären die Unterzeichner des Appells, im gleichen Abschnitt des „Instrumentum laboris“ die Aufgabe, den Widerspruch aufzulösen, in die Hände eines Seelsorgers zu legen: „Die Zusammenführung der beiden Aspekte“, so das Arbeitspapier, „die mit der Begleitung eines kompetenten geistlichen Führers gelebt wird, könnte den Eheleuten dabei helfen, Entscheidungen zu treffen, die zutiefst menschlich sind und dem Willen des Herrn entsprechen.“ Diese Auffassung, so der Appell der Moraltheologen und Philosophen, widerspreche der kirchlichen Lehre, wie sie etwa in „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ zum Ausdruck gekommen sei und verleite dazu, einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Norm und Gewissen herzustellen. Dagegen lehre Johannes Paul II. in „Veritatis splendor“: „Jesus zeigt, dass die Gebote nicht als eine nicht zu überschreitende Minimalgrenze verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als eine Straße, die offen ist für einen sittlichen und geistlichen Weg der Vollkommenheit, deren Seele die Liebe ist“ (15).

Moralische Normen, so der Appell, ausschließlich als äußere Grenzen zu verstehen, die potenziell mit dem Wohl des moralischen Subjekts in Konkurrenz treten, bedeute, die Art und Weise unbeachtet zu lassen, auf der Jesus Christus von den Geboten spricht, nämlich als etwas, das reich ist an der von ihm verheißenen Fülle des Lebens. Das „Instrumentum laboris“ versäume es, zu unterstreichen, dass das Gewissen auf das in unser Herz eingeschriebene Gesetz Bezug nehme. Die „Stimme“ Gottes sage nicht zu dem einen das eine über die Moral und zu dem anderen etwas Anderes, und sie spreche nie gegen eine von der Kirche gelehrte objektive Norm. Von einer Stimme Gottes so zu reden, als sei sie losgelöst vom Sittengesetz oder als fehle ihr jeglicher Bezug auf dieses Gesetz, sei äußerst unangemessen. Es sei falsch, von einem subjektiven Pol außerhalb des Gesetzes zu sprechen, der dann mit dem Gesetz in Beziehung gebracht werden müsse.

Darum, so die Autoren des Appells, sei Hilfe von außen durch einen „kompetenten geistlichen Führer“ keine Lösung für diese Schwierigkeit. „Während eine gewissenhafte geistliche Begleitung zweifellos viel Gutes bewirken kann, bedeutet dieser Hinweis im vorliegenden Kontext nichts anderes, als zuzugeben, dass – außer der Leitung durch einen geistlichen Begleiter – Kriterien fehlen, auf denen eine endgültige Entscheidung gründen könnte.“ Aus dem deutschsprachigen Raum unterschrieben haben den Aufruf an die Synode Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg, das Ehepaar Norbert und Renate Martin vom Päpstlichen Familienrat, Helmut Prader von der Theologischen Hochschule Heiligenkreuz, Martin Rhonheimer von der Hochschule Santa Croce in Rom, Peter Schallenberg von der Theologischen Fakultät Paderborn, Walter Schweidler von der Katholischen Universität Eichstätt, Josef Seifert, der zurzeit in Granada lehrt, Robert Spaemann aus Stuttgart und Josef Spindelböck von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Pölten.