Caterina de Medici - Hochfinanz im Herrscherhaus

Als Krämerstochter und böse Königin diffamiert: Vor 500 Jahren wurde Caterina de Medici geboren. Von Georg Blüml

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Mutter dreier französischer Könige: Caterina de Medici. Foto: Alamy

Mittwoch, 13. April 1519, Florenz. Im Palast der Medici herrscht eine gespannte Unruhe; eine sehnsüchtig erwartete Geburt steht ins Haus. Durch Zuwendungen und Gefälligkeiten – nötigenfalls auch mit einer ordentlichen Prise aggressiver Verschlagenheit – hatte die Bankierssippe ein Netz von persönlichen Abhängigkeiten und Verflechtungen geknüpft. In einem kometenhaften Aufstieg war es den Medici innerhalb von weniger als hundert Jahren gelungen, zunächst die Republik Florenz und inzwischen sogar den Stuhl Petri unter ihre Kontrolle zu bringen.

Künstler wie Botticelli, Brunelleschi, Donatello und vor allem der göttliche Michelangelo danken ihre Karrieren zu einem Gutteil der kunstsinnigen Marketingstrategie der Florentiner Famiglia, deren Name wie kein anderer mit dem Glanz der Renaissance verbunden ist.

Der alteingesessene Hochadel Europas betrachtete die Emporkömmlinge mit Geringschätzung – und kam doch an dem neuen Machtfaktor nicht vorbei. Besonders für die Begehrlichkeiten des französischen Königs auf italienische Besitzungen waren die nach internationaler Anerkennung strebenden Newcomer aus Florenz das geeignete Vehikel. Im Gegenzug für die Unterstützung von Leo X. hatte König Franz I. dem Neffen des Medicipapstes eine passende Braut zugeschachert: Madeleine de la Tour d'Auvergne wurde mit Lorenzo di Piero de' Medici verheiratet. Der kapriziöse Bankier-Filius bekam eine Braut aus bestem französischem Uradel, Abstammung vom Heerführer des Ersten Kreuzzuges inklusive, und mit dem regierenden Königshaus Valois weitschichtig verschwägert.

Die Geburt von Caterina de Medici

Ein Jahr nach der glanzvollen Hochzeit im Loire-Schloss Amboise erwartet alles die Geburt des Universalerben des mächtigen Bankhauses. Die Zeit drängt, denn Lorenzo ist schwer krank. Man munkelt von einer Abzehrung, die man seinem ausschweifenden Lebenswandel zuschreibt, womöglich ist es die neue Modekrankheit Syphilis. Endlich gellen die Schreie eines Neugeborenen durch die Hallen des trutzigen Palazzo an der Via Larga; es ist ein Mädchen.

Doch so sehr sich Lorenzo auch müht, die in seine Arme gelegte, kleine Mediceerin „mit ebenso großer Freude zu empfangen, als wäre sie ein Junge“, so wenig kann dies über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Situation der Familie fragil ist. Innerhalb nur eines Monats wird die Neugeborene Vollwaise. Abgesehen von einer nicht erbberechtigten Seitenlinie ist außer ihr nur noch ein illegitimer Kardinalssohn vorhanden, um die Medici-Geschäfte zu führen.

So unsicher wie die Situation der Familie ist auch die Zeit, in welche die kleine Caterina Maria Romula de' Medici hineingeboren wird; eine Epoche der Umbrüche. Einige Monate vor Caterinas Geburt war Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, gestorben und um den Thron des Heiligen Römischen Reiches bewerben sich dessen Sohn, König Karl von Spanien, und Franz I. von Frankreich.

Dabei geht es nicht um die Vormachtstellung nur im Alten Europa. Seit der Entdeckung der Neuen Welt vor wenigen Jahrzehnten geht es erstmals um Geopolitik. In Mexiko hat sich der Konquistador Hernán Cortés zur Eroberung des Aztekenreiches aufgemacht und der Portugiese Magellan ist zu seiner Weltumsegelung in See gestochen. Die Neuzeit ist auf dem Vormarsch.

Doch im barbarischen Norden des Kontinents, den das Mittelalter noch fest im Griff hat, vollzieht sich etwas Beunruhigendes. Befeuert von einer medialen Revolution, der Erfindung des Buchdrucks, und begleitet von einem neuerlichen Aufflammen der Pest breitet sich in Germanien ein gefährlicher Zweifel aus. Zweifel an der Unfehlbarkeit der Heiligen Römischen Kirche und vor allem am Papsttum – besonders, seit es in den Händen der Medici ist. Erst zwei Jahre zuvor hatte sich ein gewisser Dr. Martinus Luther an der Praxis der kirchlichen Ablassgewährung gestört.

