Bischof Clemens August Graf von Galen: Das Gesicht des anderen Deutschland

Als der Löwe von Münster als Held des Glaubens gefeiert wurde – Tagebuchaufzeichnungen des Sekretärs von Clemens August Graf Galen ediert. Von Urs Buhlmann

Bischof Clemens August Graf von Galen
Clemens August Graf von Galen, Kardinal und Bischof von Münster, im Gespräch mit englischen Offizieren nach seiner Rückkehr aus Rom am 16. März 1946. Foto: KNA
Bischof Clemens August Graf von Galen
Clemens August Graf von Galen, Kardinal und Bischof von Münster, im Gespräch mit englischen Offizieren nach seiner Rückk... Foto: KNA

War er nun der Löwe von Münster oder der Löwe von Deutschland? Wer diese Frage zu Clemens August Graf von Galen (1878–1946) beantwortet haben möchte, kann sich nun aus erster Quelle informieren. Der Münsteraner Priester Heinrich Portmann war seit 1938 Sekretär des Bischofs, der einen Monat vor seinem Tod, zusammen mit Joseph Frings und Konrad Graf von Preysing, in das Kardinalskollegium aufgenommen wurde. Ein von Papst Pius XII. bewusst gesetztes Zeichen, um anzuzeigen, dass die Katholiken Deutschlands nach dem verlorenen Krieg nicht im Abseits standen. Portmann war dabei, bei der nicht unkomplizierten Romreise 1946, den Feierlichkeiten dort und nach der Rückkehr in die Heimat, bei der plötzlichen Erkrankung – der Neokardinal erlitt einen Blinddarm-Durchbruch – und dem Tod. Seine Tagebuch-Aufzeichnungen aus diesen dichten Monaten von Weihnachten 1945 an bis zum Sommer 1946 gestatten einen unmittelbaren Einblick in die Gefühlslage des 2005 seliggesprochenen Kirchenmannes aus alter westfälischer Familie, decken aber auch auf, wie die englischen Besatzer sowie italienische und vatikanische Beobachter auf den Mann Galen reagierten.

Die Ernennung zum Kardinal 

Am 23. Dezember 1945 hatte der zunächst ungläubige Galen erfahren, und zwar über die BBC, dass er zum Kardinal kreiert worden war. Unter den ersten Gratulanten sind der britische Stadtkommandant von Münster und der Vertreter der Besatzungsmacht im Regierungsbezirk Münster, der sogar auf deutsch schrieb. Nicht nur diesen Beobachtungen Portmanns entnimmt man, dass die Briten Galen, aber wohl auch der westfälischen katholischen Kirche insgesamt, mit großem Respekt begegneten. Ohne ihre engagierte Mitwirkung wäre auch die nun notwendige Romfahrt zum Konsistorium nicht möglich gewesen. Die gesamte Reiseorganisation sowie die dafür notwendigen Devisen kamen von ihnen. Eine Flugreise lag nahe, aber so einfach war das nicht: Der Flugplatz Mönchengladbach wird erwogen, aber wieder verworfen. Zusammen mit dem neu ernannten Kölner Kardinal ging es dann per Auto nach Frankfurt, Portmann notiert: „Altfrankfurt: Ein Steinhaufen ohne Straßen“. Schließlich nimmt man von dort den Zug nach Paris – „Glänzend und angenehm. Dinner im Speisewagen (Eminenzen sogar mit Wein)“ – wo Nuntius Roncalli („beleibt, sehr lebendig“) ein Essen gibt.

Bischof Clemens August Graf von Galen und seine Predigten

Die Predigten des Bischofs von Münster sind ein Thema beim Tischgespräch, gemeint sind wohl die drei berühmten Predigten Galens von 1941, die ihm den unversöhnlichen Hass der NS-Machthaber eingebracht hatten. Über Mailand – „eine nordisch saubere Stadt, anders als Rom und Capri“ – geht es dann nach Rom, wo man im Anima-Kolleg wohnt. Erste Besuche gelten Msgr. Montini im Staatssekretariat – und natürlich den Schneidern. Für die damals noch sehr umfangreiche „kardinalizische“ Ausrüstung, die nicht nur in rot, sondern auch in violett vorhanden sein musste, waren sogar mehrere der spezialisierten römischen Betriebe aufzusuchen.

