Benedikt XVI. in der „Tagespost“

Mit Joseph Ratzinger wurde ein Freund und Autor der Tagespost zum Papst gewählt - Die Geschichte einer Beziehung. Von Michael Karger

Abschied von Papst Benedikt XVI.

Einer der entscheidendsten Tage, vielleicht der wichtigste, in der siebzigjährigen Geschichte der „Tagespost“ war der 19. April 2005: Kurienkardinal Joseph Ratzinger wurde zum Papst gewählt. Dass mit Benedikt XVI. nach fast fünfhundert Jahren wieder ein Deutscher den Stuhl Petri einnahm, war an sich schon für die einzige deutschsprachige katholische Tageszeitung sensationell. Hinzu kam aber noch, dass es eine mehr als drei Jahrzehnte dauernde besondere Beziehung des neuen Papstes zu dieser Zeitung gab.

Von den Vatikankorrespondenten Claudia Reimüller und Guido Horst wurden stets alle amtlichen Initiativen von Kardinal Ratzinger als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre kommentiert. Zahlreiche Dokumente wurden eigens übersetzt, Erstveröffentlichungen und Exklusivinterviews gewährt. Zugleich sorgte die Kirchenredaktion (Isabelle von Löwenstein, Guido Horst, Regina Einig) dafür, dass alle Buchveröffentlichungen und Zeitschriftenaufsätze des Kardinals rezensiert wurden. Durch diese deutschlandweit einmalige Intensität und Genauigkeit der Berichterstattung waren die Leser der DT so gut über die Theologie und die Amtsführung von Kardinal Ratzinger informiert, dass sie argumentativ allen Angriffen gegen den Präfekten von Seiten deutscher Theologen, Teilen der deutschen Bischofskonferenz, der kirchlichen und der außerkirchlichen Öffentlichkeit gelassen standhalten konnten. Es gab die große Chance, die Kirche in Deutschland durch die Verkündigung des deutschen Papstes zu beleben. Zwischen dem neuen Pontifex, der Redaktion und den Lesern bestand also bereits eine intensive Beziehung, die gewachsen war, weil man sich durch die massiven Anfeindungen, die in der deutschen Kirche wie in der veröffentlichten Meinung der Name Ratzinger ausgelöst hat, nicht hat einschüchtern lassen.

Über die Begleitung der Verkündigung und der amtlichen Tätigkeit des deutschen Papstes hinaus musste die Flut an Schriften zur Biografie und Theologie des neuen Papstes bewertet werden. Hinzu kam, dass Benedikt XVI. auch weiterhin selbst Bücher verfasste: Während des Pontifikats erschien seine dreibändige Christologie, und fortlaufend wurden die von Kardinal Müller und Bischof Voderholzer herausgegebenen umfangreichen Bände der Werkausgabe „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften“ vorgestellt.

Ratzinger-Originale bis zu seiner Papstwahl

Bis zu seiner Papstwahl hat Ratzinger die DT kontinuierlich mit Originalbeiträgen bedacht. Im Zeitraum von 1971 bis 2005 waren es insgesamt mehr als vierzig Artikel. Dankesworte waren der nachweislich erste Beitrag, den der damalige Regensburger Dogmatikprofessor in der DT veröffentlicht hat. Es war die Gedenkrede beim Requiem für seinen Lehrer Gottlieb Söhngen, der Ratzingers Promotion über Augustinus und seine Habilitation über Bonaventura angeregt und betreut hatte. Mit den Forschungserträgen dieser beiden akademischen Qualifikationsschriften konnte Ratzinger als Konzilstheologe sowohl die eucharistische Ekklesiologie der Kirchenkonstitution wie auch das Offenbarungsverständnis von „Dei Verbum“ maßgeblich mitprägen.

Welch bedeutenden Einfluss Söhngen auf seinen „Meisterschüler“ hatte, zeigen zwei kurze Zitate aus dieser Ansprache: „Zutiefst kam die Furchtlosigkeit seines Fragens von der Erkenntnis, dass wir nicht fragen können nach der Wahrheit, wenn sie nicht zuerst gefragt hätte nach uns; dass wir Wahrheit nicht suchen könnten, wenn wir nicht schon zuvor gefunden wären von ihr.“ Während sich gerade die nachkonziliare Theologie von den Vorgaben des Lehramtes „emanzipierte“, hob Ratzinger die vorbildliche Bindung seines Lehrers an die Lehre der Kirche hervor: „So war für ihn auch klar, dass der Theologe nicht im eigenen Namen spricht, so sehr er sich selbst geben muss, sondern dass er für den Glauben der Kirche steht, den er nicht erfindet, sondern empfängt.“

