Damit man das Sakrament leben kann

Zwei deutsche Theologen in Rom legen ein stimmiges ABC zur Vorbereitung auf die kirchliche Eheschließung vor. Von Urs Buhlmann

Illustration: Kirchliche Hochzeiten künftig auch ohne Standesamt möglich
Heiraten nach „reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss“, so will es die Kirche – in der Zeit von heute keine leichte Sache. Foto: dpa
Illustration: Kirchliche Hochzeiten künftig auch ohne Standesamt möglich
Heiraten nach „reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss“, so will es die Kirche – in der Zeit von heute keine lei... Foto: dpa

Nun soll es also doch zur Veröffentlichung eines Papstschreibens nach der Familiensynode kommen, wie es auch bisher nach Ende der römischen Bischofsversammlungen üblich war. So hat sich jedenfalls der vatikanische „Fachminister“, Erzbischof Vincenzo Paglia, Präsident des Familienrates, vernehmen lassen. Nach zwei, teils von heftigen Kontroversen geprägten Sitzungsperioden der Synode in den Herbstmonaten der Jahre 2014 und 2015 ist vor allem Verwirrung zurückgeblieben. Gilt die kirchliche Lehre zu Ehe und Sexualität noch oder wird sie ersetzt, und, wenn ja, durch was? Wie verbindlich ist das Abschlussdokument der 270 Synodalen und wer hat dann eigentlich das letzte Wort?

Zwei deutsche in Rom lebende und arbeitende Theologen versuchen Klarheit zu schaffen. Aber nicht bei der Deutung des recht offen gehaltenen Synoden-Schlusstextes und auch nicht bei der Interpretation der verschiedenen Papstworte vor, während und nach der Synode. Markus Graulich und Ralph Weimann wollen vielmehr eine Hilfestellung beim Weg zur Ehe leisten. Es geht um die Kriterien, die für eine gute christliche Ehe zu beachten sind, um Fragen der persönlichen Reife – und damit um die Essentialia, bei deren Nicht-Beachtung das Projekt von vorneherein schwierig wird. Der kleine Band, der passenderweise mit den liturgischen Texten der kirchlichen Eheschließung endet, ist ein wertvoller, unpolemischer Zwischenruf, der all das anspricht, was wirklich wichtig ist.

Denn auch ohne die neue Vieldeutigkeit von kirchlicher Seite ist es für Heiratswillige schwer genug, einen klaren Kopf zu behalten. Gesellschaftlich sind schon längst fast alle Formen des Zusammenlebens akzeptiert. Die Autoren sprechen von der „Kultur der Unverbindlichkeit und Bindungslosigkeit“, die sich breitgemacht hat und die den Willen zur Eheschließung behindert. Zudem sehen junge Menschen zahlreiche Ehen um sich herum scheitern, was nicht gerade den Willen zur Dauerhaftigkeit stärkt. Es gibt aber immer noch erstaunlich viele junge Menschen, die eben doch heiraten wollen. Kernproblem dabei – jeder Seelsorger wird es bestätigen – ist sehr oft die Unwissenheit darüber, was eine katholische Ehe ausmacht und/oder das Fehlen des persönlichen Reifegrades, der ein solches Unterfangen erst sinnvoll erscheinen lässt. Insofern ist das Vorgehen der Autoren, am Ende jedes Kapitels den Leser um Beantwortung einiger schlichter Fragen zu bitten, sinnvoll. Warum will ich eine kirchliche Ehe? Kann ich mich wirklich auf einen anderen Menschen einlassen oder bleibe ich lieber an der Oberfläche? Das sind Beispiele für derartige Fragen. Jesus hat in seiner Ehelehre zugleich etwas Neues und etwas Altes gebracht: Es war neu, zu sagen, dass es die in der Antike übliche Ehescheidung nicht mehr geben solle und dass die Frau nicht einfach der männlichen Willkür ausgesetzt werden dürfe. Zugleich führte er die Ehe auf die Schöpfungsordnung zurück, anerkannte sie als immer schon bestehende natürliche Institution, die aber nun als Zeichen der Einheit von Gott und seinem Volk, der Verbundenheit Christi mit seiner Kirche gedeutet und in den Rang eines Sakramentes erhoben wurde.

