Das Geheimnis des Weiblichen

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz entwirft ein grandioses Bild der Frau als Kontrast zu simpler Gleichstellung. Von Monika Metternich

Dantes „Beatrice“, in Weiß gekleidet, wie der Maler Henry Holiday sie sah. Foto: IN
Dantes „Beatrice“, in Weiß gekleidet, wie der Maler Henry Holiday sie sah. Foto: IN

In der Fülle der Veröffentlichungen zur Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche sticht eine besonders hervor. Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz spannt mit ihrem im Be&Be-Verlag Heiligenkreuz erschienenen Buch „Leidenschaft und Fülle, Maß und Gleichgewicht. Neun Versuche über Frauen“ einen ungleich weiteren Radius als den gewohnten von weiblicher Selbstfindung, von beruflichem Status, Gleichstellung und sozialer Rolle. Hier ist es die – über das viel und oft unbefriedigend besprochene „Wesen der Frau“ hinausgehende – Transzendenz, die im Sinne der Gottesebenbildlichkeit ganzheitlich den Blick weitet hin auf „das Gesicht eines Urlebendigen, der seine Geschöpfe ebenso festlegt wie freilässt“.

Die sehr unterschiedlichen Frauengestalten, welche Gerl-Falkovitz mit ihrer unverwechselbaren Sprachkraft skizziert, geben tiefe Eindrücke in eine unglaubliche Vielfalt unterschiedlichen Frau-Seins. Die „Logik der Überfülle“ in der Person Elisabeth von Thüringens ist ein erster Höhepunkt, welcher der oft vernommenen Forderung nach „Teilhabe an der Macht“ für die Frau ein fast erschreckendes Ausrufungszeichen setzt.

Die Ohnmacht kann man als eigentliche Macht annehmen

Das Spezielle, das Einmalige dieser Heiligen bestand, so arbeitet Gerl-Falkovitz heraus, in ihrem Verhältnis zur Macht. Den oft vergessenen Anspruch der Könige, dass Macht an Recht gebunden ist, lebte die geborene Königstochter und verehelichte Landgräfin von Thüringen in einem sehr konkreten Sinne: Sie weigerte sich beispielsweise, etwas zu essen oder zu trinken, was nicht rechtens erworben war. Zudem wertete sie durch ihr ganz konkretes Wirken an den Armen Macht zum Dienst um – „zur eigentlichen Sinnfülle von Herrschaft, Dienst an den Dienenden zu sein“.

Schließlich nahm sie sogar ihre Ohnmacht als eigentliche Macht an, wie es im paulinischen Philipperbrief geschrieben steht: „Er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und erniedrigte sich“. Es ist aufregend zu lesen, wie die große mittelalterliche Gestalt Elisabeths von Thüringen, der Dienerin der Armen, die Armut des Evangeliums zum Leuchten bringt, indem sie „Christus nicht einfach als dem Armen schlechthin nachfolgt, sondern auch als dem überreichen Geber alles Guten. Diese andere Note schwingt in ihrem Tun mit und macht es strahlend.“

Die sehr modern erscheinende Flexibilität Mary Wards, der „Pilgerin auf den Straßen Europas“, zeigt eine andere Facette der christlichen „Umwertung aller Werte“. Der mangelnden Frauen- und Mädchenbildung im nachreformatorischen Europa abzuhelfen war ihr Ziel, die Steine, ja, geradezu Felsbrocken, die ihr – auch und gerade von der Kirche – dabei in den Weg gelegt wurden, führten sie in einen Gehorsam, der weit entfernt erscheint von hilflos-weiblicher Wehrlosigkeit: „Nicht äußere Kadaverunterwerfung, sondern die unglaubliche, wenn auch rein willensmäßige Bereitschaft, den ,mütterlichen‘ kirchlichen Willen zu ertragen, weil sie diesen durch den ,väterlichen‘ göttlichen Willen gedeckt sah.“

In weiteren, sehr unterschiedlichen Frauengestalten wie Rosa Flesch, der Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen vom „Typus der unauffälligen, vielleicht sogar einfältigen ,Kleinen‘“, der großen Dichterin Gertrud von le Fort, der französischen Politikerin und Mystikerin Simone Weil sowie Margarete Dach, „deren unbeugsame Ausrichtung auf Christus eine Vielzahl von Menschen gegen den Nationalsozialismus immunisierte“, scheint immer tiefer ein Muster von Gnade auf, das Romano Guardini – auf Maria bezogen – als „unmittelbare irdische Wirklichkeit“ beschreibt.

Die Frau bedarf der Freiheit und der Religion

Im Kapitel „Maria in der deutschsprachigen Dichtung des 20. Jahrhunderts“ kommt es vor allem in der Poesie Rainer Maria Rilkes ins Wort, jenes „Geheimnis des Weiblichen in der bestürzenden, überfordernden Nähe zu Gott, der ja unbegreiflicherweise leibhaft ihr Sohn ist, und diese beseligend-leidvolle Nähe macht sie unerschöpflich anziehend, dabei sanft und ungreifbar“. Hier klingt ein helles Wiedererkennen jener besonderen „Qualität“ des Wesens der geschilderten Frauengestalten in all ihrer Diversität an.

Nicht leicht zu lesen, aber lohnend ist der „Blick auf das Ewig-Weibliche“ aus der Perspektive Teilhard de Chardins, der „mit dem Weiblichen nicht einfach die Frau, sondern einen Grundzug der Schöpfung treffen will“. In „Romano Guardinis Blick auf die Frau“, den Gerl-Falkovitz nachgerade grandios anhand der Frauengestalten im Werk Dostojewskis und Dantes herausarbeitet, rundet sich schließlich der Kreis – sowohl zum Titel „Leidenschaft und Fülle, Maß und Gleichgewicht“, der einer Formulierung Guardinis entlehnt ist, als auch in der Grundmelodie der angeführten Frauenleben in all ihrer personalen Vielfalt: „Wie die Frau der Freiheit bedarf, so bedarf ihre Freiheit auch der Religion. Es ist das Erleben des Heiligen, das Frauen aus ihrem zu selbstverständlichen, abgestützten Tätigkeitsraum löst.“ Ein im Wortsinne großartiges Buch.

Hanna B. Gerl-Falkovitz: „Leidenschaft und Fülle, Maß und Gleichgewicht“. Neun Versuche über Frauen. Be&Be-Verlag, 2012, 239 Seiten, ISBN 978–3–902694–39-3, EUR 16,90