Die größten Benedikt XVI.-Coups der „Tagespost“

Der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland widmete der seinerzeit bekanntermaßen wenig fußballbegeisterte Seminarist Ratzinger eine Sonntagsbetrachtung im Bayerischen Rundfunk, die auch in der DT erschien: In Spiel und Leben gehe es darum, „eine Disziplin der Freiheit zu suchen; in der Bindung an die Regel das Miteinander, das Gegeneinander und das Auskommen mit sich selbst üben. Vielleicht könnten wir, … wirklich vom Spiel her das Leben neu erlernen.“ Im Jahr seiner Berufung zum Präfekten der Glaubenskongregation durch Papst Johannes Paul II. hat der Münchener Erzbischof Kardinal Ratzinger den renommierten Journalisten, Buchautor und Orientexperten Harald Vocke ermutigt, die Redaktion der FAZ zu verlassen und zur DT nach Würzburg zu wechseln.

In einem Vortrag über Europa und das Christentum hat Kurienkardinal Ratzinger entgegen den utopisch-marxistischen Vorstellungen der Befreiungstheologen das Politische dem Ethos und nicht der Theologie zugeordnet: „Das Christentum hat entgegen seinen Verkehrungen den Messianismus gerade nicht im Politischen angesiedelt. Es hat ganz im Gegenteil von Anfang an darauf bestanden, das Politische in der Sphäre der Rationalität und des Ethos zu belassen. Es hat die Annahme der Unvollkommenheit gelehrt und ermöglicht. Anders ausgedrückt: Das Neue Testament kennt politisches Ethos, aber keine politische Theologie. … immer wird der Enthusiasmus abgelehnt, der Gottes Reich zum politischen Programm erheben will.“

Ein besonderer Coup ist der DT mit dem Vorabdruck einzelner Passagen der Gespräche des Kardinals mit dem Journalist Vittorio Messori gelungen. Das Interviewbuch „Zur Lage des Glaubens“ erschien zuerst 1984 auf Italienisch, ein Jahr später auf Deutsch. Mit großer Offenheit zog Ratzinger darin eine ernüchternde Bilanz der Entwicklung der Kirche nach dem Konzil. Im Rahmen einer Festwoche zur Seligsprechung von Pater Rupert Mayer SJ, der schon von den Eltern des Kardinals sehr verehrt wurde, predigte Ratzinger über kirchliche Amtsträger und deren mangelnde Identifikation mit der Kirche als Ursache der Kirchenkrise: „Eine Gemeinschaft, die sich selber nicht mag, kann nicht bestehen. Und ein Amtsträger, der sich gegen den inneren Ort seines Dienstes wendet, kann weder den anderen dienen, noch sein eigenes Leben erfüllen.“ Im Herbst desselben Jahres hatte Ratzinger bereits auf dem Katholikentreffen in Dresden über das rechte Priesteramts- und Sakramentsverständnis gesagt: „Niemand kann sich selbst das Ich Christi oder das Ich Gottes zueignen. Mit diesem Ich aber spricht der Priester, wenn er sagt: ,Dies ist mein Leib‘ und wenn er sagt: ,Ich vergebe dir deine Sünden‘. Nicht der Priester vergibt sie – das würde wenig zählen –, sondern Gott vergibt sie, und das allerdings ändert alles.“

