Credo light?

Thomas Marschlers Auseinandersetzung mit dem Glaubensbekenntnis läuft ins Leere

Wer sich an die Kurzfassung des Glaubensbekenntnisses (Ich glaube an den einen Gott...) in der Sonntagsmesse immer noch nicht gewöhnt hat, wird neugierig auf einen Buchtitel, wo es heißt: Ich glaube, die Spiritualität des Credo. Es geht um das Apostolische Glaubensbekenntnis, das über 1 500 Jahren von Christen aller Konfessionen als ökumenisches Kerngebet gesprochen wird. Doch nicht selten wird es auch gedankenlos dahergesagt. Thomas Marschler will „mit frischer Sprache und spirituellem Tiefgang“, wie der Klappentext seines neuen Buches verspricht, zu einer „neuen Begegnung mit dem Credo“ verhelfen. In zwölf Kapiteln findet der Leser eine Sammlung von Predigten und Katechesen des Autors vor, die sich an den Themen des Credos orientieren. Marschler will einzelne Glaubenssätze interpretieren, Denkanstöße und spirituelle Impulse für Menschen von heute geben.

Der Autor ist Priester des Erzbistums Köln und ein wissenschaftlicher Senkrechtstarter. Nach einem theologischen Doktorat in Bonn, einer philosophischen Promotion in Flensburg und der Habilitation an der Ruhruniversität Bochum wurde Marschler 2007 zum jüngsten Dogmatikprofessor in Deutschland berufen – als Nachfolger von Anton Ziegenhaus in Augsburg. Marschlers 2003 erschienene Doktorarbeit über Auferstehung und Himmelfahrt Jesu in der scholastischen Theologie des heiligen Thomas von Aquin spiegelt sich auch in den Passagen des Buches über das Ostergeheimnis wieder. Hier unternimmt Marschler mit immer neuen Anläufen, unerwarteten Geschichten und Beispielen aus dem Alltag den Leser mit in die geheimnisvolle Welt des christlichen Glaubens, wo im Zeichen des Kreuzes die Liebe und Gegenwart Gottes oft gleichsam verborgen und doch offenbar ist.

Leicht lassen sich übrigens Befürchtungen von Lesern zerstreuen, die in dem Buch vornehmlich einen wissenschaftlichen Traktat mit Ausflügen in die komplizierte Welt der scholastischen Theologie und Philosophie vermuten. Nur vereinzelt weist Marschler im Text auf Zitate von Kirchenvätern oder den Gelehrten der Scholastik hin; Hinweise auf den Katholischen Weltkatechismus oder Anmerkungen fehlen ganz.

Marschlers Bemühen gilt den eher leichter verständlichen Zusammenhängen des christlichen Glaubens, um so die „Aktualität des Credos“ aufzuzeigen und seine früheren Zuhörer beziehungsweise heutigen Leser nicht zu überfordern.

Starke Gewichtung philosophischer Fragestellungen

Doch schon nach der gut verständlichen Auslegung der ersten beiden Wörter des Glaubensbekenntnisses („Ich glaube“) wird es für den Leser dann komplizierter und auch verwirrender. „Die unreduzierbare Gottesfrage“ soll den Leser in die Welt des philosophischen Fragens hineinnehmen, dieser Welt der hermeneutischen Zirkel und Winkel. Wer da nicht eine ausgesprochene Freude an philosophischen Fragestellungen hat, bleibt etwas irritiert zurück. Ist Gott nun das unbekannte Wesen, dem man rastlos und letztlich ratlos eine Frage nach der anderen stellen kann – ohne eine Antwort zu erhalten? Ist das „unauslöschliche Fragen nach Gott“, von dem Marschler spricht und viele Beispiele gibt, tatsächlich ein Weg, um die größere Wirklichkeit Gottes zu erahnen, die größer als alles menschliche Maß ist?

Eigentlich dachte der vielleicht einfältige Gläubige bisher, dass das Credo Antworten auf fundamentale Fragen zu geben vermag. So scheint doch die Gottesfrage im ersten Satz des Glaubensbekenntnisses klar beantwortet: Gott ist der „Vater, der Allmächtige, der Schöpfer“.

Bei Marschler aber ist das auf „Ich glaube“ folgende Kapitel mit „Gott, der Unergründliche“ überschrieben. Sollen wir also demnächst im Gottesdienst beten: Ich glaube an Gott, den Unergründlichen? Vom allmächtigen Gott, dem Vater Jesu Christi und der Christen, redet der Autor jedoch kaum, weder von seiner Allmacht noch von seinem Vater- und Schöpfer-Sein. Stattdessen beschreibt Marschler – und dieser Duktus zieht sich letztlich durch das ganze Buch – Gott „als den freien und souveränen, den sich entziehenden und sich verhüllenden, kurz: als den unbegreiflichen und unerforschlichen Gott.“

Sicher ist es berechtigt, unsere menschlichen Vorstellungen und Bilder von Gott, gerade das Reden vom „lieben Gott“, wie Marschler zu Recht hervorhebt, kritisch in Frage zu stellen. Aber kann man mit dem Argument einer „Aktualisierung“ über zentrale Aussagen des Credo einfach hinweggehen? Wie kann ein Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, unbegreiflich und unerforschlich sein?

So interessant, lehrreich und glaubensbildend manche der Geschichten und Gedankengänge Marschlers in den folgenden Kapiteln sein mögen, so schmerzlich sind zudem Auslassungen, die das ganze Buch durchziehen.

Wer Hoffnungen auf junge Theologen setzt, erwartet mehr

Warum findet der Leser keine Auslegung über die Passage „hinabgestiegen in das Reich des Todes“? Warum fehlt eine Erklärung dazu, dass der auferstandene Herr nun „an der rechten Seite des allmächtigen Vaters sitzt“? Diese Auslassungen stellen das Buch letztlich auf tönerne Füße. Sie lassen die „Spiritualität des Credo“ fast unvermeidlich ins Leere laufen. Wer Hoffnung auf die junge Generation von Priestern und Theologen setzt, erwartet – gerade von einem Dogmatikprofessor – eigentlich etwas anderes als ein Credo light.

Warum soll Gott gerade der sein, der „der das Neue liebt“, wie es in einer Kapitelüberschrift heißt? Und ist der Heilige Geist wirklich nur der, „der Verbindung schafft“? Das wird der Wirklichkeit des biblischen Gottes und der kirchlichen Tradition nicht gerecht. Der Heilige Geist ist mehr als „Kommunikation“; er ist der Schöpfer der Welt und der Kirche, der Tröster der Gläubigen und Stellvertreter Christi auf Erden, der „Verlebendiger“, wie es im Nicänischen Glaubensbekenntnis heißt.