Die drei deutschen Neokardinäle besuchen aber ebenso ein deutsches Gefangenenlager, wo auch 60 Soldaten-Priester inhaftiert waren. Die sogenannten Visita di calore nehmen viel Zeit in Anspruch: Alle neu zu Kardinälen Gemachten müssen sich untereinander besuchen, aber ebenso die Besuche der altgedienten Kardinäle empfangen. Dazu kommen diplomatische Einladungen und auch ein Empfang beim damals noch existierenden königlichen Hof. Offenkundig wird Clemens August von Galen besondere Aufmerksamkeit und auch Verehrung teil: „Alle sprechen von dem Eroe (= Helden) Galen“, notiert Portmann, „ganz stürmisch ergriff man seine Hand – küsste den Ring – alle Nationen.“ Die amerikanischen Katholiken drücken ihre Begeisterung auch materiell aus, es gibt namhafte Spenden für die „armen Deutschen“.

Botschafter von Weizsäcker, der das Deutsche Reich beim Heiligen Stuhl vertreten hat, kann Galen immerhin mit einigen guten Zigarren eine Freude machen. Beim sogenannten Öffentlichen Konsistorium am 21. Februar 1946 steht Galen wiederum im Mittelpunkt, die Italiener rufen: „Eroe della fede, Lione della Germania (Held des Glaubens, Löwe von Deutschland)“. Portmann: „Als er nach der Pax vom Thron des Hl. Vaters kam, steigerte sich der Applaus ostentativ. Ebenfalls nach der Hutaufsetzung. Es war (...) ehrlichste Begeisterung. Vor allem auch hinten beim einfachen Volk – Wahrhaftig ein Beitrag, um dem deutschen Namen wieder Achtung und Ehre zu verschaffen.“ Am Ende des Tages heißt es lapidar: „Die drei Hüte dann in die Schachtel gelegt“.

Der Tod des Kardinals

Nach den festlichen Tagen geht es mit einem vom New Yorker Kardinal Spellmann bezahlten Flugzeug nach Paris, wieder per Zug nach Frankfurt, dann mit dem Auto – „viele Sprengungen der Brücken“ – nach Hause. Sekretär Portmann kann sich über die Ernennung zum Monsignore freuen, sein Chef wird Ehrenbürger von Münster. Man glaubt nicht recht zu lesen, dass bei der Feier vor dem Dom die Menschen „Heil“ rufen – allerdings ohne den Namenszusatz. Am Ende dieses Tages, es ist der 17. März, schreibt Portmann in sein Tagebuch: „Er fühlte sich heute abend nicht wohl.“

Alles weitere geht sehr schnell: „Sehr schlapp, lehnte sich an den Türpfosten“, heißt es ein paar Tage später, seine Beschwerden kann der Kardinal nur als „Leibweh“ beschreiben. Galen ist realistisch und beauftragt den Sekretär: „Dort liegt ein Zeremoniale – es steht darin ein Passus, wie man einen Kardinal beerdigen muss.“ Der durchbrochene Blinddarm wird als der Anlass der Erkrankung erkannt, doch der Gesamtzustand verschlechtert sich rasch. Man vermutet eine Herzmuskelschwäche.

Am 22. März sagt Galen: „Ihr dürft mich beim Sterben nicht allein lassen.“ So geschieht es; sowohl die Spitzen des Bistums als auch die engsten Verwandten sind bei ihm, als der Löwe von Deutschland am Nachmittag des Tages stirbt. Sein Sekretär bezeugt: „Mit welch kindlicher Frömmigkeit und Selbstverständlichkeit ist er in die Ewigkeit gegangen.“ Zu denen, die sich respektvoll äußern, gehört auch Feldmarschall Montgomery. Am Ende seiner Aufzeichnungen dieser bewegten Tage schreibt Heinrich Portmann nachdenklich: „Wäre er vor einem Jahr gestorben, dann würde ihn die spätere Geschichtsschreibung vielleicht als Vaterlandsverräter hinstellen und (...) viele Gründe finden, warum durch ihn die schlechte Wendung des Krieges gekommen sei und die Niederlage.“ Doch so hatte sich am Ende alles gefügt. Das Tagebuch des Sekretärs ist, mustergültig ediert, eine wertvolle Quelle zu Galen.

Ingrid Lueb (Bearb.), Heinrich Portmann – die Tagebücher des Sekretärs von Bischof Clemens August Graf von Galen. Dialog-Verlag, Münster, 2016,

208 Seiten, ISBN 978-3-944974-40-8,

EUR 19,80