Barmherzigkeit drängt zur Umkehr

Ein Gespräch über einen in der Debatte um die Synode oft missverstandenen biblischen Begriff mit dem Pastoraltheologen Andreas Wollbold Von Regina Einig

Andreas Wollbold. Foto: Archiv
Andreas Wollbold. Foto: Archiv
Der Philosoph Robert Spaemann hat kürzlich geäußert, die katholische Kirche neige dazu, sich Trends anzupassen. Wie sehen Sie das? Lassen wir Katholiken uns zu sehr von den Wünschen der Menschen und den gesellschaftspolitischen Vorgaben beeinflussen?

Keine Frage. Das ist heute eine katholische Spezialität: Wir passen uns an Trends an, die eigentlich schon Jahre, manchmal Jahrzehnte, vergangen sind. Beispiel Moraltheologie: Da heißt es, wir hätten endlich die Natur des Menschen als normgebende Instanz abgelegt und durch andere Modelle ersetzt, während wir heute in der Gesellschaft erleben, dass die Suche nach „natürlich leben“ großgeschrieben wird. Vegan ist derzeit mega-in. Da wären die eigentlichen Zeichen der Zeit zu erkennen: Wie lebt man wirklich konsequent der Natur entsprechend? Eine wirkliche Ökologie des Menschen fehlt. Das führt zu Widersprüchen: Kondome ja, aber die müssen dann gelatinefrei sein.

Welche Gründe haben Sie dazu bewogen, Ihr aktuelles Buch der Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen zu widmen? Wenn man die Situation der Ehen und Familien vor Augen hat – wäre ein Buch zum Thema Ehevorbereitung nicht viel drängender für die Seelsorge?

Die Feuerwehr sucht sich auch ihre Einsatzorte nicht aus, sondern fährt eben dorthin, wo es gerade brennt. Das Thema Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen ist im Moment ganz deutlich am Brennen, vielleicht sogar am Anbrennen. Da sah ich meine Verantwortung als Theologe, auch einen kleinen Beitrag zu geben. Am meisten beklage ich die fehlende Ehevorbereitung und Begleitung der Paare durch die Jahre und Jahrzehnte hierzulande bei uns in Deutschland. Johannes Paul II. hat schon in „Familiaris consortio“ die Ehevorbereitung, auch die entferntere Vorbereitung und Begleitung vehement gefordert. Aber da ist vieles bei uns hierzulande in den Startlöchern steckengeblieben.

Sie empfehlen ein Ehekatechumenat. Wie kann das in der Praxis eingeführt werden, ohne einen „Sakramententourismus“ dahin zu fördern, wo die Trauung einfacher zu haben ist?

In der Sakramentenkatechese stehen wir in Deutschland eigentlich noch am Anfang. Wir bräuchten in den Bistümern verbindliche Katechesepläne, gerade für das Taufsakrament und das Sakrament der Ehe. Verbindliche Standards könnten verhindern, dass die Leute den Weg des geringsten Widerstands gehen. Seelsorger, die sich mit viel Aufwand bemühen, etwas auf die Beine zu stellen, dürfen auch darauf vertrauen, dass sich Qualität auf Dauer durchsetzt. Wenn sich herumspricht, dass eine gute Katechese wirklich etwas bringt für die religiöse Erziehung des Kindes oder für das Miteinander der Familie, werden zwar nicht alle, aber doch einzelne interessierte Leute daran teilnehmen. Eine meiner Hoffnungen mit Blick auf die kommende Familiensynode ist, dass ein solcher Ehekatechumenat weltweit eingeführt wird. Wir haben das Vorbild des Erwachsenenkatechumenates, der inzwischen auf der ganzen Welt große Früchte trägt. Etwas Ähnliches würde ich mir auch beim Ehesakrament versprechen. Wir brauchen für dieses überaus anspruchsvolle Sakrament Vorbereitungswege und nicht nur Punkte.

Sie regen in Ihrem Buch an, auf die Rede vom „Scheitern“ der Ehe zu verzichten. Warum?

