„Baumeister am Haus Gottes“

Der Glaube an die Vorsehung als Prüfstein des Bischofs – Predigt zum Jubiläum von Joachim Kardinal Meisner und Weihbischof Klaus Dick. Von Gerhard Kardinal Müller

Die Sendung und den Auftrag der Kirche im Heilsplan Gottes zu begreifen ist der Zugang, um die Natur des Priestertums zu erfassen, unterstreicht Kurienkardinal Gerhard Müller. Foto: R. Boecker
Die Sendung und den Auftrag der Kirche im Heilsplan Gottes zu begreifen ist der Zugang, um die Natur des Priestertums zu... Foto: R. Boecker

Anlässlich des 40-jährigen Bischofsjubiläums von Kardinal Joachim Meisner (81) und Weihbischof em. Klaus Dick (87) hat der Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Müller am Sonntag im Kölner Dom das Wesen des

Bischofsdienstes und die Rolle des Gewissens in der Nachfolge Christi erläutert. Wir dokumentieren im Folgenden die Ansprache.

In der Ansprache (29. September 440 n. Chr.) zu seiner Bischofsweihe sagte Papst Leo der Große: „Nicht Demut, sondern Undankbarkeit wäre es, wollte ich von den Gnaden schweigen, womit mich Gottes Güte bedacht hat. Nur recht und billig also ist es, dass ich als neu geweihter Hoherpriester mein Amt mit dem Opfer zum Lobe des Herrn beginne; denn es gedachte meiner der Herr in meiner Niedrigkeit und segnete mich. Er allein ist es, der große Wunder für mich tat.“ (Leo I., sermo 1).

Wir Christen verherrlichen Gott und nicht uns selbst, wenn wir an den Jahrestagen der Hochzeit, einer Ordensprofess, einer Heiligen Weihe zufrieden und glücklich sind. Es ist eine große Gnade und Ausdruck unserer Dankbarkeit gegenüber Gott, wenn wir mit unserer Berufung und Lebensgeschichte innerlich im Reinen sind.

Die Kirche Gottes von Köln begeht in großer Freude und Dankbarkeit das Gedenken an die Bischofsweihe von Joachim Kardinal Meisner und Weihbischof Klaus Dick vor 40 Jahren. Im Sakrament der Weihe hat euch, meine lieben Mitbrüder und Jubilare der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt, „damit ihr als Hirten für die Kirche Gottes sorgt, die er sich durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat.“ (Apg 20, 28). So sagte es der heilige Paulus zu den Vorstehern der Kirche zu Ephesus.

„Wirken in einem

staatlich

verordneten

atheistischen Umfeld“

Nur wer versteht, welche Sendung der Kirche im universalen Heilsplan Gottes zukommt, wird die Natur und Eigenart der geistlichen Vollmacht und Sendung des katholischen Priesters begreifen, die sich von weltlichen Ämtern und Funktionen unterscheidet, wie sie von Menschen an Menschen verliehen werden. Es gilt – mit den Worten des Apostels gesagt –: „Wir sind Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten euch an Christi Statt. Lasst euch mit Gott versöhnen!“. (2 Kor 5, 20) „Als Diener Christi soll man uns betrachten und Verwalter von Geheimnissen Gottes.“ (1 Kor 4, 1) In der Nachfolge der Apostel muss jeder Bischof „entsprechend der Gnade, die ihm geschenkt wurde“ (1 Kor 3, 10) wie ein guter Baumeister weiterarbeiten am Haus Gottes, dem Bau der Kirche, den die Apostel begonnen haben und dessen unverrückbares Fundament Jesus Christus bleibt.

Niemand kann sich Zeit und Umstände seines Lebens und Wirkens aussuchen. Mitten in den Herausforderungen und Krisen, den Chancen und Hoffnungen einer Epoche sind wir als handelnde und denkende Personen immer unmittelbar zu Gott. Wir werden geprüft und erprobt, ob wir wirklich an die Vorsehung Gottes glauben inmitten von Widrigkeiten und Anfeindungen. „Denn in der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.“ (Röm 8, 36f)

In den frühen Jahren Eurer Kindheit und Jugend war unser Vaterland beherrscht von gottlosen und menschenverachtenden Ideologen. Viele Zeitgenossen ließen sich durch den Schein der Macht blenden oder vom Triumph des Bösen über das Gute verführen. Nicht wenige machten sich zu Komplizen furchtbarster Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein tausendjähriges Menschenreich sollte an die Stelle des ewigen Gottesreiches treten.

