Berufungsgeschichte im Stil platonischer Dialoge

Klassiker in zweisprachiger Ausgabe: Überlegungen des heiligen Johannes Chrysostomus über das Priestertum. Von Clemens Schlip

Die Gegenwart ist dem katholischen Priestertums nicht freundlich gesonnen. Es gibt wohl keinen anderen „Berufsstand“, der vergleichbaren kollektiven Verhöhnungen und Verunglimpfungen ausgesetzt ist. Bedrohlicher ist freilich, dass auch in Kirchenkreisen falsche Ansichten über das Wesen des Priestertums verbreitet sind. Die Forderung nach der Frauenordination sowie der verbreitete Wunsch nach „priesterlosen Gottesdiensten“ zeigen je auf ihre Weise, dass man auch dort, wo „katholisch“ im Vereinsnamen steht, nicht notwendig mehr ein Wissen um den besonderen, speziellen und einzigartigen Charakter des katholischen Priestertums voraussetzen kann.

In dieser Situation ist es hilfreich, sich in bedeutenden Schriften der Christenheit über Wesen und Ursprung des christlichen Priestertums zu informieren: Zu diesen Büchern gehört zweifelsohne die Dialogschrift „Über das Priestertum“ (De Sacerdotio) des heiligen Johannes Chrysostomus (349–407), Bischof von Konstantinopel, der zu den vier großen Kirchenlehrern des griechischen Sprachraums gehört. Papst Gregor der Große schätzte es ebenso wie der große katholische Reformer Karl Borromäus und noch Papst Johannes XXIII. empfahl die Schrift auf der Römischen Pastoralsynode von 1960 seinen Priestern zur Lektüre. Das Werk liegt nun in einer neuen zweisprachigen Ausgabe vor, der zu wünschen ist, dass sie zu einer möglichst ausgebreiteten Wiederentdeckung der Gedanken des Kirchenvaters führen wird. Vorangestellt ist dem Werk in der hier vorzustellenden Ausgabe eine umfangreiche Einführung aus der Feder des Trierer Patristikers Michael Fiedrowicz, die keine Wünsche offenlässt und sowohl die Schrift chronologisch einordnet wie in ihrem Gedankenaufbau nachzeichnet und ihre weitgespannte Rezeptionsgeschichte skizziert.

Die Situation, der sich Johannes Chrysostomus gegenübersah, als er De Sacerdotio verfasste, war von einem ganz anderen Phänomen geprägt als dem uns vertrauten: Kein Priestermangel, sondern ein Überschuss an Kandidaten, die von der neuen, staatlich privilegierten Stellung der Kirche nach der Konstantinischen Wende profitieren wollten. Dadurch wurden leider auch viele zu Priestern, die für diesen Beruf ungeeignet waren. Die damit notwendig verbundenen Ärgernisse und Skandale schadeten dem Ansehen des Klerus insgesamt. Zugleich zeigten fähige Kandidaten Abneigung dagegen, sich weihen zu lassen, und widmeten sich stattdessen dem monastischen Leben. Vor diesem Hintergrund ist „Über das Priestertum“ zu lesen, das sich als Dialog zwischen Johannes und seinem Freund Basilius präsentiert. Wer platonische Dialoge schätzt, wird auch den Stil des Johannes Chrysostomus rasch liebgewinnen.

Von besonderer Bedeutung erscheint Johannes' Hervorhebung des sacerdotalen Charakters des Priestertums, dessen Größe aus seiner Beziehung zum Messopfer resultiert. In diesem Zusammenhang findet der Kirchenvater wunderbare Worte für das Geschehen in der Liturgie: „Wenn Du nämlich siehst, wie der Herr geopfert wird und daliegt und der Priester vor dem Opfer steht und darüber betet und wie alle durch dieses kostbare Blut gerötet werden – glaubst Du dann noch unter Menschen zu sein und auf der Erde zu stehen, oder fühlst Du Dich nicht vielmehr sogleich in den Himmel versetzt, wirfst alle fleischlichen Gedanken ab und schaust mit entblößter Seele und reinem Geist die himmlischen Dinge um Dich herum?“ Weiter entfernt von einem „horizontalen Liturgieverständnis“ kann man gar nicht sein, und umso kostbarer sind jene Worte für unsere Zeit.

