Brücken zur protestantischen Sicht

Eberhard Schockenhoffs Überlegungen zur Lage der wiederverheirateten Geschiedenen tauchen die katholische Kirche in ein negatives Licht. Von Hinrich E. Bues

Die Frage der Wiederzulassung von wiederverheirateten Katholiken zur Heiligen Kommunion ist ohne Zweifel eine kontroverse und schwierige Frage. Bekanntlich meinten Politiker aus den Reihen der Christdemokraten, Papst Benedikt XVI. vor seinem Deutschlandbesuch im letzten Jahr in dieser Frage aus eigener Betroffenheit Ratschläge geben zu sollen. So sagte etwa der damalige Bundespräsident Christian Wulff: „Die Millionen Menschen, die in konfessionsverschiedenen Ehen leben, und die Millionen wiederverheirateter Katholiken, aber auch viele andere Gruppen erwarten befreiende Botschaften.“

Nun wagt sich Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe aus Freiburg, an dieses schwierige Thema heran. Ähnlich der Diktion Wulffs macht er sich im Vorwort seines Buches für „die wachsende Zahl geschiedener und wiederverheirateter Gläubiger“ stark. Er warnt die Kirche davor, diese Gruppe „ins Abseits zu drängen“. Diesen Vorwurf der Ausgrenzung, der keinesfalls der Sachlage entspricht, wiederholt Schockenhoff in schöner Regelmäßigkeit in seinem Buch. Er meint „Einseitigkeiten, Ausblendungen und Fixierungen auf längst überwundene Denkformen“ in der Glaubenslehre von der Ehe und Eucharistie beobachtet zu haben und will nun eine Korrektur anbieten.

Aber muss die Kirche sich quasi mit den wiederverheirateten Geschiedenen überhaupt versöhnen, wie der Buchtitel unterstellt? Dass Ehen scheitern können, ist auch in der katholischen Kirche unumstritten. Im katholischen Katechismus findet sich unter der Nummer 1650 folgende Klärung der Problematik: „In vielen Ländern gibt es heute zahlreiche Katholiken, die sich nach den zivilen Gesetzen scheiden lassen und eine neue, zivile Ehe schließen. Die Kirche fühlt sich dem Wort Jesu verpflichtet: ,Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet (Mk 10, 11–12).“ Mit anderen Worten soll damit die Unverbrüchlichkeit der Ehe und ihre lebenslange Geltung geschützt sowie der Gläubige zur Versöhnung mit seinem Ehepartner ermutigt werden. Ist jemand schon mit einem zweiten Ehepartner verheiratet, kann die Aussöhnung durch das Bußsakrament nur solchen Personen gewährt werden, die die Entscheidung für eine zweite Ehe bereuen und sich verpflichten, in dieser neuen Beziehung in „vollständiger Enthaltsamkeit“ zu leben. So weit in kurzen Zügen die kirchliche Praxis und Lehre, die 1998 vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation bestätigt wurde.

Seine Sicht der Dinge begründet Schockenhoff in den ersten sechs, schwer lesbaren Kapiteln seines Buches. Von der eigentlich klaren Sachlage, was die historischen und dogmatischen sowie biblischen Quellen angeht, bleibt nicht viel übrig. Der Autor ist auf der ständigen Suche nach „Unstimmigkeiten und Widersprüchen in der kirchlichen Praxis und ihrer lehramtlichen Begründung“. So gerät auch das eigentlich deutlich und authentisch bezeugte Scheidungsverbot Jesu in Matthäus 5, 32 und 19, 9 in den Geruch einer Situationsbedingtheit, das im Blick auf bestimmte Lebenssituationen abgemildert gehört. Dass sich damit Schockenhoff über das kirchliche Lehramt und den Katholischen Katechismus erhebt, stört ihn wenig. Vielmehr beruft er sich, so beispielsweise bei einem Vortrag Anfang Februar in Salzburg, auf eine Äußerung Joseph Ratzingers aus dem Jahr 1969, wo sich dieser über eine Wiederzulassung von verheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten Gedanken machte. Dass Ratzinger diese Ausführungen später ausdrücklich zurückgenommen hat und sie daher auch im Katechismus von 1993 keinen Eingang gefunden haben, will der Moraltheologe dabei nicht gelten lassen, der offensichtlich einer lokalkirchlichen Vorstellung des Lehramtes anhängt.

Wer aber sind Schockenhoffs Quellen und Gewährsleute? Dafür ist das siebte Kapitel aufschlussreich, überschrieben mit „Theologie des Scheiterns“. Hier beruft sich der Moraltheologe auf Dorothee Sölle, Margot Käßmann, Dietmar Mieth, Jürgen Werbick und andere Autoren, die in gewisser Weise einschlägig bekannt sind. Dass ihm ausgerechnet die evangelische Religionspädagogin und Lyrikerin Dorothee Sölle und die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin Margot Käßmann gleichsam als Kronzeugen seiner Thesen dienen, muss auch den unbefangenen Leser erstaunen.

