Brodeln in Württemberg

„Zu keinen Segensriten verpflichtet werden, die biblisch nicht geboten sind“: Nach der Öffnung der Synode für Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren regt sich unter 335 evangelischen Theologen Widerstand. Von Benedikt Winkler

Ehe für alle in Sachsen-Anhalts Kirchen: Segnung ja, Trauung nein
„Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.“ (Mt 5,37) Foto: dpa

Segnungs- oder Traugottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare sind inzwischen in allen Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Ausnahme der Evangelischen-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe möglich. Doch in der Landeskirche Württemberg regt sich seit einiger Zeit Widerstand.

„Wir stehen für solche Segnungen nicht zur Verfügung, aber wir bleiben unserer Kirche treu“, heißt es. 335 evangelische Theologinnen und Theologen, teils noch im Studium, teils im Vikariat, im aktiven Pfarramt und teils im Ruhestand möchten zum Ausdruck bringen, dass sie nicht in einer Kirche der theologischen Beliebigkeit arbeiten möchten. Dafür haben sie sich mit einer Unterschriftenliste an die Landeskirche gewandt. Die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hatte sich erst im März nach jahrelangem Streit zu einem Kompromiss durchgerungen. Demnach dürfen Kirchengemeinden öffentliche Segnungsfeiern für lesbische und schwule Paare zwar grundsätzlich anbieten - allerdings nur, wenn Dreiviertel des Kirchengemeinderats und Dreiviertel der für die Gemeinde verantwortlichen Pfarrer sowie der Oberkirchenrat zustimmen. In der Präambel hat die Synode der Landeskirche festgehalten, dass nach der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen der Reformation der Charakter der Ehe von Mann und Frau ein weltlich Ding und göttlicher Stand sei. In Artikel 1 der Präambel heißt es: „Die Auslegung von Schriftstellen im Alten Testament (Lev 18,22; 20,13) und im Neuen Testament (Röm 1,24–27), die sich auf gleichgeschlechtliche Liebe beziehen, ist uneinheitlich. Über die Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Begleitung zweier Menschen gleichen Geschlechts durch die Kirche anlässlich der bürgerlichen Eheschließung besteht Streit, ohne dass dieser die Einheit der Kirche in Christus in Frage stellt.“

Mittlerweile ist die Liste auf 335 Unterschriften angewachsen. Auffällig viele junge Nachwuchstheologinnen und -theologen sind unter den Segnungskritikern. Bei einem Treffen vor Ostern in Korntal-Münchingen kam die Frage auf den Tisch, ob oder wie lange die Landeskirche noch ihre Kirche sein könne. „Auch wenn viele angesichts dieser theologisch äußerst fragwürdigen Synodalentscheidung nicht von einem ,Dammbruch‘ in unserer Kirche sprechen wollen, so ist es dennoch traurig, wenn langjährige ehrenamtliche Mitarbeiter deswegen unserer Kirche den Rücken kehren, statt dass sie gerade jetzt mit dazu beitragen, unsere Kirche auf dem soliden Fundament der biblischen Überlieferung zu bauen“, sagt Ekkehard Graf, evangelischer Dekan in Marbach am Neckar, der zusammen mit Pfarrer Matthias Deuschle die Gruppe koordiniert.

Ergänzend zum Nein gegenüber Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare will die Initiative aber auch das große Ja Gottes zu allen Menschen betonen, unabhängig von der sexuellen Orientierung, heißt es. Graf betont, dass es um ein „persönlich verantwortetes Nein“ geht, ohne damit theologische oder kirchenpolitische Engführungen zu verbinden. Darin läge die Stärke der Unterschriftenliste: Zu zeigen, dass es erstaunlich viele Theologen sind, die von ihrer biblisch-theologischen Perspektive her für solche Segnungen nicht zur Verfügung stehen, unabhängig von ihrer kirchenpolitischen oder theologischen Ausrichtung. Eine wichtige Aufgabe wird darin gesehen, in den Gemeinden wieder stärker das biblische Verständnis von Ehe zu lehren. Nicht nur gegenüber der staatlich eingeführten „Ehe für alle“ herrsche tiefe Verunsicherung bei vielen Christen, sondern auch in weiteren Fragen der Sexualität und der Treue in der Ehe. Daher solle es in Zukunft um das Ja Gottes zu einer gelingenden Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe gehen.

Als lediglich „theologische Standortbestimmung“ nimmt Landesbischof Frank Otfried July die Liste zur Kenntnis. Eine praktische Konsequenz habe sie nicht, sagt July gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Für problematischer als die Unterschriftenliste hält July die Einschätzung einer Gruppe von etwa 20 Pfarrern der Arbeitsgemeinschaft „Confessio“. Diese nennt in einer Erklärung die Installation „eines gottwidrigen Gottesdienstes durch die Zweidrittelmehrheit einer Synode bekenntniswidrig, verfassungswidrig und somit nichtig“. July will nun das Gespräch mit dieser Gruppe suchen.