Scheitern impliziert Ohnmacht – man liegt hilflos am Boden. Das trifft die heutige Realität von Trennung und Scheidung nur noch in einzelnen Fällen. Vielfach ist sie Teil einer rationalen Wahl, bei der Menschen in einer Beziehung fragen: Was hält mich noch? Was zieht mich heraus? Dann treffen sie einfach die Entscheidung, nicht mehr mit diesem Partner zusammenzuleben. Im Grunde geht es häufig um sehr nüchterne Kosten-Nutzen-Erwägungen, auch wenn sie mit viel Gefühlschaos verbunden sind. Natürlich leugne ich nicht, dass es auch die Ohnmächtigen und Schwachen bei solchen Trennungsgeschichten gibt; zuerst die Kinder, aber auch die Partner, die verlassen wurden. Das ist für mich auch ein wichtiger Grund, warum die Kirche unbedingt an der ehelichen Treue festhalten muss. Die wahre Option für die Armen umfasst eben gerade diejenigen, die von einer Trennung und Scheidung am meisten verletzt werden.

Der einschlägige Diskurs richtet sich vorwiegend nach denen, die nicht an die Weisheit und Mütterlichkeit der Kirche glauben und die Lehre der Kirche als Beweis ihrer Unglaubwürdigkeit und Unbarmherzigkeit auffassen. Für sie sollen „Türen geöffnet“ und „Lösungen“ gefunden werden, die in vielen Pfarreien faktisch längst offen stehen. Wie hoch ist die Bindungskraft solcher Sonderwege einzuschätzen? Glauben Menschen, denen die Kirche unerlaubterweise die Kommunion spendet, dann leichter an ihre Barmherzigkeit?

Wer in diesem Zusammenhang von Barmherzigkeit redet, betreibt meistens Etikettenschwindel und meint etwas ganz anderes als die biblische Barmherzigkeit. Gemeint ist Autonomie und Selbstbestimmung, gerade bei Sexualität, Partnerschaft und Ehe. Und gefordert wird, dass die Kirche das im Namen Gottes absegnen und anerkennen soll. Aber genau das hieße, die Eheleute um Gott zu betrügen. Das wäre das Gegenteil von wahrer Barmherzigkeit, die ja in die Arme des barmherzigen Vatergottes hinführen will. Insofern stellt eine solche pastorale Praxis letztlich eine Sackgasse dar. Ich habe nicht den Eindruck, dass es den Menschen in einem geistlichen Sinne weiterhilft. Sie meinen, dass ihr jetziges Leben gutgeheißen werden soll. Dafür haben sie ihre Leute; auch der „barmherzige“ Pfarrer ist Teil ihres Netzwerkes. Aber aus dieser Situation heraus nach dem Willen Gottes zu fragen, geistlich daran zu reifen, vielleicht auch das Geheimnis des Kreuzes kennenzulernen und schließlich ganz schlicht den Frieden des Herzens zu finden – all das wird auf diesen Wegen kaum erreicht.

Stellt die Fixierung auf die Kommunionfrage eine Art Exitstrategie in der Pastoral dar, um sich in Zeiten übervoller Terminkalender zeitraubende Seelsorgearbeit von der Schuldaufarbeitung bis zum Tränentrocknen vom Hals zu halten? „Wir laden alle ein“ ist schließlich rasch gesagt.

Vielfach geht es in der Seelsorge nicht um eine intensive Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen. Man hat den Eindruck, dass Seelsorger gerne zu „business as usual“ übergehen wollen und sagen: „Das ist doch eigentlich alles kein Problem, und deshalb brauchen Sie auch keine besondere Zuwendung“. Selbst die Eheberatungsstellen helfen oft nur noch, die Trennung möglichst sauber über die Bühne zu bekommen, aber nicht, der sakramentalen Ehe treu zu sein.