Von seinen Einsichten über den Wert des Messopfers und das Wesen der Liturgie aus zieht Johannes auch die notwendigen Konsequenzen im Blick auf den Priester, der das Messopfer darbringt: „Überlege Dir, wie die Hände beschaffen sein müssen, die einen solchen Dienst verrichten, wie die Zunge beschaffen sein muss, die jene Worte ausspricht, muss die Seele, die einen solchen Geist aufnimmt, nicht reiner und heiliger sein als die eines anderen? … Wie das Licht, das die ganze Erde erleuchtet, so muss die Seele des Priesters erstrahlen!“ Besondere Beachtung verdient auch, dass Johannes Chrysostomus den Zölibat der Priester für erstrebenswert hielt, wie aus mehreren Stellen der Schrift hervorgeht. Gerade heute, wo so häufig mit Blick auf die Praxis der Ostkirchen die Aufhebung des Pflichtzölibats in der Lateinischen Kirche gefordert wird, ist es sinnvoll, daran zu erinnern, dass der griechische Kirchenvater eine Präferenz für den Zölibat hatte. Chrysostomus weiß um die besonderen Anfechtungen, denen die Priester Gottes ausgesetzt sind: „zahlreicher als die Winde, die das Meer aufwühlen, sind die Wogen, die die Seele eines Priesters bestürmen“.

Gerne fasst er das Leben des Priesters im Bild des Kampfes. Der Herausgeber Fiedrowicz macht darauf aufmerksam, dass diesen Gedanken des Kirchenvaters im Hinblick auf die Wiederentdeckung des Bildes der „streitenden Kirche“ (ecclesia militans) große Bedeutung zukommen könnte. Und nicht zuletzt lässt Johannes keinen Zweifel daran, dass das Priestertum im Himmel verankert ist: „Das Priestertum wird zwar auf Erden ausgeübt, besitzt aber den Rang himmlischer Dinge.“ Zudem bezeugt der „Dialog über das Priestertum“ eindeutig die vom Ursprung her gegebene Einheit der drei priesterlichen Ämter (Diakon, Priester, Bischof), womit auch feststeht, welche Haltung Johannes gegenüber den Forderungen nach einer sakramentalen „Diakoninnenweihe“ einnehmen würde. Nur am Rande eingegangen werden kann hier auf andere Aspekte der Schrift: So betont Johannes, dass der Priester sich darum bemühen müsse, ein guter Prediger zu werden, auf Auseinandersetzungen mit allen erdenklichen Häretikern vorbereitet zu sein und mit theologischen Anfragen von Seiten der Gläubigen klug umgehen zu können.

Einer der wirklich großen Theologen des 20. Jahrhunderts, Henri de Lubac, äußerte über „De Sacerdotio“ einmal: „Dieser Hymnus auf die Größe des christlichen Priestertums ist ein Aufruf, es würdig auszuüben. Darin besteht die Hauptabsicht dieses Werkes. Deshalb haben es Generationen von Bischöfen und Priestern wieder und wieder gelesen.“ Auch in unseren Tagen sind der Schrift des Johannes Chrysostomus in diesem Sinne viele Leser zu wünschen. Die hier vorgestellte Neuausgabe erscheint somit als Einladung, die man nicht ausschlagen sollte.

Johannes Chrysostomus: De sacerdotio/Über das Priestertum (gr./dt.), herausgegeben von Michael Fiedrowicz, Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2013, gebunden, 375 Seiten, ISBN 978-3-941862-11-1, EUR 36,90