„Christen sind nur gemeinsam stark“

Kardinal Kasper zur geplanten Nahostsynode im Vatikan

Papst Benedikt XVI. hat die Kirchenführer des Nahen Ostens zu einer Sondersynode in den Vatikan gerufen. An den Vorbereitungen des Treffens ist auch der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen beteiligt. Burkhard Jürgens von der Katholischen Nachrichtenagentur sprach mit dessen Präsident, Kardinal Walter Kasper über Zweck und Themen des hochrangigen Bischofstreffens, das vom 10. bis 24. Oktober stattfinden soll.

Herr Kardinal, worum geht es bei der geplanten Nahostsynode?

Der Nahe und Mittlere Osten ist das Zentrum vieler Unruhen, und die Kirche steht dort mittendrin. In dieser Region sind die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zu Hause; das Alte wie das Neue Testament haben hier ihren Ursprung. Sie liegt uns Christen deshalb besonders am Herzen. Die politischen Spannungen dort betreffen alle Kirchen. Es liegt also nahe, dass wir die Verantwortung wahrnehmen, die wir für den Frieden dort haben. Außerdem besteht im Orient eine Vielzahl von Kirchen. Auch da gibt es Probleme zu besprechen. Diese Synode wird demnach sehr wichtig für den Frieden in der Welt und in der Kirche.

Das Synodenmotto zitiert den Vers aus der Apostelgeschichte: „Sie waren wie ein Herz und eine Seele.“ Das klingt wie eine Mahnung an die Synodenväter, sich erstmal zusammenzuraufen.

Eine Dialogkultur wie im Westen seit einigen Jahrzehnten gibt es bei den Ostkirchen noch nicht. Auf der anderen Seite sitzen alle Kirchen in einem Boot, und alle haben dieselben Probleme. Es ist auch schon viel zusammengewachsen: In Syrien zum Beispiel haben die Christen unterschiedlicher Kirchen dieselbe Sprache, feiern dieselbe Liturgie. Sie stehen vor den gleichen Herausforderungen gegenüber dem Islam und der Säkularisierung. Aber das Ideal, ein Herz und eine Seele zu werden, ist noch nicht voll eingelöst.

Können Sie das präzisieren? Wo liegen Bruchlinien zwischen den Kirchen?

Es liegen Bruchlinien zwischen den Orthodoxen und den Lateinern, zwischen den katholisch-orientalischen Kirchen und den Orthodoxen, gelegentlich auch zwischen lateinischen und orientalischen Katholiken. Die große Vielfalt hat etwas Schönes und Buntes an sich, aber sie ist auch konfliktträchtig. Das Hauptproblem ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Wenn ein Pfarrer aus Bethlehem zehn Kilometer weiter in das zuständige Patriarchat in Jerusalem will, braucht er ein Visum, und wenn zurückwill, muss er wieder eines beantragen. Das erschwert das kirchliche Leben und erst recht den Alltag der Menschen.

Es scheint, als sollten die christlichen Kirchen den Schulterschluss üben, um frischen Schwung in die Friedenspolitik zu bringen. Ist das die Idee hinter der Synode?

Das ist sicher ein Gesichtspunkt, aber nicht der einzige. Der Frieden wird nicht nur von der Politik gemacht, er muss in den Herzen der Menschen anfangen. Da ist noch sehr viel Versöhnungsarbeit notwendig. Die Kirche kann hier einen Auftrag erfüllen, den die Politik so nicht leisten kann.

Welche Rolle spielt die Ökumene dabei?

Die Christen im Nahen und Mittleren Osten sind nur gemeinsam stark, und nur gemeinsam können sie überleben. Es reicht nicht, dass jeder sein eigenes Schäfchen ins Trockene bringt. Eine der großen Sorgen ist die Emigration der Christen aus praktisch allen Ländern der Region. Es gilt, das zu stoppen, der jungen Generation eine Zukunft zu geben. Das ist ein Problem aller Kirchen, und das müssen wir gemeinsam lösen.

Ist das ein neues Synodenmodell, katholische Kirchenführer aus einem geopolitischen Brennpunkt gemeinsam mit nichtkatholischen Beobachtern an einen Tisch zu holen?

Eine solche Synode ist naheliegend. Weder politisch noch geographisch oder kirchlich ist der Nahe und Mittlere Osten eine Einheit. Aber es ist ein Konfliktherd, der in andere Teile der Welt ausstrahlt. Selbstverständlich können wir als katholische Kirche die Probleme nicht allein lösen. So laden wir die orientalischen Christen ein, die dort die Mehrheit bilden, und vermutlich auch den einen oder anderen Beobachter der Muslime und der Juden. Alles soll in der größtmöglichen Transparenz und Gemeinschaft geschehen.

Das wäre ein kleines ökumenisches Konzil.

In gewissem Sinn ist das eine Neuheit, und eine erfreuliche. Wenn das zum Modell wird, kann man nur gratulieren.