Credo: Die köstliche Traube

Christus wartet nur darauf, seine Liebe schenken zu können. Er preist jene selig, welche ein reines Herz haben und ihn ersehnen. Von Bruno Rieder OSB

Es dauerte Jahre, bis ich meinen Selbstbetrug durchschaute. Als Büchernarr und in einer Zeit, wo Ratgeberliteratur sich millionenfach verkauft, beschaffte ich mir immer neue Bücher, die mir Anleitung zu Gebet und geistlicher Lesung versprachen. Wirkliche Fortschritte machte ich dennoch nicht. Bis mir schließlich doch ein Licht aufging: „Statt immer noch mehr Bücher über das Gebet und die Lesung zu verschlingen: bete und meditiere!“ Geistlicher Fortschritt geschieht nur im Exerzitium, im geduldigen Einüben. Der Klassiker unter den Anleitungen zur Lectio divina, der „Brief über das beschauliche Leben“ des Kartäuserpriors Guigo II. († 1188), wusste um diese Wahrheit, auch um die genannte Versuchung. Seine Lehre vermittelt er deshalb im exemplarischen Vollzug. Versuchen wir ihm zu folgen: Am besten greife ich als Anfänger zu einem nicht allzu schwierigen Bibeltext. Den gilt es zunächst genau zu lesen. Ich stoße also bei der Lesung auf die Stelle: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) Für Guigo ist das nicht eine Knacknuss, an der man sich die Zähne ausbeißt, sondern eine köstliche Traube, die der hungernden Seele gereicht wird. Speisen, die ich ungeduldig verschlinge, kann ich nicht verkosten. Deshalb schaue ich die Traube genau an und sage mir: „Dieses Wort kann mir gut tun. Ich will es also auf mich anwenden, in mein Herz einkehren und versuchen, diese Reinheit zu finden. Diese Suche lohnt gewiss, denn wer die Herzensreinheit besitzt, wird seliggepriesen und ihm wird die Schau Gottes versprochen.“ Damit bin ich motiviert für den zweiten Schritt, die Meditation, das bessere Verstehen dieses Schriftworts. Ich greife nach der geheimnisvollen Traube, bleibe nicht beim bloßen Anschauen stehen, sondern zerkleinere und zerkaue sie. Die Mönchsväter verwendeten dafür das Bild der Ruminatio, des „Wiederkäuens“. Sorgfältig versuche ich, alle Einzelheiten des Schriftwortes zu erwägen. Mir fällt auf, dass Jesus nicht seligpries, „die einen reinen Leib haben“, sondern „die ein reines Herz haben“. Nicht bloß meine Taten, vielmehr meine Gedanken bedürfen der Reinigung. Die muss ich vom Herrn erflehen, wie mir ein Psalmwort zeigt: „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz.“ (Ps 51,12) Nun will ich auch genauer bedenken, welcher Lohn dem reinen Herz verheißen ist. Welches Gesicht kann schöner sein als das Antlitz des verherrlichten Christus? Dessen Schau wird alles Verlangen stillen: „Ich will mich sattsehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache.“ (Ps 17,15) Schon diese kurze Meditation führte dazu, dass überströmender Wein aus der unscheinbaren Traube quillt. Das Zerkauen hat die Sehnsucht nach der Herzensreinheit und der Gottesschau entflammt. Wie erlange ich das Ersehnte? Dem eigenmächtigen Zugriff entzieht sich solch köstliche Gabe. Sie kann nur im dritten Schritt von Gott erbeten werden: „Herr, nur die können dich schauen, die ein reines Herz haben. Ich suche in der Lesung und in der Meditation, was die wahre Herzensreinheit ist und wie man sie erlangen kann, damit ich dich wenigstens ein bisschen besser erkenne. ,Mein Herz denkt an dein Wort: Suchet mein Antlitz! Dein Antlitz, o Herr, will ich suchen.‘ (Ps 27,8) Gib mir wenigstens einen Tropfen des himmlischen Taus, um meinen Durst zu stillen, denn ich brenne vor Liebe.“

Liebende Zuwendung ist freie Gabe. Doch Christus wartet nur darauf, seine Liebe schenken zu können. So kann es geschehen, dass der Bräutigam selber kommt. „Er unterbricht das Gebet und eilt der Seele, die ihn ersehnt, plötzlich entgegen.“ Wem so die Gnade der Kontemplation, der innerlich-geistigen Schau des Geliebten, geschenkt wird, der soll sich an das Wort aus dem Hohelied halten: „Stört die Liebe nicht auf.“ (Hld 2,7)