Cum clave

Vor 750 Jahren wurde in Viterbo eine Tradition begründet, die bis zum heutigen Tag die Kirchengeschichte mitbestimmt. Von Ulrich Nersinger

So romantisch wie Viterbo mit seinem Glockenturm und der Papstresidenz heute daliegt, so unromantisch und zäh dauerte hier im 13. Jahrhundert das längste Konklave der Geschichte. Foto: IN
So romantisch wie Viterbo mit seinem Glockenturm und der Papstresidenz heute daliegt, so unromantisch und zäh dauerte hi... Foto: IN

Am 29. November 1268 war Papst Klemens IV. (1265–1268) in Viterbo verstorben. Die Kardinäle, die rechtmäßigen Wähler eines neuen Oberhauptes der katholischen Kirche, hatten sich schon bald in der Stadt versammelt. Doch es zeichnete sich ab, dass sie nicht in gebotener Zeit zu einer Einigung auf einen Nachfolger Petri kommen würden. Wochen, Monate vergehen. Die Führer der Bürgerschaft Viterbos suchen in dieser schwierigen Lage Giovanni di Fidanza auf. Der Ordensgeneral der Minderen Brüder des hl. Franziskus stammt aus Bagnoreggio, das sich nur einen Steinwurf von der Stadt entfernt befindet. Der Ordensmann fragt die Besucher nach dem Grund ihres Kommens. Sie geben ihm zur Antwort, man erbitte von ihm einen Rat, der der Kirche eine „buona ventura – ein gutes Geschick, eine gute Zukunft“ ermögliche. Di Fidanza lächelt über die Anspielung auf den Namen, den ihm einst der Poverello selbst, der Heilige aus Assisi, gegeben hatte: Bonaventura.

Der Generalobere der Minoriten erinnert sich der Vorkommnisse, die sich im Sommer des Jahres 1241 in Rom zugetragen hatten. Damals war Kaiser Friedrich II. mit dem Oberhaupt der Kirche, Gregor IX. (1227–1241), verfeindet. Als der Kaiser mit einem Heer nach Rom zog, lag der Papst im Sterben. Um eine schnelle Wahl seines Nachfolgers zu ermöglichen und dem Kaiser jeglichen Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, gab der Pontifex Maffeo Rosso Orsini, dem Senator von Rom, den Befehl, nach seinem Ableben mit aller Macht eine schnelle Wahl zu erreichen. Noch bevor der Verstorbene beigesetzt werden konnte, ließ der Senator die Kardinäle ergreifen und mit unvorstellbarer Gewalt ins Septizonium am Fuße des Palatins schleppen. Den antiken Prachtbau aus dem 3. Jahrhundert hatten Unwetter, Erdbeben und Vernachlässigung zu einer unwirtlichen Stätte gemacht. Man kerkerte die Kardinäle unter den unmenschlichsten Bedingungen in dem „Palast“ ein. Auf dem Dach verrichteten die dort lagernden Wachen ihre Notdurft, die sich durch Ritzen auf die Lager der Purpurträger ergoss. Selbst vor körperlichen Misshandlungen – brutalen Schlägen – schreckte Orsini nicht zurück, um letztendlich die Wahl eines Nachfolgers Petri zu erreichen. Die Berichte von dieser „Wahl“ haben Bonaventura abgestoßen. Soll er nun den Bürgern von Viterbo vorschlagen, ähnlich zu handeln? Bonaventura kämpft mit sich. Dann beschließt er, seinen Besuchern in Erinnerung zu rufen, was sich vor 30 Jahren in Rom zugetragen hat. Er lässt kein Detail aus, das den Kardinälen zugefügt worden ist. Er weiß, dass er mit seiner Schilderung ein Risiko eingeht. Doch die erschrockenen Gesichter der Männer zeigen ihm, dass diese nie so weit gehen werden wie Maffeo Orsini. „Wendet den Gedanken an, nicht die Methode“, schärft er ihnen ein. Der Podesta (Bürgermeister) von Viterbo bestimmt sodann den Capitano del Popolo (Volkskapitän) der Stadt zum Hauptmann der Wache der Wahlversammlung. Er ordnet an, Türen und Fenster des Gebäudes, worin sich die Kardinäle versammelt haben, zuzumauern, die Mahlzeiten zu reduzieren und gegebenenfalls nur Brot und Wasser als Kost für sie zuzulassen. Der einzige Zugang, der in die Räumlichkeiten hineinführt, wird mit einem Schlüssel – „cum clave“ – verschlossen. Bewaffnete Wachen nehmen dort und rund um das Gebäude Aufstellung. Die Entscheidung der Bürgerschaft, auf diese Weise die Kardinäle unter Druck zu setzen, zeigt jedoch anfangs nicht die erhoffte Wirkung. Die Purpurträger können sich weiterhin nicht auf einen Kandidaten einigen. Mancher von ihnen ist sogar eher bereit, auf sein Stimmrecht, ja sogar auf das Kardinalat selbst zu verzichten. Im März des Jahres 1271 erhält Viterbo hohen Besuch. König Philipp III. von Frankreich und Karl von Anjou, der König von Sizilien, haben sich am Konklaveort eingefunden. Sie versuchen auf die Kardinäle Einfluss zu nehmen. Vergeblich. Die französische und die italienische Partei im Kardinalskollegium können sich nicht einigen. Der Aufenthalt der beiden Monarchen in der Stadt steht zudem unter keinem guten Stern. Sie werden Zeugen eines blasphemischen Aktes. In ihrem Gefolge befindet sich Henry von Almain, der Sohn Richards von Cornwall. Er wird in Viterbo das Opfer einer blutigen Familienfehde. Bei einer Messfeier im Dom, in dem Augenblick, als der Priester die Konsekrationsworte spricht, wird der englische Adelige von seinem Cousin Guy de Monfort vor dem Altar erstochen. Die Tat ruft Abscheu und Bestürzung hervor. Dante Alighieri versetzt in seiner „Göttlichen Komödie“ den Mörder in den tiefsten Schlund der Hölle: „Der macht' einst am Altar das Herz verbluten, das man noch jetzt verehrt am Themsestrand.“ Unter den Wählern des Papstes befindet sich auch Giovanni da Toledo – „John the Englishman“, wie er in dem Verzeichnis der Konklaveteilnehmer genannt wird. Der Kardinalbischof von Porto und Santa Sabina ist in England geboren, hat in Toledo Medizin studiert und ist dann in den Zisterzienserorden eingetreten. In Angelegenheiten seines Ordens wurde er nach Rom geschickt und diente dort den Päpsten eine Zeit lang als Leibarzt. Wütend über den Verlauf der Wahlversammlung zeigt der Kardinal auf das Dach des Gebäudes und ruft lauthals aus: „Man sollte es abnehmen, damit der Hl. Geist endlich zu uns findet!“