Sölle wurde Ende der sechziger Jahre mit dem marxistisch gefärbten „Politischen Nachtgebet“ und ihrer „Gott-ist-tot-Theologie“, bekannt. Sie scheiterte in ihrer ersten Ehe und nennt dies in ihrem Buch „Die Hinreise“ (1976) die „vollständige Zerstörung ihres ersten Lebensentwurfes“, der sie bis an den Rand des Selbstmordes gebracht habe. Später heiratete Frau Sölle in zweiter Ehe den Religionspädagogen Fulbert Steffensky, einen ehemaligen katholischen Priester und Mönch. Margot Käßmann löste zunächst Schlagzeilen aus, als sie sich als amtierende evangelische Landesbischöfin von Hannover von ihrem Mann, einem evangelischen Pastor, scheiden ließ und dann vor ihrer Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden behauptete, ihr sei „eine lebenslange Ehe nicht geschenkt“ worden. Nun soll die „Bischöfin“, wie Schockenhoff Frau Käßmann sie nach wie vor und im Widerspruch zum evangelischen Amtsverständnis nennt, quasi Modell stehen für seine Theologie des Scheiterns. Käßmann behauptet in ihrem Buch in „der Mitte des Lebens“ (2009), dass man sich „auch dem möglichen Scheitern von Beziehungen stellen“ müsse. Sie habe schmerzlich erkannt, dass sie mit ihrem damaligen Mann nicht zusammen habe alt werden können.

Für Schockenhoff gewinnen diese evangelischen Lebensmodelle des Scheiterns auf unerwartete Weise einen Vorbildcharakter. Der Autor durchforstet die Bibel auf Geschichten vom Scheitern und findet sie auch – zuletzt auch im Leben und in der Verkündigung Jesu und seinem vermeintlichen „Scheitern Jesu am Kreuz“. Dabei geht es dem Autor um die „Umwertung aller Werte“ (Friedrich Nietzsche), wo Gott die „Mächtigen, Starken und Selbstsicheren scheitern lässt und die scheinbar Gescheiterten groß und stark macht“. Hat demnach also Gott Dorothee Sölle und Margot Käßmann groß und stark gemacht?

Der Leser bekommt langsam aber sicher den Eindruck, hier versucht jemand, die katholische Welt auf den Kopf zu stellen. Und der Eindruck trügt nicht. Denn die katholische Kirche erscheint fast immer im negativen Licht; sie sei ein „abgeschotteter Raum“, wo man nur solange anerkannt sei, wie die eigene Lebensführung bestimmten Maßstäben entspreche. Für Erfahrungen des Scheiterns und des Zerbrechens von Lebensentwürfen sei in der Kirche „kein Platz“ da, schreibt der Moraltheologe. Scheitern werde nicht zugelassen, sondern durch „individuelle Schuldzuweisung und Nicht-Wahrhaben-Wollen verdrängt“.

Erst vor dieser Negativ-Folie erstrahlt die protestantische Kirchlichkeit in umso hellerem Licht. Dort kann der scheinbar unterdrückte Katholik freie Luft zum Atmen finden. Dazu passt es, dass Schockenhoff behauptet, Jesus habe im Gespräch mit der Ehebrecherin in Johannes 8 „keinerlei Interesse an einer moralischen Beurteilung ihres Verhaltens“ gehabt. Da die Frau es „selbst am Besten“ wisse, dass ihr Ehebruch Sünde gewesen sei, brauche es ihr Jesus auch gar nicht erst einzuschärfen. Damit baut er eine Brücke zur protestantischen Sicht der rein individuellen und subjektiven Gewissensbildung. Auch bei der Samariterin am Jakobsbrunnen meint der Moraltheologe ein „auffälliges Desinteresse, moralisches Fehlverhalten als solches“ zu identifizieren, festgestellt zu haben. Dietmar Mieth wird dazu ergänzend zitiert: Jesus habe „gleichsam die Moral vergessen“.

Solche Sätze aus der Feder eines Moraltheologen, der quasi die Moral versucht abzuschaffen, erstaunt den Laien und verwundert den Fachmann. Denn schon im Religionsunterricht kann man lernen, dass Jesus in der Bergpredigt die jüdische Moral über Ehebruch und Ehescheidung noch verschärft hat. So bleibt die Frage: Auf welcher Gottesvorstellung beruhen eigentlich Schockenhoffs Einsichten und Irrlehren? Formelhaft bemüht er dafür immer wieder die Figur des „menschennahen Gottes“ oder den Satz von der „bedingungslosen Liebe“ Gottes. Vom lebendigen Sohn Gottes und Erlöser der Menschheit, vom Ostergeheimnis, spricht der Autor merkwürdig distanziert und blickt „auf das Leben und Sterben und Auferstehen des Jesus von Nazareth und seiner Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes zu jedem Menschen“. Schockenhoffs Reformratschläge, die immer so ganz nahe beim Menschen sein wollen, gehen auf diese Weise sowohl an der biblischen wie an der kirchlichen Realität vorbei. Eine Segensfeier für Geschiedene, wie sie bei Protestanten schon diskutiert und wohl auch heimlich praktiziert wird, fordert Schockenhoff nicht, aber eine Segensfeier für den „Neubeginn“ einer zweiten Ehe – auch einer dritten, vierten und fünften? Summa summarum fragt sich der Leser, warum Schockenhoff nicht einfach den Übertritt in eine der protestantischen Gemeinschaften empfiehlt. Dort ist alles das möglich, wonach sich der Autor sehnt. Auch die Verwässerung der biblischen Moralvorstellung ist im Sinne einer scheinbar grenzenlosen „Liebe Gottes“ bei den Protestanten wohl weiter gediehen als in der vermeintlich rückständigen katholischen Morallehre. Einen Gegner müsste Schockenhoff auf diesem Weg allerdings noch ausschalten, denn schon Martin Luther kannte das Phänomen der wiederverheirateten Geschiedenen und nannte es kurz und bündig: „Hurerei in Permanenz“.

Eberhard Schockenhoff: Chancen zur Versöhnung? Die Kirche und die wiederheirateten Geschiedenen. Herder Verlag 2011, 199 Seiten, EUR 18,95