Befreiungsschlag in Eichstätt

Bischof Hanke beurlaubt Kanzler der Katholischen Universität – Prüfungsgesellschaft durchleuchtet interne Abläufe – Freisinger Konferenz stärkt Mitbruder den Rücken

Eichstätt (DT/KNA) In der Führungskrise an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KNA) hat Ortsbischof Gregor Maria Hanke am Montag zum Befreiungsschlag angesetzt. Mit sofortiger Wirkung beurlaubte er KU-Rektor Gottfried von der Heydte und betraute eine Prüfungsgesellschaft mit der Durchleuchtung der internen Abläufe einschließlich Geschäfts- und Kassenführung. Von der Heydte war am 1. November 2006, vier Wochen vor Hankes Bischofsweihe, mit einem unbefristeten Vertrag ausgestattet worden. In seiner Amtszeit scheint es an der KU Unregelmäßigkeiten in der Wirtschafts- und Personalverwaltung gegeben zu haben. Es lägen „konkrete Anhaltspunkte für eine nicht durchgängige sach- und fachgerechte Amts-, Haushalts- und Wirtschaftsführung“ vor, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke. Im Interesse der Betroffenen könne und wolle die Stiftung derzeit aber öffentlich keine weiteren Erklärungen abgeben.

Nach Artikel 19 des Bayerischen Hochschulgesetzes ist der Kanzler für den Bereich der Wirtschafts- und Personalverwaltung verantwortlich. Heydte läge auch eine ihn betreffend „ausführliche Begründung“ vor, heißt es in der Stellungnahme. Die Untersuchungen hätten soeben erst begonnen, aber bereits jetzt sei ein erheblicher Umfang absehbar. Die Ergebnisse der Prüfung sollten dazu beitragen, dass der neuen Hochschulleitung, den Gremien und dem Träger alle nötigen Informationen für einen Reformprozess an der Uni als Gestaltungsgrundlage vorlägen, so der Bischof. Die universitäre Selbstverwaltung solle gestärkt aus dem Prozess hervorgehen. Ziel sei es, für die einzelnen Fakultäten zeitgemäße und personenunabhängige Verwaltungs- und Finanzstrukturen sicherzustellen. Hanke erinnerte daran, die Stiftung sei berechtigt und verpflichtet, die Geschäfts- und Kassenführung der KU einer Prüfung zu unterziehen.

Zwei kurzfristige Zusagen

Bis zur Wahl eines neuen KU-Präsidenten Anfang 2009 werden ab 1. Juli zwei externe Fachleute die Hochschule kommissarisch führen: Die Leitung hat der frühere Rektor der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, Rudolf Fisch (68). Der Spezialist für Wissenschaftsmanagement und Organisationsabläufe wird unterstützt vom Dresdener Historiker Gert Melville (64), der seit 2004 auch ständiger Gastprofessor in Eichstätt ist. Beide haben dem Bischof nach eigenen Worten kurzfristig zugesagt und stehen nur übergangsweise zur Verfügung. Fisch wird sich um die Hochschulverwaltung kümmern. Der Sozialwissenschaftler erklärte, er stehe für saubere Prozesse und wolle eine transparente Organisationskultur herstellen. Melville, ein Fachmann für mittelalterliche Ordensgeschichte, hat die Aufgabe übernommen, die Forschung an der KU voranzubringen. Beide äußerten sich zuversichtlich zum Potenzial der Hochschule. Melville sagte: „Wir wollen keine Dogmen verbreiten, aber ein Forum schaffen, wo Dogmen diskutiert werden, und das müssen nicht nur die christlichen sein.“ Zu Sorgen vor Eingriffen in die Hochschulautonomie meinte er, „wenn die Professoren nicht mitmachen, wird es nicht funktionieren“. Man könne keiner Universität etwas vorschreiben, das habe nicht einmal im Mittelalter geklappt.