Warum überlassen wir die Betroffenen nicht einfach Gottes kreativer Barmherzigkeit und empfehlen ihnen, das zu tun, was sie können: also in die Messe und zur eucharistischen Anbetung zu gehen, regelmäßig zu beten, sich in der Pfarrei zu engagieren und die Werke der Barmherzigkeit zu üben?

Wiederverheiratete Geschiedene, die ein Interesse an einem intensiven Leben mit der Kirche haben und aus dem Glauben und den Sakramenten leben wollen, sind letztlich Einzelne – vielleicht fünf bis zehn Prozent, nicht mehr. Die Mehrzahl lebt auch schon vor ihrer Scheidung eher in einer Distanz oder Mezzodistanz zur Kirche. Vielfach wollen sie gar kein intensives sakramentales Leben, sondern eben einen Akt der kirchlichen Anerkennung. Wenn sie etwa bei der Erstkommunion des Kindes in die Kirche kommen, wollen sie so sein wie andere und auch zur Kommunion gehen können. Das Sakrament wird im Grunde zu einem Zeichen des sozialen Mittun-Könnens. Das Tiefere, Übernatürliche des Sakramentes wird gar nicht mehr gesehen.

Barmherzigkeit hat viele Facetten. Drücken populäre Formulierungen wie „Gott ist bei den Menschen“ das Wesen der göttlichen Barmherzigkeit aus? Was zeichnet Gottes Barmherzigkeit aus?

Gottes Barmherzigkeit, das sind die ausgestreckten Arme des Vaters für den verlorenen Sohn. Das bedeutet nicht, dass der Vater Türen und Fenster des Vaterhauses offenstehen lässt, bis es im Vaterhaus genauso kalt ist wie draußen. Barmherzigkeit drängt zur Umkehr und bewegt die Menschen dazu, einen Weg nach Hause zu gehen. Sie ist eben nicht die Vorstellung: Gott nimmt dich an wie du bist und segnet alles ab.

Vor gut 20 Jahren lehnten die oberrheinischen Bischöfe in einem damals als „liberal“ geltenden Vorstoß liturgische Feiern für wiederverheiratete Geschiedene ab. Mittlerweile werden solche Formen stillschweigend akzeptiert, im Fall des Erzbistums Freiburg auch mit der Billigung des Ordinariates. Welche Folgen hat die Dynamik des Ungehorsams beziehungsweise der Nichtbeachtung der kirchlichen Lehre?

Ein Auslöser des Hirtenschreibens der oberrheinischen Bischöfe damals waren gerade solche Formen der Illoyalität in der Pastoral. Die Bischöfe wollten ordnen und zu einer einheitlichen Pastoral kommen. Ein wenig provokativ möchte ich dagegen sagen: Mir ist ein stillschweigender Bruch der geltenden kirchlichen Ordnung lieber als ein von oben abgesegneter. Verstößt ein Pfarrer gegen die Ordnung der Kirche, dann tut er es auf eigene Kosten. Erlaubt aber die Kirche den Bruch mit der Lehre, dann ist es die Kirche, die so handelt. Das Beste wäre aber die Rückkehr zu einer einheitlichen Ordnung, die auf der Lehre und der Ordnung der Kirche aller Zeiten beruht.

Vielen Bischöfen und Priestern dürfte das Bild aus dem Herzen sprechen, das Sie im Buch als Vergleich heranziehen: Nicht die Ehebrecherin liegt heute voll Angst am Boden, gesteinigt zu werden, sondern die Kirche. Doch Deutschland ist keine Militärdiktatur, sondern ein Rechtsstaat. Der Staat garantiert der Kirche öffentliche Plattformen wie theologische Fakultäten an staatlichen Hochschulen, Sitze in Rundfunkräten, und vieles mehr. Wie ist diese Selbstwahrnehmung zu erklären? Neigen wir zum Realitätsverlust oder zur Larmoyanz?

