Paris/Chartres

Boten der Hoffnung

Die Fußwallfahrt von Paris nach Chartres ist ein anstrengendes wie beeindruckendes Unterfangen. Die Teilnehmer sind nicht nur Pilger, sondern auch Kämpfer für die Sache der Kirche.

Pilger bei der Fußwallfahrt Paris-Chartres 2019
Pilger bei der Fußwallfahrt Paris-Chartres 2019 Foto: Notre-Dame de Chrétienté

Veni Creator Spiritus! Mit diesem demütigen Bittgebet der Kirche um den Heiligen Geist beginnt das Hochamt in der Pfarrkirche Saint-Sulpice im VI. Arrondissement von Paris. Am Samstag vor Pfingsten füllt sich der Vorplatz. Mit den Flaggen der EU und der Republik an der Fassade des Rathauses konkurrieren unzählige Fahnen mit dem Heiligsten Herzen und Lilienbannern, den Flaggen der französischen Provinzen und vielen Fahnen von Syrien und dem Libanon bis Neuseeland und Polen. Kinderreiche Familien versammeln sich, Pfadfinder rüsten ihre Ausstattung.

Nach der Messe zieht der endlos erscheinende Pilgerzug durch das erwachende Paris, geschützt von Soldaten der deutsch-französischen Brigade. Singend und betend nehmen Gruppen von Studenten, Priester in weißen Chorröcken und Ordensschwestern im Habit, Familien und vor allem Jugendliche den Weg durch das Zentrum. Junge Menschen prägen das Bild. Bis zu 15.000 sind es schätzungweise, das Durchschnittsalter liegt bei 20 Jahren. Die religiöse Strenge, die doch leicht und natürlich erscheint, prägt den Eindruck dieses frommen Zuges durch eine der säkularsten Städte Europas. Ein junger Jurist aus dem Rheinland zeigt sich beeindruckt von der Gemeinschaft, dem selbstlosen Teilen und dem achtsamen Umgang der Pilger untereinander.

Erscheinung eines "anderen" Frankreich

„Frankreich, Du älteste Tochter der Kirche, was hast Du aus dem Gelöbnis deiner Taufe gemacht?“ Diese Frage des heiligen Johannes Pauls II., 1980 an die Franzosen gerichtet, galt einer Nation, deren laizistische Prägung mit eben solcher Stärke hervorgehoben wird, wie die andere Prägung dieses Volkes verschwiegen wird, die mit dem Brand von Notre Dame aber erneut in den Fokus der Öffentlichkeit rückte.

Die wohl beeindruckendste Erscheinung eines „anderen“ Frankreich ist die größte Fußwallfahrt Westeuropas, die alljährlich zu Pfingsten tausende junger Katholiken die 100 Kilometer von Paris nach Chartres auf sich nehmen lässt. Die Wallfahrt knüpft ganz bewusst an die Pilgerzüge nach Tschenstochau an, mit dem Aufruf zur Erneuerung der Kirche und der Bewahrung der katholischen Identität Frankreichs.

Nach kurzer Nacht muntern am Sonntag Klänge klassischer Musik für das Pfingstfest auf. Der Höhepunkt ist das Hochamt, das auf einer großen Wiese bei Rambouillet von Benediktinern gefeiert wird. Unter sanftem Sonnenlicht vollzieht sich in gravitätischer Strenge die Liturgie, worauf ein ausgelassenes Picknick folgt.

