Bote der Himmelskönigin

Wie der Engel die Seher von Fatima auf die Marienerscheinungen des Jahres 1917 vorbereitete. Von Manfred Hauke

Die Marienerscheinungen in Fatima 1917 wurden vorbereitet durch die Ankunft eines Engels in den Jahren 1915 und 1916. Wenig bekannt, aber durchaus bedeutsam sind bereits die Ereignisse im Jahre 1915. In Begleitung von drei Gefährtinnen, die später über ihre Erlebnisse verhört wurden, weidete Lucia ihre Herde am Nordhang des Berges Cabeço, in der Nähe ihres Heimatdorfes Aljustrel. Nach dem Mittagessen lud die damals achtjährige Lucia die anderen Mädchen ein, mit ihr den Rosenkranz zu beten. „Kaum hatten wir angefangen, als wir vor unseren Augen über den Bäumen wie in der Luft schwebend eine Gestalt sahen, ähnlich einer Statue aus Schnee, die durch die Sonnenstrahlen ein wenig durchsichtig wurde.“ Die Mädchen waren überrascht, setzten aber das Gebet fort. Nachdem der Rosenkranz beendet war, verschwand die Gestalt. Als die Freundinnen Lucias zu Hause von diesem Erlebnis erzählten, tadelte die Mutter Lucias ihre Tochter: „Dummheiten von Kindern“. In längeren Abständen wiederholte sich die geheimnisvolle Begegnung am gleichen Orte noch zwei Male.

Lucia erntete für den Bericht über das Geschehene in ihrer eigenen Familie nur Spott, so dass sie sich vornahm, sich künftig bei allen Erzählungen über ungewöhnliche Ereignisse zurückzuhalten. Handelt es sich hier um eine kindliche Halluzination? In dem Bericht tauchen keine Faktoren auf, die eine solche Hypothese unterstützen: Die Kinder sind weder erschöpft noch befinden sie sich in einer Angstsituation; die Erfahrung geschieht am hellen Tag; es fehlt die Suggestion, etwas zu sehen zu wollen; die vier Mädchen sehen jeweils das Gleiche. Für die Authentizität spricht auch, dass die Kinder von dem Eindruck überrascht sind und das wahrgenommene Objekt nicht benennen. Sie sagen nicht: „Wir haben einen Engel gesehen!“, sondern „etwas“.

Die dreimalige geheimnisvolle Erscheinung des Jahres 1915 bekommt ein klares Profil in der ebenfalls dreimaligen Kundgabe des Engels im Jahre 1916. Lucia war mit ihren jüngeren Verwandten Jacinta und Francisco beim Hüten ihrer Herden unterwegs. Am Osthang des Berges Cabeço rasteten sie in der Nähe einer Höhle („Loca do Cabeço“). Es war Frühjahr. Nach dem Mittagessen und dem Gebet des Rosenkranzes begannen die Kinder, mit Steinen zu spielen. Plötzlich schüttelte ein starker Wind die Bäume, obwohl der Tag sonst windstill war. „Wir blickten nach oben und sahen dann jene Gestalt, von der ich schon erzählte, über den Olivenhain auf uns zukommen. Jacinta und Francisco hatten sie noch nie gesehen, noch hatte ich ihnen von ihr erzählt. Wie sie sich uns näherte, konnten wir ihr Aussehen erkennen: Ein Jüngling von 14 bis 15 Jahren, weißer als der Schnee. Die Sonne machte ihn durchsichtig, als wäre er aus Kristall. Er war von großer Schönheit. Als er vor uns stand, sagte er: ,Habt keine Angst! Ich bin der Engel des Friedens! Betet mit mir!‘ Auf die Erde niederknieend beugte er seine Stirn bis zum Boden und ließ uns dreimal diese Worte wiederholen: ,Mein Gott, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich. Ich bitte Dich um Verzeihung für jene, die an Dich nicht glauben, Dich nicht anbeten, auf Dich nicht hoffen und Dich nicht lieben‘. Danach sagte er, sich erhebend: ,So sollt ihr beten, die Herzen Jesu und Mariens erwarten eure flehentlichen Bitten‘. Seine Worte gruben sich so tief in unser Gedächtnis, dass wir sie niemals mehr vergaßen. Von da an verbrachten wir viel Zeit damit, sie so tief gebeugt zu wiederholen, bis wir manchmal vor Müdigkeit umfielen. Ich riet den andern sofort, die Sache geheim zu halten, und diesmal folgten sie Gott-sei-Dank meinem Willen.“

