Berliner Freiheit hinter hohen Mauern

Ein Besuch bei den Steyler Anbetungsschwestern in der bundesdeutschen Hauptstadt. Von Katrin Krips-Schmidt

Lebenssinn und Fröhlichkeit: Schwester Brygida merkt man an, dass sie ein erfülltes Leben im Kloster führt. Foto: Krips-Schmidt
Lebenssinn und Fröhlichkeit: Schwester Brygida merkt man an, dass sie ein erfülltes Leben im Kloster führt. Foto: Krips-Schmidt

Es herrscht Markttreiben im bürgerlichen Bezirk Westend, der zu der größeren Verwaltungseinheit Charlottenburg gehört, nur wenige Kilometer vom westlichen Zentrum der Hauptstadt entfernt – von Kudamm und Bahnhof Zoo. Normale Hauptstraßen, wie auch kleinere Nebenstraßen, tragen hier alle den hehren Titel „Allee“: Oldenburgallee, Marathonallee, Hessenallee. Selbst dann, wenn es sich nur um breitere Gässchen handelt, die an den Seiten immerhin von Bäumen gesäumt werden.

Ausgerechnet dort, wo die Bayern- auf die Preußenallee trifft, hat das Katholische Einzug ins „heidnische“ Berlin gehalten. 1936 ist das gewesen. Die Berliner Niederlassung der Dienerinnen des Heiligen Geistes von der Ewigen Anbetung (SSpSAP = Congregatio Servarum Spiritus Sancti de Adoratione perpetua), auch kurz Steyler Anbetungsschwestern oder noch kürzer „Rosa Schwestern“ genannt, geht auf eine Initiative des Seligen Prälaten Bernhard Lichtenberg im Jahre 1926 zurück, als dieser Pfarrer in Charlottenburg gewesen war. Nach seiner Rückkehr von einem Internationalen Eucharistischen Kongress in Chicago stattete er dem Heimatkloster im niederländischen Steyl nahe der deutschen Grenze einen Besuch ab, der seinen Entschluss, die Schwestern auch in die damalige Reichshauptstadt zu holen, überaus beflügelte. Doch bis zur Grundsteinlegung und zur Eröffnung des Klosters St. Gabriel sollte noch ein ganzes Jahrzehnt ins Land gehen.

Die von außen eher unscheinbare, nüchtern anmutende Klosteranlage, die für großstädtische Verhältnisse jedoch über einen großzügigen Garten verfügt, ist für die Besucherin an der Eingangspforte abgesperrt, „klausuriert“. Mutter Oberin Mechtildis gewährt per Knopfdruck die Öffnung des Klosterportals und damit Einlass in das Gebäude und auch in das Besuchszimmer, in dem kurze Zeit später ihre Assistentin Schwester Maria Mechthild erscheint. Hinter einem Gitter allerdings, denn die Rosa Schwestern gehören einem kontemplativen Orden an, dessen Aufgabe und Berufung sich in einem Leben der Ewigen Anbetung des Eucharistischen Herrn sowie des stellvertretenden Gebets für alle Menschen verwirklicht.

Am 8. Dezember 1896 als dritte und jüngste Gründung des heiligen Arnold Janssen (1837–1909) ins Leben gerufen, sollte dieser beschauliche Zweig der Steyler Kongregation die Patres der Steyler Missionare (gegründet 1875) sowie die Steyler Missionsschwestern (gegründet 1889) durch sein Gebet unterstützen und ihnen dadurch Rückhalt geben. Janssens Missionswerk breitete sich rasch aus, bereits 1879 entsandte es die ersten Missionare nach China. Heute wirken die Steyler Anbetungsschwestern in insgesamt 22 Konventen auf vier Kontinenten, allein sechs Niederlassungen gibt es auf den Philippinen, vier in Nord- und drei in Südamerika sowie sechs in Europa.