Der Vorsitzende des Hochschulrats, Helmut Altner, sagte, er sei sich mit den beiden kommissarischen Leitern der KU in kurzer Zeit über die Perspektiven der gemeinsamen Arbeit völlig einig geworden. Hanke sagte, die beiden externen Interimsleiter könnten an der KU unvoreingenommen „die kommunikativen Knoten lösen“. Auch in der Universität selbst habe es viele Stimmen gegeben, die sich für ein solches Modell ausgesprochen hätten. Der Bischof sprach von einer „wichtigen Wegmarke“ für die KU. Für die Neuwahl des Präsidenten soll Hanke zufolge die alte Grundordnung gelten, obwohl sie nicht von der zuständigen vatikanischen Bildungskongregation approbiert sei. Im Einvernehmen mit Rom könnten Vereinbarungen getroffen werden, um den kirchlichen Träger früher am Wahlverfahren zu beteiligen.

Die bayerischen Bischöfe stärkten unterdessen ihrem Eichstätter Mitbruder den Rücken. Sie seien sehr dankbar und sicher, dass seine Bemühungen um eine Profilierung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) erste Erfolge zeigten, heißt es in einer am Montag in München veröffentlichten Stellungnahme des Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz, des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Die Bischöfe trügen diese Weiterentwicklung und die aktuellen personellen Entscheidungen „voll“ mit. Die Benennung einer kommissarischen Hochschulleitung und die angekündigte Neuwahl eines Präsidenten gemäß einem angemessenen Findungsmodus seien wichtige Schritte für eine von allen gewünschte gute Zukunft der Hochschule. Dazu gehöre auch die Zusage, Transparenz im Finanz- und Verwaltungsbereich zu schaffen. Die KU habe sich in den vergangenen Wochen in einer „nicht zu unterschätzenden Krise“ befunden, räumte Marx ein. Mit Sorge hätten seine Mitbrüder und er die Entwicklungen verfolgt und seien über den Fortgang der Ereignisse stets informiert gewesen.

Danke, Bischof Hanke!

Der Erzbischof dankte Hanke für seinen persönlichen Einsatz. Zudem bekundete er seinen Respekt gegenüber den Professoren Gert Melville und Rudolf Fisch, die ab 1. Juli übergangsweise die Hochschulleitung übernehmen werden. Ihre ausgewiesene wissenschaftliche Kompetenz und ihre große Erfahrung in Sachen Hochschulpolitik und Verwaltung kommen in hohem Maße der KU zugute. Sein Dank richte sich aber auch an jene, die sich in den vergangenen Monaten immer wieder, teils auch kritisch, in die Diskussion eingebracht hätten, sagte Marx. Damit zeige sich das große Interesse an dieser einzigen katholischen Universität im deutschen Sprachraum.

Die Führungskrise an der Universität war sichtbar geworden, als der Bischof Anfang Mai den am 30. Januar vom Hochschulrat zum Präsidenten gewählten Religionspädagogen und Manager Ulrich Hemel nicht ernannte und dafür mangelndes Vertrauen als Grund angab. In der Folge zogen sich mehrere Professoren aus leitenden Positionen an der KU zurück. Von Studenten anonym aufgehängte Transparente protestierten gegen den aus ihrer Sicht zu großen Einfluss der Kirche auf die Universität.

Am Wochenende waren an der Hochschule erneut interne Differenzen zutage getreten. In einem am Sonntag bekanntgewordenen offenen Brief kritisierten drei emeritierte Professoren den Konfrontationskurs des Senats. Dessen am vergangenen Donnerstag artikulierte Bestürzung über den kirchlichen Träger sei „keineswegs für die Professorenschaft unserer Universität repräsentativ“, sondern ein „bedauerliches Dokument selbstgerechter Uneinsichtigkeit“. Der Senat verdränge, dass es auch intern Kritik am Verfahren um die Wahl des neuen Präsidenten gegeben habe, heißt es in dem Brief. „Höchst bedenklich“ sei sein Verständnis von Hochschulautonomie. Dem Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke als Vorsitzenden des Stiftungsrates werde nur die gefügige Rolle des Notars zugedacht. An einem Einvernehmen mit dem Träger bestehe im Senat offenbar kaum Interesse. Unverständlich finden die Autoren des Schreibens auch das Beharren auf der Grundordnung in ihrer jetzigen Form.

