Das Comeback der Anbetung

Christus im Mittelpunkt: Wie Nightfever sich in der Pfarrei als nachhaltig erweist. Von Guido Rodheudt

Weltjugendtag - Pilger im Bonner Münster

Als ich den Namen „Nightfever“ zum ersten Mal hörte, war ich dreizehn. Meine Freunde und Mitschüler waren von ihm wie elektrisiert. Fönfrisuren, Jeansjacken, taillierte Hemden und ein großer Kamm in der Gesäßtasche wurden in seiner Folge zur Staffage der vielen geklonten John Travoltas, die es ihrem Idol von der Kinoleinwand nachtun wollten. „Saturday Night Fever“ wurde zum Geburtshelfer der „Generation Disco“. Ich für meinen Teil hatte andere Interessen. Heute bin ich 53 und gehöre nun selbst zur Staffage von „Nightfever“. Allerdings ohne Fönfrisur und taillierte Hemden, sondern mit Soutane und Stola. Denn ich helfe regelmäßig als Priester bei Nightfever-Aachen und stehe an den Gebetsabenden zu Gespräch und Beichte zur Verfügung.

Darüber hinaus bildet die Nightfever-Initiative, seit sie als Frucht des Kölner Weltjugendtages nach Aachen kam, eine wichtige Ergänzung der Jugendarbeit meiner Pfarrei. Nicht weil es meine Gemeinde wäre, in der die Gebetsabende stattfinden, sondern weil Jugendliche meiner Pfarrei von Anfang an aktiv die Initiative unterstützen. Seither sind Pfarrei und Nightfever in einem gedeihlichen Geben und Nehmen verknüpft. So bildet das Angebot in der Aachener City eine stetige Adresse, bei der Firmlinge, Ministranten und andere junge Christen aus der Pfarrei eine Horizonterweiterung erfahren können, die in der ländlichen Fläche mit ihren volkskirchlichen Restbeständen kaum geleistet werden kann. Wobei das Besondere an Nightfever die Kombination von traditionellen und charismatisch-evangelikalen Elementen ist, die – wenn auch niederschwellig – zu einer christozentrischen Anbetungskultur führt. Die theologische Rezeption dieses neuen Weges beobachtet seit einigen Jahren die Erfolgsgeschichte von Nightfever nicht ohne ein gewisses Unbehagen. Die Einordnung reicht von Erstaunen über einen verhaltenen Respekt vor der Unübersehbarkeit der jugendlichen Unbekümmertheit im Umgang mit traditionellen Frömmigkeitsformen bis hin zu den, dem akademischen Milieu eigenen säuerlich-mäkeligen Kritiken, weil das, was man bei Nightfever erlebt, die selbst ersonnenen Parameter sprengt. Gerade darin mag man den bestandenen Härtetest einer Initiative erblicken, die es unternommen hat, eine „Kombination von popkulturell anschlussfähig christlich-konservativer Religiosität“ (Matthias Sellmann) zu entwickeln. Es ist gerade diese Form von Religiosität, die man in der kirchenamtlichen Jugendpastoral schon lange entsorgt hat.

„Die Jugend von heute“, so hieß es stets in der Zeit meiner eigenen ersten seelsorglichen Gehversuche Ende der 1980er Jahre, hat keine Antenne mehr für kirchliche Formen. Ich für meinen Teil hätte von daher damals nicht für möglich gehalten, dass diesbezüglich eine Zeit anbrechen würde, in der Jugendliche nach eucharistischer Anbetung und Beichte verlangen und sich in traditionellen Formen der Liturgie wohler fühlen, als in textlastigen, kryptopädagogischen Mitmachgottesdiensten. Und die sich vorbehaltlos dem Sakramentalen nähern und bei Nightfever den meditativen Charakter des Abend – anders als bei Taizé-Gebeten – mit der Spendung zweier Sakramente verbinden, die – geistlich betrachtet – die eigentlichen Erfolgsgeheimnisse der Initiative sind. Eucharistie und Beichte werden von den Jugendlichen geradezu in einem Akt schmerzfreier Unbekümmertheit in die Nightfever-Abende integriert und auch den Zufallsbesuchern mit den unterschiedlichsten religiösen Überzeugungen und Temperierungen angeboten. Eingebettet in evangelikal anmutende Lobpreismusik fangen die Kirchen, in denen die Türen für Nightfever geöffnet sind, die Menschen nicht nur mit Verweisen auf das Eigentliche, sondern mit dem Eigentlichen selbst ein. Gott ist da! Vermittelt durch die Kirche und in den Formen, die er selbst wollte.

