Beschützer der Kirche Bayerns

Griechenlandliebhaber, Frauenheld, Wiederbegründer von Klöstern: Vor 150 Jahren starb Bayerns König Ludwig I. Von Georg Blüml

Er war der letzte souveräne Monarch Bayerns und mit ihm hatte sich das Gottesgnadentum endgültig überlebt: König Ludwig I., hier im Krönungsornat auf einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1826. Foto: IN
Er war der letzte souveräne Monarch Bayerns und mit ihm hatte sich das Gottesgnadentum endgültig überlebt: König Ludwig ... Foto: IN

Vor 150 Jahren, am 29. Februar 1868, starb in der Villa Lione im französischen Badeort Nizza König Ludwig I. von Bayern. München dankt ihm den Aufstieg zu einer Kunst- und Kulturmetropole von internationalem Rang und das Oktoberfest, denn die Volksbelustigungen anlässlich seiner Heirat mit Therese von Sachsen-Hildburghausen auf der nach der Braut benannten Festwiese zeigten einen so durchschlagenden Erfolg, dass sie alljährlich wiederholt werden mussten. Schon als Kronprinz erwies sich Ludwig als Sammler und Bauherr von wahrhaft königlichem Format. In seinem Auftrag schwatzte Ludwigs Kunstagent, der Würzburger Johann Martin von Wagner, den bankrotten Fürsten Barberini in Rom ihren Marmor-Faun ab und erwarb die Giebelfiguren vom Tempel in Ägina. Heute zählen sie zu den Glanzstücken der von Klenze errichteten Glyptothek, die zusammen mit den ebenfalls von Ludwig gegründeten Pinakotheken den Kern der Münchner Museumslandschaft bildet. Zudem dilettierte der König als Dichter, engagierte sich für die Denkmalpflege und Eisenbahnbau und förderte den Freiheitskampf der Griechen, die mit seinem Sohn Otto ihren ersten König und auch die weißblauen Landesfarben erhielten. Als glühender Verehrer der griechischen Antike verpasste er den Bayern auch ihr „y“ – vormals schrieb man sie mit einem einfachen „i“.

In der Reihe der sechs bayerischen Monarchen wird der 1786 in Straßburg geborene Ludwig I. an Popularität nur von seinem schillernden Enkel überragt. Anders aber als Märchenkönig Ludwig II. – der seine Schlösser für sich persönlich errichten ließ, um ungestört der Mythenwelt Richard Wagners oder der Bourbonenkönige gedenken zu können – waren die Bauten des nicht minder kunstsinnigen Großvaters an die Öffentlichkeit adressiert. Der König sah sich in der Rolle des ersten Erziehers seines Landes und wollte seinen Untertanen Impulse zum Wahren, Guten und Schönen geben. Seine Bauten hatten Bildungsauftrag. Die nach dem Vorbild des Athener Parthenon erbaute Walhalla bei Donaustauf sollte an die Einheit der „teutschen“ Nation, die Münchner Propyläen an die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Fremdherrschaft erinnern. Die ebenfalls klassizistische Ruhmeshalle hinter der kolossalen Bavaria war dazu bestimmt, eine neue bayerische Identität zu stiften; ausdrücklich waren dabei auch die erst im Gefolge Napoleons dazugekommenen Franken und Schwaben gemeint.

Doch unter Ludwig I. hielt auch der romantische Historismus seinen Einzug, der Rückgriff auf weitere frühere Stilepochen. So führen die vier von Ludwig in Auftrag gegebenen Münchner Gotteshäuser die Kirchengeschichte vor Augen, beginnend mit der Spätantike (St. Bonifaz) über die neobyzantinische Hof- und die neoromanische Ludwigs- bis hin zur neogotischen Mariahilfkirche. Gebaute Kunsterziehung.

