Baustelle Vatikan: Mission statt Dogma

Die Kardinäle Gracias und Rodríguez Maradiaga skizzieren als Ziel der Kurienreform die völlige Neuausrichtung einer in Jahrhunderten gewachsenen Institution. Von Guido Horst

Baustelle in Rom am Vatikan
Im Zuge des Umbaus der römischen Kurie soll nun auch die Glaubenskongregation reformiert werden. Foto: dpa

Keine Kongregationen und keine Päpstlichen Räte mehr, sondern nur noch Dikasterien. Als ranghöchste Vatikanbehörde – von der zukünftigen Stellung des Staatssekretariats einmal abgesehen – ein Dikasterium für die Evangelisierung, in dem die bisherige Kongregation für die Evangelisierung der Völker und der Päpstliche Rat für die Neuevangelisierung aufgehen sollen, und nicht mehr die Glaubenskongregation. Die Römische Kurie insgesamt nicht als Instrument des Papstes, um die Ortskirchen zu führen, sondern als Organ des Dienstes am Papst und den Bischöfen. Und eine deutliche Aufwertung der Laien im Organigramm der römischen Kirchenführung, die eben keine „führende Rolle“ mehr spielen soll, sondern ekklesiologisch auf der gleichen Stufe steht wie die Bischöfe der Weltkirche. Das sind in Stichpunkten die zentralen Prinzipien der Kurienreform, wie sie mit der Apostolischen Konstitution „Praedicate Evangelium“ (Verkündet das Evangelium) in Kraft treten soll. Das haben die Kardinäle Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay, und Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga SDB, Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, gegenüber der spanische Zeitschrift „Vida nueva“ erklärt. Mit einer Titelgeschichte über die geplante Kurienreform machte das katholische Wochenblatt die jüngste Ausgabe vom vergangenen Samstag auf.

Da in Rom in den vergangenen Wochen ähnliche Enthüllungen über die bisher nur als Entwurf vorliegende Konstitution „Praedicate Evangelium“ auch aus anderem Mund zu hören waren, dürfte es bei der von Papst Franziskus gewünschten Reform tatsächlich im Kern über die von Gracias und Rodríguez skizzierte Akzentverlagerung gehen: Weg vom Klerikalismus einer von Purpurträgern und Erzbischöfen geprägten Kurie als zentraler Leitungsinstanz der Weltkirche – hin zu einer moderner anmutenden römischen Zentrale im Dienst des Papstes und der Ortsbischöfe, in der auch Laien – Frauen eingeschlossen – Seite an Seite mit geweihten Amtsträgern arbeiten. Gracias und Rodríguez Maradiaga gehören dem Rat der den Papst beratenden Kardinäle an, letzterer als Koordinator des Gremiums. Dem von neun auf sechs Mitglieder zusammenschrumpften Rat, der den Entwurf von „Praedicare Evangelium“ bei seiner letzten Sitzung mit dem Papst vom 8. bis 10. dieses Monats verabschiedet hat, gehören noch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der Präsident des Governatorats, Kardinal Giuseppe Bertello, der Münchner Kardinal Reinhard Marx sowie der Erzbischof von Boston und Präsident der Päpstlichen Kinderschutz-Kommission, Kardinal Seán Patrick O'Malley OFMCap, an. Sekretär ist der Bischof von Albano, Marcello Semeraro, und als zusätzlicher beigeordneter Sekretär ist noch der Kirchenrechts-Experte Marco Mellino, seines Zeichens Generalvikar der piemontesischen Diözese Alba, zu dem Beraterkreis hinzugestoßen, was für ihn mit der Bischofsweihe verbunden war.

Dass das geplante Dikasterium für die Evanglisierung der Glaubenskongregation den Rang der „Suprema“, der vornehmsten Vatikanbehörde, ablaufen soll, erklärte Kardinal Gracias gegenüber „Vida Nueva“ so: „Der wichtigste Punkt der neuen Apostolischen Konstitution ist der, dass die Mission der Kirche in der Glaubensverkündigung besteht. Die Konstitution rückt das ins Zentrum der Kirche und all dessen, was die Kurie tut. Es wird das erste Dikasterium sein. Der Titel des Textes zeigt, dass die Evangelisierung das Ziel Nummer eins ist, noch vor jeder anderen Sache.“ Dem pflichtet Kardinal Rodríguez Maradiaga bei: „Franziskus unterstreicht immer, dass die Kirche missionarisch ist. Darum ist es logisch, dass wir an die erste Stelle das Dikasterium für die Evangelisierung gesetzt haben und nicht das für die Glaubenslehre. Auf diese Weise gibt der Heilige Vater dem ganzen Volk Gottes ein bezeichnendes Signal.“ Kardinal Gracias fügt dem hinzu, dass die neue Kurie nicht mehr als Block zwischen dem Papst und den Ortskirchen stehen soll, sondern beiden zu dienen hat, wobei, wie Rodríguez Maradiaga ergänzt, auch der Bischof der kleinsten Diözese hierarchisch gesehen auf der gleichen Höhe stehen soll wie der Präfekt einer vatikanischen Institution. Die Präambel der Konstitution, so der Kardinal aus Honduras weiter, mache zudem deutlich, dass alle Getauften zur Glaubensverkündigung berufen seien, was dann konkret bedeute, dass auch Laien an die Spitze der vatikanischen Dikasterien berufen werden können und nicht nur geweihte Personen – wie das im Übrigen schon jetzt beim Dikasterium für die Soziale Kommunikation der Fall ist, das von dem Journalisten Paolo Ruffini geführt wird.

Bereits nach der Sitzung des Kardinalsrats Anfang dieses Monats hatte der Pressesprecher des Vatikans, Alessandro Gisotti, mitgeteilt, dass der von dem Gremium verabschiedete Entwurf der Apostolischen Konstitution, die die Vorgänger-Konstitution „Pastor Bonus“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1988 ersetzen soll, zur Begutachtung nach außen verschickt worden sei. Und zwar an die Präsidenten der Bischofskonferenzen, an die Synoden der Orientalischen Kirchen, an die Dikasterien der Römischen Kurie, an die Konferenzen der Ordensoberen und an einige ausgewählte Päpstliche Universitäten.

Gracias und Rodriguez Maradiaga vermitteln den Eindruck eines relativ raschen Fortgangs des Verfahrens: Bis Ende Mai sollten die entsprechenden Gutachten der konsultierten Institutionen wieder im Vatikan sein; bis zur dreißigsten Sitzung des Kardinalsrats vom 26. bis 27. Juni könnten dann die Ergebnisse der Befragung in den Entwurf der Konstitution eingearbeitet sein, was es Papst Franziskus ermöglichen würde, nach einem letzten „Placet“ der ihn beratenden Kardinäle „Praedicate Evangelium“ zum Fest Peter und Paul am 29. Juni in Kraft zu setzen.