Papst Benedikt XVI. hat bei der Vigil des Weltjugendtages in Köln durch die eucharistische Anbetung, die er gegen manche Einreden durchsetzte, eine neue Generation von jungen Katholiken geprägt und in ihnen das Schönste geweckt, zu dem ein Mensch fähig ist: die Anbetung Gottes. Es war die Keimzelle für Nightfever. Auch wenn dies nicht im Rahmen der akademischen Liturgizität vorgesehen war, hat es – sicherlich auch durch den Geist Gottes – die jungen Menschen erreicht. Sie machen sich keine Sorgen, ob man moderne Formen und traditionelle Inhalte „unkommentiert vermischt“ oder man Nicht-Katholiken gerecht wird, „wenn sie plötzlich einer angestrahlten Monstranz ausgesetzt sind“ (Albert Gerhards und Kim de Wildt). Auch kümmern sie sich nicht darum, ob nicht „der Gedanke der Realpräsenz einseitig betont gegenüber dem gemeinschaftlichen Verständnis von Eucharistie“ ist (Alexander Zerfaß). Und lassen sich auch nicht schrecken, wenn man Nightfever „eine ganz unverhohlene Popularität des sich vorwiegend sakramental inszenierenden Priesters“ unterstellt und „echten jugendlichen Unwillen an allzu akzentuiert kognitiven und gruppendynamischen Glaubenszugängen“ (Matthias Sellmann). Im Gegenteil. Die jugendliche Initiative hat genau damit verstanden, was heute nottut: Menschen den Himmel aufzuschließen. Und zwar mit den Schlüsseln, die Christus selbst seiner Kirche hinterlassen hat. In der sich darin aussprechenden christozentrischen Ausrichtung der Initiative überspringt Nightfever jedes pastoral-strategische Kalkül und setzt ihm die erfrischende Vergewisserung der realen Präsenz Christi entgegen. Darin kommen im übrigen Charismatiker und die Anhänger traditioneller Liturgie überein.

Ein Leserbeitrag eines Anhängers der überlieferten römischen Liturgie zu einer Publikation über die jüngste „MEHR“-Konferenz“ fasst diese neue auch für Nightfever zutreffende Glaubenshaltung zusammen: „Wir sehen uns als Hüter der Tradition und sehen begeistert dem Feuer der Charismatiker zu. Gemeinsamkeiten? – Bedingungslose Hinwendung zu Gott – Glaube an die Realpräsenz – Anbetung – Wachsen im Glauben. Wir sind kein Sonderfall!“

Es ist für mich eine geistliche Freude, Zeuge zu werden, wie das Feuer von Nightfever auch in meine und viele andere Pfarreien getragen wird. Denn es sind Jugendliche, die die eucharistische Anbetung suchen, die den schon beinahe zum Sterben verurteilten jährlichen Tag des „Ewigen Gebets“ erst von einer rudimentären Nachmittagsveranstaltung zu einem „Abend des Lichts“ im Stil von Nightfever und schließlich zu einem 24-stündigen eucharistischen Gebet umgeformt haben, die die Beichte zu einem regulären Bestandteil ihres Glaubensalltags machen und damit die Älteren zum Nachdenken bringen, die das Sakrament schon vor langer Zeit verloren haben. Damit hat Nightfever seinen Wert auch jenseits aller Eventcharakteristik für das Leben einer normalen Pfarrei bewiesen. Denn es hat dazu beigetragen, die Sehnsucht wiederzufinden, die jede Form von Gemeinde braucht und die Suchende und Arrivierte, Fernstehende und Fromme, Gläubige und Noch-nicht-Gläubige verbindet. Es ist die Sehnsucht nach Zugängen zur realen Anwesenheit Gottes und die Freude, sie in immer jungen Formen zu finden.