Benediktinischer Geist im Rheingau

Ein Besuch in der Frauenabtei St. Hildegard in Eibingen

Unten im Tal fließt der Rhein am Städtchen Rüdesheim vorbei, an den Berghängen wachsen Weinstöcke – so weit das Auge reicht. Inmitten der Weinberge thront die imposante Abteikirche St. Hildegard aus hellbraunem Sandstein – eingerahmt von den Gebäuden des Benediktinerinnenklosters. Seit 18 Jahren lebt Schwester Philippa Rath in Eibingen. Warum sie gerade in dieses Kloster eingetreten ist, kann sie gar nicht so genau sagen. „Ich habe gespürt, dass Gott mich ruft“, erklärt sie. Damals arbeitete sie beim Herder-Verlag in Freiburg. Sie besuchte verschiedene Abteien und kam so auch nach Eibingen. „Ich war hier und spürte: Das ist es.“ Doch die Berufungsgeschichte jeder Schwester ist anders. „Viele kommen über unsere Homepage zu uns“, erzählt Schwester Philippa, die unter anderem für die Internetpräsenz des Klosters zuständig ist.

Wer in eine benediktinische Klostergemeinschaft eintritt, bleibt dort bis zum Tod. „Stabilitas loci“ heißt die Ordensregel. Für Philippa Rath wäre nicht jedes deutsche Benediktinerinnen-Kloster in Frage gekommen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem bayrischen Kloster zu leben“, gesteht sie. Dazu sei sie zu sehr „nüchterne und gleichzeitig fröhliche Rheinländerin“.

Die Wurzeln des Klosters reichen bis ins 12. Jahrhundert

55 Schwestern leben in Eibingen, die jüngste ist 26, die älteste 95 Jahre alt. „Wir sind ein Mehrgenerationenhaus“, beschreibt es Schwester Philippa, die älteste Schwester könnte die Urgroßmutter der jüngsten sein. Wie alle Orden haben auch die Benediktinerinnen Nachwuchssorgen, die Zahl der Eintritte in den vergangenen Jahren ist deutlich zurückgegangen. Im Moment gibt es zwar in Eibingen nur eine Novizin, allerdings gab es in den letzten Jahren fünf ewige Professen von Schwestern, die 2000 und 2001 eingetreten waren. Solange eine Schwester körperlich dazu in der Lage ist, darf sie mithelfen im Klosterbetrieb. Die 95 Jahre alte Schwester Oliva arbeitet noch gelegentlich in der Küche. Schwester Susanna kümmert sich mit ihren 94 Jahren noch darum, dass die fast hundert Fensterbänke im Kreuzgang sauber sind.

Die geschichtlichen Wurzeln des Benediktinerinnenklosters reichen bis ins zwölfte Jahrhundert zurück und knüpfen an die Klostertradition der heiligen Hildegard von Bingen an. Direkt unterhalb des heutigen Klosters ruhen in der Pfarrkirche von Eibingen die Gebeine der heiligen Hildegard, ungefähr an der Stelle, wo Hildegard 1165 ein Kloster gründete.

Die heutige Abtei, die 1900 bis 1904 im neuromanischen Stil erbaut ist, ist eine Stiftung des Fürsten Karl zu Löwenstein (1834 – 1921), einer der führenden Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert. Dem in Böhmen lebenden Fürsten lag daran, die Kirche für das säkularisierte Kirchengut zu entschädigen, das seiner Familie durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahr 1803 zugefallen war. Seine älteste Tochter Benedicta, die Nonne in einem französischen Kloster war, sollte die erste Äbtissin der wieder zu gründenden Abtei werden. Als sie jedoch im Alter von 36 Jahren unerwartet starb, blieb Fürst Löwenstein dennoch bei seinem Vorhaben und investierte einige Millionen Goldmark in den Bau und seine Ausgestaltung. Am Jahrestag der heiligen Hildegard, dem 17. September 1904 zogen die ersten dreizehn Benediktinerinnen aus Prag nach Eibingen.

Schwierig waren für die Nonnen die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges. 1941 wurde die Abtei von der Gestapo beschlagnahmt, die Nonnen ausgewiesen. Schon bald nach Kriegsende kamen die Schwestern zurück, als letzte im Juli 1945 die achtzigjährige Äbtissin Regintrudis Sauter. Ihr erster Gang führte zum Schrein der Heiligen Hildegard, anschließend wurde ihr vor dem Portal der Abteikirche vom Abt von Maria Laach bei Glockengeläut feierlich der von der Gestapo beschlagnahmte Äbtissinenstab über-reicht. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges zählte die Abtei 116 Schwestern, heute sind es 55. Zwar ließ die Zahl der Berufungen von den sechziger Jahren an nach, doch waren 1988 immer noch genügend Ordensfrauen in Eibingen, so dass zehn Schwestern für die Gründung eines Tochterklosters in Marienrode bei Hildesheim abgeordnet werden konnten.