Die zweite Erscheinung des Engels geschah im Sommer bei einer Zisterne (für die Sammlung des Regenwassers) im Garten der Familie Lucias in Aljustrel. Während der Mittagszeit waren die Kinder dort an besonders heißen Tagen am Spielen, bevor sie gegen Abend wiederum ihre Herden auf die Weide führten. Es erscheint der gleiche Engel wie im Frühjahr: „,Was macht ihr? Betet, betet viel! Die Herzen Jesu und Mariens haben mit euch Pläne der Barmherzigkeit vor. Bringt dem Allerhöchsten unaufhörlich Gebete und Opfer dar. ,Wie sollen wir Opfer bringen?‘, fragte ich. ,Macht aus allem, was ihr könnt, ein Opfer, um die Sünden gutzumachen, durch die Er beleidigt wird und die Bekehrung der Sünder zu erflehen. Gewinnt so für euer Vaterland den Frieden. Ich bin sein Schutzengel, der Engel Portugals. Vor allem nehmt das Leid an und ertragt in Ergebung, was der Herr euch schicken wird‘.“ Daraufhin begannen die Kinder, Gott alles aufzuopfern, was ihnen Kummer bereitete. Stundenlang wiederholten sie, auf die Erde niedergeworfen, das Gebet des Engels.

Die dritte Erscheinung war im Herbst, wiederum bei der Höhle des Berges Cabeço. Nach dem Mittagessen begannen die Kinder auf den Knien, die Gesichter am Boden, das Gebet des Engels zu wiederholen. Da strahlte ihnen ein Licht auf, und aufs Neue zeigte sich der Engel. „In der linken Hand hielt er einen Kelch; darüber schwebte eine Hostie, aus der einige Blutstropfen in den Kelch fielen. Der Engel ließ den Kelch in der Luft schweben, kniete sich zu uns nieder und ließ uns dreimal wiederholen: ,Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, (in tiefer Ehrfurcht bete ich Dich an und) opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste Seines Heiligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder‘. Danach erhob er sich, ergriff den Kelch und die Hostie, reichte mir die heilige Hostie, und teilte das Blut im Kelch zwischen Jacinta und Francisco auf, wobei er sprach: ,Empfangt den Leib und trinkt das Blut Jesu Christi, der durch die undankbaren Menschen so furchtbar beleidigt wird. Sühnt ihre Sünden und tröstet Euren Gott‘. Er kniete sich von neuem auf die Erde, wiederholte mit uns noch dreimal das gleiche Gebet ,Heiligste Dreifaltigkeit‘ und verschwand.“

Da Lucia anfangs aus den beschriebenen Gründen Angst hatte, von den Engelserscheinungen zu sprechen und die sie befragenden Priester nach den Marienerscheinungen 1917 daran nicht interessiert waren, wurden sie zunächst nicht näher beachtet. Es gibt aber für sie genügend historische Hinweise. Lucia rezitierte die Gebete mehrmals täglich ihr ganzes Leben hindurch, nach Möglichkeit in der vom Engel gezeigten Gebetshaltung.