Nachdem der Führer der Traditionalistenbewegung, Erzbischof Marcel Lefebvre, 1988 seine Zustimmung zu einer mit Kardinal Ratzinger bereits erzielten Übereinkunft wieder zurückgenommen hatte, gab der Kardinal ein Interview in dem seine tiefe Enttäuschung deutlich spürbar war: „Die Chance zu heilen sehe ich im Augenblick nicht. Der Kreis hat sich geschlossen und so in einer Art ,Fanatismus des Rechthabens‘ auf sich zurückgezogen, dass ich nicht erkennen kann, wie hier eine Wende erfolgen sollte … Man wendet sich anscheinend immer entschiedener von der lebendigen, lebendig sich entfaltenden und gerade so in ihrer Kontinuität verbleibenden Kirche ab. Es ist eine so entschiedene Sicherheit des eigenen alleinigen Rechthabens, dass wohl neue Generationen kommen müssen, damit wieder ein sinnvolles Gespräch möglich ist.“ Erstmals erschien 1979 eine Zusammenstellung von Ratzinger-Zitaten, deren Titel den bischöflichen und später auch päpstlichen Wahlspruch aufnahm: „Mitarbeiter der Wahrheit. Gedanken für jeden Tag.“ Mit einem neuen Vorwort des Kardinals gab der Johann Wilhelm Naumann Verlag – Verlag der DT – 1990 eine erweiterte Neuausgabe heraus, die 1992 nochmals aufgelegt wurde. Exklusiv für den deutschen Sprachraum konnte die DT ein Interview Ratzingers mit dem „Time Magazine” abdrucken, das in den USA schließlich nur auszugsweise, in der DT aber vollständig publiziert wurde. Zum 50. Jubiläum der DT 1998 hat sich Kardinal Ratzinger mit dem Aufsatz „Die Neuevangelisierung“ an der Festschrift „Katholische Presse oder Die Unterscheidung der Geister“ beteiligt. Darin machte Ratzinger deutlich, dass Glaubensweitergabe nur Frucht bringt, wenn sie in der Selbsthingabe besteht, die auch den Verzicht auf das Schielen nach dem schnellen Erfolg einschließt: „Der Herr selbst hat das Gleichnis vom Senfkorn ausgedehnt und erweitert und das Gesetz der Fruchtbarkeit erweitert im Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt (vgl. Joh 12,24). Auch dieses Gesetz gilt bis zum Ende der Welt und ist zusammen mit dem Mysterium des Senfkorns wesentlich für die Evangelisierung.“

Anlässlich der Vorstellung der Erklärung „Dominus Iesus“ gebrauchte Ratzinger den Begriff Relativismus, der dann auch fünf Jahre später der Schlüsselbegriff zum Verständnis der Moderne in seiner Ansprache war, die er als Dekan des Kardinalskollegiums unmittelbar vor dem Konklave gehalten hat, aus dem er dann als Benedikt XVI. hervorgegangen ist: Heute „breitet sich mehr und mehr die Auffassung aus, dass alle Religionen gleichwertige Heilswege für ihre Anhänger sind. Diese Überzeugung hat sich … auch in weiten Teilen der katholischen Öffentlichkeit durchgesetzt und wird insbesondere von einem gegenwärtig im Westen vorherrschenden kulturellen Trend beeinflusst, der mit dem Begriff Relativismus zu bezeichnen ist.“

In einem Interview mit Guido Horst findet sich ein erster Hinweis auf die Arbeit am christologischen Hauptwerk der Trilogie „Jesus von Nazareth“, die während des Pontifikats abgeschlossen und publiziert wurde: „Ich habe im August angefangen, ein Buch über Jesus zu schreiben. Da werde ich sicher drei, vier Jahre brauchen, so wie die Dinge aussehen. Da möchte ich zeigen, wie aus der Bibel eine lebendige und in sich stimmige Gestalt auf uns zutritt und wie der Jesus der Bibel auch ein ganz gegenwärtiger Jesus ist.“ Wie vorhergesagt erschien der erste Band „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ tatsächlich vier Jahre später (2007), wurde dann mit dem 2. Teil „Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung“ (2011) fortgesetzt und mit dem „Prolog. Die Kindheitsgeschichten“ (2012) abgeschlossen.

Ansprache in der Normandie

Erstveröffentlichungsort war die DT gleich für drei Ansprachen, die der Kurienkardinal aus Anlass des 60. Jahrestages der Landung der Alliierten in Frankreich gehalten hat. Unter anderem ging er auf das Zueinander von Glaube und Vernunft ein, das er dann zu einem Leitthema seines Petrusdienstes gemacht hat und das auch Inhalt seiner glänzenden Ansprache vor dem Deutschen Bundestag war: Eine Vernunft, die auf das im Experiment Überprüfbare reduziert werde, verbanne Ethik und Religion ins Beliebige und Subjektive und schließe sie von der Vernunft aus. In Frankreich sagte der Kardinal auf die Frage nach dem Frieden bezogen: „Einen Satz von Hans Küng abwandelnd möchte ich sagen, dass es ohne den rechten Frieden zwischen Vernunft und Glaube auch keinen Weltfrieden geben kann, weil ohne den Frieden zwischen Vernunft und Religion die Quelle der Moral und des Rechts versickern.“ Was damals Kardinal Ratzinger mit Anspielung auf eine Europäische Verfassung ohne jeden Gottesbezug sagte, hat heute eine noch weit dringlichere Bedeutung gewonnen: „Wer heute Europa als Hort des Rechts und der Gerechtigkeit allen Menschen und Kulturen gegenüber bauen will, kann sich nicht auf eine abstrakte Vernunft zurückziehen, die von Gott nichts weiß, selbst keiner Kultur zugehört, aber alle Kulturen nach ihren Maßen regulieren will …“.