Bekehrung von oben

Bei der Bezwingung der Missbrauchskrise sollen die amerikanischen Bischöfe mit einer persönlichen Bekehrung vorangehen. Von Guido Horst

Kardinal Marc Ouellet
Wurde vom Vorstoß aus Amerika überfahren: Kardinal Marc Ouellet. Foto: KNA
Kardinal Marc Ouellet
Wurde vom Vorstoß aus Amerika überfahren: Kardinal Marc Ouellet. Foto: KNA

Bei der Bezwingung der Missbrauchskrise sollen die amerikanischen Bischöfe mit einer persönlichen Bekehrung vorangehen – Ein spiritueller Brief des Papstes und ein irritierendes Schreiben von Bischofspräfekt Marc Ouellet Von Guido Horst

Für Papst Franziskus hat das neue Jahr mit einem zehnseitigen Brief begonnen, den er mit dem Datum vom 1. Januar den Bischöfen in den Vereinigten Staaten geschrieben hat, die sich angesichts der Missbrauchskrise der Kirche in den Vereinigten Staaten vom 2. bis 8. Januar zu einer Einkehrwoche im Priesterseminar von Chicago zusammengefunden hatten. Nicht alle waren gekommen. Aber zweihundert Bischöfe meditierten, beteten und hörten täglich zwei Vorträge von Pater Raniero Cantalamessa, dem Prediger des Päpstlichen Hauses, der zu diesem Anlass in die Vereinigten Staaten geflogen war. Die Bischöfe berieten keine „Maßnahmen“ und Franziskus legte in seinem Schreiben auch keinen „Aktionsplan“ vor, sondern setzt ganz auf eine spirituelle Erneuerung: Zwar könne man Strategien entwickeln, heißt es in dem Brief, man könne die Strukturen und die Systeme ändern, aber ohne eine persönliche Bekehrung der Männer der Kirche, die auch die Weise betreffe, wie man mit Macht und Geld umgeht, wie man Autorität ausübt und Beziehungen lebt, lasse sich eine Plage wie die des Missbrauchs nur schwer bezwingen. Denn die Kirche „ist keine Firma und keine Marketingagentur, und ein Drama von der Art, dass es für immer das Leben eines Menschen kompromittiert, löst man nicht mit voluntaristischen Dekreten oder indem man einfach neue Kommissionen einsetzt oder Arbeitsabläufe verbessert, so als seien wir die Chefs einer Agentur für menschliche Ressourcen“.

Die Besinnungswoche der amerikanischen Bischöfe war beim Treffen der Spitze der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten und des Bostoner Kardinals O'Malley, des Vorsitzenden der Päpstlichen Kinderschutzkommission, am vergangenen 13. September in Rom mit Papst Franziskus vereinbart worden. Die Entlassung des ehemaligen Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick aus dem Kardinalsstand, der verheerende Bericht der Grand Jury von Pennsylvania und die ersten Anklageschreiben des Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano lagen erst kurze Zeit zurück; in den amerikanischen Medien wie bei den katholischen Gläubigen herrschte größte Aufregung. Und beim Treffen des Rats der damals noch neun Kardinäle hatte man soeben erst beschlossen, wegen der Missbrauchsskandale in vielen Ländern die Vorsitzenden sämtlicher Bischofskonferenzen der Welt zu einem Krisengipfel vom 21. bis 24. Februar im Vatikan zusammenzurufen.

Dies alles sei „eine Zeit der Turbulenzen“ gewesen, schrieb jetzt Franziskus in seinem Brief an die amerikanischen Bischöfe, und zwar „im Leben all jener Opfer, die in ihrem Fleisch unter dem Missbrauch von Macht und Gewissen und sexuellem Missbrauch von geweihten Amtsträgern, von männlichen und weiblichen Ordensleuten und Laien litten. Aber auch für Familien und für das gesamte Volk Gottes sind turbulente und leidvolle Zeiten zu verzeichnen.“ Die Wunden, die „durch diese Sünden und Verbrechen“ geschlagen worden seien, hätten auch „die Gemeinschaft der Bischöfe zutiefst beeinflusst und nicht jene Art von gesunden und notwendigen Auseinandersetzungen und Spannungen hervorgerufen, zu denen es in jedem lebenden Körper kommt“. Vielmehr habe es eher „Spaltungen und Trennungen“ gegeben.

