Bistum setzt Aufarbeitung fort

Regensburg will Missbrauchsfälle bei Domspatzen „effektiv und nachhaltig“ aufklären

Bischof Rudolf Voderholzer stellte Maßnahmen zur Aufarbeitung vor. Foto: dpa
Bischof Rudolf Voderholzer stellte Maßnahmen zur Aufarbeitung vor. Foto: dpa

Regensburg (KNA/reg) Im Zuge der Aufarbeitung der Misshandlungs- und Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen haben sich bisher 422 mögliche Opfer körperlicher Gewalt beziehungsweise sexuellen Missbrauchs gemeldet. Die Meldungen beziehen sich auf den Zeitraum von 1945 bis Anfang der neunziger Jahre. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sprach am Mittwoch in Regensburg von den „bedrückendsten Erfahrungen und schwersten Lasten meiner Amtszeit“. Er könne es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten. Voderholzer trat erstmals gemeinsam mit Betroffenen in der Öffentlichkeit auf. „Die Weichen sind gestellt“, unterstrich der Regensburger Bischof, doch sei die Arbeit noch nicht beendet. Gemeinsam mit den Vertretern der Betroffenen habe das Bistum ein Konzept für eine „effektive und nachhaltige Aufklärung“ der Fälle erarbeitet. Dazu gehöre eine sozialwissenschaftliche und eine historische Studie. Letztere solle die Einrichtung der Regensburger Domspatzen in den Blick nehmen und „auf einer möglichst umfassenden Quellenbasis“ die handelnden Personen, ihre Netzwerke, Zeitumstände und vieles mehr erforschen, „um möglichst viel Licht in die Vorgänge zu bringen“. Der Bischof rief mögliche weitere Betroffene auf, sich zu melden und Hilfen wie kostenlose Therapieangebote wahrzunehmen. Wenn diese kein Vertrauen in die Instanzen der Diözese hätten, könnten sie sich auch an eine unabhängige Anlaufstelle wenden, das Münchner Informationszentrum für Männer (MIM). Voderholzer kündigte zudem an, dass ein sogenanntes Anerkennungsgremium über die Schwere der Fälle und die Höhe von Geldzahlungen entscheiden werde. Der Höchstsatz liege bei 20 000 Euro.

Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber untersucht die Vorfälle seit Mai 2015. Der unabhängige Sonderermittler will seinen Abschlussbericht Anfang 2017 vorlegen. Der Bischof und zwei der Betroffenen äußerten sich als Mitglieder eines Aufarbeitungsgremiums, dem je drei Vertreter von Bistum und Betroffenen angehören. Die Runde trifft sich seit Frühjahr einmal im Monat im vertraulichen Rahmen. „Ich will alles tun, was in meiner Kraft steht, um durch persönliche Begegnungen Wunden zu heilen“, sagte Voderholzer.

Alexander Probst und Peter Schmitt als Vertreter der Betroffenen äußerten sich anerkennend zur Rolle des Bischofs und würdigten Voderholzers Einsatz für eine Aufarbeitung der Übergriffe. Die Gespräche seien „konstruktiv, zielführend und immer von gegenseitigem Respekt geprägt gewesen“, sagte Probst. Der Bischof hat sich Schmitt zufolge „immer konstruktiv eingebracht“. Der Forderungskatalog sei erfüllt, erklärte Alexander Probst. Ausdrücklich dankten beide Vertreter der Betroffenen dem Bistum für das unvoreingenommene Auftreten ihnen gegenüber.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, es sei „wegweisend“, dass die Bistumsleitung die Verantwortung für diesen „schmerzhaften Prozess“ übernommen und entsprechende Verabredungen mit den Betroffenen gemeinsam öffentlich gemacht habe.

Dass die Institution der Regensburger Domspatzen gute Perspektiven für die Zukunft hat, unterstrichen Bischof Voderholzer und Domkapellmeister Roland Büchner. Er sei glücklich über die Entwicklung bei den Domspatzen, erklärte Voderholzer und wies auf die gestiegene Zahl der Anmeldungen zum neuen Schuljahr hin. Allerdings habe die Einführung des G8 Schwierigkeiten bereitet.

Schon der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, der von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg war, hatte während seiner Amtszeit Initiativen zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ergriffen. 2008 wurde Birgit Böhm Missbrauchsbeauftragte des Bistums. Sie verstarb 2013 und konnte krankheitsbedingt eine Reihe von Antragsfällen nicht mehr abschließen. Die Antragsteller waren somit einer mehrmonatigen Vakanz konfrontiert und mussten sich einem neuen Gesprächspartner anvertrauen.