Caterina de Medici soll ins Bordell gezwungen werden

Noch ist die Glaubensspaltung Europas nicht vollzogen, aber Caterinas weiteres Leben wird entlang dieser sich aufspreizenden konfessionellen Bruchlinie verlaufen, wie auch entlang der Rivalität zwischen dem Habsburgerreich Karls V., welches von Wien bis nach Madrid und von Peru bis zu den Philippinen reichen wird und dem davon umklammerten Frankreich. Im Ränkespiel der beiden Erzrivalen wird Caterina eine wichtige Trumpfkarte im Ärmel des jeweiligen Papstes sein, denn das Haus Österreich hat sich auch in Süditalien und damit in bedrohlicher Nähe zum Kirchenstaat festgesetzt, an dessen Spitze – nach dem Tod Leos X. und einem kurzen Zwischenspiel – bald wieder ein Medici steht.

Die Politik von Clemens VII. schaukelt zwischen Habsburg und Valois. Mehrfach wird Caterina von den Feinden ihres Onkels als Geisel genommen. Republikanische Florentiner wollen sie während einer Belagerung nackt in einem Korb über die Stadtmauern hängen, damit sie im Kanonenfeuer der Kaiserlichen umkäme. Auch erwägt man, sie ins Bordell zu zwingen, um päpstliche Heiratspläne endgültig zu durchkreuzen. Als Häscher sie abholen, ist die Elfjährige davon überzeugt, die Hinrichtung stünde bevor. Caterina schert sich die Haare und legt ein Nonnengewand an, doch man verbringt sie nur in Klosterhaft.

Inmitten all dieser Wirren lernt sie Griechisch, Latein und Französisch; ihr Interesse gilt der Mathematik. 1533 dann der Paukenschlag: Hochfinanz heiratet französisches Königshaus. Clemens VII. reist persönlich nach Marseille, um über die letzten Details des streng geheimen Zusatzprotokolls zum Heiratsvertrag zu feilschen, vor allem Territorialansprüche in Oberitalien. Nach zehntägigen Verhandlungen ist der Handel perfekt und die vierzehnjährige Papstnichte kann den gleichaltrigen Henri d?Orléans heiraten, den Bruder des französischen Thronfolgers.

Nur ein Jahr nach der Hochzeit ist Clemens tot, der neue Papst pfeift auf die Versprechungen seines Vorgängers und Caterina muss spüren, dass sie plötzlich nur noch die unstandesgemäße „Italienische Krämerstochter“ ist. Der Ehemann wendet sich von ihr ab und seiner 19 Jahre älteren Erzieherin Diane de Poitiers zu. Caterina aber gelingt es durch ihr gewitztes und geistvolles Naturell, ihren königlichen Schwiegervater zu bezaubern und entkommt so der drohenden höfischen Isolation.

1536 stirbt der Dauphin und Caterinas Mann rückt zum Kronprinzen auf. Der Hochadel drängt Franz I., die bis dato kinderlose Ehe seines Sohnes scheiden zu lassen, aber die Mediceerin wirft sich dem König tränenreich zu Füßen und erklärt, sie wolle sich jeder Entscheidung beugen, sofern sie nur in Frankreich bleiben dürfe.

Suchte Ausgleich zwischen den Konfessionen

Sie blieb und gebar – nachdem Diane de Poitiers ihren Liebhaber ermahnte, die ehelichen Pflichten aufzunehmen – zehn Kinder. Dreien von ihnen sagte der Prophet Nostradamus voraus, Könige von Frankreich zu werden. Der düster umwitterte Hellseher stand zeitlebens in Caterinas Gunst, nachdem er den frühen Tod ihres Gatten vorhergesehen hatte. „In einem goldenen Käfig“, der königlichen Prunkrüstung, „sticht der Löwe sich die Augen aus“; beim Freundschaftsturnier drang ein Lanzensplitter durch seinen Helm.

Als Königinwitwe begleitete Caterina ihre Söhne Franz II., Karl IX. und Heinrich III., teilweise auch als Regentin von Frankreich. „Ich will in allen Dingen zur Ehre Gottes handeln und meine Autorität erhalten, nicht für mich selbst, sondern um das Königreich zu bewahren“, schrieb sie, förderte Künstler und gilt als Großpatin der französischen Küche.

Mit politischer Klugheit suchte sie den schwelenden Religionskonflikt zwischen Katholiken und Protestanten durch Reformen und Kompromisse zu lösen und gewährte den Hugenotten gewisse Freiheiten in der Religionsausübung. Schließlich aber siegten die Eiferer auf beiden Seiten und Frankreich stürzte ins Chaos.

Um Ausgleich bemüht, verehelichte Caterina ihre Tochter mit dem Hugenottenführer; die Hochzeit endete im Blutbad. Vom 23. zum 24. August 1572, in der Nacht vor dem Tag des Hl. Bartholomäus, wurden zunächst in Paris und in den Folgetagen frankreichweit Tausende von Hugenotten ermordet. Das Massaker wurde Caterina angelastet. Bis heute klebt an ihr das Bild der „bösen Königin“...