Privat geradezu pfennigfuchserisch gelang es ihm, den noch von den napoleonischen Kriegen ruinierten Staatshaushalt zu sanieren. Unter dem königlichen Geiz litt auch seine Frau Therese. Lediglich ein schmales „Nadelgeld“ erhielt sie – es reichte jeweils nur bis zum Zehnten des Monats. Für jede Anschaffung verlangte Ludwig einen Kostenvoranschlag inklusive Rückzahlungsplan und wenn sich die Königin aus der königlichen Privatschatulle Geld lieh, hatte sie einen Schuldschein zu unterzeichnen. Für die Schönheit aber griff der Kunstsüchtige tief in die Tasche. Bis zu 18 Millionen Gulden soll der König dafür ausgegeben haben; finanziert aus seinem Privatvermögen. Doch die ausgegebenen Gelder erwiesen sich als nachhaltige Friedens-Investitionen, denn für militärische Abenteuer – so hatte er es bereits in seiner Kronprinzenzeit formuliert – war Bayern als Mittelmacht zu schwach.

Fast wäre man versucht, Ludwig I. – schon zur Unterscheidung von seinen drei namensgleichen Nachfolgern – den Titel „der Große“ zu verleihen, wenn er schließlich nicht über eine Schönheit namens Lola Montez gestolpert wäre! Die sich als spanische Tänzerin ausgebende Irin brachte den 60-jährigen Vulkan sofort zum Erglühen. Ludwig selbst verglich sich mit dem erloschen geglaubten Vesuv. „Lollita“ herzte er die junge Frau, die schon beim ersten Treffen beherzt ihr Mieder aufschnitt, um jeden Zweifel an der Echtheit ihres Dekolletés zu zerstreuen. In schäumenden Gedichten pries der liebestolle Monarch die Hochstaplerin als schlank-zarte „Gazelle“, als „allerschönste Frau“. Ein Palais musste her, und zwar ein fürstliches!

Lola Montez war keinesfalls Ludwigs erste außereheliche Liebschaft. Schon früh war er als royaler Playboy aufgefallen. An die 30 Damen sollen es gewesen sein, mit denen das königliche Leichtblut „der Ehe steten Gleiche“ entfloh. Einige von ihnen ließ er als König in seiner öffentlich zugänglichen Schönheitengalerie aufhängen. Spötter Heine bezeichnete diese Münchner Touristenattraktion als „gemaltes Serail“. Ludwigs kluge, politisch interessierte Frau hatte die Eskapaden des Ehemanns mit weltmännischer Gelassenheit ertragen.

Doch die Affäre mit der Montez erreichte irrwitzige Dimensionen. Der König änderte sogar sein Testament zu ihren Gunsten! Dass die Halbweltdame keinerlei Anstalten machte, ihre offenen Shopping-Rechnungen zu begleichen: Egal! Dass ihre bissige Dogge in München Angst und Schrecken verbreitete und die königliche Mätresse grundlos Ohrfeigen verteilte: Gleichgültig! Dass ganz Paris schon bei der zu jeder erdenklichen Gelegenheit die Reitpeitsche schwingenden Tingeltangelschönheit weniger tänzerisches Talent erkannt hatte, sondern eher reiterische Qualitäten mutmaßte: Einerlei!

Wenn seine „Andalusierin“ im Hoftheater auftreten wollte, so erfüllte ihr Ludwig diesen Wunsch! Wenn sie – trotz Verbots – öffentlich rauchte, so tat es ihr der König gleich; obwohl an seinen Grimassen zu erkennen war, dass er an den Glimmstängeln keinen Genuss fand. Wenn der Polizeipräsident meldete, dass sie sich neben ihrem ältlichen Gönner jugendliche Liebhaber hielt, so wurde er in die Provinz versetzt. „Bleiben Sie bei Ihrer Stola, ich bleib bei meiner Lola!“ soll Ludwig dem empörten Münchner Erzbischof entgegnet haben.