Wir machen derzeit in der katholischen Kirche die Erfahrung, dass es große Strukturen gibt, viele institutionelle Möglichkeiten, aber dass all diese Möglichkeiten eines nicht verwirklichen können: die Herzen der Menschen zu gewinnen. Das ist die eigentliche Ohnmachtserfahrung, die dann leicht zu Larmoyanz und Resignation führt. Das ist aber die falsche Reaktion. Wir müssen wieder lernen, die Herzen der Menschen so anzusprechen, dass sich etwas bewegen kann. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Haltung Davids gegenüber Goliath. David sagt: Goliath kommt im Vertrauen auf sein Schwert und seinen Panzer. Ich aber komme im Namen des Herrn. Und deshalb kann ich klein und unbewaffnet eben doch auf dich zutreten. Angst habe ich nicht. Das scheint mir die richtige Einstellung zu sein. Wir werden nicht im Konzert der großen Meinungsmacher heute die größte Macht entfalten. Aber wir dürfen auch nicht die größte Angst entfalten.

Schon 1980 haben die Synodenväter die Zweiteilung zwischen der Pädagogik verworfen, die eine Gradualität bei der Verwirklichung des göttlichen Plans vorsieht und der von der Kirche vorgelegten Lehre „mit all ihren Konsequenzen, in die das Gebot eingeschlossen ist, nach jener Lehre zu leben“. (Predigt von Johannes Paul II., 25.10.1980). Eine klare Ansage, wie so viele Texte zu Ehe und Familie aus dem Pontifikat des polnischen Papstes. Und dennoch scheint nur relativ wenig von der Ehelehre des Papstes tiefer gefallen zu sein. Warum schwimmen so viele Theologen?

Gradualität heißt Stufen, und die Stufen sind wie Stufen einer Leiter aus einem Schwimmbecken. Sie führen nach oben, aber solange die Stufen noch unter Wasser sind, muss ich weiter hoch, sonst bekomme ich keine Luft. Und genauso ist es eben auch in der Begleitung von Menschen in problematischen Partnerschaftssituationen. Natürlich muss die Richtung stimmen und es ist schön, wenn sie ein Stück weiter auf der Leiter gehen. Ich muss helfen, dass sie an die frische Luft der Gnade Gottes kommen und nicht im Stand der Todsünde verharren. Das ist der Punkt, den viele Theologen und Vertreter einer vielleicht modischen Auslegung dieser Gradualität missverstehen. Sie meinen, eigentlich sei ja alles schon gut, es soll nur noch besser werden. Was aber unter Wasser ist, ist eben noch nicht gut, da fehlt das Entscheidende, die Luft der Gnade Gottes – und damit kann sich die Kirche nicht zufrieden geben.

Wovon hängt ab, ob Priester sich davon überzeugen lassen, dass die geltende Lehre ein ausreichendes Instrumentarium für Geschiedene bietet und es dem Seelenheil der Menschen dient, sie den Menschen zu vermitteln?

Das erste und wichtigste ist, die Perspektive Seelenheil wiederzugewinnen. Seelsorger müssen dafür die Erfahrung gemacht haben, dass sie Menschen auf diesem langen Weg begleiten können. Dazu müssen sie sich auch manche Aggression, manchen Frust und manche Verletzung von Betroffenen anhören und aushalten.

Kardinal Kasper hat in seiner Rede vor dem Konsistorium einen Mittelweg zwischen Laxismus und Rigorismus gefordert. Das haben viele so aufgefasst, als handele die Kirche rigoristisch, sofern sie sich an den lehramtlichen Texten des heiligen Johannes Paul II. ausrichtet. Wie sehen Sie das? Hat die geltende Lehre ein Barmherzigkeitsdefizit?

Wenn sie das hätte, dann hätte Jesus selber ein Barmherzigkeitsdefizit. Er ist in diesem und in vielen anderen Punkten ja äußerst rigoristisch. Er sagt: Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Punkt. Viele Menschen haben das damals als unerträglich empfunden. Dabei ist es in Wirklichkeit höchste Barmherzigkeit, wie Jesus selbst und in seinen Fußstapfen die Kirche auf den Menschen zugeht. Barmherzigkeit sagt, der Mensch, wie tief er auch gefallen ist, ist doch zum Himmelreich berufen. Wenn er sich nur aufmacht, wird ihn Jesus nie fallen lassen. Er wird alle Wege mitgehen, die eben zu diesem Ziel hinführen. Aber entscheidend ist, dass der Mensch aufsteht und sich nicht einfach gehenlässt.

