Contra: Soll St. Hedwig umgebaut werden?

Kirche, kein Plenarsaal. Von Dekan Matthias Patzelt

St. Hedwig
Die heutige Kathedrale des Erzbistums Berlin, St. Hedwig, wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet. Nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die in Ost-Berlin liegende Kirche innen in moderner Form erneuert. Der Hauptkirche der Berliner Katholiken steht demnäc... Foto: Markus Nowak

Wenn man der Legende glauben möchte, hat uns den Streit um Sankt Hedwig König Friedrich II. eingebrockt, den einige auch den Großen nennen. Auf die Frage, wie die Kirche der Katholiken in Berlin denn aussehen solle, habe er seine Kaffeetasse umgedreht und erklärt „So!“. Tatsächlich hatte es ihm wohl das römische Pantheon angetan; seinen ursprünglichen Plan, nach dessen Vorbild ein Gotteshaus für alle Konfessionen zu errichten, hatte man ihm ausgeredet.

Und so stand man im Laufe der Geschichte mit Sankt Hedwig mehrmals vor der Frage, wie die katholische Liturgie in diesen Zentralbau zu integrieren wäre. Denn entweder wird im Gottesdienst mehr das pilgernde Gottesvolk dargestellt, das dem wiederkommenden Herrn entgegengeht; und das geschieht leichter in einem Längsbau – etwa in den mittelalterlichen Basiliken, die auf eine Christusdarstellung in der Apsis ausgerichtet sind.

Oder die Feier ist mehr Vorausbild des himmlischen Jerusalem, wofür ein Zentralbau angemessener erscheint (wie etwa der Aachener Dom, San Stefano Rotondo in Rom, vor allem aber die Jerusalemer Grabeskirche).

In dieser Hinsicht weniger überzeugend waren daher die Gestaltungen von Sankt Hedwig aus den Jahren 1773 und 1932, die die Rundkirche letztlich doch wieder wie einen Längsbau behandelten, fast wie im römischen Vorbild, dem Pantheon, in dem der Altar und das Gestühl heute eher wie ein Fremdkörper wirken.

Der Neugestaltung der Berliner Bischofskirche von Hans Schwippert nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es dann in genialer und bisher wohl einzigartiger Weise, den viatorischen Charakter der kämpfenden Kirche mit dem Zentralbau zu verbinden, und zwar nicht in der gewohnten Horizontalen, sondern in der Vertikalen. Die Feier in der Oberkirche von Sankt Hedwig wird heute nämlich in zweifacher Weise geöffnet: Durch die Treppe nach unten, wo sich die Grablege der Berliner Bischöfe befindet und durch das Fenster an der Kuppelspitze. Die Toten und der Himmel sind stets gegenwärtig.

Wenn wir nun den Entwurf für die abermalige Umgestaltung der Kathedrale betrachten, geht es bei dem Vorhaben um ein neues Konzept der liturgischen Feier, ja um eine „liturgische Neuorientierung“, wie der Künstler Leo Zogmayer seine Pläne in einem Interview mit der Berliner Bistumszeitung „Tag des Herrn“ erläuterte (28. September 2017). Er spricht dort von einer „gemeindeorientierten Liturgie“.

Abgesehen davon, dass „Orientierung“ zu Deutsch Ostung bedeutet und damit im christlichen Gottesdienst die Ausrichtung des Gottesvolkes auf die aufgehende Sonne als Bild des wiederkommenden Herrn meint, wird eine sich im geschlossenen Kreis befindliche und auf sich selbst orientierte Gemeinde immer in der Gefahr sein, sich auch selbst zu feiern, nichts mehr erwartend, was die eigenen Kreise sprengt. Sowohl die kosmologische als auch die eschatologische Dimension der Eucharistie, die gerade dort Trost spendet, wo die Welt auf die letzten Fragen keine Antwort mehr geben kann, wird fast unkenntlich.

Sankt Hedwig wird nach der Umgestaltung nicht mehr Abbild der pilgernden Kirche sein, aber auch nicht Vorausbild der himmlischen Stadt Gottes, denn zum Konzept gehört für den Künstler ebenso die „barrierefreie“ Horizontale, die einen gesonderten heiligen Bezirk nicht mehr erkennen lässt. Zogmayer nennt dies eine „Revolution“, und es ist ihm beizupflichten im Blick auf den geplanten Bruch mit der liturgischen Tradition der Kirche.

Das Ergebnis wird ein Kirchenraum sein, der eher an einen Plenarsaal erinnert, als dass er die Gegenwart Gottes erkennbar macht. Gerade auch im Hinblick auf die vielen kirchlich abständigen oder ungetauften Besucher von Sankt Hedwig hätte uns mehr zur Erhebung der Herzen einfallen müssen als ein Raumkonzept, das wie ein Relikt aus den sechziger oder siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wirkt und alles andere ist als innovativ oder originell. Der Eindruck der neuen Kathedrale wird sein: Das pilgernde Volk Gottes ist stehengeblieben und hat die Orientierung verloren.

Der Verfasser ist Pfarrer in

Brandenburg an der Havel

Der geplante Umbau der Berliner Hedwigskathedrale hat lebhafte Debatten ausgelöst. Das Erzbistum Berlin will das Gotteshaus ab September schließen. Es beziffert die Sanierungs- und Umbaukosten für die Kathedrale und das benachbarte Bernhard-Lichtenberg-Haus auf mehr als 60 Millionen Euro. 20 Millionen Euro bringt das Erzbistum selbst auf. Weitere 20 Millionen Euro sind von allen 27 deutschen Diözesen zugesagt. Zwölf Millionen Euro stellen der Bund und acht Millionen Euro das Land Berlin bereit.

Umstritten ist vor allem das Vorhaben, die zentrale Bodenöffnung mit Freitreppe zur Unterkirche zu schließen. Der Architekt Hans Schwippert (1899–1973) hatte diese Raumfassung beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Bischofskirche vor mehr als 50 Jahren angelegt. Nach dem erstplatzierten Wettbewerbsentwurf des Architektenbüros Sichau & Walter (Fulda) und des Künstlers Leo Zogmayer (Wien) soll stattdessen der Altar ins Zentrum des Rundbaus rücken. Dies ist nach Auffassung der meisten Gremien des Erzbistums notwendig, um nach den gegenwärtigen kirchlichen Vorgaben Gottesdienst zu feiern.

Kritisch bewertet die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Umbaupläne. Gegenüber der „Tagespost“ weist Steffen Skudelny vom Vorstand der Stiftung auf die „kulturelle Höchstleistung“ des Wiederaufbaus von St. Hedwig in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit hin. Wörtlich fragt Skudelny: „Darf ein Gesamtkunstwerk, um dessen Einzelelemente sich jedes Museum bemühen würde, aus modernistischen Gründen zerschlagen werden? Ist ein geänderte Nutzungsvorstellung Grund genug, den Schutzstatus eines Denkmals auszuhebeln? Darf die Zerstörung eines Denkmals mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert werden, während diese an anderer Stelle schmerzhaft fehlen?“