Brief zur Kirchenkrise

Berliner Katholiken schreiben an Erzbischof Heiner Koch. Von Konstantin Stein

Offener Brief an den Berliner Erzbischof Koch
Die Unterzeichner des Briefs an den Berliner Erzbischof Heiner Koch nehmen im persönlichen Umfeld und in den Pfarrgemeinden eine „Verunsicherung über den Kurs der Kirche“ wahr, die sich „zunehmend lähmend auswirkt“. Foto: Archiv

Katholiken aus dem Erzbistum Berlin haben einen offenen Brief zur Kirchenkrise an Erzbischof Heiner Koch geschickt. Mit dem vom 24. Juni, dem Gedenktag des heiligen Johannes des Täufers, datierten Schreiben möchten die Initiatoren „ein Zeichen der Ermutigung setzen“. Darin heißt es, dass die Unterzeichnenden, gläubige katholische Laien, ihrem Oberhirten „ihre Unterstützung zusagen“. Im persönlichen Umfeld und in den Pfarrgemeinden habe man eine „Verunsicherung über den Kurs der Kirche“ festgestellt, die sich „zunehmend lähmend auswirkt“.

"Allzu offensichtlich dienen die derzeitig
gebrauchten Schlagworte dazu, altbekannte
Forderungen nach radikalen Änderungen
der katholischen Lehre zu platzieren"

Daher bekunden die Verfasser des Appells: „Vieles, was bislang, auch von Vertretern der Kirche zur Missbrauchskrise geäußert wurde, überzeugt uns nicht und scheint uns oftmals sogar irreführend. Allzu offensichtlich dienen die derzeitig gebrauchten Schlagworte, bis hin zum ,synodalen Weg‘, dazu, ein weiteres Mal altbekannte Forderungen nach radikalen Änderungen der katholischen Lehre, Abschaffung des Zölibats und nach der Diakonen- und Priesterweihe für Frauen zu platzieren.“ Man sei jedoch davon überzeugt, dass die Ursache des Missbrauchs „nicht der Zölibat“ sei, „vielmehr ist der Missbrauch ein Verstoß gegen den Zölibat“.

Der Missbrauch sei dadurch begünstigt worden, „dass seit langem Keuschheit und priesterliche Ehelosigkeit verächtlich als Auslaufmodelle behandelt und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben wurden“. „Der Ernst der Lage“ bedrücke „uns und viele Gläubige, denen die Kirche Heimat ist, die aber meist keine Ämter in kirchlichen Strukturen und in vorgeblich die Laien repräsentierenden Gremien und Verbänden innehaben“. Der Aufruf schließt mit einem Bekenntnis „zu einer wahren Erneuerung, die ihr Maß an der Lehre Jesu Christi und der Tradition der Kirche nimmt! Sprechen wir uns gegen den Missbrauch des Missbrauchs aus, mit dem eine andere Kirche geschaffen werden soll!“

Anlass für den Brief: Wachsendes Unbehagen und die Sorge um die Einheit der Kirche

Anlass für den offenen Brief gab laut Martina Berlin, eine der Initiatoren, ein sich in deren Umfeld artikulierendes „wachsendes Unbehagen und die Sorge um die Einheit und die Lehre der Kirche“. Viele ihrer Gesprächspartner beklagten, „dass teilweise Amtsinhaber, Angestellte der Diözesen und Gremien wie Diözesanräte und das ZdK zum Teil mit Unterstützung der Bischöfe oder unter deren wohlwollendem Schweigen Positionen vertreten, die der Lehre der Kirche widersprechen und zerstörerisch wirken“. Berlin weiter: „Besonders negativ wurde von vielen ganz normalen Kirchgängern beurteilt, dass manche Stimmen in der katholischen Kirche behaupten, eine Anpassung an das protestantische oder altkatholische Kirchenmodell sei eine Lösung der Krise und ein Wundermittel gegen Missbrauch und leere Kirchen“. Die Initiatoren wünschten sich „von unseren Bischöfen Ermutigung und Festigkeit“.

Unter den Erstunterzeichnern: Mediziner, Handwerker, Historiker, Medienschaffende

Unter den zumeist aus Berlin stammenden Erstunterzeichnern finden sich Mediziner, Handwerker, Historiker, Unternehmensberater, Medienschaffende, ein Richter im Ruhestand, ein Philosoph und viele andere. Via Mail wurde das Schreiben zudem an alle Priester im Erzbistum Berlin versandt, deren Mailadresse in Erfahrung zu bringen war. Darüber hinaus wurde eine Webseite online gestellt (www.berliner-ermutigung.de ). Schon jetzt berichten die Organisatoren: „Wir haben ganz positive Reaktionen von vielen Laien und auch von Priestern aus Berlin, Deutschland, Österreich und auch aus der Schweiz erfahren.“