Bundesseelsorger und Katholikentagsflüsterer

Glaube und säkulare Gesellschaft vereint: Bundespräsident Joachim Gauck auf dem Podium der Regensburger Universität. Von Stefan Meetschen

Eines der zahlreichen hochkarätig besetzten Podien während des Katholikentages war das mit Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: dpa
Eines der zahlreichen hochkarätig besetzten Podien während des Katholikentages war das mit Bundespräsident Joachim Gauck... Foto: dpa

Dunkler, schwerer Beton an den Wänden und an der Decke, dazu steile, asymmetrische Sitzfluchten – das Auditorium Maximum der Regensburger Universität wirkt auf den ersten Blick ideal für ein Podium, das sich mit der schon auf zig Katholikentagen gestellten Frage beschäftigt: „Wie viel Religion verträgt die säkulare Gesellschaft?“ Eine Thematik, die gleichermaßen düster und progressiv klingt. Aufgeklärt und postkirchlich.

Doch schweres Bauwerk zum Klingen zu bringen, das Wesen des Staates und die Seele der Religion gleichzeitig zu trennen und zu verbinden – solch virtuoses Spiel der Rhetorik beherrscht bekanntermaßen der aktuelle Bundespräsident, der frühere Pastor und DDR-Widerstandskämpfer Joachim Gauck, dessen Präsenz allein es wohl zu verdanken ist, dass das Auditorium nahezu gefüllt und die Diskussion, gekonnt moderiert von der ZDF-Journalistin Bettina Schausten, niemals langweilig wurde.

Wie denn auch bei einem Bundespräsidenten, der vor Glaube, Lebens- und Diktatur-Erfahrung nur so strotzt und weiß, dass es kein Nachteil sein muss, als christliche Minderheit zu leben. Schon oft, so Gauck, sei die Kirche totgesagt worden, doch sie habe die machtvollen Ideologien stets überlebt. Deshalb – immer weiter: „Ohne Furcht!“

Ein bisschen Furcht, ein wenig Sorge hat der erste Mann im Staat aber auch, denn er erlebe eine „grassierende Gleichgültigkeit“ unter den Menschen in der deutschen Gesellschaft. Viele würden denken, dass sich das Leben einfach so ergebe, ohne dass man sich einbringe. Falsch! Jeder könne und müsse „den großen Schatz unserer individuellen Möglichkeiten heben“, beschwört Gauck eindringlich die Zuhörer. Spätestens als er den Satz „Not lernt beten“ in „Dank lernt beten“ umformuliert, ahnt das überwiegend ältere Publikum der Katholikentagsbesucher, dass der Bundespräsident die Podiumsdiskussion, bei welcher auch ein Integrationsforscher, ein Religionssoziologe, eine Jerusalemer Rabbinerin, die Kulturbeauftragte des Rates der EKD und der Präsident des ZDK, Alois Glück, teilnehmen, dazu nutzen möchte, um sich als „Bundesseelsorger“ neu in Stellung zu bringen.

Dies geschieht zunächst mit einem unberechtigten Seitenhieb auf die katholische Kirche in Polen, die einst der Nation Schutz und Identität verliehen habe, jetzt aber „alt“ aussehe. Dann setzt es sich fort mit einer verbalen Schlag gegen die katholische Kirche insgesamt. Zunächst mochte Gauck auf die Frage, ob durch Papst Franziskus Reformen zu erwarten seien, nicht in große Euphorie ausbrechen. „Das werden wir sehen. Auch herzliche und gefühlsbetonte Menschen können sehr konservativ sein und Veränderungen eher bremsen als befördern.“

Schließlich versteigt sich der Bundespräsident in Überschreitung seiner neutralen Amtspflicht zu dem wenig Ökumene- und Brücken-bauenden Satz: „Nirgendwo steht geschrieben, dass der Heilige Geist nur in den Bischöfen waltet und nur in den Priestern!“ Nicht bei den Dogmen, so Gauck, liege das „eigentliche Leben der Kirche“, sondern dort, wo Menschen mit dem Auferstandenen unterwegs seien. Und weiter – erneut mit Bezug auf Papst Franziskus – mischt sich Gauck in die inneren Angelegenheiten der katholischen Kirche ein: „Der Heilige Vater braucht die starken Stimmen seines Gottesvolkes!“ Schließlich gehe es darum, so Gauck begleitet von donnerndem Applaus, ob die katholische Kirche der „früheren Lehre“ weiter folgen wolle oder ein neues Konzil einberufen wird, das den Weg in die Zukunft zeige, „auch im Dialog mit der Moderne“.

Die Predigt des Präsidenten stimmt nachdenklich

Leider besaß ZdK-Präsident Glück in diesem Moment nicht die Geistesgegenwart, auf diese präsidialen Pastoral-Fantasien mit einem Hinweis auf das Zweite Vatikanische Konzil zu antworten, das genau dies bereits ausreichend getan hat, indem zum Beispiel die zunächst skeptische Haltung mancher Kirchenvertreter gegenüber den Menschenrechten überwunden wurde.

Glück, sichtbar überrascht, ausgerechnet vom Bundespräsidenten auf dem katholisch-liberalen Kurs überholt zu werden, brachte nur ein anerkennendes „Das ist katholisch“ hervor.

Doch ist es das wirklich? Vieles von dem, was Gauck beim Katholikentags-Podium verkündete, ist wohl mehr dem Geist einer protestantischen Gefühlsreligion oder einem humanistisch fundierten Welteinheitsglauben geschuldet, einer Mischung aus Liberalismus und Esoterik mit einer Brise christlicher Terminologie. Mag Gauck auch noch so sehr, was er ebenfalls im Audimax tat, gegen aktuelle Versuche wettern, Begriffe wie Jesus und Gott aus der Verkündigung zu streichen. („Dann fehlt mir etwas“). Mag er noch so sehr an die „geheimnisvolle Quelle“ der christlichen Spiritualität erinnern und unterstreichen, dass die Kirche „dieses woher“ benötigt – als Staatsoberhaupt predigt er eine Form von Religiosität, die alarmierend sein muss für diejenigen, die sich als Katholiken um das authentische Erbe des Christentums sorgen.

Gerade auch, weil vieles so schön klingt, das aus dem Mund des Präsidenten kommt. Etwa, dass man „Letztbegründungen im Gutsein-Wollen“ nicht „löschen darf aus der Gesellschaft“. Oder, dass der Glaube dem Menschen dazu verhilft, „heimzukommen zu sich selbst“ und „über mich selbst zum Du führt“.

Am Ende steckt dahinter aber doch ein anderes christliches Projekt, als das, was der Kirche Ziel und Aufgabe ist, nämlich die Erlösung des Menschen. Bei Gauck, dem Bundesseelsorger und Katholikentagsflüsterer, stehen die Grundwerte der „Bürgergesellschaft“, die „von keinem König und Papst“ verordnet wurden, an höchster Stelle seiner Verkündigung. Sie sind der, demokratisch gewiss nicht zu verachtende, „Common Ground“ (gemeinsame Boden) zwischen Gläubigen und Ungläubigen in der Gesellschaft. Eine derart religiöse Erhöhung, wie Joachim Gauck, diesen Werten und diesem gemeinsamen Boden verleiht, ist jedoch übertrieben. Und auch der Demokratie nicht dienlich. Wie überhaupt ein wenig mehr Sachlichkeit und Nüchternheit dem ersten Mann ganz gut stehen würde. Doch das sahen und sehen diejenigen, die sich von Gauck im Audimax erbauen ließen, ganz anders. Als Staatsbürger ist das ihr gutes Recht.