Bis in sein 56. Lebensjahr hat sich Kardinal Meisner mit seinem katholischen Glauben und seelsorgerlichen Wirken in einem staatlich verordneten atheistischen Umfeld behaupten müssen. Für den Glauben an Gott und die Würde des Menschen hatte man dort nur Hohn und Spott, Verachtung und Arroganz übrig. Der Mensch sei nicht Geschöpf Gottes, sondern Konstrukt der Natur und der Gesellschaft, das war die intellektuelle Spitzenleistung der Parteiideologen. Nicht aus Gottes Idee gehe der Mensch als sein Gleichnis und Abbild hervor, sondern im sozialen und wissenschaftlichen Laboratorium werde der Mensch gezüchtet nach der Weise vernunftloser Tiere und produziert nach Art von Maschinen ohne Gewissen und Mitgefühl. Die Religion, gemeint ist das Christentum, sei Opium für das Volk und die Illusion, die uns vom Fortschritt in die schöne neue Welt ohne Gott abhält. Die Religion stünde dem Fortschritt entgegen. Der Mensch wurde rein immanent-materialistisch definiert ohne jeden Bezug zur Transzendenz, ohne die Freiheit im Gewissen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und sich in seiner Vernunft der Wahrheit und in seinem Willen dem Guten zu öffnen. Was wahr und gut sei, wem Existenzrecht zukomme, das bestimme, wer im Besitz ist von Macht, Medien und Mehrheit. Statt des verheißenen Paradieses auf Erden kam aber für Millionen von Menschen die Hölle auf Erden.

Gott hingegen bleibt der Herr der Geschichte. Das Böse, die Gewalt und der Hass haben nicht das letzte Wort. Die Liebe ist stärker als der Tod und schafft Versöhnung und neues Leben. Unser Bekenntnis lautet: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe“. (1 Joh 4, 16) Das Geheimnis des Seins, der Welt und des Menschen wird in der Liebe Gottes offenbar. Und daraus folgt: wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben“. (1 Joh 4, 11) Die Liebe zu Gott und zum Nächsten wie sich selbst verändert und erneuert die Welt. In der Nähe von Auschwitz musste ein junger Pole im Steinbruch Zwangsarbeit leisten. Karol Woityla, der spätere Erzbischof von Krakau und als Papst Johannes Paul II. universaler Hirte der Kirche, erlebte am eigenen Leib und in unmittelbarer Anschauung, wie die Nationalsozialisten die Juden aus ganz Europa im Holocaust vernichteten und wie die Menschen seiner eigenen polnischen Heimat ermordet, versklavt und zu Untermenschen erniedrigt wurden. In der anschließenden kommunistischen Diktatur suchte man die Zerstörung der katholischen Kirche in Polen zu vollenden, die die Nazis so blutig begonnen hatten.

Der katholische Glaube, als Hort der Reaktion diskriminiert und bekämpft, erwies sich jedoch als der Fels der Wahrheit, an der das System der Lüge zerschellt ist. Der heilige Johannes Paul II. kannte als Pole die destruktive Macht des neuzeitlichen Religionsersatzes, weil der Imperialismus, der Nationalismus und der Rassismus und Kommunismus vom 18.–20. Jahrhundert in den vier polnischen Teilungen ein großes europäisches Kulturvolk auseinandergerissen und auf das Schimpflichste vergewaltigt hatten.

