„Dankbarkeit hilft gegen alles“

Zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Augsburg für den Philosophen Jörg Splett. Von Michael Karger

Glaubenshoffnung hat er auch denkerisch weitergegeben: Jörg Splett. Foto: IN
Glaubenshoffnung hat er auch denkerisch weitergegeben: Jörg Splett. Foto: IN

Am Elisabethtag lud die katholisch-theologische Fakultät der Universität Augsburg zur abendlichen akademischen Feierstunde einer Ehrenpromotion. Den Rahmen bildete ein bunkerartiger Sichtbeton-Hörsaal mit steil aufsteigenden hölzernen Klappsitzen. Aber irgendwie entsprach dieser Ort dem pragmatischen Understatement des Philosophen Jörg Splett, den es zu ehren galt. Jedes Aufheben um seine Person und Förmlichkeiten wären dem geistig wie körperlich erstaunlich jung gebliebenen Achtundsiebzigjährigen sichtlich unangenehm.

Jörg Splett wurde 1936 in Magdeburg geboren, wo ihn der Diaspora-Katholizismus („für den man Opfer brachte“) geprägt hat. Nach traumatischen Fluchterlebnissen kam die Familie ins Rheinland. Seit seiner Schulzeit bei den Jesuiten im Bad-Godesberger Aloisius-Kolleg ist Splett von der Ordensfrömmigkeit geprägt. Auch wenn sein Lebensweg in Ehe und Familie geführt hat, so ist er bis heute ein treuer Sohn des heiligen Ignatius geblieben. Nach dem Philosophiestudium in Pullach promovierte Splett bei Max Müller über die Trinitätslehre Hegels (1964). Er wurde Assistent von Pater Karl Rahner, als dieser in München den Guardini-Lehrstuhl übernahm. Seine Habilitation schrieb Splett über „Die Rede vom Heiligen“ (1970). An der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt erhielt Splett 1971 die Professur für Religionsphilosophie. Im Jahr 2005 hielt Splett in Frankfurt seine Abschiedsvorlesung: „Im Dienst der Wahrheit.“ Splett lehrt von 1971 bis heute ununterbrochen als Gastdozent an der Philosophischen Hochschule in München. Gerade in dem Moment, als die studentische Jugend 1968 im Namen von Marxismus und Psychoanalyse das große Abräumen begann, begann auch Jörg Splett mit seinem Programm der philosophischen Reflexion auf Grunderfahrungen. Bis heute setzt er sich darum geduldig mit zentralen Fragen auseinander, die den Zeitgeist beherrschen (zum Beispiel Entsakralisierung, sexuelle Befreiung, Tiefenpsychologie, Biologismus, neuer Atheismus).

Dass der Philosoph Splett in seinem Festvortrag ausgerechnet über den Dienst der Theologie für die Philosophie sprach, ist wiederum Ausdruck des von sich und seiner Leistung Wegweisens in den Dienst an der Wahrheit. Hat er doch während insgesamt fünfundvierzigjähriger ununterbrochener Lehrtätigkeit in mehr als dreißig Buchpublikationen, 800 Aufsätzen und 2 000 Rezensionen eine systematische philosophische Durchklärung der Glaubensbotschaft vorgelegt, die ihresgleichen sucht.

Sein Antrieb war dabei einzig, dass die authentische Glaubensbotschaft in die Gegenwart hineinsprechen kann, ohne dem Offenbarungspositivismus oder dem Zeitgeist zu verfallen. Sein fundamental-theologisches Amt als Philosoph besteht darin, denjenigen, der den Glauben bekennt, in die Reflexion und Durcharbeitung seines Glaubenswissens einzuüben, damit er anderen auch denkerisch Rechenschaft von seiner Glaubenshoffnung geben kann (1 Petr 3, 5). In seinem Projekt Anthropo-Theologie machte Splett zwar mit Karl Rahner die Hinwendung zum Menschen und seiner Freiheit mit, lässt aber im Antwortcharakter des Menschseins die Theozentrik umso leuchtender aufstrahlen.

Zum Dienst an der Wahrheit, den der Philosoph Splett für die Theologie geleistet hat, gehörte auch stets Gegenwartskritik und die Erarbeitung entsprechend konkreter Imperative. Hier liegt auch eine Erklärung für den immensen Zuspruch zu den Lehrveranstaltungen von Splett: Die erarbeiteten Imperative trafen die Hörer zuerst in ihrem eigenen Gewissen. Dies bestätigte auch die zahlreich gekommene Schar ehemaliger Schüler und Hörer. Neben Augsburger Theologiestudierenden hatten auch drei Bischöfe Splett die Ehre erwiesen: Ortsbischof Konrad Zdarsa, der ein Grußwort sprach, war mit seinem Weihbischof Anton Losinger gekommen.

