Das Antlitz Jesu offenbart Gottes Barmherzigkeit

Kongress in Rom will das Vermächtnis Johannes Pauls II. vertiefen

Rom (DT) Kerzen vor dem Eingang zur Kirche Santo Spirito in Sassia, direkt neben der Jesuitenkurie unweit des Vatikans. Drinnen das ausgesetzte Allerheiligste. Und über dem Altar das Gnadenbild des barmherzigen Erlösers, wie es die polnische Mystikerin Maria Faustyna Kowalska in ihren Visionen in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sah, die Johannes Paul II. im Jubiläumsjahr 2000 heiliggesprochen hat. Dreitausend Teilnehmer haben sich zum ersten Weltkongress der Barmherzigkeit angemeldet, der morgen in Rom zu Ende geht. Und es wird viel gebetet in den Kirchen der Ewigen Stadt. In Sprachengruppen eingeteilt trifft man sich vor allem am Abend zur Anbetung, zur Beichte und zum gemeinsamen Gebet. Die gemeinsamen Veranstaltungen, zumeist längere Referate, finden in der Basilika des Papstes, San Giovanni in Laterano, statt.

Drei Kardinäle prägen das fünftägige Treffen: Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, der als Initiator des Kongresses gilt. Im Rahmen der groß angelegten Stadtmission, die er mit der Gemeinschaft Emmanuel in Wien veranstaltet hat, soll die Idee entstanden sein, ein internationales Treffen zum Thema Barmherzigkeit zu planen. Neben Schönborn der Erzbischof von Krakau, Stanislaw Dziwisz, der langjährige Sekretär von Johannes Paul II. Und schließlich Camillo Ruini, der Bischofsvikar des Papstes für die Diözese Rom. Über allem aber schwebt die Erinnerung an und der Geist von Johannes Paul II., an dessen Todestag, dem vergangenen 2. April, der römische Kongress begann. Bei der Gedenkmesse am Mittwoch auf dem Petersplatz hatte Benedikt XVI. gesagt: „Die Barmherzigkeit Gottes“, so habe es sein Vorgänger selber gesagt, „ist der bevorzugte Schlüssel zum Verständnis seines Pontifikats. Er wollte, dass die Botschaft der barmherzigen Liebe Gottes alle Menschen erreiche, und ermahnte die Gläubigen, deren Zeugen zu sein.“

„Es ist schwer, ja

unmöglich, in diesem Zusammentreffen nicht ein Zeichen des

Himmels zu sehen. Hat nicht Gott selber seine Unterschrift unter

ein ganzes

Lebensprogramm

gesetzt, das

Papst Johannes Paul II. immer wieder ganz

ausdrücklich als seine Sendung bezeichnet hat?“

Und bereits beim Gebet des „Regina Coeli“ in Castelgandolfo hatte Papst Benedikt erklärt, dass dieses Erbe Johannes Pauls die ganze Kirche in die Pflicht nehme: „Wie die Botschaft von Schwester Faustyna, so führt auch die seinige hin zum Antlitz Christi, der höchsten Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes. Dieses Antlitz ständig betrachten: Das ist das Erbe, das er uns hinterlassen hat und das wir mit Freude annehmen und uns zu Eigen machen wollen.“

In der Minute des Todes von Johannes Paul II., um 21.37 Uhr, eröffnete dann Kardinal Ruini eine Rosenkranz-Andacht mit Jugendlichen in den Grotten unterhalb des Petersdoms. Gesänge umrahmten die Feier.