Bei der Wallfahrt nach Chartres werden die Gottesdienste im Tridentinischen Ritus gefeiert
Bei der Wallfahrt nach Chartres werden die Gottesdienste im Tridentinischen Ritus gefeiert Foto: Notre-Dame de Chrétienté

Unterwegs berichtet ein neuseeländischer Priester der Petrusbruderschaft, warum er den weiten Weg in Kauf nahm: Pilgerfahrten, die Gott in den Mittelpunkt rückten, gäbe es in seiner Heimat nicht. ‚Selbstfindung‘ sei meist die Devise. Eine Dame aus seinem Chapitre pflichtet ihm bei: Eine solche Wallfahrt sei auch für sie eine Art Heimkehr, denn der katholische Glaube sei von Europa zu ihnen nach Neuseeland gekommen. Hier erlebe sie eine einzigartige Gemeinschaft im Gebet. Einem Chapitre aus den Vereinigten Staaten haben sich auch fünf junge Prämonstratenser angeschlossen, die den authentischen Charakter der Wallfahrt hervorheben. Die siebzehn jungen Leute aus einer Pfarrei in Kalifornien zogen die Reise nach Europa dem Weltjugendtag vor: Die Erfahrung, die sie hier machten, sei ihnen wirklich Stärkung im Glauben.

Tagsüber Marsch, nachts Anbetung

Am Abend lagern die Pilger in einer Sandgrube. Auf den Terrassen sind wieder einfache Zelte aufgeschlagen, was aber der Ausgelassenheit keinerlei Abbruch tut. Man ist ja nicht zum „Spaß“ hier, sondern weiß um die Bedeutung von Entsagung und Askese. Inmitten des Lagers ist auf einem Hügel ein Altar errichtet, auf dem das Allerheiligste die ganze Nacht zur Anbetung ausgesetzt ist. Trotz der Strapazen des Tages kommen Hunderte. Die Mischung aus Lagerfeuerromantik, die zu Austausch, Gespräch und Gesang einlädt, und der religiösen Erfahrung, als Pilger zu einem ewigen Ziel gemeinsam unterwegs zu sein, zieht denn immer mehr jungen Menschen an, auch solche, die den katholischen Glauben erst kennenlernen. Eine für die ausländischen Gruppen zuständige Dame schildert denn auch, dass die Logistik an ihre Grenzen kommt. Die Organisatoren geben ihr Bestes und mit Hilfe modernster Technik, wie beispielsweise Drohnen, gelingt das Unterfangen.

Am Montagmorgen geht es Chartres entgegen, dem Heiligtum des Schleiers Mariens. Auffallend sind vor allem die sogenannten Kinderchapitres. Priester und junge Ordensschwestern begleiten tausende Kinder mit ihren Eltern und Betreuern. Katechese, Beichte und eine fröhliche Stimmung zeichnen die Gruppen aus, die singend und betend durch Wald und Feld gehen.

Gegen Mittag erreicht der Pilgerzug das beschauliche Chartres. Die deutschen Pilger stimmen Großer Gott, wir loben dich und Ein Haus voll Glorie schauet an. Hunderte Deutsche sind dieses Jahr dabei und geben dem Ort eine Prägung, die ein Altkanzler vielleicht als „lotharingisch“ beschrieben hätte.

Erzbischof Andre Leonard ruft zum Widerstand auf

Alt-Erzbischof André Léonard von Brüssel spricht von der Multinationalität der katholischen Kirche und der Universalität des Glaubens, der Botschaft der Erlösung durch Kreuz und Auferstehung. Im Pontifikalamt ruft er auf, sich dem geistlichen Kampf zu stellen. Angesichts der Verwirrung des politischen Europas und auch in der Kirche brauche es Missionare der Hoffnung und des Friedens. Mit Entschlossenheit müsse der Kampf gegen die Aufweichungen der Lehre hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe, der Eucharistie, Sexualität und des Zölibats geführt werden.

In diesem Sinne ist das Leitwort der Wallfahrt „Der Frieden Christi durch die Herrschaft Christi“ gewählt. Das Königtum Christi in der Kirche, der Familie und Politik ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Die jungen Christen der Wallfahrt nach Chartres haben es sich wieder zu eigen gemacht, damit auch ihre Familien und die Gesellschaft im Glauben erneuert werde. Eine Hoffnung für die Kirche, Europa und das Abendland.