Klare Worte finden die Autoren zum wichtigen Thema der „Annahme“: Bevor man überhaupt daran denken sollte, einen anderen anzunehmen, muss man diesen Schritt sich selbst gegenüber getan haben. Und das sei nicht einfach in einer Gesellschaft, die unter dem Einfluss des Gender-Mainstreaming steht, des „anything goes“. Zitiert wird der Fall des Londoners, der vorgab, in einen Baum verliebt zu sein, und diesen heiraten wollte. Hier spiegele sich das Grundproblem der Postmoderne wieder, „wonach das Selbermachen zum entscheidenden Kriterium wird. Nicht die Annahme ist entscheidend, sondern selber in Aktion zu treten, selber zu wählen, selber zu konstruieren. Eine derartige Mentalität schädigt nicht nur die Person, die sich fast zwangsläufig nicht mehr selbst anzunehmen weiß, sondern macht sie auch bindungsarm oder gar bindungsunfähig.“ Am Ende ist es die alte Geschichte des Geschöpfes, das lieber Schöpfer sein will, die einst am Apfelbaum des Garten Eden begonnen hat.

Nach „reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss“ soll man heiraten, heißt es während der kirchlichen Eheschließung. Unter den Bedingungen der Moderne, die durch das Versprechen „unendlicher Wahlmöglichkeiten“ gekennzeichnet ist, keine leichte Sache. Schon Jugendliche lernen von den falschen Vorbildern in Fernsehen und Internet, dass man sich einfach „neu erfindet“, wenn etwas nicht mehr funktioniert oder schlicht, wenn man Lust darauf hat. Wie soll da die Reifung entstehen, die man für eine Lebensentscheidung braucht? Das Buch spricht aber auch von der falschen Form von Reife, die sich bei jungen Leuten etwa darin zeigt, dass man schon vor der Hochzeit länger zusammenlebt, und zwar in jeder Hinsicht. Denn so könne man sich erproben, wisse besser, ob man wirklich zusammenpasse. Häufig genug ist es aber eine falsche Sicherheit, die man gewinnt und die Paare dann eher in eine Ehe „hineinschliddern“ lässt als dass sie sich dazu wirklich entschlossen hätten. Auch Druck von den Eltern oder sich ankündigende Kinder werden als Motivationen für die Ehe genannt. Die Autoren plädieren dafür – und können sich auf soziologische Untersuchungen stützen – dass solche aneinander gewöhnte Paare, wenn sie dann wirklich heiraten wollen, für eine Zeit wieder getrennt und vor allem enthaltsam leben sollten.

Es wird im Weiteren das sehr einfache Grundaxiom der christlichen Ehe angesprochen, dass sie nämlich „vor Gottes Angesicht geschlossen wird“. Der Satz falle nicht einfach deswegen, weil die Ehewilligen zufällig in einer Kirche antreten. Es gehe vielmehr „um einen wesentlichen Bestandteil des Bundesschlusses, der häufig vernachlässigt wird und nicht selten die Ursache für das Scheitern von Ehen ist“. Kann man sich nämlich in krisenhaften Momenten die Tatsache wieder in Erinnerung rufen, dass Gott gleichsam als Dritter beim Ehebund dabei ist, können einem auch wieder Kräfte zuwachsen, einen neuen Anlauf zu nehmen oder auch einfach eine schwierige Situation auszuhalten. Genau da liegt wieder ein Problem, wenn so viele kaum im Glauben gefestigte Paare die kirchliche Ehe miteinander eingehen: Wenn es dann eng wird, ist häufig kein Anreiz da, die Not vor Gott zu bringen. Man hat eben noch keine echte Gottesbeziehung und keine Erfahrung mit dem Beten. Treue zu sich selbst, aus dem Wissen darum, dass Gott uns hält und treu ist, und dann die Treue zum Partner sind die wesentlichen Lernschritte.

So ist die Ehepastoral – das ist eine der Erkenntnisse dieses nützlichen kleinen Buches – ein einziges großes Feld der Neuevangelisierung. Eigentlich geht es darum, die jungen heiratswilligen Menschen auf einen Stand des Glaubenswissen und der gelebten Glaubenspraxis zu heben, der ihnen dann eine verantwortete Entscheidung zueinander und zur richtig verstandenen christlichen Ehe ermöglicht. Genau diesem Zweck will das einfach und klar formulierende Büchlein von Markus Graulich und Ralph Weimann – der eine ein hoher Kirchenjurist, der andere ein profilierter Dogmatiker und Bioethiker – dienen. Es ist damit das ideale Geschenk für alle, die heiraten wollen und die sich dabei über das katholische Verständnis der Ehe informieren oder, noch besser, – so sollte es eigentlich sein – sich davon leiten lassen wollen. Am besten bestellt jede Pfarre, die mehr als zehn Hochzeiten im Jahr auszurichten hat, gleich hundert Stück.

Markus Graulich/Ralph Weimann, Im Glauben das „Ja“ wagen – Auf dem Weg zur Ehe. Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien, 2015. 110 Seiten, Euro 12.00, ISBN 978-3-451-30405-7, EUR 12,–