Würzburg

Buch zum Zölibat: Gottvergessen

Hubert Wolfs jüngstes Buch überzeugt nicht.

Kritik an Hubert Wolfs Buch zum Zölibat
Aus den „heiligen und reinen Händen“ Jesu in den Wandlungsberichten konstruiert Wolf einen eigenen Mythos: Nach Ansicht der Erfinder des Zölibats habe Sex verunreinigt. Foto: Arne Dedert (dpa)

Der Münsteraner Kollege ist gegen den Zölibat. Das ist sein gutes Recht. Doch die Art, in der hier das vermeintliche Monster“ Zölibat – oft erscheint es nur als Deckname für „Papst“ – besiegt werden soll, ist bestenfalls altmodisch. Denn die Argumente sind dieselben geblieben seit dem Kulturkampf. So sei Zölibat gegen die Natur des Menschen und mache krank, ja sei ein „Betrug an der Natur“. Er enthalte den Priestern Menschenrechte vor. Es gibt Ärzte, die in der Wildnis ferner Länder Tag und Nacht Menschenleben retten. Nach der vollen Verwirklichung der Menschenrechte dieser Ärzte fragt niemand.

Wolfs Theologie weckt Fragen

Auch Wolfs Theologie weckt Fragen. Als seine Entdeckung preist er, der Zölibat sei doch „nicht heilsnotwendig“. Diese Feststellung ist das Ergebnis einer falschen Frage. In den 50er Jahren pflegten bescheidene Geister die Welt und die Kirche einzuteilen nach dem, was heilsnotwendig sei und was nicht. Besonnene Theologie sollte vielmehr antworten: Heilsnotwendig ist allein Gott und sonst gar nichts. Allein Gott bestimmt, wer in den Himmel kommt.

Selbstverständlich spricht Wolf nur vom Zwangszölibat oder von der „Erfindung des Zölibatsgesetzes“. Doch was hat es mit dem angeblichen Zwangszölibat auf sich? Einsamkeit ist gewiss nicht das erste Thema des zölibatären Seelsorgers. Es gibt auch unter Seminaristen die große Vorfreude, Menschen beim Entscheidenden zu helfen, sie zu begleiten. Dazu noch in einer Liturgie, deren erstes Attribut Schönheit ist und angesichts einer Kunst, die den Glauben hinreißend formulieren kann. Literatur und Studium drehen sich um die eine entscheidende Frage, der der künftige Priester sein Leben gern widmen will, und zwar von morgens um sechs bis nachts um elf. Statt solche Bücher über den Zölibat zu schreiben, sollte man jungen Menschen eher von dieser Sehnsucht und dieser Leidenschaft erzählen – und sie ihnen vorleben.

Die Bibelauslegung ist nicht gerade Wolfs stärkste Seite

Aber auch Bibelauslegung ist nicht gerade Wolfs stärkste Seite. Nur mit Staunen vernimmt der Leser die Erklärung der Tatsache, warum in den ersten Jahrhunderten so wenig von Priestern in unserem Sinne die Rede ist: Man brauchte sie nicht wirklich! Gegenfrage: Wie hat das Christentum überhaupt überleben können? Und wer hat die beispiellos reiche Literatur der ersten christlichen Jahrhunderte lesen können oder wollen? Den Grund für diese Annahme lässt der Autor bisweilen durchschimmern: Er liegt in seinem Kirchenverständnis. Denn so waren nach Wolf die frühen Gemeinden: ohne Autoritäten, ein Liebeskommunismus, Wanderprediger und Charismatiker genügten angeblich.

Diesem Kirchenverständnis radikaler Freikirchen des 19. Jahrhunderts entspricht im übrigen eine breite Strömung im gegenwärtigen bundesdeutschen Katholizismus. Dagegen genügt schon die Lektüre einer einzigen Seite eines Paulusbriefes, um dieses als Illusion zu entlarven, und zwar für damals wie heute. Ein Christentum ohne Form und Autorität hat es gerade am Anfang nie gegeben. Dass fast alle frühchristlichen Schriften mit Gegnern kämpfen, ist das pure Gegenteil zu einem Liebeskommunismus.

Brav wiederholt Wolf den Allzweck-Mythos von der frauenfeindlichen Kirche

Aus den „heiligen und reinen Händen“ Jesu in den Wandlungsberichten konstruiert Wolf einen eigenen Mythos: Nach Ansicht der Erfinder des Zölibats habe Sex verunreinigt. Nein, jedenfalls soweit der Einfluss der Bibel reicht, haben die Christen unter Reinheit jeweils nicht das Gegenteil von Sex verstanden, sondern Freiheit von Sünde, Tod und Teufel. Und dass nach 1 Timotheus 3,2 die Bischöfe hätten verheiratet sein müssen, wie Wolf in den Text hineinlegt, übertreibt die Absicht, gegen den Zölibat zu streiten. Dass aber „die Kirche“ etwas gegen Laien und Frauen habe, und zwar ganz generell, ist ein Allzweck-Mythos, den Wolf brav wiederholt. Wie sollte sie so einfältig sein und 2000 Jahre lang an dem Ast sägen, auf dem sie sitzt?