Diese sei zweifellos mit ursächlich für die aktuellen Probleme. Der Senat solle von seinem Konfrontationskurs abrücken und in die vom Bischof angebotene Kooperation einwilligen. Die Chancen für eine Weiterentwicklung der Uni dürften nicht verspielt werden. Der Brief ist unterzeichnet von den beiden emeritierten Professoren Heinz Otto Luthe und Bernhard Sutor sowie dem Lehrstuhlinhaber für Klassische Philologie, Hans Jürgen Tschiedel. Luthe war früher KU-Vizepräsident. Der Politologe Sutor war lange Jahre auch Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern.

„Im Prinzip muss es uns um die gemeinsame Sorge für diese Universität gehen“, hatte der Bischof erneut um Kooperation geworben. Die Bestellung des neuen Präsidenten könne „durchaus auf der Basis der geltenden Grundordnung“ durchgeführt werden, „allerdings mit Zusatzabsprachen zwischen Universität und Träger“. Mittelfristig könne die Grundordnung, die auch „juristisch sehr schwach“ sei, aber nicht bestehen bleiben. Die Kirche brauche als Träger der Uni mehr Rechte.

Der stellvertretende Senatsvorsitzende Klaus Lutter sagte „Radio Vatikan“, es gebe Spielraum für eine Einigung. Es müsse eine Möglichkeit gefunden werden, die Stiftung früher in das Wahlverfahren einzubeziehen. Angesichts der aufgeheizten Stimmung an der Uni hob Lutter die gemeinsame Basis mit dem Bischof hervor: Beide Seiten wollten dasselbe, eine hervorragende Universität auf der Grundlage des katholischen Stiftungsträgers.

Goppel reagiert reserviert

Auch die bayerischen Hochschulrektoren haben sich im Fall Eichstätt zu Wort gemeldet. Hier gehe es nicht mehr nur um eine strittige Personalentscheidung, sondern um den Kern des Verhältnisses zwischen Universitäten und ihren Trägern, heißt es in einer am Dienstag in München veröffentlichten Erklärung des Vereins Universität Bayern. Im Hinblick auf eine Weiterentwicklung der bayerischen Universitätslandschaft durch die Einbeziehung weiterer Träger würden die Vorgänge in Eichstätt das dafür nötige Vertrauensverhältnis nachhaltig beschädigen. Der Vorsitzende des Vereins Universität Bayern, Alf C. Zimmer, räumte ein, dass das bayerische Hochschulgesetz die Einsetzung externer Kommissare im Sinne einer Notvornahme durch den Träger nicht explizit ausschließe. Dennoch verstoße das augenblickliche Vorgehen gegen die Grundprinzipien der partnerschaftlichen Beziehung zwischen Hochschule und Träger.

Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) hält sich aus den Querelen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) heraus. Er wünsche sich, „dass jetzt ganz schnell Ruhe einkehrt“, sagte Goppel dem Ingolstädter „Donaukurier“ (Mittwoch). Die Einsetzung einer kommissarischen Hochschulleitung durch den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke bewertete der Minister als „einen wichtigen Schritt nach vorne“. Zur Beurlaubung des KU-Kanzlers Gottfried von der Heydte erklärte Goppel, der kirchliche Träger habe das Recht dazu. Offenbar sei die Kirche entschlossen, „ganz gravierend etwas zu ändern“. Allerdings müsse die Kirche für die Beurlaubung aufkommen. „Ich habe nur einen bestimmten Etat für die Universität.“ Zu den Hintergründen der Entscheidung wollte sich Goppel nicht äußern: „Man darf nicht vorverurteilen, aber man muss den Vorwürfen nachgehen.“ Wie der „Donaukurier“ weiter berichtete, hat Bischofsvikar Bernd Dennemarck alle Hochschulmitarbeiter angewiesen, keinen Kontakt zum beurlaubten Kanzler aufzunehmen. Eine Nichtbeachtung würde „ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen“. Zugleich bot Dennemarck den Uni-Angestellten einen Psychotherapeuten und eine Diplompsychologin für Gespräche an.