„Danke, Bürger Benedikt!“

„Beeindruckende Abhandlung, verdiente Aufmerksamkeit“: Die Ansprache des Papstes im Bundestag vermochte am Ende selbst Kritiker zu überzeugen. Von Oliver Maksan

Sorgte mit seiner Rede im Bundestag für eine Überraschung: Benedikt XVI. Foto: dpa
Sorgte mit seiner Rede im Bundestag für eine Überraschung: Benedikt XVI. Foto: dpa

Welches Rot leuchtete am Donnerstag heller im Reichstag? Das der Kardinalsschärpen von Meisner, Marx und Lehmann auf der Besucherempore? Oder die AIDS-Schleifen, die auf dem Revers der Abgeordneten der Linkspartei prangten? Dass weniger als die Hälfte der Fraktion überhaupt gekommen war, hieß schließlich noch lange nicht, dass man mit dem Gast aus Rom und seinen Positionen etwa zur Sexualmoral und HIV-Prävention einverstanden wäre.

Aber auch der versammelte beschleifte Widerstand – die Parteichefs Lötzsch und Ernst an der Spitze – erhob sich, als der Papst nach einem Gongschlag Punkt 16.36 Uhr den Plenarsaal betrat – geleitet vom Hausherrn Bundestagspräsident Lammert, gefolgt von Bundespräsident und Kanzlerin. Der offene Eklat wie etwa bei der Rede von Israels Staatschef Peres mit entrollten Transparenten und demonstrativem Sitzenbleiben blieb also aus. Aber nicht jede Hand der „Linken“ rührte sich zum Applaus, der überhaupt im ganzen Hohen Haus erst nach einer feierlichen Stille etwas verzögert einsetzte.

Viele stellten aber wohl schon da fest: Es zog kein hochgemuter Theokrat in die Aula, kein katholischer Ajatollah, sondern ein zerbrechlich wirkender älterer Herr, freundlich distanziert aus gütigen Augen auf ein Plenum blickend, das um etwa 80 ihn boykottierende Abgeordnete kleiner war als sonst. Die leeren Plätze fielen allerdings nur bei der „Linken“ auf. Die SPD etwa hatte ehemalige Abgeordnete eingeladen, um die Lücken zu füllen. Schließlich dürfen auf dem Parkett nur aktive oder ehemalige Mandatsträger Platz nehmen.

Langsam, etwas unsicheren Schrittes ging der Heilige Vater zu seinem Platz neben Bundespräsident Wulff. Lammert, der den Papst eingeladen hatte, ließ die vorangegangene Diskussion um die Papstansprache nicht unerwähnt: „Selten hat eine Rede in diesem Haus, noch bevor sie gehalten wurde, soviel Aufmerksamkeit und Interesse gefunden – nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus.“

Da war der Grünenabgeordnete Hans-Christian Ströbele, die innerparlamentarische APO in Person, nur noch für kurze Zeit da. Hatte er zunächst noch – ohne den obligatorischen roten Schal – in seinem Sessel gelümmelt, verließ er bald nach dem warmen Applaus den Saal, um die Anti-Papst-Demonstranten auf dem nahen Potsdamer Platz zu verstärken. Von „geplanter Inszenierung“ sprach der „Tagesspiegel“ anderntags.

Lammert zeichnete derweil die Geschichte Deutschlands als dem Land der Reformation nach, die hier vor 500 Jahren ihren Ausgang genommen hatte. „Viele Menschen in Deutschland, nicht nur engagierte Katholiken und Protestanten, empfinden die Fortdauer der Kirchenspaltung als Ärgernis, auch deshalb, weil sie ehrlich begründete Zweifel haben, ob die Unterschiede zwischen den Konfessionen, die es zweifellos gibt, die Aufrechterhaltung der Trennung zwischen den Kirchen rechtfertigen.“ Das spornte die Grünen-Abgeordnete Antje Vollmer, selbst protestantische Theologin, zu einem einsamen Applaus an.

Als Lammert aber mit „Wir sind dankbar, dass wir Gastgeber sein dürfen“ schloss, klatschte auch Grünen-Chefin Claudia Roth beherzt in die Hände.

Damit war das Rednerpult frei für den Papst. Das Manuskript seiner Rede war da schon an die Presse verteilt worden, die mit den philosophischen Höhenflügen zu Naturrecht und Demokratie ihre Verständnisschwierigkeiten hatte. „Das ist mir zu hoch“, meinte ein Kollege einer sehr auflagenstarken Zeitung. Andere stimmten zu. „Ich glaube auch nicht, dass das jeder von denen da unten kapiert.“ Gemeint waren die Abgeordneten, die derweil gespannt auf ihren Plätzen saßen, so sie aus Bayern kamen vereinzelt auch im Dirndl.

Konzentriert und wach, wenn auch etwas leise hielt der Papst dann seine Ansprache. Sprach von Natur und Recht, von Demokratie und Wahrheit. Als er die ökologische Bewegung lobte und sie als Beispiel für eine neue Einsicht in die Würde der Natur nannte, applaudierten die Grünen umgehend – obschon der Papst unter dem Lachen der Anwesenden augenzwinkernd beteuerte, dass es ihm fern liege, Propaganda für eine bestimmte politische Partei zu machen.

Damit hatte er offenbar den Nerv des Plenums getroffen: Allgemeiner Applaus, stehende, von der Union ausgehende Ovationen. Selbst Gregor Gysi hatte sich während der Rede Notizen gemacht.

Als der Papst gegen 17.15 Uhr den Saal verließ und an der geschlossen applaudierenden „Linken“ vorbeiging, zog deren Abgeordneter Dietmar Bartsch sogar das Foto-Handy: War halt dann doch ein historischer Augenblick.

Das sah im Anschluss auch Grünen-Chefin Claudia Roth so. Dieser Zeitung sagte sie unmittelbar im Anschluss: „Ich bin beeindruckt von dieser modernen, zukunftsweisenden philosophischen Abhandlung. Ich habe nicht geahnt, dass der Papst so grün ist. Das wird einige bei der Union ärgern.“

Die FAZ kommentierte diese erwartbare parteipolitische Vereinnahmung am Freitag so: Mit dem Wort der Würde der Erde habe „Benedikt gerade jenen politischen Kräften, die meinten, über Kirche und Papsttum erhaben zu sein, ein Wort an die Hand gegeben, mit dem sie für sich werben, auch ihre Widersacher ins Unrecht setzen, dessen Verkünder sie aber nicht mehr so einfach verachten können.“

Die „Bild“–Zeitung wollte die Rede gleich zum neuen Verfassungskommentar erheben. Ernst Elitz, der Gründungsintendant des Deutschlandradios, meinte in seinem Kommentar: „Dieses Papstwort wird zum Grundgesetz unserer Demokratie. Danke, Bürger Benedikt!“