Ganz Bayern blickte entsetzt auf den herbstlichen Frühling des alternden Fürsten und sein 25-jähriges Gspusi und halb Europa runzelte die Stirn. Schließlich forderte Elizabeth Gilbert, so ihr richtiger Name, die Erhebung in den Grafenstand. Damit wurde die Affäre politisch. Im Land brodelte es und die Universität wurde wegen drohender Unruhen geschlossen. Das gesamte Ministerkabinett trat zurück, doch der seit Geburt schwerhörige Monarch hielt stur an seinem Plan fest. Selbst Königin Therese stieß bei ihm auf taube Ohren – Ludwigs Geliebte wurde zur „Gräfin Landsfeld“. Das Ende der zwei Jahre währenden, eruptiven Liebschaft war ein revolutionärer Ausbruch, der den liebestrunkenen König am 20. März 1848 zur Abdankung zwang. „Hätt ich doch nie und nimmer Dich gesehen …“, schrieb Ludwig I. damals. Er war der letzte souveräne Monarch Bayerns und mit ihm hatte sich das Gottesgnadentum endgültig überlebt. Ludwigs Leidenschaft für das aus Bayern vertriebene „Saumensch“ indes scheint ebenso schnell abgekühlt gewesen zu sein, wie sie entflammt war. Bereits im November 1848 schrieb er ihr in altgewohnter, pfennigfuchserischer Manier: „Es wird für Dich interessant sein zu wissen, wie viel ich für Dich in zwei Jahren ausgegeben habe“. Es waren 240 222 Gulden. Das Jahresgehalt eines Ministers betrug damals 12 000 Gulden.

Auch wenn heutzutage die pikanten Begleitumstände seines Sturzes im Focus stehen: Ludwigs dauerhaftestes Vermächtnis bleibt das von ihm errichtete „Kunst-Königtum“, dem vor allem München seinen Ruf als „Isar-Athen“ verdankt. Doch die Hinwendung zur heidnischen Antike wäre nicht denkbar gewesen ohne die tiefe Verankerung des Königs im christlichen Glauben. „Religion muss die Grundlage sein und durch das Leben geleiten.“ – Sie war das Fundament eines funktionierenden Staates, auf welchem Künste und Wissenschaften den Herrscher rühmen sollten. Obschon der Monarch sich – nicht zuletzt wegen seiner protestantischen Frau Therese – auch als Oberhaupt der reformierten Gemeinden sah, machte er sich gleich nach seiner Thronbesteigung daran, die von der Säkularisation hinterlassene Trümmerlandschaft aufzuräumen. Während der unter Montgelas anbefohlenen und gegen die Bevölkerung teils unter militärischem Zwang durchgesetzten Kulturrevolution waren Klöster enteignet, der kirchliche Landbesitz verscherbelt und neu gebaute Kirchen abgebrochen worden. Die als unwert angesehenen Reste der geplünderten Klosterbibliotheken hatte man zum Ausbessern von Straßenschäden benutzt.

Selbstverständlich geschah der Wiederaufbau der bayerischen Klosterlandschaft nicht ohne staatlichen Erziehungsauftrag. Vor allem die Benediktiner schienen ihm hierfür geeignet wegen ihrer karitativen, seelsorgerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Tätigkeit. Schon im ersten Regierungsjahr 1826 wurde Metten wiedererrichtet, es folgten Scheyern, Weltenburg und Andechs. In Schwaben gründete er Ottobeuren und St. Stephan/Augsburg. Benediktinerinnen holte Ludwig I. nach Frauenchiemsee und St. Walburg in Eichstätt, mit Zisterzienserinnen besetzte er Seligenthal bei Landshut. Die „terra benedicta“, das gesegnete Land Bayern, wurde unter Ludwig I. wieder zu einer „terra benedictina“ – einer benediktinischen Landschaft. Papst Gregor XVI bezeichnete Ludwig I. nicht zu Unrecht als „größten Beschützer“ der katholischen Kirche Bayerns. Ludwigs heiliger Dreiklang von Glaube, Wissenschaft und Kunst spiegelt sich wohl am Vollendetsten in seiner in München gegründeten Abtei wider. Nicht ohne Hintersinn widmete er sie dem Heiligen Bonifaz, dem Apostel der „Teutschen“.