Wie bei allen Benediktinern und Benediktinerinnen stehen Gottesdienst und Liturgie im Mittelpunkt des klösterlichen Lebens. Da dem Gottesdienst nach Weisung des heiligen Benedikt nichts vorgezogen werden darf, richtet sich der ganze Tagesablauf nach den Gebetszeiten. Fünfmal am Tag versammelt sich die Gemeinschaft im Chor zum gemeinsamen Gebet: Das erste Mal um 5.30 Uhr zur Laudes, das letzte Mal zu Complet und Vigil um 19.30 Uhr. Nach der uralten Tradition der Benediktiner wird das Stundengebet auf lateinisch gesungen. Damit fühlen sich die Eibinger Ordensfrauen Tag für Tag mit der Weltkirche verbunden. Grundlegende Bedeutung innerhalb des Stundengebets haben die Psalmen. Alles menschliche Empfinden und Erleben kommt in diesen alttestamentlichen Gebets-liedern zum Ausdruck: Lob und Dank, Erinnerung an Gottes Heilstaten, Vertrauen und Freude, Sehnsucht nach Gott, Schmerz, Klage und Bitte. So werden alle Nöte und Freuden der Welt, aber auch die ganz persönlichen Anliegen fürbittend vor Gott getragen.

Nach dem Abendgebet herrscht im Kloster absolutes Schweigen, das erst wieder nach der morgendlichen Messe gebrochen wird. Die frühen Morgenstunden sind die Zeit für das persönliche Gebet der Schwestern. In der „Lectio divina“ lesen und meditieren sie die Worte der Heiligen Schrift oder der Benediktsregel. Aus dem Schweigen und der Einsamkeit gehen die Schwestern dann wieder ins Gemeinschaftsleben. „Die Devise „Ora et labora“ – „Bete und arbeite“, die traditionell mit den Benediktinern verbunden wird, steht wörtlich gar nicht in der Ordensregel, erzählt Schwester Philippa schmunzelnd, um dann jedoch zu zitieren: „Dann erst sind sie wahre Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben.“ Die fast 1 500 Jahre alte Benediktsregel verpflichtet auch die 55 Schwestern in der Abtei St. Hildegard zu einem tätigen Leben. Betriebe und Werkstätten des Klosters müssen erwirtschaften, was die Ordensschwestern zum Leben und zum Erhalt ihres Klosters brauchen. Acht Wirtschaftsbetriebe gehören zum Rheingauer Kloster. Der bekannteste ist das Weingut, das Schwester Thekla zusammen mit einem Kellermeister führt. 50 000 Flaschen Wein werden jedes Jahr produziert, sieben Hektar Weinberge müssen bestellt werden. Die Ernte im Oktober wird alljährlich als Gemeinschaftsaktion von Schwestern, deren Familien und Freunden der Abtei begangen.

Im Laufe der Jahrzehnte ändern sich die Wirtschaftsprodukte des Klosters. Eine alte Paramentik-Werkstatt wurde in den 80er Jahren aufgelöst, da keine der Schwestern das Kunsthandwerk mehr beherrschte. Schwestern mit anderen Fertigkeiten sind eingetreten und produzieren Kunstgegenstände. So gibt es heute Werkstätten für Keramik und Goldschmiedekunst. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz restaurieren eigens dafür ausgebildete Eibinger Schwestern kirchliche Archivalien (alte Handschriften, Inkunabeln und Bücher) für alle deutschen Bistümer. Allein vier Schwestern sind im Klosterladen tätig. Religiöse Literatur, Ikonen, Kalender und Keramik sind dort ebenso zu finden wie Weine oder Dinkelprodukte.

In den Gästen wird Christus verehrt

Einen regelrechten Boom hat in den vergangen Jahren in allen Ordensgemeinschaften das „Kloster auf Zeit“ erfahren, berichtet Schwester Philippa. Auch in Eibingen spielt der Empfang von Gästen eine immer größere Rolle. Bis vor zwei Jahren gab es gerade mal sechs Zimmer für Gäste. Dieser Tage wurde ein Gästetrakt mit weiteren elf Zimmern eröffnet. In der Regel bleiben die Besucher etwa drei bis zehn Tage im Kloster. Sie suchen vor allem Ruhe und Menschen, die ihnen zuhören können. Manche nehmen am Stundengebet teil, lassen sich mit hineinnehmen in die Melodien der gregorianischen Gesänge. Immer häufiger sind es Sinnkrisen, die Männer und Frauen zwischen vierzig und fünfzig Jahren nach Eibingen führen. Bei manchem Besucher ist die Ehe zerbrochen, andere Gäste haben die Arbeit verloren oder einfach das Ende der Karriereleiter erreicht. „War's das?“ fragen sie sich und denken darüber nach, wie das weitere Leben verlaufen kann. Fünf bis acht Benediktinerinnen kümmern sich ausschließlich um die Begleitung der Gäste und stehen für Gespräche zur Verfügung.

Immer häufiger, so berichtet Schwester Philippa, wollen die Gäste für längere Zeit, manche sogar einige Monate bleiben. „Wir haben noch keine Modelle dafür“, gesteht sie. Seit den Anfängen des Benediktinerordens gehört die Aufnahme von Gästen zu den Aufgaben des Ordens. Denn, so schreibt Benedikt in seiner Regel, „in den Gästen wird Christus verehrt“. Da eine andere wichtige Regel besagt, die Schwestern sollen in allem Tun das rechte Maß halten, gelte es, so Schwester Philippa, jedoch auch abzuwägen, wie viele Gäste das Kloster vertrage. „Wir wollen kein Hotel sein, sondern individuell auf die Besucher eingehen.“ Daher wird es zunächst bei siebzehn Gästezimmern bleiben.