Begegnung in Freiheit

Wie Papst Benedikt XVI. das Wesen der christlichen Kindererziehung charakterisierte

Begegnung in Freiheit

Die Erziehung, insbesondere die christliche Erziehung, also die Erziehung dazu, das eigene Leben nach dem Vorbild Gottes zu gestalten, der die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16), braucht jene Nähe, die für die Liebe eigentümlich ist. Vor allem in der heutigen Zeit, in der Isolierung und Einsamkeit weit verbreitete Phänomene sind, gegen die auch Lärm und Gruppenkonformismus keine wirkliche Abhilfe schaffen können, ist die persönliche Begleitung wichtig, die den Heranwachsenden die Gewissheit schenkt, geliebt, verstanden und angenommen zu sein. Durch die Begleitung sollen sie die konkrete Erfahrung machen können, dass unser Glaube nicht der Vergangenheit angehört, dass er im Heute gelebt werden kann und dass wir, wenn wir ihn leben, wirklich unser Glück finden. So kann den jungen Menschen geholfen werden, sich von weit verbreiteten Vorurteilen zu befreien, und sie können sich bewusst werden, dass die christliche Lebensform realisierbar und vernünftig ist, ja sogar bei weitem die vernünftigste. Die ganze christliche Gemeinschaft in ihren verschiedenen Untergliederungen und Bestandteilen muss sich an der großen Aufgabe beteiligen, die jungen Generationen zur Begegnung mit Christus zu führen. (...)

Gewiss sind viele Familien auf eine solche Aufgabe nicht vorbereitet, und es gibt auch diejenigen, die an einer christlichen Erziehung ihrer Kinder nicht interessiert sind oder die sogar dagegen sind. Hier werden auch die Folgen der Krise spürbar, in der sich viele Ehen befinden. Selten begegnet man jedoch Eltern, denen die menschliche und sittliche Erziehung ihrer Kinder vollkommen gleichgültig ist und die daher nicht bereit sind, sich bei der Erziehungsarbeit helfen zu lassen, die als immer schwieriger empfunden wird. Es tut sich daher ein Raum auf, in dem der Einsatz und der Dienst unserer Pfarrgemeinden, Oratorien, Jugendgruppen und vor allem der christlichen Familien selbst gefordert ist. Diese sind dazu aufgerufen, anderen Familien zur Seite zu stehen, um ihnen Halt zu geben und sie bei der Kindererziehung zu unterstützen, um ihnen zu helfen, den Sinn und Zweck des Ehelebens wiederzufinden. (...)

Mit zunehmendem Alter wird natürlich in den Jugendlichen der Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit immer stärker, der besonders bei Heranwachsenden leicht zu einer kritischen Distanzierung von der eigenen Familie führt. Jetzt ist die Nähe des Priesters, der Ordensfrau, des Katecheten oder anderer Erzieher, die dem Jugendlichen die Freundschaft der Kirche und die Liebe Christi konkret vermitteln können, besonders wichtig. Um positive und dauerhafte Auswirkungen zu haben, muss diese Nähe von dem Bewusstsein geprägt sein, dass die Erziehung eine Begegnung in Freiheit ist und dass die christliche Erziehung selbst Ausbildung zur wahren Freiheit ist. Es gibt in der Tat kein wahres Erziehungsangebot, das nicht zu einer Entscheidung ermutigte, auch wenn dies respektvoll und liebevoll geschehen muss, und das christliche Angebot hinterfragt die Freiheit bis auf den Grund und ruft sie zum Glauben und zur Umkehr auf. (...) Wenn die Jugendlichen spüren, dass sie in ihrer Freiheit geachtet und ernstgenommen werden, dann sind sie trotz ihres Wankelmuts und ihrer Schwachheit durchaus bereit, sich von anspruchsvollen Angeboten hinterfragen zu lassen, und sie fühlen sich von diesen sogar angezogen und sind oft fasziniert. Sie wollen auch ihre Großherzigkeit zeigen in der Hingabe an die großen und ewigen Werte, die dem Leben zugrunde liegen.

Auszüge aus der Ansprache Benedikts XVI. bei der Eröffnung der Pastoraltagung der Diözese Rom in der Basilika St. Johann im Lateran am 11. Juni 2007