Der Weg der Orthodoxie erscheint vielen als Vorbild für die katholische Kirche. Auch Kardinal Kaspers Rede vor dem Konsistorium deutet das an. Können Sie das nachvollziehen? Geht die orthodoxe Kirche tatsächlich barmherziger mit Geschiedenen um als die katholische?

Die Orthodoxie hat in einzelnen Aspekten sehr eigene Gesetze, die für Außenstehende oft nur schwer verständlich sind. Das ist ein Stück ganz andere Welt, auch ganz anders geprägte Kultur. Was allerdings konkret den Umgang mit Scheidung und Wiederverheiratung angeht, darf man historisch objektiv sagen, dass der orthodoxe Weg ein Stück Verweltlichung darstellt. Was die orthodoxe Kirche durch kaiserlichen Erlass bei den kirchlichen Trauungen zugrunde legen musste, war ein letzter Gruß des alten römischen Scheidungsrechtes. Oikonomia und Barmherzigkeit waren dafür nur eine nachträgliche Begründung. Aber wahre Oikonomia, so sagte schon Patriarch Nikolaus Mystikos von Konstantinopel vor tausend Jahren, hilft dem Sünder auf und lässt ihn nicht einfach liegen. Sie verändert den Menschen und ist anspruchsvoll, sie geht mit ihm Wege. Das scheint mir im orthodoxen Modell doch nur unzureichend gegeben.

Lässt die Hartnäckigkeit, mit der Bischöfe und Laien in Deutschland auf eine „Fortsetzung des Dialogs“ nach der Synode drängen, der Option eines dritten Wegs eine realistische Chance? Oder steht das Ziel „Kommunion für alle“ möglicherweise schon unausgesprochen fest?

Momentan erlebe ich in dieser Frage viel Stimmungsmache, so, als befänden wir uns in einem innerkirchlichen Wahlkampf. Jede Versuchung hierzulande, in der Ortskirche das zu verwirklichen, was weltkirchlich vielleicht nicht akzeptiert würde, wäre mit Sicherheit eine Sackgasse. Davor kann ich nur entschieden warnen. Wenn wir in Deutschland die Ehepastoral anschauen– da sind wir im Grunde Erstklässler und sollen uns nicht wie Abiturienten geben, vielleicht auch andere Ortskirchen belehren wollen, sondern wir wollen erst einmal unsere eigenen Schulaufgaben machen. Dazu gehören eine Eheberatung, die Ehen stabilisieren will, und die Neuevangelisierung der jüngeren und der mittleren Generation.

Geschiedene oder wiederverheiratete geschiedene Katholiken, die ihren Lebensstil an „Familiaris consortio“ orientieren, fallen auf gewisse Weise aus der Communio heraus, weil sie vor Ort oft niemanden mehr finden, der ihren Glauben teilt. Gleichgesinnte fehlen, und nicht alle Pfarrer kennen Gruppen, die „Familiaris consortio“ als Leitbild haben. Kennen Sie Ortskirchen, in denen die Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene vorbildlich ist?

Gerade Personen, die sich ernsthaft an „Familiaris consortio“ orientieren möchten, brauchen ganz besonders Beistand und Unterstützung, manchmal auch Trost durch andere Gläubige und eben auch Seelsorger. Momentan kommen sie sich manchmal eher vor wie die Letzten, die die Hunde beißen – gerade sie, die der Kirche und dem Herrn treu sein wollen. Das sieht tatsächlich in Frankreich oder Italien anders aus. Dort gibt es viele Initiativen, Gruppen, auch in den geistlichen Bewegungen, die diesen Menschen entgegenkommen. Sie brauchen einfach Aufmerksamkeit, damit sie auf diesem langen Weg tatsächlich aushalten.