Der Engel stellte sich mitten im Ersten Weltkrieg vor als „Engel des Friedens“ und Schutzengel Portugals, der seit dem 16. Jahrhundert mit einem eigenen Fest verehrt wurde. 1916 (!) war dieses Fest aufgrund der Liturgiereform Pius' X. gestrichen wurden und blieb nur im Bistum Braga erhalten. Die Erscheinung des Schutzengels Portugals ausgerechnet im Jahre 1916 trug dazu bei, dass 1952 die Ritenkongregation das entsprechende Fest für das ganze Land wieder einführte; gegenwärtig feiert man es am dritten Sonntag im Juni. Das Gebet des Engels richtet sich an die Dreifaltigkeit. Es ist christozentrisch und eucharistisch geprägt.

Einen Anlass für das theologische Nachdenken bot vor allem der Hinweis auf die „unendlichen Verdienste“ des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens. Die Rede vom „Verdienst“ Mariens weist auf ihre Mitwirkung an der Erlösung, die in ihrer Zustimmung zum Kreuzesopfer ihren Höhepunkt findet. Papst Pius X. spricht in seiner Marienenzyklika „Ad diem illum“ (1904) davon, dass Maria „schicklicherweise (de congruo)“ für uns verdient habe, was Christus „von Rechts wegen“ (de condigno) verdiente. In biblischer Sprache geht es beim Verdienst darum, dass Christus als Mensch – und in Abhängigkeit von ihm Maria – „würdig“ geworden sind, den zu erlösenden Menschen die Gnade Gottes zu erwirken. Die Verdienste Mariens können als „unendlich“ bezeichnet werden, weil die geistige Mutterschaft Mariens, ihre „mütterliche Mittlerschaft in Christus“, sich auf die ganze Menschheit hin ausdehnt in Abhängigkeit von der einzigen Mittlerschaft Christi. Nach Thomas von Aquin hat die Gottesmutter „eine gewisse unendliche Würde von dem unendlichen Gut her, das Gott ist“ (STh I q. 25 a. 6 ad 4).

„Aufopfern“ können wir Gott im eigentlichen Sinne nicht die Gottheit, sondern nur die Menschheit Jesu, die aber wiederum mit der Gottheit in der Person des ewigen Sohnes verbunden ist und deshalb einen einzigartigen Wert besitzt. Das „Hinübergleiten“ von der Aufopferung zur Anbetung Christi in Menschheit und Gottheit entspricht der Gebetshandlung des Engels. Ganz ähnliche Formulierungen finden sich in der Mystik der heiligen Gertrud sowie im Barmherzigkeitsrosenkranz der heiligen Schwester Faustina Kowalska. Das Engelsgebet erhielt 1941 als Gebetstext das Imprimatur des Bischofs von Leiria.

Das „Trösten“ Gottes, von dem der Engel spricht, ist nach der Deutung von Papst Pius XI. (Enyzklika „Miserentissimus redemptor“) auf Christus zu beziehen, der in seinem übernatürlichen Wissen auf Erden die Sünden und guten Taten aller Menschen vor Augen hatte. Die Sünden haben sein Heiligstes Herz „verwundet“, während unsere Sühne ihn „wundersam und doch wahrhaftig“ tröstet.

Die Gebete des Engels eignen sich für die persönliche und gemeinschaftliche Anbetung des Altarsakramentes im Geiste der Sühne. Sie passen gut für die Danksagung nach der heiligen Kommunion. Sie beleben die von Gott geschenkten Haltungen („göttliche Tugenden“) von Glaube, Hoffnung und Liebe. Sie bauen auf die Erlösungstat Jesu am Kreuz, verbunden mit der Mitwirkung Mariens am Geheimnis der Erlösung. Sie fördern den Frieden der Menschen mit Gott. Sie sind eine hervorragende Einstimmung auf den Kern der Fatimabotschaft in den Marienerscheinungen von 1917, welche die Kirche im nächsten Jahr auf festliche Weise begehen wird.

(Eine ausführlichere Behandlung des Themas bietet der Verfasser in der Zeitschrift „Theologisches“ 46 (7–8/2016) 323–354; Verlag Nova & Vetera, Estermannstr. 71, 5)