Bildnis eines christlichen Herrschers

Leben zwischen Scheitern und Heiligkeit: Ein Würzburger Symposion befasst sich mit dem seligen Kaiser Karl. Von Annalia Machuy

Das Herrschertum von Gottes Gnaden prägte das Denken und Regieren des seligen Kaisers Karl. Foto: KNA
Das Herrschertum von Gottes Gnaden prägte das Denken und Regieren des seligen Kaisers Karl. Foto: KNA

Würzburg (DT) „Als Vater der Lande, an Tugenden reich, ertrugst du viel Schande, Karl von Österreich.“ Bereits das Eingangslied der heiligen Messe zum Festtag des seligen Kaisers Karl ließ erahnen, wie dessen Leben geprägt war. Ein großes und tugendhaftes Herz, die Verantwortung für einen Vielvölkerstaat und nicht zuletzt ein tragisches Schicksal bestimmen das Bild, das Geschichte und fromme Verehrung vom letzten Habsburger Monarchen zeichnen. Am Samstag wurde auf einem geistlichen Symposium in Würzburg des Seligen gedacht. Eingebettet in ein Rahmenprogramm aus Rosenkranz, heiliger Messe und eucharistischer Andacht – drei Frömmigkeitsformen, die auch Karl lebendig pflegte – wurden Leben und Wirken Karls in ihrer geschichtlichen und aktuellen Bedeutung thematisiert.

Karl wurde am 17. August 1887 als ältester Sohn von Erzherzog Otto und Prinzessin Maria Josepha von Sachsen auf Schloss Persenbeug in Niederösterreich geboren. Während sein Vater, der aus dem österreichischen Kaisergeschlecht Habsburg-Lothringen stammte, ein sittenloses und ausschweifendes Leben führte, achtete Karls fromme Mutter bewusst auf eine gute, katholische Erziehung ihrer Kinder. Von Karl wird berichtet, dass er sich schon früh durch besondere Frömmigkeit und Nächstenliebe auszeichnete. So soll er einen eigenen kleinen Garten besessen und gepflegt haben, aus dessen Erträgen er Notleidende versorgte. Die soziale Sorge um sein Volk sollte auch in seiner Regierungszeit ein wichtiger Bestandteil von Karls Politik sein.

„Bereits im Jahr 1895 wurde in Ungarn die

Kaiser Karl-Gebetsliga gegründet“

Zunächst durchlief Karl eine klassische militärische Laufbahn und studierte einige Zeit in Wien und Prag. Im Juni 1911 verlobte er sich, ganz im Einklang mit den „Maßstäben des Standes, des Glaubens und der Liebe“, wie Vikar Christian Stadtmüller es in der Predigt ausdrückte, mit Prinzessin Zita von Bourbon-Parma. Die Hochzeit fand am 21. Oktober desselben Jahres statt, acht Kinder gingen aus der Ehe hervor. Später erwählte Papst Johannes Paul II. den 21. Oktober zum Gedenktag des Seligen. Obwohl Karl nur der Großneffe des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. war, gab es schon früh Stimmen, die für ihn die Kaiserkrone voraussahen.

So wurde bereits im Jahr 1895 in Ungarn die Kaiser Karl-Gebetsliga gegründet, die sich dem Gebet für den jungen Karl widmete, der, nach Aussage der dort lebenden Ursulinin Mater Vincentia Fauland, einmal österreichischer Kaiser werden würde. Auch Papst Pius X. wünschte Zita in einer Audienz nach deren Verlobung Gottes Segen für die Heirat mit dem Thronfolger. Tatsächlich führten der Tod von Kronprinz Rudolph, die nicht-standesgemäße Heirat Franz-Ferdinands, die dessen Nachkommen von der Thronfolge ausschloss, und schließlich seine Ermordung in Sarajevo dazu, dass Karl im November 1916 nach dem Tod Franz Josephs I. Kaiser von Österreich wurde.

Karl erhielt sein Amt in einer schwierigen Zeit und der Rückblick auf sein politisches Wirken lässt ihn als gescheiterten Herrscher erscheinen, als „tragische Persönlichkeit“, die den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte, so Matthias Stickler von der Würzburger Maximilians-Universität. Der Historiker näherte sich der Person des Kaisers vor allem über dessen geschichtlich-politische Bedeutung. Differenziert und detailreich zeichnete er Karls wenig erfolgreiche Politik und die Wirren seiner Zeit nach und ließ so das nüchterne Bild eines Herrschers am Ende einer Epoche erstehen. Karls Bemühungen um den Frieden in Europa scheiterten am Unwillen von Verbündeten und Gegnern, auch die im Reichsinneren angestrebten Reformen waren nicht von Dauer. Seinen „hochfliegenden Plänen waren deutliche innen- und außenpolitische Grenzen gesetzt“, summierte Stickler. Der Versuch, sich als Kaiser volksnah zu zeigen, verletzte zudem Karls Ansehen beim österreichischen Adel, der von den vorhergehenden Herrschern aristokratische Distanziertheit gewohnt war. Neu war auch, dass ein Kaiser seine Frau so stark mit in die Regierungsgeschäfte einband.