Und aufmerksam hörten die Jugendlichen auch Kardinal Stanislaw Dziwisz zu, der sich im Gebet mit vertrauten Worten an den verstorbenen Papst wandte: „Heiliger Vater, wir sind hier, genau drei Jahre nach deinem Tod, deinem definitiven Treffen mit dem barmherzigen Vater. Nach drei Jahren können wir sagen: Du hast uns nie verlassen, dein Dienst für die Kirche geht weiter, auch wenn dies in einer anderen Form geschieht als früher. Wir erinnern uns mit Freude an deinen Einsatz für das Leben, das heutzutage bedroht wird. Wir erinnern uns an deinen Einsatz für die Schwächsten unter uns und den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.“ Zuvor hatte Kardinal Schönborn das Eröffnungsreferat des Kongresses gehalten. In der Lateran-Basilika erinnerte er daran, dass Johannes Paul II. am Vorabend des Sonntags der Barmherzigkeit gestorben sei, während sein Sekretär Stanislaw Dziwisz bereits die Messe dieses Feiertags las. „So endete sein irdischer Weg am Sonntag der Barmherzigkeit, den er selber im Jubiläumsjahr 2000 eingeführt hatte“, meinte Schönborn. „Damals, am Weißen Sonntag des Jahres 2000, hatte er zugleich mit der neuen Namensgebung für diesen Sonntag der Osteroktav, Schwester Maria Faustyna Kowalska heiliggesprochen, die erste Heilige des neuen Jahrtausends. Es ist schwer, ja unmöglich, in diesem Zusammentreffen nicht ein Zeichen des Himmels zu sehen. Hat nicht Gott selber seine Unterschrift unter ein ganzes Lebensprogramm gesetzt, das Papst Johannes Paul II. immer wieder ganz ausdrücklich als seine Sendung bezeichnet hat?“, fragte der Kardinal. Und Schönborn fuhr fort: „1997 hat Johannes Paul II. in £agiewniki, dem Ort, wo Schwester Faustyna gelebt hat und begraben ist, gesagt: ,Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit hat in gewisser Weise das Bild meines Pontifikates geprägt‘.“ So seien alle eingeladen, meinte Schönborn weiter, „den Weg zu betrachten, den Papst Johannes Paul II. mit diesem Geheimnis gegangen ist, wie er es erlebt, gelebt, durchdacht und an uns alle weitergegeben hat.“

Sodann erinnerte der Wiener Erzbischof an das geistige Vermächtnis, das Johannes Paul II. 1997 in £agiewniki ausgesprochen hatte. Es seien Worte gewesen, die so etwas wie das Testament dieses großen Papstes darstellten: „In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, dass die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn Jesus Christus erfüllen: Von hier wird ein Funke hervorgehen, der die Welt auf Mein endgültiges Kommen vorbereitet. Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden!“ Diese Worte des großen Papstes, so Schönborn, die er bei seiner letzten Reise, einen Tag vor seinem Abschied, in Polen zurückgelassen habe, „sind eine Art Weisung an die ganze Kirche für diese Zeit. Sie sind auch in gewisser Weise der Taufpate dieses Kongresses“.

Den Gedanken, dass die Barmherzigkeit Gottes, die sich in Jesus Christus gezeigt habe, die Welt retten möge, griff am Donnerstag auch Kardinal Ruini bei einer Messe mit Kongress-Teilnehmern in der Lateran-Basilika auf: Die Neuheit des Neuen Testamentes bestehe nicht in neuen Ideen, sondern in Jesus selbst, in dem die Liebe Gottes Fleisch angenommen habe. Sein Kreuzestod, der jede menschliche Logik und jedes menschliche Maß übersteige, sei die Liebe in ihrer radikalsten Form, eine „ursprüngliche und absolute Liebe“. Und gerade darin bestehe die theologische und sakramentale Tragweite der Barmherzigkeit. Hier entstehe die Kirche, und hier finde sie den Sinn ihres Daseins und ihrer Mission. Die Kirche existiere nicht für sich selbst, bekräftigte Ruini. Die Kirche „existiert, um für Christus Zeugnis abzulegen und so Gott die Ehre zu erweisen und die Menschen zu retten“. Allein auf diese Weise diene sie der Göttlichen Barmherzigkeit und werde zum Instrument und Ort der Verwirklichung der Barmherzigkeit Gottes in der Welt.