Der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, der als Münchener Priesteramtskandidat bei Splett seine philosophische Magisterarbeit geschrieben hatte, hielt die Laudatio. Voderholzer bot eine Durchsicht durch das Themenspektrum von Splett. Es reiche von der Trinitätslehre und ihrer Bedeutsamkeit für die Anthropologie, der Lehre vom Gegensatz und ihrer positiven Deutung der Geschlechterdifferenz, dem christlichen Personalismus, der Anbetung als Sinnspitze der Religion bis zur Ehespiritualität (Meditationen, die Splett zusammen mit seiner Frau Ingrid verfasst hat). Besonders dankte Bischof Voderholzer Splett auch für seine Hinführungen zu den großen Denkern (u. a. C.S. Lewis, Josef Pieper, G. K. Chesterton, Charles Peguy, Leon Bloy, John Henry Newman, Kierkegaard, Simone Weil, Emanuel Levinas). Splett dankte dem Laudator mit den Worten: „Erstaunlich, dass man so gut verstanden wird.“

Einen Dienst der Theologie für die Philosophie sieht Splett in der Denkaufgabe, die sie dieser mit dem Personbegriff aufgegeben habe. Schwerwiegende Folgen für Lebensanfang und Lebensende hätten sich aus der heutigen „Infragestellung von Personrang und Menschenwürde“ ergeben. Hier hätten Glaube und Glaubensdenken zu Antworten geführt, die noch nicht eingeholt worden seien: „Zur Einmaligkeit, Substanzialität und ,Selbstzwecklichkeit‘ eines jeglichen Selbst, dem – ,vor aller Leistung, trotz aller Schuld‘ – prinzipiell Achtung gebührt.“ Philosophie und Theologie sind für Splett keine Gegensätze, sondern die Theologie antworte auf offene Fragen der Philosophie.

Vom Philosophieren braucht man nicht die Hineinnahme von Offenbarungswahrheiten verlangen, sondern sie würde ihrer Offenheit auf das Ganze bereits dadurch gerecht, dass sie sich „ausdrücklich auf diese hin übersteigt.“ Weiterhin sieht Splett den Gedanken der Schöpfung aus dem Nichts als Dienst der Theologie für die Philosophie. Dieser Gedanke verändere nämlich alles: „Aus bloßem Dasein werde Gewolltsein.“ Vom Gottesglauben her formulierte Splett vier Fragen an den atheistischen Humanismus, die er auch als Dienst an der Philosophie versteht: „Woher begründet er ein unbedingtes Ja zu jedem Menschen? Welche Zukunft zeigt sich ihm für jene, die schwerer Unmenschlichkeit schuldig geworden sind? Wie kann er jemandem den Verzicht auf das eigene Recht … abverlangen, obwohl nur dies dem menschlichen Miteinander Bestand gibt? Was heißt für ihn Mitsein, Gemeinschaft mit unseren Toten?“

Zuletzt sieht Splett im Gebet den schönsten Dienst der Theologie für die Philosophie. Gebet ist für Splett nicht der Weg zur Identität mit Gott: In der bleibenden Unterscheidung vom Schöpfer wird das Geschöpf zur selbstvergessenen Antwort in der Anbetung. Vom Vizepräsidenten der Universität Henning Rosenau wurde die Promotionsurkunde überreicht, in der die „hervorragenden Verdienste“ von Splett um die „Religionsphilosophie und Anthropologie im Dienste der Theologie“ hervorgehoben werden. Die Katholisch-Theologische Fakultät, voran Dekan Stefan Schreiber und Prodekan Peter Hofmann, ein Doktorand von Splett, haben mit dieser Ehrung auf einen katholischen Denker aufmerksam gemacht, dessen Werk noch eine weit größere Aufmerksamkeit verdient. Der Dank von Jörg Splett bestand in einer wie immer geistsprühenden, witzigen und bildreichen Rede, bei der die ehemaligen Hörer sich durch den phänomenal unverändert engagierten denkerischen Sportsgeist ihres Lehrers wieder in ihre Jugendjahre zurückversetzt sahen. Gäste und Ehrendoktor sahen sich gleichermaßen beschenkt. Letzterer brachte dies auf den Punkt als er sagte: „Dankbarkeit hilft gegen alles, von Selbstüberschätzung bis zu Minderwertigkeitskomplexen, vom Neid bis zur Beschämung.“