Das Gewissen an Gottes Wort schärfen

Das Wort des Jahres 2011 – „Entweltlichung“ aus der Sicht eines evangelisch-lutherischen Theologen. Von Karl-Hermann Kandler

Das Vertrauen, aus der Heiligen Schrift und dem Gebet Wegweisung für das Leben in der Welt zu gewinnen, führt in diesen Tagen Zehntausende nach Berlin. Foto: dpa
Das Vertrauen, aus der Heiligen Schrift und dem Gebet Wegweisung für das Leben in der Welt zu gewinnen, führt in diesen ... Foto: dpa

Durch Papst Benedikt XVI. ist „Entweltlichung“ ein Schlüsselwort des ausklingenden Jahres 2011 geworden. Das Gemeinte ist biblisch tief begründet. Der Apostel Paulus hat in seinem Römerbrief (12, 2) geschrieben: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Man kann das auch so übersetzen: „Passt euch nicht dieser Welt an“. Doch immer mehr gewinnt man den Eindruck, dass die Kirchen sich der Welt anpassen. Sicher ist es richtig, was der holländische reformierte Theologe Johannes Christaan Hoekendijk vor etwa 50 Jahren sinngemäß sagte: Die Welt bestimmt die Tagesordnung, sie bestimmt auch in der Kirche die Tagesordnung. Wir leben in dieser Welt, wir sind in sie gesandt, wir haben in ihr unsere Aufgaben – im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft und in der Kirche. Aber „unser Bürgerrecht ist im Himmel“ (Philipper 3, 20). Wenn auch die Welt die Tagesordnung bestimmt, so heißt das noch lange nicht, dass sie deren Ergebnisse vorgeben kann. Nicht der Wille der Welt, nicht der Wille der Gesellschaft, in der wir leben, kann vorgeben, was wir zu tun haben. Allein Gottes Wille kann und darf der Maßstab dafür sein. Was Gottes Wille ist, wissen wir aus der Heiligen Schrift. Sie ist der Maßstab für unsere Entscheidungen.

Wir sind getauft. Unsere Taufe ist eine Verwandlung. Wir sind nicht mehr dieselben wie vor unserer Taufe. Wir sind Kinder Gottes. Wir sind durch unsere Taufe „frei geworden von der Sünde“, von allem, was uns von Gott trennen könnte. Wir sind durch unsere Taufe grundsätzlich anders als die Menschen um uns, die nicht getauft sind. Das bedeutet, dass nun nicht mehr die Sünde, also alles, was uns von Gott trennen würde, unser Leben beherrschen soll. Wir sind frei geworden, berufen zur „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“. Darum können wir uns nicht als „Waffen zur Ungerechtigkeit“ hergeben (Römerbrief 6, 8). Durch unsere Taufe ist eine Metamorphose, eine Umwandlung an uns geschehen. So wie eine Raupe zu einem wunderschönen Schmetterling umgewandelt wird, so sind wir durch unsere Taufe umgewandelt worden zu Kindern Gottes. Das betrifft wirklich unsere ganze Existenz, unser ganzes Leben. Nicht wir haben diese Metamorphose bewirkt, sondern das ist Gottes Tat, geschehen im Sakrament der Taufe. In ihr ist der Grund gelegt worden für unser Christsein. Deshalb können wir unseren Sinn, unser Denken und Handeln von Christus bestimmen lassen, jeden Tag neu. Martin Luther spricht in seinem Kleinen Katechismus – er ist Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche – von der Bedeutung der Taufe, dass „der alte Adam (=Mensch) in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“.