Zita, die im Gegensatz zu Karl als unbeugsam und zielsicher galt, war seine wichtigste Ratgeberin. Sie war es auch, die Karl von einer Abdankung zurückhielt, als der Untergang der Habsburger Monarchie abzusehen war. Entgegen den Bemühungen der Westmächte, das österreichische Kaisertum zu zerschlagen, hielt sie mit ihrem Mann hartnäckig am Fortbestand der Habsburger Herrschaft fest. Dieser als realitätsfremd beurteilten Sicht auf die Ereignisse mag das Herrschaftsverständnis zugrunde liegen, das Karl prägte. Er sah sein Kaiseramt als „zutiefst sakral“, als priesterähnlichen und gottgegebenen Dienst am Volk, dem er Vater und gütiger Herrscher sein wollte.

So verzichtete er 1918 schließlich auf eine Regierungsbeteiligung, sein Amt als Kaiser legte er jedoch nicht nieder. Aufgrund der politischen Entwicklungen nach dem ersten Weltkrieg reiste Karl noch 1918 mit seiner Familie ins Exil in die Schweiz aus. Im Jahr 1921 bemühte sich Karl zweimal erfolglos um die Wiederherstellung seiner Herrschaft. Um weiteren Restaurationsbemühungen vorzubeugen, schickten ihn die Alliierten schließlich ins Exil nach Madeira. Dort zog er sich im nebelkalten Klima und geschwächt von allen Strapazen eine Krankheit zu und starb am 1. April 1922.

Die historischen Ausführungen Sticklers zeigten das politische Scheitern eines Kaisers, ließen jedoch auch dessen Größe aus den Trümmern seiner Krone aufscheinen. Denn Karl verstand sich stets als christlicher Herrscher und war sich der Grenzen seiner Macht bewusst. Er wollte „nicht über Leichen“ gehen, so Stickler und handelte immer aus gutem Willen. Nichtsdestotrotz wurde seine Seligsprechung von manchen kritisch gesehen. Dass es Papst Johannes Paul II., als er am 3. Oktober 2004 mit Karl seit langem wieder einen Regenten zur Ehre der Altäre erhob, „nicht um eine politische Würdigung des monarchischen Prinzips“ ging, legte Vikar Stadtmüller in seiner Predigt klar dar.

Auch Thomas Richter fand viele Aspekte, die für den heroischen Tugendgrad des Kaisers sprechen. Anhand der Seligpreisungen führte er den Zuhörern, zu denen auch Seine kaiserliche Hoheit Asfa-Wossen Asserate und der Vorsitzende des Würzburger Hochschulrates Dieter Salch gehörten, das heiligmäßige Leben des Ehemanns, Vaters und Herrschers vor Augen. Kennzeichnend für sein ganzes Wesen sei die „pietas“, die Frömmigkeit, die sich sowohl im politischen Handeln des Herrschers als auch in seinem Charakter ausdrückten.

„Als leidenschaftlicher Verehrer der Eucharistie nahm er täglich an der heiligen Messe teil“

Bescheiden, demütig und treu sei er gewesen, immer um das Wohl seiner Untertanen besorgt und edel noch im Leiden. Als leidenschaftlicher Verehrer der Eucharistie nahm er täglich an der heiligen Messe teil. Auch die Gottesmutter verehrte er innig, und es mag eine schöne Fügung sein, dass viele wichtige Ereignisse seines Lebens auf einen Samstag fielen.

Doch nicht nur in der Frömmigkeit ist Karl vielen heute Vorbild. Gerade in den östlichen Ländern seines damaligen Reiches und auch in Russland wird des seligen Kaisers im Zuge einer Rückbesinnung auf die eigenen historischen Wurzeln zunehmend würdigend gedacht, so Marc Stegherr aus München. Eine Neuausrichtung an traditionellen Werten, wie sie unter anderem die Herrschaftsweise Karls zu fördern versuchte, erscheine vielen als ein wichtiger Schritt zur Erneuerung Europas. „In der Person des letzten Kaisers“, so Stegherr, „wird manifest, dass Politik immer in der Verantwortung vor Gott steht“. Er sieht in Karl einen Märtyrer und ein Vorbild für die Erneuerung Europas.

Uns allen kann Karl ein Vorbild sein, so auch Vikar Stadtmüller: im „wahren Glauben“ und in der „wahren Andacht“, in der Suche nach Gottes Willen in allen Dingen des Lebens und in die Ergebung in diesen Willen auf dem ganz eigenen Weg. „Heilig zu sein heißt nicht, über den anderen zu stehen“, zitierte Stadtmüller Joseph Ratzinger. „Ja, der Heilige kann sehr schwach sein, mit vielen Fehlern behaftet in seinem Leben. Die Heiligkeit ist jene tiefe Tuchfühlung mit Gott, die Freundschaft mit ihm: Sie besteht darin, den Anderen handeln zu lassen, den Einzigen, der die Welt wirklich gut und glücklich machen kann.“ Das hat Kaiser Karl vorgelebt.