Seelsorglich betreut werden die fünfzehn Schwestern von den Patres der Steyler-Missionare aus dem Heilig-Geist-Kolleg, die ihr Domizil ebenfalls in der Bayernallee haben. Schwester Maria Mechthild, die hinter ihrem Klausurgitter nun so rege und lebendig Auskunft über sich und ihre Kongregation gibt, sieht man ihre mehr als 80 Lenze nicht an. In Dresden geboren und aufgewachsen, kam sie 1952, mit 23 Jahren, zum ersten Mal am Kloster St. Gabriel vorbei, als sie vom Katholikentag, der damals im Olympiastadion stattfand, zum Funkturm wollte. Als sie ihre Berufung bekam, war dieses Kloster dann ihre erste Anlaufstelle, weil sie wusste, dass sie hier die ewige Anbetung und Klausur finden sollte – was ihr beides wichtig für ihre Entscheidung für den Eintritt ins Kloster war. Verschiedene Stationsaufenthalte führten sie in den folgenden Jahren in die Niederlassungen nach Amerika und in das Kloster in Bad Driburg. In St. Gabriel nun wirkt sie als Organistin und leitet das Briefapostolat. Etwa siebenhundert Adressen hat sie dabei zu betreuen.

Viel gewandelt hat sich nach dem Zweiten Vatikanum, das allen Kongregationen gewisse Anpassungen freistellte, bei den Anbetungsschwestern nicht. Die Kapitularinnen, die nach dem Konzil 1969 auf einem Reformkapitel über eventuelle Veränderungen berieten, lehnten eine revolutionäre Revision ihrer Regel ab. Die Gebetszeiten wurden zwar etwas freier gestaltet, doch die Ordenstracht modifizierte man nur geringfügig – ein steifer Kragen und allzu lange Stoffärmel fielen weg – ansonsten blieben Schleier und Skapulier und auch die rosa Farbe des Gewandes erhalten, als Symbol des Heiligen Geistes – freilich abgeschwächt im Ton. Die „Pink Sisters“, wie sie in den Vereinigten Staaten überall genannt werden, hätten ihren Ordenshabit nicht aufgeben wollen. Das vor dem Konzil ganz feinmaschige Gitter als Sinnbild für die Zurückgezogenheit wurde etwas verbreitert. Auch der Tagesablauf blieb weitgehend bestehen: Nach wie vor stehen die Schwestern um fünf Uhr in der Frühe auf, um mit ihrem Tagewerk, der Anbetung und dem über den Tag verteilten – in Gemeinschaft gesungenen – Stundengebet zu beginnen. Der Laudes – dem Morgenlob – um halb sechs folgt die einstündige Betrachtung. Um sieben Uhr heilige Messe, dann Terz, Frühstück und Beginn der Arbeit. Nach dem Mittagessen gibt es für die Schwestern eine Stunde Freizeit, am Nachmittag wird die Lesehore – die frühere Matutin – gehalten, und um 18 Uhr die Vesper gebetet, zu der manchmal auch viele Gläubige aus der Umgebung den Weg in die Kapelle finden. Nach Abendessen, Erholungszeit und Komplet endet der Tag mit der Nachtruhe, die für jede Schwester jede zweite Nacht für jeweils 75 Minuten für die ewige Anbetung unterbrochen wird.

Einen Einbruch bei den Berufungen gibt es – wie überall – auch bei den Rosa Schwestern, selbst in ihren Niederlassungen in Polen und auf den Philippinen. Schwester Mechthild erklärt das so: „Gott ruft doch die Menschen, er hat doch damit nicht aufgehört – aber, sie sind nicht mehr offen, sie hören es nicht mehr. Zu viele äußere andere Einflüsse fesseln sie, sodass sie den Ruf Gottes einfach nicht mehr wahrnehmen.“

Die Klausur, die hier herrscht, ist streng, ungewöhnlich streng. Kein Heimaturlaub, noch nicht einmal dann, wenn die Eltern verstorben sind. Anfragen aus den eigenen Reihen nach einer Lockerung haben die Schwestern selbst zurückgewiesen. Eine von ihnen hat es sehr sinnfällig einmal so erläutert: „Wenn man anfängt, aus einer Mauer ein Steinchen herauszuholen, und dann noch mal eins und noch eins, dann fällt das Ganze allmählich zusammen.“ Zwei- bis dreimal jährlich können Angehörige im Sprechzimmer die Schwestern besuchen und durch das Gitter mit ihnen reden, und natürlich sind erforderliche Arzttermine erlaubt. Kein Internet, kein Fernsehen, die Kontakte zur Außenwelt laufen über Briefe und Telefon. Zur Klausur gehört auch das Schweigen. Nur am Abend, nach dem Essen, und an den Feiertagen ist es den Schwestern erlaubt, sich eine Dreiviertelstunde lang miteinander zu unterhalten. Tagsüber dürfen nur die für die Arbeit unerlässlichen Worte gewechselt werden.