Die Bibel ist zeitlos auskunftsfähig

Täglich soll, wenn nötig, diese Metamorphose geschehen. Sowohl die konkrete menschliche Situation als auch unser Denken wird unter die Zusage des Evangeliums gestellt. Weil wir getauft sind, können wir die Fragen, die die „Welt“ uns im Alltag stellt, prüfen und von Gottes Wort her beantworten. Wir können das unvoreingenommen tun. Die Freiheit des Christenmenschen zeigt sich gerade in Entscheidungssituationen. Es geht nicht um eine Gesetzlichkeit, sondern darum, zu erkennen, was jetzt wichtig ist. Der „neue“ Gehorsam gegenüber Gottes Willen zeigt sich nicht darin, dass wir die nötigen Antworten einfach aus der Bibel ablesen könnten. Die Zeiten haben sich geändert, das ist wohl wahr. Aber die Bibel leitet uns an, für die heutige Zeit die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben. Was will Gott heute von mir, was ist gut, was ist ihm „wohlgefällig“. Nicht was wir wollen darf der Maßstab sein, sondern das, was Gott heute von uns will. Allein der Verwandelte, allein der Glaubende ist dazu in der Lage, Gottes Willen zu erkennen.

Nun konkret: Greifen wir einige Probleme auf, die uns heute in unseren Kirchen brennend beschäftigen. Zuerst die Frage: Dürfen Gleichgeschlechtliche zusammenleben – und das sogar in Pfarrhäusern? Die Bibel redet hier eindeutig (Römerbrief 1, 26–28). Gott hat den Menschen geschaffen als Mann und als Frau. Sie sollen einander Partner sein. Nur dann, wenn sie beide zusammenkommen und „ein Fleisch“ werden, wird neues Leben gezeugt. So will es Gott, der Schöpfer. Da kommen Einwände: Es gibt nun einmal die Liebe zum gleichen Geschlecht. Gott hat doch auch die Menschen geschaffen, die homosexuell leben wollen. Gehört nicht also auch die gleichgeschlechtliche Sexualität zu Gottes guter Schöpfung (1. Mose 1, 31)?

Weiter wird gesagt, es gehe heute nicht um Knabenschänder, sondern um Menschen, die künftig in Liebe und Treue zueinander gemeinsam leben wollen. Das mag schon sein. Aber ist das Gottes Wille? Auch heißt es, es fände sich zu dieser Frage kein Wort Jesu. Das stimmt wohl, oder ist sein Wort im Matthäusevangelium darauf zu beziehen (Matthäus 19, 12: „Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig“)? Doch da ist von Eunuchen die Rede. Hat man heute nicht das Gefühl, dass es „chic“ ist, dass ein Mann mit einem Mann oder eine Frau mit einer Frau ins Bett geht, auch wenn er oder sie durchaus heterosexuell veranlagt sind? Es gibt Menschen, die einen sexuellen Hang zum eigenen Geschlecht gehabt haben, aber trotzdem Kinder zeugen konnten, also bisexuell sind. Gewiss soll man Menschen, die homosexuell veranlagt sind, nicht verachten, aber muss darum ein so großes Geschrei gemacht werden? Müssen sich etwa Politiker oder auch Kirchenleute „outen“ und sagen, das sei „gut so“? Muss die ganze Sexualität in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden? Gibt es keine Schamgrenze mehr?

Zurzeit erleben wir eine heftige Auseinandersetzung in den evangelischen Kirchen, ob homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus geduldet und ob solche Partnerschaften gesegnet werden können. Die staatliche Gesetzgebung ist eindeutig. Aber müssen die Kirchen hier dem Staat folgen? Nein, sie müssen es nicht! Stellt euch dieser Welt nicht gleich!

Ein anderes Problem ist die Ordination von Frauen. Unter Berufung auf die „Gleichberechtigung“, die Gleichstellung der Geschlechter in der Gesellschaft, wird sie bejaht. Die Bibelstellen, die vom Schweigen der Frauen im Gottesdienst (1. Korintherbrief 14, 33–36; 1. Timotheusbrief 2, 8–15) reden, werden als zeitbedingt abgetan oder als nicht ursprünglich bezeichnet. Man biegt sich die Heilige Schrift zurecht, so wie man sie gerade haben will. Der Hinweis auf den Galaterbrief (3, 26–28: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. ... Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave oder Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“) verfängt nicht, weil es hier um unser Kindsein vor Gott geht. Vor ihm sind wir alle gleich, aber nicht in dieser Welt. In ihr gibt es Unterschiede (Jude–Grieche; Mann–Frau), die auch durch unsere Taufe nicht aufgehoben sind. Unfassbar ist, dass sich in Skandinavien der Staat einmischt und solche, die die Ordination von Frauen ablehnen, vor Gericht zieht. Hier gilt es zu widerstehen. Stellt euch dieser Welt nicht gleich!

