Blickpunkt: Abschied von der alten Kirche

Die meisten Kennzahlen des kirchlichen Lebens in Deutschland sind auch ohne nennenswerte Skandale im Abstieg begriffen.

Katholische Kirche sucht nach neuen Wegen
So sehr Forderungen wie nach der Weihe für Frauen oder der Totalreform der Sexualmoral auch an die Wurzeln katholischen Glaubens reichen mögen, an den steigenden Austrittszahlen wird man so nichts ändern. Foto: Ingo Wagner (dpa)

Über 216 000 deutsche Katholiken haben im vergangenen Jahr ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Mancher dürfte überrascht gewesen sein, dass es nicht noch mehr waren. Immerhin hat es die kirchliche Statistik geschafft, sich über den Stichtag zu retten, ohne einen neuen Austrittsrekord verzeichnen zu müssen. Im Jahr 2014 waren noch einmal ein paar Hundert Katholiken mehr gegangen, dem Skandal um den früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sei Dank.

Aufrichtiger Blick auf die Realität notwendig

Die seit Veröffentlichung der MHG-Studie im September 2018 gravierend verschärfte Missbrauchskrise wird allerdings auch im laufenden Jahr noch weiter Menschen aus der Kirche treiben. Der Blick auf die dann im nächsten Sommer erwarteten Zahlen verspricht schon jetzt nicht viel Gutes.

Für diese Erkenntnis braucht es keinen gesteigerten Zynismus, sondern einfach einen aufrichtigen Blick auf die Realität. Fakt ist schließlich auch, dass die meisten Kennzahlen des kirchlichen Lebens in Deutschland auch ohne nennenswerte Skandale im Abstieg begriffen sind. Dafür sorgt schon die Demografie. Deutlich weniger Geburten als noch in der volkskirchlichen Generation bedeuten auch weniger Taufen, weniger Erstkommunionfeiern, und so weiter. Damit geht auch die kirchliche Sozialisation immer weiter zurück. Die Kirche muss vor diesem Hintergrund dringend einen radikalen Wandel einleiten.

Auch durch Reformen werden die Menschen nicht in Massen zurückkommen

Dieser kann aber nicht so aussehen, wie ihn zahlreiche Spitzenvertreter der Kirche bislang skizzieren. Reforminitiativen wie „Maria 2.0“ sind die neuen Hoffnungsträger, der „Synodale Weg“ werde die Wünsche aufgreifen, versprach der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, zur Vorstellung der Statistik.

Mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch darf man darauf entgegnen: Auch durch noch so viele Reformen werden die Menschen nicht in Massen zurückkommen. Die Jagd nach dem Mainstream hält keinen Trend auf. So sehr Forderungen wie nach der Weihe für Frauen oder der Totalreform der Sexualmoral auch an die Wurzeln katholischen Glaubens reichen mögen, am Ende wären es kosmetische Korrekturen. Es geht dabei um die Anpassung der Kirche an Vorlieben und Befindlichkeiten.

Im Zweifel noch tiefer in die Krise

Die Aufgabe des eigenen Standpunkts führt im Zweifel aber nur noch tiefer in die Krise hinein, anstatt aus ihr heraus. Koch verwies zu Recht – vielleicht nicht sehr brüderlich, aber ehrlich – auf die evangelische Kirche. Allen katholischen Skandalen zum Trotz ist die Entwicklung dort noch verheerender und zugleich sind die Antworten noch seichter. Kurz und bündig formulierte Bambergs Erzbischof Ludwig Schick in seiner Stellungnahme den gebotenen Weg. Den rückgängigen Zahlen bei den kirchlichen Grundvollzügen kann nur durch „gute Seelsorge und missionarisches Wirken“ begegnet werden.

"Wir müssen die Statistik als Weckruf
zu mehr Engagement für das Evangelium
und den Glauben betrachten“
Bambergs Erzbischof Ludwig Schick

„Wir müssen die Statistik als Weckruf zu mehr Engagement für das Evangelium und den Glauben betrachten“, so Schick. Man darf dankbar sein, dass sich immer mehr Bischöfe in ähnlicher Weise zu Wort melden.

Doch noch etwas spricht aus manchen bischöflichen Reaktionen auf die dunkelrote Jahresstatistik: Die langsam reifende Erkenntnis, im Management der Krise bislang – gelinde gesagt – wenig richtig gemacht zu haben. Unverblümt schlägt den Oberhirten das schon aus den Überschriften der vergangenen Tage entgegen: „Ohrfeige für die Kirchen“, „Wo bleibt der Alarm?“, „Rette sich wer kann“. Selbst das von der Bischofskonferenz selbst bestellte Portal „katholisch.de“ titelt: „Kirchenaustritte 2018: Der letzte Warnschuss“.

Die Bischöfe präsentieren Ungenaues und Uneinigkeit

Die Tatsache, dass die deutschen Bischöfe seit bald einem Jahr an einer angemessenen Reaktion auf die MHG-Studie laborieren, steht im Zentrum der aktuellen Krise. Statt einem gemeinsamen Ausweg haben sie bislang vor allem Ungenaues und Uneinigkeit präsentiert. Von dieser alten Kirche mit ihren radikalen Reformträumen und der lähmenden Zögerlichkeit gilt es endlich wegzukommen.