Eine Ausnahme von der strengen Zurückgezogenheit gab es allerdings im letzten Jahr: Als Papst Benedikt XVI. während seiner Deutschlandreise in Berlin weilte, durften vier Schwestern zur heiligen Messe ins Olympiastadion pilgern. „Die Schwestern laufen so schnell, damit sie rasch zurück in ihre Klausur kommen“, heißt es liebevoll über die rosa Schwestern, wenn man sie einmal außerhalb ihres Klosters zu Gesicht bekommt. Es lohnt sich, über das scheinbar Paradoxe nachzudenken. Wie kann sich jemand hinter verschlossenen Türen frei fühlen? Sich überhaupt schlagartig nach einem Gang hinter hohe Mauern frei fühlen? „Ich empfand es so, als ob ich keine Luft bekam, in dieser offenen Welt, keine Luft um zu atmen – erst nach dem Eintritt, da war ich frei!“ Die das sagt, hat sich nach ihrem Abitur vor nunmehr sechzehn Jahren zu den Steyler Missionaren aufgemacht, um in deren kontemplativen Zweig einzutreten. Schon als kleines Kind ist Schwester Brygida, die Ökonomin des Klosters, nach der heiligen Messe immer sehr traurig gewesen. „Alle Menschen verlassen die Kirche und sie wird abgeschlossen. Und Jesus bleibt dort, den ganzen Tag über, niemand ist mehr da. Ich wollte gerne hier bleiben, aber als Kind konnte ich das nicht.“

Jesus faszinierte sie, und im Kloster hat sie zu ihm und zu ihrer Freiheit gefunden. Denn sie hat sich aus innerer Überzeugung frei für diesen Weg entschieden. Nach jedem einzelnen der sechs Jahre während der zeitlichen Professzeit ist es für sie berührend gewesen, wenn Gott sie immer wieder fragte: „Willst du weiter mit mir leben?“ und sie diese Frage mit einem „Ja“ beantworten konnte.

Kontemplation sei sinnlos, wertlos, nicht produktiv, proklamierte man während der Französischen Revolution. Deshalb hob man die Orden auf, vertrieb deren Mitglieder oder führte sie aufs Schafott. Was meint die jüngste Schwester hier zu diesem Vorwurf? „Gott möchte den Menschen zeigen, wozu er uns geschaffen hat. Wo ist unser Ziel? Unser Ziel ist es, Gott zu schauen und ihn zu besitzen. Und er hat sich eine kleine Gruppe erwählt, um das jetzt auf dieser Erde zu zeigen. Das, was wir hier jetzt machen, das werden wir alle im Himmel tun: Gott anbeten, ihn schauen und ihn besitzen. Und was kann es Größeres, Wichtigeres geben? Natürlich müssen wir leben und arbeiten und Geld verdienen, das ist auch alles wichtig. Doch wir sind ein Zeichen: Vergiss nicht, wozu das alles dient. Gott hat mir diese Aufgabe gegeben, und ich bin sehr froh, das zu tun.“ Sie betet für die Menschen, die draußen auf der Straße, auf dem Marktplatz vorübergehen. So stellt sie für die, die „draußen“ sind, die Verbindung zu Gott her.

Alles hier klingt so perfekt, scheint so voller Harmonie zu sein, dass man sich schon gleichsam wie im Paradies wähnt. Gibt es denn nicht doch irgendetwas, was Schwester Brygida hier im Kloster vermisst? Sie zögert ein wenig. Manchmal denkt sie daran, dass sie vielleicht gerne einkaufen gehen würde. Oder: Sie mag Fußball doch so gern und manchmal hört sie den Spieletrubel vom nahe gelegenen Stadion. Aber dann denkt sie: Ach nein, eigentlich brauche ich das doch nicht. Und sie macht Jesus ein Geschenk. „Das denke ich, ist Liebe. Dass wir uns Geschenke machen. Er macht mir Geschenke und ich mache ihm Geschenke.“