Eigentlich sollten die amerikanischen Bischöfe das Jahr bei ihrer Besinnungswoche in meditativer Stille beginnen. Aber es kam anders, ein weiterer Brief sorgte für neue Aufregung. Anders als jetzt im Priesterseminar von Chicago wollten die Bischöfe der Vereinigten Staaten bei ihrer Herbsttagung Mitte November in Baltimore „Maßnahmen“ beschließen. Doch einen Tag vor Beginn des Treffen musste der Konferenzvorsitzende, Kardinal Daniel DiNardo, seinen Amtsbrüdern mitteilen, dass der Vatikan die Verabschiedung eines bereits ausgearbeiteten Aktionsplan untersagt habe. Unter anderem wollte die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten einen neuen Verhaltenskodex für Kirchenführer beschließen, sowie eine Laienkommission zur Aufklärung von Vorwürfen gegen Bischöfe einsetzen. Vor allem letzterer Punkt führte zu Kontroversen innerhalb der Bischofskonferenz.

Damals jedoch war das entsprechende Schreiben aus Rom, ein Brief des Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, nicht bekannt geworden. Das geschah jetzt, zeitgleich mit den Einkehrtagen der amerikanischen Bischöfe in Chicago. Irgendjemand hatte ihn an die Nachrichtenagentur „Associated Press“ durchgestochen – und nun las sich das „Verbot“ aus Rom, konkrete Maßnahmen zu beschließen, anders. Kardinal DiNardo hatte im November die Sachlage so dargestellt, als sei die Verschiebung der Abstimmung über das Maßnahmenpaket vor allem das Verschulden des Vatikans. Doch nun stellte sich heraus, dass der Vatikan sich durch die späte Einbeziehung in die Erarbeitung des Maßnahmenpakets offenbar überrumpelt fühlte. So jedenfalls klingt es in dem jetzt von „Associated Press“ veröffentlichten Schreiben von Kardinal Ouellet: „Angesichts der Natur und der Reichweite des Dokuments, das der Konferenz vorliegt, wäre es hilfreich gewesen, mehr Zeit für Beratungen mit dieser und den anderen Kongregationen gehabt zu haben, die die Aufsicht über den Dienst und die Disziplin der Bischöfe ausüben.“ Obwohl die Endfassung des Maßnahmenpakets bereits am 30. Oktober vorlag, erhielt es die vatikanische Bischofskongregation erst am 8. November, was den Fachleuten der Kurie genau zwei Tage Zeit ließ, sich mit den Texten zu befassen. Für Kardinal DiNardo ein peinliches Nachspiel zu der geplatzten Verabschiedung des Aktionsplans, schließlich wirft der Brief von Kardinal Ouellet ein anderes Licht auf die Vorgänge im November, als es der amerikanische Konferenzvorsitzende zunächst dargestellt hatte.

Die Aufmerksamkeit im Vatikan richtet sich nun ganz auf den Missbrauchsgipfel in Rom Ende Februar. Ob bis dahin noch der Maßnahmenkatalog der amerikanischen Bischöfe das Licht der Welt erblicken wird, ist eine der vielen offenen Fragen, die sich mit dem Gipfel verbinden. Vor allem wird befürchtet, dass allzu hohe Erwartungen an das Spitzentreffen mehr Enttäuschung als Zufriedenheit bewirken könnten. Die katholische Kirche hat die Missbrauchskrise noch lange nicht im Griff.