„Zwei atheistische

Gewaltherrschaften

erlebt und

erlitten“

Aber als Christ lebte er aus dem Mysterium von Kreuz und Auferstehung unseres Herrn. Jesus Christus, der Sohn Gottes, der unser Fleisch angenommen hat, musste am eigenen Leib Hohn und Spott, Leiden und Tod aus den Händen der Sünder erdulden. Doch in der Macht seines Vaters hat der Sohn Gottes am Kreuz die Sünde und das Böse überwunden und uns den österlichen Frieden gebracht. Und deshalb hat die katholische Kirche, die im Geist Gottes Völker verbindet und in der Kraft Christi Sünder wieder mit Gott versöhnt, schon mitten im Kalten Krieg im Jahre 1965, für ein neues Europa das Licht des Evangeliums auf den Leuchter gehoben. Die katholischen Bischöfe Polens haben ihren Mitbrüdern in Deutschland über all die Gräber der Unschuldigen und die Mauern der Feindschaft hinweg zugerufen „Wir vergeben und bitten um Vergebung“.

Das lebendige Christentum in Polen hat den waffenstarrenden Götzen, den man für die nächsten Jahrhunderte als unüberwindlich hielt, ins Wackeln gebracht, das System der Lüge und Menschenverachtung erschüttert und so die friedliche Revolution auch im Osten unseres geteilten Vaterlandes mit ermöglicht. Weil Johannes Paul II. immer vom Recht des deutschen Volkes überzeugt war, in Freiheit und Selbstbestimmung, in Frieden und Solidarität mit den Nachbarn zusammenzuleben, hat er die Mauer, die kurz darauf am 9. November 1989 fiel, ignoriert. Im Vertrauen auf die größere Weisheit Gottes und die Macht seiner Vorsehung hat er bewusst den Erzbischof von Berlin, der noch Bürger der DDR war, nach Westdeutschland transferiert und ihn zum Erzbischof von Köln gemacht, wo die Hauptstadt der Bundesrepublik nahe war. Hier hat der zuerst aus seiner Heimat in Schlesien vertriebene Joachim Meisner, der dann lange als Christ und katholischer Priester in der DDR diskriminiert war, über zwei Jahrzehnte auch zusammen mit seinem Mitbruder Klaus Dick segensreich gewirkt für die Kirche in Köln, in Deutschland, und für die Versöhnung von Ost und West und für die Weltkirche als Kardinal der Heiligen Römischen Kirche.

Wer wie Johannes Paul II. und Kardinal Meisner zwei atheistische Gewaltherrschaften erlebt und erlitten hat, der ist sensibel für die Voraussetzungen von Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaat im natürlichen Sittengesetz. Der weiß, dass eine pluralistische Gesellschaft nur gelingen kann, wenn der Staat die geistige und sittliche, die leibliche und soziale Integrität des Menschen als vorgegeben anerkennt. Insbesondere die persönliche und korporative Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit darf unter keinem Vorwand beschädigt werden. Die Menschenrechte stehen über dem positiven Recht. Das natürliche Sittengesetz besagt, dass das Gute zu tun und das Böse zu meiden ist. Das zu erkennen und anzuerkennen ist die Würde des Gewissens. Keiner darf sich anmaßen, das Gute zum Bösen und das Böse zum Guten umzudefinieren. Und nur so ist ein friedliches und solidarisches Zusammenleben der Menschen und Völker möglich.

Lieber Mitbrüder im Bischofsamt! Über acht Jahrzehnte eures Lebens und davon 40 Jahre im bischöflichen Dienst seid ihr unserem katholischen Glauben treu geblieben. Ihr habt euch „euch als lebendiges und heiliges Opfer dargebracht, das Gott gefällt“ (Röm 12, 1). Ihr habt im Namen des guten Hirten für die Kirche gelebt, gebetet und gearbeitet, damit sein Reich komme und der Wille Gottes geschehe.

Anfechtungen gehören zu jedem Leben und Anfeindungen bleiben nie aus. Wie sollte es dem Jünger besser gehen als seinem Meister. Letztlich entscheidet nicht, was der Menschen Gunst und Neid in Printmedien und Websites zusammenschreibt, sondern was über uns im „Buch des Lebens“ (Offb 20, 12) steht und nie gelöscht wird. Niemand weiß, wie viele Jahre des Erdenweges Gott euch und uns noch vergönnt. Aber letztlich geht es nicht darum, wann man ankommt, sondern wie und dass man ankommt am letzten Ziel. Möge jeder im gläubigen Blick auf sein Leben und Werk mit dem Apostel sagen können: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.“ (2 Tim 4, 6–8) Amen.