Beten, beichten, feiern

Das Gebetsfestival „Overflow“ vereint Christen verschiedener Konfessionen. Von Sandra Lobnig

Unkonventionell und ökumenisch: Am tanzenden König David vor der Bundeslade nahmen sich Jugendliche im Dom ein Beispiel und beschlossen den Abend mit Schwung und Musik. Foto: Andreas Walch
Unkonventionell und ökumenisch: Am tanzenden König David vor der Bundeslade nahmen sich Jugendliche im Dom ein Beispiel ... Foto: Andreas Walch

Das Leben hat Steve übel mitgespielt. Zwei Jahre obdachlos. Drogenabhängig. „Totally broken“, völlig kaputt. Noch vor einem Jahr lebte der Engländer auf der Straße. Heute steht er in Jeans, grauem Wollpullover und weißen Turnschuhen vor hunderten Menschen in der Kirche St. Florian in Wien und erzählt, dass er Jesus sein Leben übergeben hat. Am Tiefpunkt seines Lebens sei er von Christen, die sein Obdachlosenheim besuchten, zum Gottesdienst eingeladen und von deren Glauben und dem Strahlen in ihren Augen tief berührt worden. Was sich dadurch in seinem Leben geändert hat? „Jetzt erst habe ich ein Leben“, sagt der Engländer und kehrt unter jubelndem Beifall wieder an seinen Platz in der Kirche zurück.

Ein paar Sitzreihen vor Steve sitzt Poppy. Die Afro-Amerikanerin mit den grün gefärbten Dreadlocks ist begeistert. Von Wien. Von fetziger Lobpreismusik. Von Jesus. Seit Anfang des Jahres lebt sie auf Ibiza. Ihr Beruf? Sie betet, liest Betrunkene entlang der Partymeile auf und steht denen bei, die sich im Nachtleben der Insel verloren haben. Hier in St. Florian streckt Poppy die tätowierten Arme zum Gebet aus und legt ihrem Sitznachbarn segnend die Hände auf.

Steve und Poppy sind Teil von 24/7-Prayer, einer weltweiten Gebetsbewegung, die sich in der ersten Oktoberwoche zu ihrem jährlichen Treffen – diesmal in Wien – versammelt hat. Das Besondere in diesem Jahr: Das Treffen heißt „Overflow“ und findet zusammen mit den „Herbsttagen“, dem Gebetsfestival der charismatischen, katholischen Loretto-Gemeinschaft statt. Rund fünftausend Menschen aus über siebzig Ländern versammeln sich vier Tage lang in St. Florian und rund um den Stephansdom, um zu beten, zu feiern und sich auszutauschen. Das Programm ist bunt und bietet Workshops, gemeinsamen Lobpreis, Vorträge, Straßenmission und die Heilige Messe. Bereits vor drei Jahren war 24/7-Prayer auf Einladung von Kardinal Christoph Schönborn in Wien zu Gast. Pete Greig, freikirchlicher Pastor und Gründer der Bewegung, war erst Ende September dieses Jahres Gastredner bei der Diözesanversammlung in der Erzdiözese Wien.

Auch für „Overflow“ ist Pete Greig nach Wien gekommen. Der Engländer sitzt in der Mittagspause an einem der Biertische im großen, weißen Festzelt im Innenhof des Erzbischöflichen Palais in der Wiener Innenstadt. Von Steves Geschichte ist er beeindruckt. „Ist das nicht wundervoll? Vor einem Jahr war Steve obdachlos und drogenabhängig und jetzt ist er hier in Wien.“ Die 24/7-Prayer-Bewegung fühle sich zu Menschen wie Steve gesandt, zu den Armen und Verlorenen. Denn Beten habe immer eine soziale Dimension. „Gebet, Evangelisation und Gerechtigkeit gehören zusammen. Man kann das nicht trennen.“ Beim Beten atme man die Gegenwart Gottes ein, im praktischen Tun, dem Einsatz für die anderen, atme man seine Gegenwart aus. Ohne Gebet gehe einem irgendwann die Kraft aus. „Wer aber nur betet und nie etwas tut, versäumt wahrscheinlich etwas, was Jesus schenken will.“ In der heutigen Zeit brauche es unkonventionelle Wege, um das Evangelium zu verkünden, sagt Greig. „Wir müssen den Leib Christi in ein neues Gewand kleiden, ihm sogar eine neue Adresse geben.“ Es genüge nicht, die Menschen bloß in die Kirche einzuladen. „Zu oft haben wir gesagt: Ihr müsst kommen.“ Gottes Art sei es aber immer gewesen, dorthin zu gehen, wo die Menschen sind. Für die Neuevangelisierung im säkularen Europa sei ein Hinausgehen unerlässlich: „Europa ist der einzige Kontinent, auf dem das Christentum nicht wächst. Die Menschen suchen Sinn für ihr Leben. Sie sind sehr offen für die Wahrheit und für das Evangelium.“

Dass eine ökumenische Veranstaltung wie „Overflow“ möglich ist, interpretiert Greig als Wirken des Heiligen Geistes. „Der Heilige Geist bewirkt die Einheit unter den unterschiedlichen Konfessionen. Wir erkennen, dass es zwischen uns mehr Gemeinsames als Trennendes gibt.“ Maximilian Oettingen, Leiter der Loretto-Gemeinschaft, sieht das ähnlich. „Es ist klar, dass es zwischen uns Unterschiede gibt, aber die Freude über die Gemeinsamkeiten ist größer.“

Gebet, 24 Stunden sieben Tage die Woche, gäbe es auch seit einigen Jahren bei Loretto. „Das hat uns auf eine neue Ebene gebracht und eine geistliche Fruchtbarkeit bewirkt“, sagt Oettingen. Das Wachsen der Loretto-Gemeinschaft, die Entstehung neuer Gebetskreise und Gebetshäuser und den Erfolg von Alphakursen bringt er mit dem Gebet rund um die Uhr in Zusammenhang.

Am Freitagabend wird das ökumenische Miteinander beim Gebetsabend im Stephansdom besonders deutlich. Die Tore des Doms sind weit geöffnet, ein roter Teppich führt direkt vor die Bühne in der Mitte der Kathedrale. Priester hören Beichte, Menschen bringen bei ruhiger Anbetungsmusik Kerzen vor das ausgesetzte Allerheiligste. Kardinal Christoph Schönborn, derzeit in Rom bei der Jugendsynode, grüßt mittels Videobotschaft. Nach der eucharistischen Anbetung spielt die 24/7-Band rockige Lobpreismusik. „I'm alive on God's great dance floor“ singt ihr Frontmann und der Dom verwandelt sich für einige Minuten wirklich in eine Tanzfläche. „Ein Ausdruck von echtem Lobpreis, von Spontanität und Ausdruckskraft“, findet Maximilian Oettingen und verweist auf den tanzenden König David vor der Bundeslade Gottes. „Ich find's gut, wenn 6 000 Jugendliche zuerst anderthalb Stunden still beten, beichten gehen, für sich beten lassen und dann feiern.“