Beim Verständnis von „Familiaris consortio“ gibt es in der Praxis ein Paradox: Der Satz „Es ist ein Unterschied, ob jemand trotz aufrichtigen Bemühens, die frühere Ehe zu retten, völlig zu Unrecht verlassen wurde oder ob jemand eine kirchlich gültige Ehe durch eigene schwere Schuld zerstört hat.“ (FC 84) wird in der Regel auf die getrennten/geschiedenen Ehepartner bezogen, obwohl Seelsorger nahezu ausnahmslos erklären, es sei ihnen unmöglich, die Schuldfrage in einer gescheiterten Ehe zu beurteilen. Müssen wir Teil I des Zitats vielleicht erst einmal auf die Kinder beziehen, die ihre Eltern bitten, zusammenzubleiben? Dass sie keine Schuld tragen, wenn ihre Eltern sich trennen, liegt schließlich auf der Hand.

Die Kinder sind immer die größten Leidtragenden von Trennung und Scheidung. Sie sind die Kleinen, denen wir keinen Anstoß und kein Ärgernis geben sollen, wie Jesus sagt. Deshalb muss sich die Sorge der Kirche ganz wesentlich auf sie richten. Daneben gibt es aber auch die Partner, die zu Unrecht verlassen wurden. Und es gibt den Fall, dass sie ganz zu Recht ausgezogen sind, weil zum Beispiel Gewalt im Spiel war. Im Moment erlebe ich in Diskussionen dagegen, dass man voraussetzt, wenn es zu Trennung und Scheidung gekommen ist, haben immer beide Partner irgendwie Schuld, beide haben versagt, und beiden ist das Ganze aus dem Ruder gelaufen. Das finde ich sehr verletzend gegenüber denen, die ohnehin schon schwer daran zu tragen haben, dass sie zum Beispiel wegen eines anderen Menschen verlassen wurden. Da ist das Verständnis für den einen eine Ohrfeige für den, der verlassen wurde und der oft zu den Schwächsten gehört. Anderen müssen Seelsorger helfen, dass sie nicht von falschen Schuldgefühlen zerfressen werden und aus dem Teufelskreis von Selbstverurteilungen herauskommen. Ihnen ist mit der Maxime „im Grunde trägt jeder Schuld“ nicht geholfen.

Mit Blick auf Eheverfahren schlagen Sie vor, soziokulturelle Gründe als Nichtigkeitsgrund anzuerkennen. Würde das in stark säkularisierten Gesellschaften nicht auf einen Gummiparagrafen hinauslaufen? Wer kann dann bei uns noch gültig getraut werden?

Mit dieser Anerkennung soziokultureller Gründe für die Ehenichtigkeit greife ich etwas auf, was viele Seelsorger, auch Angehörige und Freunde von Brautpaaren intuitiv empfinden, wenn Paare zwar mit großem Ernst in ihre Ehe hineingehen, aber nicht so richtig wissen, worauf sie sich da einlassen. Dieses Wissen kann man letztlich nur haben, wenn man um das Geheimnis des Kreuzes weiß. Unsere Kultur heute dagegen hat die herrschende Anschauung, Ja zu sagen mit Ernst, das Ja-Wort aber als begründeten Versuch aufzufassen. Wenn es schiefgeht, hat man das Recht auf eine zweite Chance. Dann müssen wir noch einmal neu nachfragen, wie wirklich der Ehekonsens im Sinne des Sakraments gegeben ist oder nicht. Das muss natürlich eherechtlich auch so gefasst werden, dass es nicht einfach zu einem Sophismus wird, mit dem man alles und jedes begründen kann, sondern dass es zu verlässlichen kanonistischen Verfahren führen könnte. Es geht nicht darum, möglichst viele Ehen zu annullieren, sondern auf Dauer zu einer Ehevorbereitung und Begleitung zu kommen, die gegenkulturell wirksam ist.