Ein drittes Problem: Seit Jahrzehnten ist die Abtreibung von werdendem Leben im Mutterleib gesetzlich zwar nicht erlaubt, aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Dabei handelt es sich eindeutig um Tötung von Leben. Mit Recht ist das Geschrei groß, wenn eine Mutter ihr geborenes Kind nicht annimmt. Aber mit der Abtreibung hat sich die Gesellschaft längst abgefunden, die meisten Zeitgenossen sehen da kein Problem. Gerade auch hier haben wir auf den Schöpfungsauftrag hinzuweisen. Gott hat den Menschen männlich und weiblich geschaffen, Mann und Frau sollen das Leben weitergeben. Die Kirchen haben sich mehrfach dazu geäußert und angeboten, ungewollte Kinder anzunehmen. So ist auch der Gedanke einer „Babyklappe“ entstanden. Stellt euch dieser Welt nicht gleich!

Ein offener Streit ist darüber ausgebrochen, ob bei der Diakonie (oder Caritas) gestreikt werden darf beziehungsweise das staatliche Arbeitsrecht gelten soll. Doch in den vielfältigen Pflegeberufen müssen eigene Maßstäbe gelten, muss man zum Dienen – und das heißt ja Diakonie – bereit sein. Wo Kirche, wo Diakonie draufsteht, muss auch Kirche, Diakonie drin sein. Übrigens: Das kirchliche Arbeitsrecht stellt insgesamt die Mitarbeiter nicht schlecht. Stellt euch dieser Welt nicht gleich!

Was Staat und Welt den Christen nicht vorschreiben

Wenn auch die Welt die Tagesordnung bestimmt, denn wir Christen haben sie nicht aufgestellt, so bleibt es dabei, dass wir Stellung zu beziehen haben. In der alten DDR-Verfassung von 1949 stand ein Paragraf, der gar nicht so schlecht war: Die Kirchen sollten das Recht haben (es wurde ihnen aber bald bestritten), zu den Lebensfragen des Volkes von ihrem Standpunkt aus Stellung zu nehmen. Dieser Standpunkt kann nur das Wort Gottes sein. Ob das nun so im Grundgesetz steht oder nicht, wir haben uns das Recht zu nehmen. Denn der Staat, die Welt, kann uns nicht vorschreiben, wie wir uns in den Konfliktfällen zu verhalten haben. Das kann allein Gottes Wort und das durch Gottes Wort geschärfte Gewissen. Das bedeutet „Entweltlichung“.

In ethischen Fragen sollten wir Christen über die Konfessionsgrenzen gemeinsam an einem Strang ziehen. Martin Luther hat mit seiner sogenannten Zwei-Reiche-Lehre deutlich gemacht, dass wohl Staat/Gesellschaft und Kirche/Christsein zu unterscheiden sind, aber der Dreieinige Gott ist Herr über beide Bereiche. Wir können nicht sagen, Abtreibung, Gleichberechtigung von Mann und Frau, homosexuelle Partnerschaften und das Arbeitsrecht sind gesamtgesellschaftliche Probleme, die uns als Christen nicht betreffen. Das Gegenteil ist der Fall. Aber unsere Entscheidungen in diesen Fragen werden uns nicht vom Staat oder der Gesellschaft vorgegeben, hier haben wir unser Gewissen von Gottes Wort her schärfen zu lassen. Es bleibt dabei: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“

Der Verfasser ist Vorsitzender des

Geschäftsführenden Ausschusses des Lutherischen Einigungswerkes