Bewährter Theologe und erfahrener Bischof

Geistlicher Vater von zwölf Millionen Serben: Ein Porträt des neuen Patriarchen in Belgrad Irinej I.

Belgrad (DT/KNA) Am 23. Januar hat in der altersschwarzen Michaels-Kathedrale von Belgrad der orthodoxe „Patriarch der Serben“ sein Amt angetreten: Irinej I. Gavrilovic, 45. Nachfolger des hl. Sava, der die Serbische Orthodoxe Kirche 1220 begründet hatte. Der neue geistliche Vater der Serben im ehemaligen Jugoslawien und einer weltweiten Diaspora ist schon 80 Jahre alt, oder richtiger „jung“; denn an seiner körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische ließ er während des mehrstündigen Gottesdienstes und mit seiner ebenso geistreich wie mit kräftiger Stimme vorgetragenen Antrittserklärung keinen Zweifel. Schon sein Vorgänger Pavle war 76, als er 1990 das Amt als sechsthöchster Kirchenfürst in der gesamtorthodoxen Hierarchie einnahm, um es noch fast 20 Jahre auszuüben. Also könnte auch Irinej mit einem noch langen Wirken an der Spitze des serbischen Kirchentums und innerhalb der orthodoxen Kirchenfamilie überraschen. Seine Wahl war am 22. Januar zügig auf einer ebenso kurzfristig einberufenen Bischofsversammlung in Belgrad erfolgt. Den Vorsitz führte als Weiheältester der schon seit 1967 als Bischof amtierende Lavrentije Trifunovic von Sabac an der serbisch-bosnischen Grenze: Von 1973 bis 1991 war er Bischof von Westeuropa mit Sitz in Deutschland, wo er bis heute unvergessen ist.

Ein Mann der Pastoral und der Praxis

In den ersten beiden Abstimmungen schieden mehrere als Favoriten gehandelte Kandidaten aus, so Bischof Jefrem Milutinovic von Banjaluka oder Hrizostom Stolic vom mittelserbischen Bistum Zica. Aus dem dritten Wahlgang gingen dann der bisherige Patriarchatsverweser Metropolit Amfilo-hije Radovic von Montenegro, der ökumenisch profilierte, aber als serbischer Nationalist nicht unumstrittene Bischof von Novi Sad, Irinej Bulovic, und sein Namensvetter Irinej Gavrilovic vom südserbischen Nis als Endkandidaten hervor. Zum Unterschied von dem „großserbisch“ exponierten Bulovic wurde Gavrilovic als „liberaler Kompromiss“ zwischen jenem und dem Pragmatiker Radovic betrachtet. Der Bischof von Novi Sad war aber auch nur deshalb als Vertreter der damals mehrheitlich mit dem Kurs von Milosevic gleichgeschalteten serbischen Orthodoxie besonders aufgefallen, weil er in den Jahren der Zerstückelung Jugoslawiens in Genf dem Zentralkomitee des Ökumenischen Rates der Kirchen angehört hatte. Die Entscheidung für den Außenseiterbischof von Nis fiel dann jedenfalls nicht mehr mit den meisten Stimmen, sondern nach dem Beispiel der Apostelgeschichte (Apg 1, 26) durch das Los.

„Liberal“ ist nicht ganz die richtige Charakterisierung für den neuen serbischen Patriarchen. Von den acht Jahrzehnten seines Lebens hat der 1930 im westlichen Serbien als Miroslav Gavrilovic geborene Irinej I. 15 Jahre als Lehrer und Spiritual an Priesterseminaren und 36 in der Patriarchatsverwaltung und an der Spitze eines Bistums gewirkt. Er ist ein Mann der Pastoral und der Praxis. Durch seine Tätigkeit im kirchlichen Zentrum Belgrad und im Kosovo, in Montenegro wie im heute auch kirchlich eigenständigen Mazedonien sind ihm die meisten Bereiche und vor allem Krisengebiete der Serbischen Orthodoxen Kirche aus eigener Erfahrung vertraut. Sein Theologiestudium in Athen und die Kenntnis des Griechischen wie des Russischen haben ihn schon früh zu einem Mann der gesamtorthodoxen Zusammenarbeit gemacht. Ökumenisch ist der neue Patriarch bisher weniger hervorgetreten, tat sich aber nie wie andere seiner Amtsbrüder als Gegner der westlichen Christenheit und besonders des Papsttums oder durch antimoslemisches Eifern hervor. Er hat sich schon bisher durch Offenheit und Standfestigkeit, aber ebenso Menschlichkeit und Güte ausgezeichnet.