An die Nebelkerzen der Bundeswehr erinnern die langatmigen und wenig durchschaubaren Abhandlungen über das Gestrüpp der Synoden vieler Jahrhunderte und nicht weniger auch die Listen über päpstliche Dispense. Stellen wir uns einen jungen Menschen vor, der sich für oder gegen geistliche Ehelosigkeit entscheiden will. Für ihn oder sie ist das Fazit dieses zutiefst traurigen Buches: Sei klug wie die Ratten und verlasse rechtzeitig das sinkende Schiff!

"Der Hauptmangel dieses Buches
besteht darin, dass von einem
Zölibat ohne Gott die Rede ist"
Theologe Klaus Berger

Denn der Hauptmangel dieses Buches besteht darin, dass von einem Zölibat ohne Gott die Rede ist. Die üblichen völlig profanen Begründungen finden wir alle wieder: Der Zölibat sei aus Leibfeindlichkeit, philosophischer Askese oder aus fiskalischen Interessen entstanden, beiläufig erfahren wir, dass er in Wahrheit erst durch das CIC von 1917 allgemein anerkannt worden sei, also kaum hundert Jahre alt, Jugendstil eben, eine zopfartige Tradition der Kirche neben anderen, reif zum Abgeschnittenwerden.

Die Frage lohnt sich, warum Johannes der Täufer, Jesus, Paulus, der Herrenbruder Jakobus und dann viele Hunderttausende aus 2000 Jahren Kirchengeschichte so gelebt haben, dazu einige Propheten wie Elias und Elisa nach jüdischer Überlieferung. Nein, Zölibat hängt mit dem Gottesbild zusammen und damit, dass man von den prophetischen Verkündigern dieses Gottes nichts anderes erwartete als dass sie diesen Gott in ihrem Leben, in sichtbaren Zeichen also, darstellten.

Der Gott des Zölibats ist der bleibend Fremde

Gott als Prophet zu dienen ist nie institutioneller Zwang, sondern Erwählung und Sendung, Paulus würde sagen: Charisma. Der Gott des Zölibats ist der bleibend Fremde – wie Israel unter den Völkern – wie der Priester in jeder Gesellschaft. Daher auch seine Beziehung zu Sündenvergebung und Sühnopfer. Im Rhythmus der Geschlechterfolgen sind Zölibatäre diejenigen, die als unvereinnahmbare Außenseiter alles Übliche und Gewöhnliche grundsätzlich in Frage stellen. Johannes der Täufer und Jesus waren solche, und der Zölibatär Paulus steht in einer Reihe mit ihnen. Zölibat hat keinen anderen Sinn als die Unterbrechung, das Offenhalten des Gewöhnlichen für Inspiration von Gott, die Freiheit zu radikaler Infragestellung und zu radikal Neuem.

Immer wieder wirkt in Wolfs Buch diese Verachtung nach („Mit dem Zölibatär stimmt sexuell etwas nicht“). Und auch da denkt die Kirche falsch, weil diese Männer dann auch noch als Kirchenführer auftreten. Frauen wären dazu sicher besser geeignet. Schon der alte Simplizissimus zeigt in seinen Priester-Karikaturen: Solche weltfremden Wesen kann sich eine moderne Kirche nicht länger leisten. Oder etwa gerade doch? Wann fängt das Christentum endlich an, bürgerlich-normal zu werden? Hoffentlich nie.

Was will Hubert Wolf eigentlich?

Man kann fragen, was Hubert Wolf eigentlich will: Meint er den von der Übermacht der Gesellschaft, des Üblichen und des Netzes aus Sippschaften verschluckten Theologen, der vor allem nicht auffällt? Der zölibatär lebende Mensch ist nicht näher bei Gott, aber seine Ehelosigkeit ist Zeichen, immer wieder nur Zeichen dafür, dass dieser Gott der schlechthin andere ist, noch derselbe ist wie bei Isaaks Opferung und bei Jesu Tod: der unfassbar Unbegreifliche, dem doch die radikale Liebe am nächsten steht. Gott braucht Menschen, die keinen anderen Verwandten haben als ihn, den Schöpfer und Erbarmer, der allein für alle Verheißung steht – wie bei Abraham.

Wolf, Hubert: 16 Thesen zum Zölibat. C.H. Beck Verlag, München 2019, ISBN 9783406741852, 190 Seiten, EUR 14,95