Seine Worte wird er noch bereuen. Sie sind von den Wachen gehört worden und werden dem Stadthauptmann zugetragen. Der zögert nicht lange. Er beschließt, den „Vorschlag“ des Kardinals in die Tat umzusetzen. Als Handwerker auf das Dach klettern, um es abzutragen, geschieht ein Unglück. Ein Arbeiter verliert den Halt und stürzt ab. Mit gebrochenem Genick kommt er vor der Pforte des Gebäudes zu liegen. Bonaventura ist entsetzt. In dem Tod des Handwerkers sieht er eine Strafe Gottes – für das Zögern der Kardinäle und das übereifrige Handeln der Bürger von Viterbo. Und er selbst beginnt zu zweifeln, ob sein Rat für die Abhaltung des Konklaves ein guter war.

Die teilweise Abdeckung des Daches führt nicht sofort zu dem gewünschten Erfolg. Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem die Kardinäle ihrer eigenen Unentschlossenheit überdrüssig werden. Am 1. September 1271 wählen sie einen Außenstehenden und Nicht-Kardinal zum neuen Oberhaupt der Christenheit, Teobaldo Visconti, den Erzdiakon von Lüttich, einen gebürtigen Italiener aus Piacenza. Über 1 000 Tage sind seit dem Tod Klemens' IV. vergangen. Ein Wermutstropfen muss jedoch hingenommen werden. Der künftige Papst ist auf einer Pilgerreise und weilt im Hl. Land. In der Kreuzfahrerstadt Akkon erhält er die Nachricht von seiner Wahl. Erst im kommenden Jahr trifft er in Viterbo ein, wird dort zum Bischof geweiht und in Rom als Gregor X. feierlich gekrönt.

Mit der Apostolischen Konstitution „Ubi periculum – Wo die Gefahr besteht“ vom 16. Juli 1274 legt Gregor X. auf dem II. Konzil von Lyon neue Vorschriften für die Wahl des Papstes fest: „Wenn der Papst dort stirbt, wo sich die Kurie befindet, sollen die in der Stadt anwesenden Kardinäle auf ihre abwesenden Kollegen nur zehn Tage lang warten. Danach sollen sie sich alle – egal, ob die Abwesenden gekommen sind oder nicht – in jenem Palast versammeln, wo der Papst selbst wohnte. In eben diesem Palast sollen sie alle gemeinsam einen abgeschlossenen Raum bewohnen. Dieser Raum soll, abgesehen von einem Zugang zum Abort, von allen Seiten so verschlossen sein, das niemand eintreten oder entweichen kann. Wenn aber nach drei Tagen nichts über den Hirten der Kirche entschieden ist, dann sollen sie sich fünf Tage lang mit einem einzigen Gericht begnügen. Von da an sollen ihnen nur Brot, Wein und Wasser gereicht werden, bis die Wahl erfolgt ist.“

Die Bestimmungen nehmen den Ratschlag des Bonaventura zur Beendigung einer langen Sedisvakanz dankbar auf und geben ihm verpflichtende Gesetzeskraft. Künftigen Papstwahlen ist damit eine Grundlage für eine „gute Zukunft“ gegeben.