Irinej I. wird diese Qualitäten nötig haben, um die auf ihn wartenden Aufgaben meistern zu können. Er sieht sich von Mazedonien bis Montenegro mit kirchlichen Abspaltungen konfrontiert, die den politischen Zerfall Jugoslawiens auch kirchlich zum Ausdruck bringen wollen. In Skopje hat sich das schon mehrheitlich durchgesetzt, in Cetinje und Podgorica sind die „Eigenkirchler“ noch in der Minderheit; dafür gebärden sie sich besonders militant. Im Unterschied zur Russischen Orthodoxen Kirche, die sich nach Auflösung der Sowjetunion mit ähnlichen Zentrifugalkräften konfrontiert sieht, vertritt der neue serbische Patriarch nicht den Standpunkt eines „kanonischen Territoriums“ im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Er besteht auf seiner Jurisdiktion über alle orthodoxen Serben, mögen diese auch heute in Bosnien, Montenegro, Kroatien und Slowenien oder in einer inzwischen über drei Millionen Menschen umfassenden Diaspora leben. In Sachen einer künftig eigenständigen, aber weiter eng mit Belgrad verbundenen Mazedonischen Orthodoxen Kirche dürfte vom neuen Patriarchen jedoch mehr Entgegenkommen als seitens seiner Vorgänger German und Pavle zu erwarten sein. Innerkirchlich ist es eine schon längst anstehende Liturgiereform, die auf die kundige und weise Hand des pastoral bewährten Irinej wartet. Auch politisch können jetzt zwölf Millionen Serben in aller Welt zu einem neuen Garanten nationaler Einheit weit über die Grenzen des so klein gewordenen Heimatstaates hinaus emporschauen: Patriarch Irinej Gavrilovic wird mehr oder weniger der einzige sein, von dem das aufgesplitterte Serbentum zusammengehalten wird. Nicht zufällig führt er weder den Titel einer Stadt oder eines Landes, wie die anderen orthodoxen Kirchenführer „von Moskau“ oder „von Rumänien“, sondern wird „Patriarch der Serben“ genannt. Er ist also kein Kirchenoberhaupt von Serbien, sondern auch geistlicher Vater der Serben in Bosnien, Montenegro, Kroatien und vor allem in Kosovo. Dort befindet sich in der serbisch gebliebenen Enklave Pec – die Albaner nennen es Peja – der eigentliche Patriarchensitz.

Feierliche Inthronisation im Kosovo geplant

Irinej hat nun darauf bestanden, dass seiner vorläufigen Amtseinführung in Belgrad die feierliche Inthronisation im Kosovo folgen wird. Der Patriarch wird so auch nach der Unabhängigkeit von Prishtina 2008 zum letzten Band, das dieses weiter mit Belgrad verbindet. Auch die innenpolitische Bedeutung des Serbenpatriarchen ist seit Ende des Tito-Kommunismus enorm gewachsen. Der verstorbene Pavle war zunächst recht williger Gehilfe von Milosevic. Dieser konnte im Herbst 2000 erst gestürzt werden, nachdem sich auch die Kirche dafür ausgesprochen hatte. Darauf unterstützte Pavle in Belgrad aktiv die gemäßigten Kräfte. Sogar vom Krankenbett war noch der patriarchale Segen mit entscheidend für den letzten Ruck von Präsident Tadic zu Serbiens Annäherung an die Europäische Union. Wegweiser der Serben Richtung Brüssel will auch der neue Patriarch Irinej I. bleiben. Sein hohes Alter bedingt, dass ihm der bisherige Patriarchatsverweser Amfilohije von Montenegro zur Seite stehen muss. Gerade dieser hat sich schon in den letzten Jahren als Stütze von Pavle für die europäische Option Serbiens ausgezeichnet. Dasselbe gilt bei der wieder stärkeren ökumenischen Einbindung der Serbischen Orthodoxen Kirche und ihrem im Vergleich zu den 1990er Jahren erfreulich verbesserten Verhältnis zur katholischen Kirche.