Christliche Familie als Schule der Liturgie

Persönliche Erinnerungen. Von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller

Für die meisten Katholiken – zu denen ich mich auch zähle – die in volkskirchlichen Strukturen aufgewachsen sind, stellt die Liturgie, so wie wir sie erleben, den unmittelbarsten biografischen Zugang zum Christentum dar. Meine eigenen christlichen Sozialistationsphasen vollzogen sich in der Kindheit mit der Liturgiereform vor dem Konzil. Die geistige Prägung der Jugendzeit und des beginnenden Erwachsenendaseins geschah während des Konzils. (...)

Die beste Einführung in die Liturgie beginnt in der christlichen Familie, der Hauskirche. Von meiner Mutter habe ich beten gelernt, auch Beten zu verstehen und zu praktizieren als eine persönliche Begegnung mit Jesus, der aus Liebe für uns Menschen den bitteren Tod am Kreuz auf sich nahm, aber von den Toten auferweckt worden ist; der bei seinem Vater, der auch unser aller Vater ist, lebt und für uns eine Wohnung im Himmel bereitet hat. Von diesem Jesus, meinem besten Freund, habe ich von den Ordensschwestern im Kindergarten und von den Lehrerinnen und Lehrern in der Schule, von den Kaplänen durch die biblische Geschichte und Katechismus und das Mitleben des Kirchenjahres in der Pfarrei immer mehr erfahren. Es war und ist derselbe Jesus, von dem wir hörten und zu dem wir beteten, den wir, wenn wir in die Kirche gingen, im Tabernakel gegenwärtig erfuhren und erfahren und den wir in Ehrfurcht und Liebe anbeten.

Nachdem ich nach der ersten heiligen Kommunion, die mir wirklich als der schönste Tag im Leben in Erinnerung bleibt, in die Schar der Ministranten aufgenommen worden war, wuchs ich, wie viele andere auch, organisch hinein in den Reichtum und die Fülle der Liturgie, die das ganze Leben des Menschen ergreift und durchdringt.

Den Priester auch als Ministrant zu den Kranken zu begleiten, bei Beerdigungen mit Tod und Sterblichkeit, aber auch schon als Kind und Jugendlicher mit dem Leid der Angehörigen konfrontiert zu werden, bei den freudigen Ereignissen von Taufen und Hochzeiten dabei zu sein, feierliche Prozessionen und Wallfahrten zu erleben, das bringt einen jungen Menschen mit der ganzen Realität des menschlichen Daseins in Kontakt, die aber im Glauben auf das Geheimnis Gottes hin überschritten wird und den Menschen aus dem Gefängnis trostloser Diesseitigkeit befreit.

Die Glaubensgeheimnisse der Dreifaltigkeit Gottes, seine dreifaltige Liebe, der Menschwerdung des Sohnes, seines Leidens, Sterbens und der Auferstehung von den Toten, der Himmelfahrt, der Sendung des Heiligen Geistes und der Erwartung seiner Wiederkunft haben sich mir von Kindheit an als von Gott geoffenbarte Wahrheiten eingeprägt, die damit immun sind gegen den skeptischen Zweifel und den Abnutzungsprozess einer jeden jugendlichen Begeisterung.

Ich erwähne den biografischen Zugang zur Liturgie und zum Glauben und Leben der Kirche nicht nostalgisch in wehmütiger Erinnerung an die heile Zeit einer verlorenen katholischen Kindheit vor dem Konzil. Ich meine aber, ... dass die Lebensstufen, die uns von Gott geschenkt sind als Kind, als Jugendlicher, für den Glauben des Erwachsenen im aktiven Leben und auch für den Menschen am Abend des irdischen Lebens von bleibender Bedeutung sind.

Die Kindheit vermittelt die einmalige Chance einer ganzheitlichen Erfassung der Realität der Welt, der Familie, und des Geheimnisses des transzendenten Gottes, der uns in Jesus ein menschliches Antlitz zeigt. Nicht Kinderseligkeit und Weihnachtsromantik, Osterbrauchtum ohne Osterglauben, Altardienst des Ministranten ohne Freundschaft mit Christus macht den unverlierbaren Reichtum einer religiös geprägten Kindheit aus, sondern die Erfahrung des Gottvertrauens, der Liebe zu Gott und seinem Nächsten, das Erahnen der unvergänglichen Wahrheit, dass Gott allein den Menschen selig macht und all sein Verlangen erfüllt.

Wie oft haben wir in Predigten, auch bei Missionen, das Wort des heiligen Augustinus zitieren hören, das uns tief prägt: Herr, du hast uns auf dich hin erschaffen und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir. Diese existenzielle Wahrheit kann das reine Herz des Kindes erfassen. (...)

Diese ganzheitliche Begegnung und zugleich personale Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus im Heiligen Geist begründet unsere Identität als Kind Gottes, die allen späteren existenziellen und theologischen Reflexionen vorausgeht, sie vor einem bloß theoretischen Reden über Gott, über den Menschen und über die Welt bewahrt und immer wieder einmünden lässt in die Erfahrung, dass wir aus Gott geboren sind und von seiner Liebe im Leben und Sterben umfangen bleiben.